November 19, 2009 4

Heimat

By in Am See, Kurzkurzgeschichten

Wer an die 50er-Jahre denkt, dem fallen vermutlich erst einmal Dinge wie Nierentisch, Elvis Presley, Petticoat oder Wirtschaftswunder ein. Doch die 50er waren vor allem eines, nämlich die goldene Zeit des Heimatfilms: In den unendlichsten Wäldern, auf den grünsten Wiesen und zwischen den höchsten Bergen kämpften wackereFörster, alleinstehende Landwirte oder kernige Bergbauern gegen das Böse. Und zum Schluss bekam immer der Hans oder der Franz die Resi oder eben die Liesel. Es wurde geheiratet, meistens unter freiem Himmel, während im Hintergrund die Kuhglocken läuteten. Happy End, heile Welt und alles war wieder gut. Und zwar in Technicolor.

Die wenigsten wissen: Der Heimatfilm ist das einzige Filmgenre, das in Deutschland entwickelt wurde. Man denke an Luis Trenker, der bereits in den 20er- und 30er-Jahren in unzähligen Filmen auf den Felsen herumkraxelte und seine strammen Waden in dieKamera hielt. Die Nationalsozialisten adaptierten den Heimatfilm, doch seine große Zeit hatte er schließlich im Nachkriegs-deutschland, denn da war er wichtig: Die Welt draußen lag in Trümmern, man sehnte sich nach Werten, nach heiler Welt und nach ein wenig Balsam für die Seele. Viele der ersten Heimatfilme waren interessanterweise Nachverfilmungen von Nazi-Filmen – man textete den Stoff ein wenig um, schrieb neue Musik dazu und schon passte es weder. Die Alliierten stuften diese Filme als unbedenklich ein und ließen sie daher zu Bis in die 60er-Jahre wurde Film um Film herausgebracht. „Die Mädels vom Immenhof“, „Da wo der Wildbach rauscht“ oder „Die Christel von der Post“ – wer kennt sie nicht.

Auch der Bodensee, an dem ich aufgewachsen bin und an dem ich seit nun 37 Jahren noch immer lebe, hat seine großen Heimatfilme: „Die Fischerin vom Bodensee“ aus dem Jahr 1956 mit Marianne Hold, Annie Rosar und Gerhard Riedmann in den Hauptrollen ist so einer. Statt Bergen und Wald bot der See hier die Kulisse: Man sah die arme, aber schöne Fischerin Maria in ihrem kleinen Boot vor der ehrwürdigen Meersburg im See herumpaddeln, um Fische zu fangen. Und tapfer kämpfte auch sie gegen das Böse: Abwässer im Bodensee, lästige Motorbootfahrer, gemeine Nachbarmädel und die Fischerkonkurrenz machten ihr das Leben schwer, dazu eckte Maria überall an und wurde wie eine Außenseiterin behandelt. Doch auch hier letztlich ein glücklicher Ausgang und Maria fand sogar noch den Mann fürs Leben. Unvergessen auch „Drei Mann in einem Boot“: Jo (Walter Giller) und Harry (Hans-Joachim Kulenkampff) wollen am See ein paar Tagen ausspannen. Das geht gut, aber nur bis ihre Freundinnen unerwartet auftauchen und den beiden lästig werden. Zusammen mit Kunsthändler Nolte (Heinz Erhardt) flieht das lustige Herrentrio daher auf dem Boot quer über den Bodensee von Österreich bis zum Rheinfall, dabei immer die drei Frauen dicht auf den Fersen. Alberner Junggesellenklamauk mit vielen Natur- und Seeaufnahmen. Großartig. Ich habe den Film sicher zehnmal gesehen.

Diese Bodensee-Heimatfilme sind aber nicht nur immer wieder unterhaltsam. Es sind vor allem auch Filme, die das Bild des Sees bis heute prägen. Bodensee, das ist doch da, wo die Alpen glühen, wo das Wasser so blau ist und die Äpfel so rot sind. Und Bodensee ist die Blumeninsel Mainau mit den Bernadottes, die Insel Reichenau mit ihrem Gemüse und den alten Kirchen, Meersburg mit seiner Annette von Droste-Hülshoff, Bregenz mit der romantischen Seebühne und natürlich die Schweiz mit ihren Milchkühen. Natürlich scheint auch immer die Sonne. Und so fährt man nicht an den See, um hier was zu erleben, hierhin kommt man, um Ferien zu machen und um ein Stückchen heile Welt zu genießen. Eine Heimat, wie man sie sich nur wünschen kann. Die Realität? Die sah in den 50er-Jahren ganz anders aus, jedenfalls in meiner Familie. Beide Großelternpaare kamen erst nach dem Krieg an den See, beide mit so gut wie gar nichts im Gepäck. Die Eltern meines Vaters waren aus Danzig geflüchtet, die Eltern meiner Mutter waren ausgebombt. Noch heute erzählt mein Vater bei Familienfesten, wie man ihn als kleinen Jungen beim Eintauschen der Lebensmittelmarken als „elendes Flüchtlingspack“ beschimpft hatte. Beide Familien hatten nicht nur ihre eigentliche Heimat hinter sich gelassen, sondern mussten sich hier vor allem erst einmal wieder eine neue Existenz aufbauen. Und als man das nach und nach in den 50er- und 60er-Jahren, den Zeiten des Wirtschaftswunders, geschafft hatte, dachte niemand mehr daran, zurück in die alte Heimat zu gehen. Der Vater meiner Mutter führte ein gut laufendes Geschäft für Herrenausstattung, der Vater meines Vaters hatte einen guten Job bei der Stadt. Man war Mitglied im Gesangsverein, engagierte sich bei der Fasnacht, ging zum Fußball. Mittlerweile lebt nur noch eine meiner Omas, aber alle sind sie immer hier am See geblieben. Meine Eltern wuchsen als Nachbarn in der gleichen Straße auf, kamen zusammen, heirateten. Auch sie, als zweite Generation, hielten immer an dieser neuen Heimat fest: Den See haben sie nie wirklich verlassen. Und auch bei meinem Bruder und mir ist es ähnlich. Und niemand hat je wirklich daran gedacht, mal ganz woanders hinzugehen.

2002 führte ein Interview: Ich traf mich mit einem Autoren, dessen erstes Buch eben erschienen war. Eine komplizierte Geschichte, in der er sich mit seiner Kindheit hier amBodensee auseinander setzt. Das Gespräch zog und zog sich, nach drei, vier Stunden standen wir noch immer in diesem Park, der Wind rauschte durch die Bäume, es war bitterkalt. Und er fragte mich: „Wo bist du eigentlich zu Hause, wo ist denn deine Heimat?“ Und ich stand da und hatte auf einmal Tränen in den Augen, denn da fiel mir zum ersten Mal auf, dass ich mich hier nie richtig beheimatet gefühlt hatte. Und so schrieb er mir als Widmung in sein Buch: „Für Daniela, fast ohne Heimat“. Ein Satz, der mich sehr berührte. Ich war damals immer ein bisschen wie die Fischerin Maria: Immer am Kämpfen gegen die Widrigkeiten des Lebens, nie irgendwo dazu gehörend, nirgends mal richtig zuhause. Bedingt durch mehrere Klassenwechsel, aber auch bedingt dadurch, dass wir in meiner Familie immer ein bisschen anders waren als die anderen. Statt des hiesigen Dialekts sprachen wir alle gestochenes Hochdeutsch und hielten uns von allem fern, was nur irgendwie nach einheimischer Vereinsmeierei aussah. Zwar hatte ich die größte Zeit meines Lebens in meiner Stadt verbracht, aber Konstanten hatte es selten gegeben. Vermutlich habe ich deswegen so lange an dieser Stadt festgehalten.

Und ich mag sie ja auch. Mittlerweile habe ich mit meiner „Heimat“ gut arrangiert und mein Leben verläuft auch deutlich ruhiger. Ich lebe gerne hier. Ich mag die glühenden Alpen, das blaue Wasser und die roten Äpfel. Ich mag die Ruhe und die Klarheit, die das Wasser ausstrahlt. Ich weiß die Lebensqualität zu schätzen, die mir diese Gegend schenkt: Kurze Wege, gute Infrastruktur, genügend Raum für Rückzug und Stille, meine Freunde, meine Familie und meine Arbeit. Aber Heimat? Nein, Heimat ist für mich trotzdem immer noch etwas anderes. Der Duft von frischem Brot. Eine Kanne dampfender Tee. Mich mit den Katzen und einer Decke auf dem Sofa einkuscheln. Am Sonntagabend Tatort schauen. Im Sturm spazieren gehen, ein Stück Schokolade essen. Solche Dinge eben. Heimat ist für mich kein Ort, Heimat braucht für mich keinen Ort. Heimat ist für mich da, wo mein Herz wohnt. Und das wohnt gerade sehr schön. Allerdings nicht am Bodensee.

Den Artikel habe ich für das Stijlroyalmagazin No. 12. (siehe oben rechts) geschrieben und erschien dort schön layoutet so .

4 Responses to “Heimat”

  1. arboretum sagt:

    Diese Geschichte ist bei “Stories & Places” unter den Titel “Die holländische Straße oder: ‘Wolle Schie bummse?'” und der Stadt Wiesbaden verlinkt. Ich erkenne nur überhaupt keinen Zusammenhang. Falsche URL?

    • Frau Elise sagt:

      Huch, danke für den Hinweis, ich habe tatsächlich falsch verlinkt. Ich hatte diese Geschichte zuvor mitten in den Bodensee gesetzt und hatte daher den Link noch gespeichert. Ich setze ihn nochmal neu – den falschen aber kann ich leider nicht löschen.