Juni 7, 2011 Off

Neunzehnhundertzweiundsiebzig

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1972? Das war das Jahr, in der zum ersten Mal Raumschiff Enterprise im Fernsehen lief, HP den ersten Taschenrechner auf den Markt brachte und zum ersten Mal in Deutschland Schwule auf die Straße gingen, um zu demonstrieren. In München wurden die olympischen Spiele gefeiert, das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt schlug fehl und die Watergate-Affäre nahm ihren Lauf. Abba gründeten sich und Vicky Leandros gewann mit Après Toi den Grand Prix. Ein Jahr eben wie viele Jahre. Und das Jahr, in dem ich geboren wurde. Und dann waren da die 70er, mit Colorama und Caretta, mit Männern mit langen Bärten, orangefarbenen Frottee-Schlafanzügen und Schlaghosen. Und mit Boney M! Ich baute mir Hütten aus Wäscheständern auf den Balkon, ging in zwei Kindergärten und zwei Grundschulen und hatte einen geheimen Freund, nämlich ein Pferd aus einem Kopfkissen. Ich trug Hüttenschuhe, gelbbeige geringelte Strickwesten und weiße Strickstrumpfhosen und aß an Sylvester versehentlich die fürs Fleischfondue gedachten Hackbällchen roh, weil ich nicht wusste, was ein Fondue ist. Ein glückliches Kind war ich nicht, aber das hatte mit den 70ern nicht wirklich viel zu tun, so dass ich sie dann doch auch oft vermisse. Wie meine Playmobil-Schulklasse übrigens, von der ich noch immer nicht weiss, wer die eigentlich weggeworfen hat.

Wenn mich heute jemand fragt, wie alt ich bin muss ich oft nachrechnen, weil ich mir das nie merken kann. Manchmal sage ich auch, was spielt das schon für eine Rolle, halt irgendwas unter 40 und die Wechseljahre hatte ich auch noch nicht. Früher habe ich dann manchmal auch gefragt, ob ich meine Zähne zeigen soll, aber seitdem mir am Backenzahn ein Stück abgebrochen ist, lasse ich es lieber. Und freue mich grimmig darüber, wenn mein Gegenüber dann sagt: 38? Echt? Ach, Du siehst aber viel jünger aus, maximal wie 37!  Und bin froh, dass er mich noch nicht durch den achtfachen Vergrößerungsspiegel gesehen hat, den ich mir neulich gekauft habe.

1972 kamen neben mir natürlich noch andere bedeutende Personen auf die Welt. Dana International, Ben Affleck, Michelle, Lukas Hilbert, Mario Barth oder Hubertus Heil zum Beispiel. Ich kann es leider nicht mehr ändern, hätte das aber damals vermutlich auch nicht geschafft.

Früher, also bis letzte Woche, hatte ich übrigens ein anderes Blog, in dem ich viel über Heimat und das Umziehen von der einen in eine andere Stadt geschrieben habe. Nachdem ich aber nun schon ein paar Monate in der neuen Stadt wohne, hat sich das aber irgendwie überholt. Die Umzugskisten sind längst ausgepackt, es gibt auch nur noch eine einzig Lampe, die wir noch aufhägen müssen. Und wir haben uns daran gewöhnt, zu zweit zu leben und finden das super, auch das, was andere als Alltag bezeichnen, insoferm man so etwas haben kann, wenn zwei Selbstständige ohne Kinder mit zwei Katzen zusammenleben. Jedenfalls will ich nicht mehr übers Weggehen oder übers Ankommen schreiben, sondern über die anderen Dinge, die auch wichtig sind, wenn man 36 ist. Oder halt 45, wie auch immer.

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