Das Haus am See
Das Haus am See, in dem ich vor 35 Jahren mal gewohnt habe, steht natürlich noch immer da, wo es schon seit ein paar hundert Jahren steht, gleich vom Parkplatz aus kann ich es ganz hinten stehen sehen. Wir laufen durch die blitzsaubere Parkanlage hin, es regnet und mein Jackenärmel ist tropfnass, weil wir uns zu zweit einen Schirm teilen. Im Haus sind die Tourist-Information und das Rathaus untergebracht, fremde Menschen gehen durch die große Türe ein und aus, gerade so als ob das ganz normal wäre, aber ich weiß natürlich, dass es das nicht ist, denn das Haus und ich, wir haben seit damals einen geheimen Vertrag und in dem steht, dass es für alle Zeiten mein Haus ist und es auch bleiben wird. Die alte massive Holztür wurde durch eine Türe mit Glasfenstern ersetzt, die Treppenstufe, auf der ich so oft saß und Caretta aß und zusah, wie sie mit dem Kran die Boote von den Autoanhängern ins Wasser hievten, wurde eingeebnet. Ich gehe hinein, viel zu sehen gibt es aber nicht, das Haus wurde innen komplett entkernt und sogar das schöne Treppengeländer mit der Holzschnecke am Abschluss haben sie weggemacht. Hinten, wo unser Öltanker hinter dem Holzkran stand, ist nun ein Café, man serviert Bodensee-Secco und Salat mit Lachsstreifen. Früher roch das Haus nach altem Holz, nach Öl und nach dem modrigen Keller, in dem einmal im Jahr das Wasser kniehoch stand, den Geruch haben sie irgendwie herausbekommen, aber ich brauche ihn gar nicht riechen, ich habe ihn noch immer in der Nase. Ich gehe wieder raus, ich habe genug gesehen, den Rest weiß ich ja auch so und das Haus weiß natürlich, das ich das weiß, wir beide haben nichts vergessen.
Die riesige Wiese, die einst das Haus umrandete, ist weg, hinten wo der Apfel- und der Birnbaum standen, parken nun Autos und sogar die Tanne, die mal unser Weihnachtsbaum war, haben sie gefällt. Die Treppe am Wasser, früher hinter riesigen Hecken versteckt, ist auch weg, dort gibt es nun eine „naturnahe Uferanlage“. Dahinter der alte Park, immerhin aber kann ich ganz hinten den alten Pavillon erkennen, in dem beim Strandfest eine Band dauernd „By the Rivers of Babylon“ spielte. Vorm Haus die brüchige Mole, nun an ein paar Stellen mit Beton ausgebessert, aber das Geländer, das ist noch das gleiche, rostbraun, wackelig und viel zu niedrig, ich muss aufpassen, nicht über meine nassen Hosenbeine zu stolpern, aber wer als kleines Kind jeden Tag allein am Wasser gespielt hat und nie hineingefallen ist, wird das auch mit 40 nicht mehr tun. Die Bootsmasten kleppern sanft, das Geräusch ist das gleiche wie früher, wenn ich nachts im Bett lag und nicht schlafen konnte. Auf der einen Seite der weite See mit ein paar vereinzelten Booten, drüben der andere Ort, dahinter der Berg mit der Ruine oben drauf, rechts das See-Ende, da, wo ich mir mal den Finger am Schilf so schlimm aufgeschnitten hatte, was man aber nicht nähen wollte, so dass ich bis heute eine große Narbe habe, von der nur ich weiß, woher sie stammt und was sie bedeutet.
An dem Tag, als ich in dem Haus fünf wurde, war ich davon überzeugt, ich könne nun schneller rennen als noch am Tag zuvor, aber mein Vater sagte, das könne gar nicht sein, ich würde mir das nur einbilden. Als ich im Sommer danach im Strandbad mein riesiges Muttermal auf dem Oberschenkel mit der Hand verstecken wollte, weil ich mich so dafür schämte, sagte er, ich solle mir keine Sorgen machen, bis ich groß sei, sei der verschwunden, der werde jeden Tag ein bisschen unsichtbarer und irgendwann würde den keiner mehr sehen. Aber das war gelogen, der Fleck ist bis heute da, groß wie ein Hühnerei. Und dann kamen schlechte Zeiten und ich begann, als Sechsjährige, nachts wieder ins Bett zu machen. Der Kinderarzt verschrieb mir deswegen ein „Klingelhöschen“, das sofort Alarm schlug, wenn etwas passierte, damit ich aufwachte – so sollte ich lernen, meine Blase nachts zu kontrollieren. Das hatte ich dann zwar schnell gelernt, dafür aber hatte ich danach jahrzehntelang Schlafprobleme und musste in manchen Nächten bis zu zehn-, fünfzehn Mal aufs Klo. Katzen hatten wir auch, als wir in dem Haus am See wohnten. Die erste hieß Grizzly und lief irgendwann weg, die zweite hieß Sophie und bekam vier Katzenbabies, die ich abgöttisch liebte, doch die kamen dann auf einen Bauernhof. Meine Oma schenkte mir, um mich zu trösten, eine Spielzeugkatze mit weißem Kunstfell und einem Batteriefach. Wenn man die Katze an machte, konnte sie laufen, sich hinsetzen und miauen und alle lachten sich darüber kaputt, weil das so schrecklich war, das war es natürlich auch, aber ich fand es nicht lustig. Wenn ich groß bin, habe ich irgendwann mal eine echte Katze, schwor ich mir und auch, dass ich sowieso außerdem alles anders und viel besser machen würde. Wie unglückliche Kinder das eben so tun.
Ich war ein sehr selbständiges Kind, ich hatte ein gelbes Fahrrad und mit dem fuhr ich überall herum. Zum Campingplatz, durch den Park und zum Bahnhof, an dem ich aus dem Süßigkeitenautomaten kleine Schachteln mit Colafläschchen zog, um sie unter den anderen Kindern, die auch im Haus wohnten, zu verteilen. Das Geld hatte ich vorher meinen Eltern aus dem Geldbeutel gestohlen. An Fasnacht gab es im Gemeindesaal eine Aufführung mit den älteren Schülern, meine Eltern aber fanden Fasnacht total scheisse und wollten darum nicht hin, also ging ich alleine. Und ich besaß eine eigene, etwa zehn mal zehn Meter große Halbinsel, auf die man nur gehen konnte, wenn es Niedrigwasser oder Eis hatte, was außer mir aber keiner wusste. Mein bester Freund hieß Andreas und war in meiner Klasse. Andreas hatte strohblondes Haar, eine nervige Schwester und Eltern, die einen Fernseher in einem Schrank stehen hatten, den man mit Türen zumachen konnte. Am Tag, bevor wir umzogen, wollte ich nochmals zu ihm, um “tschüss” zu sagen, aber er war nicht zuhause und so konnte ich mich nie von ihm verabschieden, was mir bis heute Leid tut.
Wir zogen Ende Mai um, ich hatte die erste Klasse noch nicht beendet und musste in der neuen Stadt in eine neue Schule, in der alles so ganz anders war. Beim Turnen waren weiße Leibchen und kurze rote Feinripphöschen Pflicht und ich fiel nicht nur unangenehm auf, weil mein weißes Leibchen einen roten Rand bei den Armauschnitten hatte, nein, ich hasste diese Dinger, weil man ja nun wieder den riesigen Leberfleck sehen konnte. Ich klebte mir also riesige Heftpflaster auf den Oberschenkel und begann außerdem, Turnen zu schwänzen. Wenn ich auf mein Fehlen angesprochen wurde, erklärte ich, ich hätte das total vergessen und sei versehentlich nach Hause gegangen. Dass das gelogen war, fiel niemandem wirklich auf, denn wer traut schon einem Zweitklässler zu, dass er schwänzt. Sogar beim Schulfest in der dritten Klasse haute ich einfach ab, weil ich keine Lust auf die eingeübte Aerobic-Aufführung hatte. Hinterher fand die Theateraufführung meiner Klasse an, in dem ich eine wichtige Rolle als Maus hätte spielen müssen, aber ich war ja nicht da. Am nächsten Tag gab es deswegen ziemlichen Ärger, der Rektor schimpfte mit mir, aber weil ich ansonsten eine unauffällige Schülerin war, war die Sache schnell vergessen. Meine Eltern haben davon nie erfahren, sie waren nicht beim Schulfest gewesen. Wenig später, ich war dann neun Jahre alt, wurde ich dafür für zwei Monate in eine Kinderkur an der Nordsee geschickt. Wegen meiner Schlafprobleme, hieß es. Hat aber nichts genutzt, die hatte ich nämlich weiterhin und zwar so lange, bis ich dann mit meinem Mann zusammengezogen bin. Seitdem lege ich mich nachts ins Bett und bin nach drei Minuten fest eingeschlafen.
Das mit dem Haus am See ist natürlich lange her und ich denke auch nur noch selten daran. Ich bin auch nicht mehr traurig und nur noch manchmal wütend. Aber vergessen werde ich es trotzdem nicht.
Über Käsefüße, orangenfarbene Hosen und Leberwurstbrote
Hat man so ein Blog erstmal eine Weile ruhen lassen, um dann irgendwann nach ein paar Wochen mal wieder hineinzuschauen, fühlt sich das so an, als würde man in ein paar alte ausgelatschte Schuhe schlüpfen. Vertraut und gleichzeitig fremd und dann ist da noch dieser Geruch nach Käsefüßen und den muss man eine Weile aushalten, denn dann wird es wieder wie früher.
Gründe, warum es hier ein bisschen ruhiger geworden ist, gibt es mehrere, einer aber ist sicher, dass sich das mit dem Neu-Sein in einer Stadt irgendwann anfängt zu verändern. Nicht alles, was man tut, tut man zum ersten Mal, sondern eben zum siebzehnten, zum achtzehnten oder zum zwölfundfünfzigsten Mal. Und so hört man einfach auch ein bisschen damit auf, sich ständig über alles zu wundern, weil man sich ja daran gewöhnt hat, dass alles anders und rätselhaft ist. Man macht die Dinge, weil man sie halt macht und es gibt sicher Leute, die so etwas dann auch schon als Sich-Zuhause-Fühlen bezeichnen würden, aber so bin ich ja nicht. Die Stadt und ich, wir sind aber ein bisschen wärmer miteinander geworden und es gibt sogar Tage, an denen ich ihre Hässlichkeit in ihrer Ganzheit kaum noch wahrnehme.
Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal in Köln einen Bekannten auf der Straße traf, war das für mich ein kleines Wunder. In der alten Stadt passierte das natürlich dauernd, kaum hatte ich die Haus verlassen. Am Briefkasten stand dann Frau B. aus der Wohnung über mir, deren Berner Sennenhund mir dauernd an die Haustür pinkelte und stopfte wieder einmal die regennassen Werbeprospekte aus ihrem Briefkasten in den Kasten von Herrn und Frau M. aus dem vierten Stock. Ein paar Meter weiter vorne winkte mir Ali aus seiner Imbissbude zu, wo er mir am Abend vorher noch einen „Döner ohne Scharf mit Schimmele“ verkauft hatte. Und stand ich im Supermarkt an der Kasse, winkte die Trainerin aus dem Fitness-Studio von der anderen Schlange zu mir rüber und rief „Bischd Du au do!“, um dann unauffällig die Einkäufe in meinem Wagen abzuchecken. Allerdings ohne etwas zu finden, denn die Schokolade hatte ich wie immer vorsorglich unter der großen Tüte mit dem Salat versteckt, ich war ja schließlich kein Anfänger. Man kannte sich in Konstanz, das war irgendwie schön, aber auch irgendwie schrecklich, aber mandachte nicht darüber nach, sondern nahm es eben so hin und jeder spielte seine Rolle. Heimat ist da, wo man seine Schubladen gut sortiert hat. Ich war die alleinstehende zu dicke Frau, die Artikel für lokale Zeitungen schrieb, Frau B. war die Frau mit dem inkontinenten Hund, Frau M. war die Frau aus dem vierten Stock, die immer Wurst für die Katzen aus dem Fenster warf, Ali vom Imbiss war der lustige Türke und Anja vom Fitness-Studio war die Blondine mit dem Betonbusen. Man wusste nicht viel voneinander, sich aber ab und an auf der Straße zu sehen, kurz zuzuwinken und vielleicht noch ein, zwei Sätze miteinander zu wechseln machte das Leben irgendwie greifbarer und somit einfacher. Dass die Schubladen ab und an vom vielen Raus- und Reinziehen irgendwann klemmen, das musste man eben ignorieren, dafür aber hat man ja eine schöne Heimat.
Wenn man umzieht, sagte mal meine Freundin Maria vor Jahren, dann nimmt man sich immer auch selber mit. Prima, sagte ich, als ich in die neue Stadt umzog, dann nehme ich mich mit, aber die Schubladen, die lasse ich da. Köln, das ist eine Großstadt, da kennt einen niemand, dachte ich außerdem und lief ein Jahr lang in den alten braunen Schuhen mit der abgetretenen Sohle herum. Sieht ja keiner! Bis es dann los ging. „Ich habe Dich heute Nachmittag Händchen in Händchen gesehen… sppssss“ twitterte ein Typ aus meinem Stadtteil und fand sich dabei sehr witzig. Wenn man Sachen ins Internet schreibt, muss man damit rechnen, dass das auch irgendeiner liest und dann können eben solche Sachen passieren. Trotzdem war es unangenehm, nicht nur, weil er eine vermeintlich private Situation in die vermeintliche Öffentlichkeit gezogen hatte, sondern weil ich wusste, dass es nun Zeit war, die braunen Schuhe in den Müll zu werfen, denn die Frau, die immer mit ausgelatschten Schuhen rumläuft, will ja keiner wirklich sein.
Köln ist eine Großstadt mit über einer Million Einwohner, aber wirklich anonym bewegen kann man sich auch hier nicht. Auf der Straße trifft man zwar keine Frau B. oder den Ali von der Dönerbude gegenüber, dafür aber ständig Menschen, die einen irgendwie aus dem Internet kennen, obwohl man sie selber nicht kennt. Da war letzte Woche die Party, nach der mir eine Frau über Twitter schrieb, sie habe gerade daheim gemerkt, dass ich das dort an ihrem Tisch gewesen sei, sie folge mir schon ganz lange und habe dies und das und jenes alles mitverfolgt und daheim habe sie zufällig auf Twitter anhand meiner Partyfotos erkannt, dass das auf der Party ja ich, also Frau Elise, gewesen sei! Und ein paar Tage später klopfte eine andere, mir bis dato völlig unbekannte, Leserin im Büro ans Schaufenster, sie habe im Blog mitbekommen, dass ich ja jetzt hier arbeite und wolle einfach mal Hallo sagen. “Hallo”, sagte ich also zurück und staunte. Und dann war da noch die Redakteurin, die vorgestern mit mir ein langes Interview für ein Stadtmagazin führte, um über meine Blogs zu schreiben, und als wir dann über meine Hochzeitsreise sprachen, da dachte ich, falls ich mal mein Gedächtnis verlieren sollte und es gleichzeitig kein Internet mehr geben sollte, dann stelle ich mich einfach auf die Straße und befrage die Leute, wer ich eigentlich so bin. „Lies mein Blog!“ sage ich seit Jahren Freunden, wenn sie wissen wolle, wie es mir geht und was ich mache, aber das tun die irgendwie nicht und eigentlich ist mein Blog ja auch kein Ort, in dem ich über meine Befindlichkeiten schreibe. Hier gibt es neben deskriptiven Berichten vor allem Geschichten und in diesen Geschichten ist immer nur ein Teil wahr, während ich mir den Rest aber ausgedacht habe. Die Person mit dem Gedächtnisverlust, die sich ihr Ich auf der Straße durch Befragung anderer wieder zusammengesammelt hat, die würde ich allerdings gerne kennenlernen, denn was die so tut und macht, hui ui ui! Nur dass die immer so ausgelatschte Schuhe an hat, das verstehe ich ja nicht so ganz.
Das Internet ist für mich eine digitale Heimat, aber eine, in der ich mich nicht Schubladen stecken lassen möchte. Natürlich bin ich irgendwie Frau Elise, die hier über das Zuhause-Sein und das Sich-Fremd-Fühlen schreibt und kleine Einblicke in ihr Leben gibt. Aber eben nicht nur und wenn mich das nervt, dann beschäftige ich mich eben mal eine Zeitlang intensiv mit DIY und Crafting. Außerdem bin ich PR-Beraterin. Und Texterin,
Journalistin und Autorin! Und wenn ich Lust dazu habe, poste ich den ganzen Tag lang Fotos von Katzen, Kaffeetassen und leckeren Gerichten auf Instagram, weil ich das eben schön finde, auch wenn jeder Social Media-Berater dabei die Hände über den Kopf zusammenschlägt und mir etwas von einer Trivial Content Quote erzählen möchte. Ein Image zu haben kann wichtig sein, um etwas zu verkaufen, es kann aber auch zu einer großen Belastung werden, vor allem dann, wenn man sich irgendwann wieder davon trennen will, es aber nicht kann, weil man das Image Teil des Ichs geworden ist. Am Bodensee kannte ich zum Beispiel jemanden, der Jahre lang mit lustigen weiten, orangenfarbenen Hosen herumlief. Immer trug er diese orangenfarbenen Hosen, wenn er unterwegs war und er war sehr viel unterwegs. Die Hose war sogar Teil seines Logos und im Grunde war diese orangefarbene Hose das, was später Sascha Lobo mit seiner Frisur machte, nur halt eben in Hose. Irgendwann wollte er, dass ich für ihn arbeite, ich merkte allerdings schnell, wie kompliziert und im Grunde unlustig alles, was er tat, in Wirklichkeit war und dass das mit der orangefarbenen Hose gar nicht viel zu tun hatte und dass ich daher nicht für ihn arbeiten konnte. Ein Jahr später löste er seine Firma auf und ich weiß genau: Daran war diese Hose schuld.
Ich weiß, die Suche nach Identität treibt Leute manchmal ganz furchtbar um, weil man meint, eine definierte Identität, also eine Schublade, helfe einem, den Sinn des großen Ganzen zu finden und der ist dann so etwas wie Heimat, also ein Platz im Leben. Aber das ist ja gar nicht so und ich persönlich würde sagen, dass das eher etwas mit Leberwurstbroten und Spaß an dem, was man macht, zu tun. Aber ich kann mich natürlich auch irren.
Immerhin ist der Geruch nach Käsefüßen jetzt weg.
Was vom #aufschrei übrig bleibt
Und am Wochenende beschloss ich, mich aus der Diskussion rund um #aufschrei auszuklinken. Es machte mich traurig und wütend, wie dieses Thema durch den Talkshow-Wolf gedreht wurde und wie Leute, die ich bis dahin sehr geschätzt hatte, ein Verhalten zutage legten, mit dem ich so nicht klar kam. Da war auf einmal auch so viel von Busen die Rede, Busen in Dirndeln, Busen als primäre oder doch als sekundäre Geschlechtsmerkmale, Busen als Machtinstrument, Busenkomplimente und Busen als Milchspender und überhaupt Busen in allen möglichen Zusammenhängen, als ob Busen für diese Debatte auch nur irgendeine Relevanz hätten. Überhaupt, was da alles in den großen Sexismustopf geworfen wurde – sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Kinderpornographie und eben immer wieder diese Busen. Natürlich muss man auch darüber reden, aber es ist eben eine andere Diskussion. Andere konzentrierten sich auf Ironie, Aggressivität, Überheblichkeit oder Ablenkung, auch Männer seien Opfer von Sexismus hieß es da zum Beispiel oder dass Männer überhaupt kein Recht hätten, über Dinge wie die Pille danach zu diskutieren. Wieder andere, von denen ich das so nicht erwartet hätte, klinkten sich die ganzen Tage stur aus der Diskussion aus und schafften es, zur Sache keine einzige Bemerkung fallen zu lassen, um bloss nirgends anzuecken.
Und dann der Ton, der teilweise herrschte, der war erschreckend und ich kann mich davon noch nicht einmal ausschließen. Bei Twitter ist es mir selber passiert an den Abenden, als ich die Talkshows zum Thema guckte und es nicht fassen konnte, was da für schlimme Sachen geäussert wurden, ich habe geschimpft in meiner Timeline und mich aufgeregt und war alles andere als sachlich. Auch in einer Diskussion bei Facebook auf der Seite eines “Social Media-Beraters”, der seltsam anmutende Aussagen rund um den – hurra, da ist er wieder – Busen machte, um damit zu provozieren, ist mir das passiert und ich habe ihn als Idioten bezeichnet, weil es mich immer wieder wütend macht, wenn Leute mit voller Absicht wichtige Diskussionen trollen, um sich in den Mittelpunkt zu schieben und dabei genau wissen, dass sie das auch können, weil sie einen großen Fanclub von Leuten haben, die das mittragen. An anderen Stellen habe ich aber versucht, zu relativieren und die Diskussion auf den eigentlichen Punkt zurückzuführen, um dann aber auch zu merken, wie schwer das sein kann wenn Meinungsführer mit Polemik, Aggressivität und großer Unsportlichkeit vorlegen, weil das dazu führt, dass andere nachziehen, ohne sich zu überlegen, ob das nun der Sache so wirklich weiterhilft. Wenn sich aber dann so eine wütende Meute auf jemanden stürzt, egal, ob er mit dem, was er sagte, ganz furchtbar falsch lag, und ihn in Grund und Boden diskutiert, wird damit nicht viel mehr erreicht, als dass sich derjenige beleidigt ins Schneckenhaus zurückzieht. Das aber schafft nur verhärtete Fronten, aber eben keinen Dialog. Und den brauchen wir aber so dringend.
Was bleibt, ist insofern, bei mir zumindest, ein schales Gefühl. Einerseits hat es das Thema “Sexismus” endlich mal wieder zurück in die Öffentlichkeit gebracht und ich bin mir sicher, dass sich viele künftig sehr genau überlegen werden, ob dieses Verhalten oder jene Äußerung wirklich angebracht ist. Anderseits ABER. Aber vielleicht ist es ja auch noch zu früh für ein Résumé. Ist ja auch nur meine ganz persönliche Meinung, heute Mittag um 13 Uhr 02. Ein sehr guter Artikel, der die Aktion #aufschrei nochmals sachlich und reflektiert zusammenfasst, stammt übrigens von Antje Schrupp: Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht. Und hier geht´s jetzt erstmal wieder weiter wie gewohnt.
Japanisch essen in Köln: Das Daitokai
Und gestern endlich war es soweit: Wir waren im Daitokai essen, dem japanischen Restaurant in Köln. Zur Hochzeit hatten wir Gutscheine im Wert von 125 Euro geschenkt bekommen, die wir nun endlich “verjubeln” wollten. Ein tolles Geschenk, denn japanisches Essen lieben der Mann und ich über alles. Sushi könnte ich eigentlich fast jeden Tag essen, aber natürlich hat die japanische Küche noch so einiges mehr zu bieten – wer einmal bei Kintaro, dem wohl besten Japaner Kölns war, weiß, was ich meine. Das Daitokai funktioniert aber nochmal anders: Hier wird nämlich nach Teppanyaki-Art gekocht. Das bedeutet, dass die Gerichte nicht in der Küche zubereitet werden, sondern auf einer riesigen Stahlkochplatte, um die man in kleinen Gruppen sitzt. Wir waren zu viert, direkte neben uns saßen weitere drei Personen. Bis zu acht Leuten sitzen also um so einen Tisch an den beiden kurzen und der langen Seite, die andere lange Seite aber gehört dem Koch, der aus den verschiedenen Zutaten am Tisch kleine Gerichte zaubert – frischer geht´s also nicht. In Amsterdam waren wir bereits vor zwei Jahren mal in einem Teppanyaki-Restaurant, doch das Daitokai sei um Klassen besser, meinte mein Mann, der dort schon öfter essen war. Und wenn man nach dem Daitokai googelt, findet man nur top Bewertungen. In Berlin gibt es ein weiteres Daitokai, das Kölner Restaurant wurde 1973 gegründet und gehört somit zu den ersten Japanern der Stadt.
Wir entschieden für das Menue “Iroli Spezial” mit extra Sushi – wenn schon, denn schon. Beide hatten wir tags extra weniger gegessen, um abends genügend Appetit und Hunger mitzubringen. Eine gute Idee, denn das, was wir zu essen bekamen, war nicht eben wenig. Der Mann entschied sich beim Hauptgericht allerdings für das Rind, während ich die Ente bestellte. Mein Menue sah so aus:
Los ging es mit einem Appetitanreger: Kleine Fischchen, angemacht mit Zwiebeln und einer Sauce. Eigentlich sehr lecker, bis ich sah, dass die Fischchen ja noch Köpfchen hatten und in den Köpfchen kleine weiße Äugelchen zu sehen waren. Brrr, nix für mich. Weiter ging es mit einer ersten Vorspeise, einem Dreierlei: Frittierte Schwarzwurzeln, gebratene Ente mit Kaviar und Weißfisch in Gelee. Eigentlich alles lecker, der Geleefisch war mir allerdings geschmacklich zu nah an dem, was man im Supermarkt in der Kühltheke als “Hering in Gelee” in kleinen quadratischen Plastikbechern bekommt. Die nächste Vorspeise war da schon eher nach meinem Geschmack: Sushi! Und zwar in Form von drei Nigiri mit Ebi, Sake und Toro. Toro und Ebi esse ich eher selten, meist finde ich den Thunfisch zu wässrig und den Ebi dagegen oft zäh. Aber hier war davon nichts zu merken, der Thunfisch war superaromatisch, die Garnele ebenso und dazu auch noch zart. Auch der nächste Gang war ein Highlight: Jakobsmuscheln, Riesengarnelen und Lachs. Alles direkt am Tisch gebraten, dazu ein bisschen gedünsteter Pak Choi. Leckerst! Weiter ging es mit einem Salat mit Daitokai-Dressing: Das Dressing fand ich etwas zu kalt und ein bisschen zu sauer, aber das ist sicher auch Geschmackssache. Und nun kam das Hauptgericht: Gebratene Entenbrust in einer Orangen-Teriyaki-Sauce mit Sprossen, Pilzen, Zuckerschoten und Reis. Meine Ente war ein klitzeklein bisschen zu lang auf der Platte und daher nicht perfekt rosa, trotzdem aber war alles sehr lecker. Ein bisschen verliebt war ich außerdem in die Kräutersaitlinge, denn die sind einfach meine Lieblingspilze. Schließlich noch das Dessert: Ein in einem hauchzarten Pfannkuchen flambiertes Stück Teppan-Eis mit ein bisschen Obst und Himbeersauce. Sehr schön. Ohne Getränke hat mein Menue 75 Euro gekostet – ohne dem extra dazubestellten Sushi wären es 66 Euro gewesen.
Für das Essen würde ich insgesamt eine 2+ geben – ich fand alles sehr gut gemacht und die Zutaten waren jeweils top. Was mir aber ein bisschen gefehlt hat, war die Liebe zum Kochen. Ich hatte den Eindruck, dass das Zubereiten zu automatisch erfolgte. Jeder Handgriff sitzt perfekt und das Kochprogramm wird ein bisschen heruntergespult, eben so, wie man es seit Jahren dort macht, denn die Speisekarte wurde ja auch seit Jahren nicht verändert. Und die typische Show, in der der Koch seine Kunstfertigkeit zur Schau stellt, gibt es auch nicht. Wenn nach und nach an allen Tisch reihum das Licht ausgeschaltet wird, damit man beim Flambieren der Nachspeise die Flammen besser sehen kann, hat man das Gefühl, in einer Art Teppanyaki-Fabrik zu sitzen und das ist ein bisschen schade. Dafür aber wiederum war der Service erstklassik und superaufmerksam, aufgefallen ist mir auch, wie ordentlich und sauber gearbeitet wird. In Amsterdam damals war das zum Beispiel ganz anders: Je später der Abende, umso verkokelter die Kochplatte. Und alles, was darauf noch zubereitet wurde, schmeckte dann auch entsprechend leicht angebrannt, während wir hinterher rochen, als hätten wären wir im Wald beim Grillen gewesen. Hier wurde dagegen nach jedem Gang pingelig die Platte gereinigt.
Wer sehr gutes japanisches Essen inklusive Teppanyaki möchte: Unbedingt hingehen – es lohnt sich.
Es gibt natürlich weitere sehr gute Japaner in Köln: Zum Beispiel das Kintaro (da unbedingt Tempura essen!!) – das ist zwar nicht gerade günstig, dafür kocht hier ein original japanischer Sushi-Koch, der ganz genau weiß, was er tut. Sehr gutes Sushi gibt es auch bei Sumo-Sushi. Sumo gibt es mittlerweile drei Mal in Köln: Im Hürth-Center, in Efferen (Luxemburger Straße 83), in der Aachener-Straße 17 – 19 sowie am Mediapark (Kümpchenshof 21). Ebenfalls gutes Running-Sushi “all you can eat” gibt es im Kyoto, das aber seltsamerweise fast immer gähnend leer ist, wenn man daran vorbei fährt. Top Sushi gibt es außerdem auch bei Sushi-Samurai, ebenfalls mit einem Stammsitz in der Luxemburger Straße.
Ab und an sind wir auch im Sakura, dort gibt es Running Sushi “all you can eat”, allerdings ist die Auswahl an dem, was über das Band läuft, sehr unterschiedlich. Letztes Mal waren wir ein bisschen enttäuscht, vorletztes Mal dagegen war es gut. Wer mehr wissen möchte: Bei Sülz-Köln.de ist letztes Jahr dazu von mir eine Restaurant-Kritik veröffentlicht worden. Günstig ist es dafür allemal: Man zahlt nur knapp 20 Euro.
Stories and Places
Vorgestern erhielt ich morgens eine E-Mail von Volker: Ob ich nicht Lust hätte, mal auf der neuen Plattform “Stories and Places” vorbeizuschauen und mitzumachen: Auf einer interaktiven Landkarte kann man Links zu
Blogartikeln setzen, die sich mit diesem Ort beschäftigen. Die Idee dahinter: Im Dezember wurde in vielen Blogs über verschiedene Städte und Stadtteile berichtet – warum diese alle nicht auch auf einer Landkarte sammeln, um dort virtuelle Spaziergänge und Reisen quer durch Deutschland, aber auch durch andere Länder zu unternehmen, um zu schauen, welche Geschichten es zu welchen Orten gibt. Eine tolle Idee! Viele Blogger haben gestern und vorgestern bereits fleissig Artikel verlinkt (bei mir selber waren es ungefähr 30 und ich bin noch nicht mal fertig, obwohl ich nur eine Auswahl verlinkt habe), aber da geht natürlich noch ein bisschen was… also guckt vorbei und macht mit – und macht auf dieses großartige und unkommerzielle Projekt aufmerksam!
Initiiert haben das Projekt Volker, der unter Koffiepauze bloggt und als “Der Graf” twittert sowie Jana, die unter Kittykoma bloggt und als Miz Kitty twittert.
Wir sind keine Lämmer
Ich glaube, ich muss meinen letzten Artikel “Nun hab dich doch nicht so” noch um ein paar Gedanken ergänzen. Auch wenn ich hier schrieb, dass ich glaube, dass Sexismus auch immer mit der Art der Wahrnehmung zu tun hat, meinte ich damit nicht, dass es keine klare Definition von sexueller Belästigung gibt. Als ich den Artikel “Das Schreien der Lämmer” von Frau Meike gelesen habe, bin ich daher ein wenig erschrocken, weil ich glaube, dass man das, was ich damit eigentlich meinte, falsch verstehen könnte. Meike nahm als Aufhänger für den Artikel einen Satz von mir, den ich bei Facebook geäussert hatte. Ich schrieb darin, dass ein Grundproblem in der Diskussion um Sexismus sei, dass die Begriffe von Sexismus und sexueller Belästigung von vielen Frauen nicht wirklich getrennt werden würden. Meike führte das in ihrem Artikel weiter, nämlich dass es immer im persönlichen Empfinden läge, was als Sexismus zu definieren sei: Wenn einem jemand auf der Straße hinterherpfeife zum Beispiel, freuen sich die einen darüber, die anderen aber fühlen sich dadurch belästigt. Oder wenn sich ein Mann sehr eng hinter einen stellt, empfinden es die einen als unangenehm, die anderen aber, wenn sie den Mann attraktiv finden, vielleicht nicht.
Natürlich gibt es immer auch einen Kontext – eben wenn ich in Köln “Liebelein” vom Busfahrer genant werde, dann eben, weil das in Köln so üblich ist, nicht aber, weil es eine Anmache ist, die ich aber als solche empfinde, weil es für mich ungewohnt klingt und da, wo ich herkomme, nicht üblich ist. Das ist dann für mich als Sexismus zu verstehen: Also ein Verhalten, das darin begründet liegt, dass Männer und Frauen in einer Gesellschaft klar definierte Rollen zugewiesen werden, begründet durch ihr Geschlecht. Hinterherpfeifen dagegen auf der Straße aber steht immer in einem deutlich sexuellen Kontext, genauso wenn sich ein Mann absichtlich zu nah an eine Frau stellt und dabei den sonst üblichen Abstand zu wahren. Daher empfinde ich, wenn mir diese beiden Fälle passieren, das als deutliche sexuelle Belästigung. Ich möchte mich in einer Gesellschaft so bewegen können, ohne dass ich dabei hauptsächlich als Sexualobjekt wahrgenommen werde – sondern eben als Mensch, der frei entscheiden kann, wie nah er sich beispielsweise an einen anderen fremden Menschen stellen möchte und ob es dann in einem sexuell bezogenen Zusammenhang passiert. Ich möchte selber entscheiden, jederzeit und überall, was passiert. Anstatt als Frau jederzeit für das verfügbar sein zu müssen, was andere Männer in diesem einen Moment gerade in mir sehen möchten.
Bevor Meike diesen Artikel schrieb, diskutierten wir mit vielen anderen über genau solche Situationen auf Facebook und Meike hatte da zu solchen Situationen eine konträre Meinung, für sie war das eher ein Sexismus, nicht aber eindeutige sexuelle Belästigung. Sie würde sich beispielsweise darüber freuen, wenn man ihr hinterhergucken würde. Es lief darauf hinaus, dass sie meinte, man solle manche Situationen nicht zu eng sehen als Frau und damit etwas lockerer umgehen, da man sich ja ansonsten in eine Art Opferhaltung begeben würde. Nachtrag: Meike sagt, ich würde sie hier falsch zitieren, das habe sie s nämlich nicht gesagt. Das stimmt auch und dafür möchte ich mich entschuldigen – ich habe mich da nicht geschickt ausgedrückt und meinte eigentlich: Das verstand ich so, dass man sich als Frau nicht so anstellen solle – erst die Art der Wahrnehmung der Aktion definiert, ob es sexuelle Belästigung ist oder nicht, und wenn man es aber nicht bewertet, ist es für beide Seiten ok. Das ist aber falsch, für mich bleibt es sexuelle Belästigung, denn es fand ein Übergriff statt. In ihrem Artikel formuliert sie ähnliches: Anstatt ein solches Verhalten anzuprangern, solle man lieber den Dialog suchen, um darüber zu reden – um das jetzt ganz kurz und knapp zusammenzufassen. Diese Haltung aber finde ich schwierig – und auch falsch. Ich denke sehr wohl, dass man das, was sexuelle Belästigung ist, sehr klar und eindeutig definieren kann -und entsprechend finde ich, dass man das, was Sexismus und das, was sexuelle Belästigung ausmacht, sehr klar trennen kann und es auch unbedingt tun muss.
Mit dem Text von Frau Meike tue ich mich aber auch ansonsten schwer. Sie sagt, dass Frauen doch den Dialog suchen müssten, anstatt anzuklagen, dies und das sei Sexismus oder sexuelle Belästigung. Ich glaube, der Dialog wurde lange genug gesucht, wo doch bereits seit Jahrzehnten über Gleichstellung und Sexismus diskutiert wird – siehe beispielsweise Frauenbewegung in den 80er-Jahren. Einiges hat sich seitdem sicher verbessert, aber eben nicht alles, was nötig wäre und das, was bei Twitter unter dem Hashtag #aufschrei passierte, hat das eindeutig gezeigt.
Ich fand den Artikel auch aus einem weiteren Grund ungeschickt: Dass Himmelreich ihr Pulver gegen Brüderle erst jetzt, ein Jahr später, verschossen wurde, wurde von vielen kritisiert. Sie hätte das doch damals gleich äussern sollen, am besten sogar Brüderle gegenüber, um das zu klären. Und dass es reiner Populismus sei, dass das erst jetzt ausgerechnet über den Stern passieren würde, wo doch Brüderle gerade erst wieder so im Fokus der Öffentlichkeit stehen würde. Das sehe ich nicht so. Was jemand, dem so etwas passiert, damit macht, ist seine eigene Entscheidung und wie die Reaktion ausfällt, hat keinerlei Einfluss auf die Art der Bewertung der Tat. Warum jemanden, der ein öffentliches Amt ausübt und von öffentlichen Geldern lebt, nicht genau dann die Retourkutsche servieren, wenn es ihn an stärksten treffen kann, nämlich dann, wenn es ein großes Interesse in der Öffentlichkeit an dieser Person gibt. Ich finde, dass das klug war, denn somit schafft es das Thema wirklich in die Schlagzeilen und Brüderle darf nun seine Rechnung begleichen. Von Rücktritt ist die Rede und ich finde, dass das angemessen wäre. Jemand, der sich so verhält, hat sein Recht verwirkt, ein öffentliches Amt auszuüben. Meikes Text aber gibt denen, die nun versuchen, Brüderles Verhalten dadurch zu verschleiern, indem das Opfer diskreditiert wird, nur weiteres Futter: Man soll den Dialog suchen, anstatt sich hinter solchen Aktionen wie #aufschrei zu verstecken. Das hat sie anders formuliert, ja, aber das ist das, was der Text ausdrückt.
Mit der Radikalität der Feministinnen hatte ich mich bisher immer schwer getan. Mir geht es ganz ähnlich wie der Kaltmamsell, ich habe Sexismus und sexuelle Belästigung im Beruf wenig erleben müssen und wenn doch, dann war ich meistens zum Glück geistesgegenwärtig genug, dagegen etwas zu sagen oder zu machen. Es waren eher kleinere Aktionen, die mir aufgefallen sind – eben U-Bahn-Kuscheln oder dumme Sprüche über Frauen, und die habe ich meistens nicht allzu ernst genommen. Starrt mir jemand auf den Busen, was leider öfter vorkommt, weil meiner nicht zu übersehen ist, macht es mich auch längst nicht mehr so sprachlos wie damals, als ich noch 20 war. Und wenn ich mit meinem Mann unterwegs bin, traut sich das eh keiner mehr. Ich habe mich nie als Opfer gesehen, aber ich war eben auch nie wirklich eins. Diese schlimmen Situationen, die Serotonic erlebt hat, habe ich nie erleben müssen, die Beispiele, die ich in meinem letzten Artiel genannt hatte, sind dagegen lächerlich. Sie haben mich geärgert, ja, aber passieren sie mir, mache ich entweder eine Bemerkung dazu oder entziehe mich ihr, wenn ich das Gefühl habe, darüber zu reden bringt nichts. Das war es dann auch. Und ich bin sehr froh darüber, dass es bei mir bisher immer eher nur lästige Kleinigkeiten waren, über die ich Sexismus erlebt habe. Das, was ich da in den letzten Tagen aber im Netz gelesen habe, hat mich aber traurig gemacht. Und ich verstehe auch die Wut der Feministinnen nun deutlich besser, die ja seit Jahren genau diesen Dialog mit den Männer suchen oder Frauen dazu ermutigen wollen, dagegen aktiv zu werden, nur dass viele von ihnen eben einfach nicht hören wollen. Das muss auf Dauer einfach wütend machen und dazu führen, dass man eben deutlicher wird – durch radikaleres Auftreten.
Das, was die beiden alten Männer Broder oder Kubicki geäussert haben, zeigt sehr heftig, wie offen und eindeutig Sexismus noch immer gelebt wird und wie unverfroren das passiert. Man kann über die beiden Vehikel lachen und auch über die Berechenbarkeit ihrer Reaktionen. Es ist kein Witz: Kurz bevor ich von Broders Text erfahren hatte, hatte ich bei Twitter noch darüber gewitzelt, ob er schon etwas zum Thema “gebrodert” hatte - in diesem Moment wusste ich wirklich nicht, dass es bereits diesen schrägen Artikel beim Springerblatt “Welt” gab. Aber dass es in Deutschland möglich ist, dass, Verzeihung: Wichser wie Broder oder Kubicki für solchen Schwachsinn eine Plattform bekommen, das macht wütend. Weil es nicht passieren würde, wenn es für so etwas nicht auch ein breites Publikum geben würde. Allein schon diese Debatte gestern mit @bodenseepeter hat das gezeigt. Nicht, dass ich mich an dieser einen Person abarbeiten wollte, so viel Bedeutung hatte der Unsinn, den er da schrieb, nun auch nicht und niemand im Netz hatte wirkich von ihm gehört, bevor ich seine Tweets retweetet hatte. Aber es war für mich einfach so exemplarisch: Da schreibt jemand aus meinem Umfeld, den ich seit Jahren kenne, solchen Schwachsinn. Und viel schlimmer aber: Nach vorne hin entschuldigt er sich, als er merkte, dass es Gegenwind gab, nachdem ich das retweetet hatte, ein paar Stunden aber zog er die Reaktionen als “Shitstorm” ein paar “Gutmenschen” ins Lächerliche. Das passiert einfach so und der Kerl findet das völlig in Ordnung und ein paar seiner Follower auch. Ganz offen. Dabei gehören solchen Typen die Ohren lang gezogen. Und das ist dann eben auch der Punkt, wo Frau Meike in meinen Augen irrt: Natürlich ist es gut, den Dialog zu suchen, anstatt sich als Opfer zu verstehen, wenn man Sexismus erlebt hat. Nur: Das wurde Jahrzehnte lang gemacht, aber es hat anscheinend nicht viel gebracht. Wie bei @bodenseepeter eben.
Gestört hatte mich auch die Überschrift des Artikels: Frauen, die sexuell belästigt werden, sind keine Lämmer, auch nicht dann, wenn sie das nicht sofort mit dem Mann über einen Dialog versuchen zu klären. Das würde ja bedeuten, dass es eine Hierarchie gibt und die gibt es nicht in einem solchen Fall. Es gibt nur jemanden, der sich respektlos verhält und nicht beachtet, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Was ich an diesem Artikel auch schwierig finde: Dass er im Netz so populär ist und somit vielleicht für viele als exemplarisch gelesen wird, weil er ja von einer Frau ist. Dass er so populär wurde und von so vielen Menschen gelesen und dann empfohlen, gelikt, retweetet und sonstwo geteilt wurde, war aber nicht unbedingt wegen des Inhaltes an sich, sondern weil Meike eben nun mal auch die Frau ihres Mannes ist. Eine Blogempfehlung von ihm – und ein Blog explodiert innerhalb in Minuten. Wenn nun aber ein Artikel von ihr nach außen hin über die Zahl der Likes und Favs als deutlich populärer wahrgenommen wird als das, was gestandenen Feministinnen seit Jahren in ihren Blogs schreiben – schwierig. Das verzerrt vielleicht ein bisschen. Das ist auch keine Kritik an Meike persönlich, die ich ja auch mag und sehr schätze. Trotzdem kann man auch anderer Meinung zu dem sein, was sie schreibt und dann muss man darüber eben auch reden. Ich finde einfach, dass das, was sie geschrieben hat, nicht der richtige Ansatz ist und ich würde mich freuen, wenn andere Artikel zum Thema mehr in den Fokus rücken würden.
Anke Gröner hat diese Artikel in ihrem Blog zusammengetragen und ich will sie hier einfach auch nochmal bekannt machen – wer noch weitere weiß, bitte Bescheid geben.
Antje Schrupp: Wie Lappalien relevant werden
Kaltmamsell: Es geht nicht um mich
Kiki: Hört auf damit!
Journelle: Danke #aufschrei
Happy Schnitzel: Besser spät als nie – die Sexismus-Debatte
Natalie Sprinhart: Aufschrei-Argumente.
Helga Hansen: Wogegen ich mich wehre? „Wehrt euch.“
Dr. Mutti: Mein später Aufschrei
Habichthorn: Meine 31 Cent zum Thema.
Nichts desto Trotz: In Diskussionen gibt es immer unterschiedliche Ansichten und unterschiedliche Ansichten führen dazu, dass noch mehr diskutiert wird. Das ist gut. Hätte es bei Twitter nicht die vielen dummen Replys zu #aufschrei gegeben, wäre das Thema sicherlich innerhalb eines Tages im Nirgendwo verpufft – nun aber aber ist es in den Medien und sogar Jauch hat heute Abend eine Gesprächsrunde zum Thema Sexismus am Start, bei dem @vonhorst, die die Twitteraktion ins Leben gerufen hat, Studiogast sein wird. Natürlich ist es furchtbar, dass da auch ein Karasek und eine Alice Schwarzer sitzen werden, aber immerhin, es ist im Fernsehen und es wird dazu führen, dass sich weitere Menschen Gedanken machen werden. Und es wird auch dazu führen, dass Typen wie Brüderle sich künftig zwei Mal überlegen werden, was sie da eigentlich tun, bzw. was das vielleicht nach sich ziehen kann. Allein das ist eine weitere gewonnene Schlacht im Kampf gegen den Sexismus.


















