September 28, 2011 10

„Free your mind – and your fat ass will follow“

By in digital leben

 

Und dann wollte ich ja noch ein paar Sätze zu Anke Gröners Buch „Nudeldicke Deern“ schreiben, das ich letzte Woche endlich und sogar mit einer persönlichen Signatur im Briefkasten liegen hatte. Einige andere Blogger haben darüber schon geschrieben und so werde ich vermutlich nicht viel Neues erzählen können: Auch ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen  – es ist ist nicht nur ein tolles, sondern auch ein sehr wichtiges Buch. Darum geht’s (ich zitiere der Einfachheit die Beschreibung von Rowohlt):

Dieses Buch ist kein Diätbuch. Ganz im Gegenteil. Dieses Buch sagt dir: Schmeiß alle Diätbücher weg, die du hast. (Ich weiß, dass du welche hast.) Vergiss das Kalorienzählen, das schlechte Gewissen und fang wieder an, einfach zu essen. Anke Gröner spricht allen Frauen aus der Seele, die auch schon einmal mit ihrem Körper gehadert haben. Anekdotenreich, witzig und sehr bissig erzählt sie von den Absurditäten, die Frauen in Umkleidekabinen erleben, von bekloppten Diätversuchen und dem Frust beim Blick in den Spiegel, mit dem man sich immer wieder auseinandersetzen muss. Dabei kann das Leben doch so schön sein, wenn man die Kleidergröße nicht das Maß aller Dinge sein lässt. In diesem Sinne: Free your mind – and your fat ass will follow!

Dick zu sein ist vielleicht nicht das, was man sich unbedingt vom Leben wünscht, sich dafür aber nicht zu mögen, ist traurig, auch wenn einem genau das sehr einfach gemacht wird. Nun bin ich selber ja auch alles andere als schlank, habe aber zum Glück schon vor Jahren für mich beschließen können, mich deswegen nicht mehr schlecht fühlen zu wollen – und das funktioniert auch. Diskrimierung von dicken Menschen gibt es allerdings und auch mir passieren immer wieder sehr absurde Dinge.

Da war zum Beispiel eine langjährige Bekannte, die ein Gastromagazin produzierte, für das ich Jahre zuvor schon mal gearbeitet hatte. Sie wollte, dass ich wieder einsteige und so trafen wir uns in einem Café, um über den Job zu reden. Im Magazin wurde über bekannte Köche der Region, über tolle Restaurants und vor allem viel über das Genießen geschrieben – also nicht gerade die ideale Lektüre für Diätler und Asketen. Ich sitze also mit ihr am Tisch, vor uns die bestellten Milchkaffees und ich denke, jetzt gleich erzählt sie mir, warum sie mich wieder im Team haben will und was ich für sie tun kann. Und dann geht es los, allerdings so ganz anders als erwartet: „Wir kennen uns doch schon so lange und wie du weisst, habe ich früher als Fusspflegerin gearbeitet und kenne mich daher damit ein wenig aus (sic!!) – also was ich dir sagen will, wenn du Probleme hast, dann kannst du immer zu mir kommen. Also ich meine, wegen deinem Gewicht. Also ich könnte so ja nicht leben. Ich weiss gar nicht, wie du das machst, wenn ich so dick wäre wie du würde ich mich nicht mehr aus dem Haus trauen.“ – Ich muss sagen, ich war einigermaßen verblüfft. Über ihre Dreistigkeit und auch über ihre Distanzlosigkeit. Anstatt ihr dafür eine zu kleben, wenigstens bildlich, blieb ich allerdings leider höflich sitzen und lenkte das Gespräch dann schnell auf das eigentliche Thema zurück. Im Flur des Verlages, das das Magazin herausbrachte, hing übrigens Jahre lang – auch zum Zeitpunkt des Gesprächs, dieses Plakat vom Body Shop. Sich als tolerant nach außen zu präsentieren, es dann aber auch zu sein, sind eben zwei paar Dinge.

Natürlich habe ich auch andere Dinge erlebt. Da war die etwas ältere Nachbarin in der alten Wohnung, die mal, als ich an ihr vorbeilief, selbstvergessen vor sich hinzischelte: „Ist die fett!“, während sie selber ungefähr nur noch die Hälfte der gesellschaftlich üblichen Zahl an Zähnen im Mund hatte, so dass ich, als ich an ihr vorbeilief, gar nicht anders konnte, als ebenso selbstvergessen vor mich hinzuzischeln: „Zähne? Vollkommen überbewertet!“ Und da waren auch die Leute, bei denen ich zuhause eingeladen war und die mich dort aber erst kennenlernten und dann als erstes sagten: „Fühl dich bei uns wie zuhause, bei uns wird niemand schief angeguckt, auch wenn er dick ist.“ Oder die vielen Leute, die sich, wie auch „Freunde“, die sich in meiner direkten Gegenwart abfällig über Übergewicht oder dicke Frauen äußerten (mittlerweile sind wir nicht mehr miteinander befrendet). Und natürlich hatte auch ich die Mutter, die, als ich noch ungefähr 12 Jahre alt und völlig normalgewichtig war, damit begann, mir regelmässig zu erklären, ich habe einen dicken Hintern. Später dann während des Studium: ich würde nie einen Job finden, wenn ich dick bleibe und noch später, als ich dann direkt nach dem Studium einen Job, aber keinen Partner hatte: so würde ich nie einen Partner finden. Meine Mutter war übrigens selber immer dick, hatte immer einen Partner und auch immer einen Job. Hm. Absurd auch der Besuch einer Twitterlesung, nach der jemand hinterher dämliche Witze über die dort anwesenden dicken Personen (also ich und noch eine andere Frau) twitterte, was dann sogar noch von anderen dort Anwesenden „Alpha-Twitterern“ gefavt wurde, zu denen ich bis dahin eigentlich einen netten Kontakt hatte. Ausfälligkeiten gibt es natürlich auch regelmäßig in meinem Blog.  Schreibe ich, egal was, übers Essen, kommentiert garantiert jemand, natürlich anonym, beleidigende Kommentare. Und ich könnte glaube ich sicher noch zwölfunddreissig andere Beispiele nennen, wo sich Leute seltsam, dumm oder gemein verhalten haben.

Will sagen: So etwas gibt es immer wieder und es ist nicht unbedingt eine anonyme Menge, die das tut, nein, das passiert im Job, im Bekanntenkreis und auch in der Familie. Dauernd. Weil viele Leute sich daran gewöhnt haben, sich so zu äußern und weil es selten passiert, dass jemand dagegen hält. Das Traurige ist, dass leider nicht jeder dicke Mensch so wie ich genügend Selbstbewusstsein hat, um damit umzugehen. Und genau darum ist ein Buch wie das von Anke so wichtig. Weil darin steht: Alles ist gut, ob Du nun so bleibst, wie Du bist oder nicht. Genieße daher Dein Essen, suche sorgsam die Produkte aus und bereite sie mit Liebe und Respekt zu, denn das darfst Du Dir wert sein. Ich weiss das zum Glück schon seit ein paar Jahren und lebe auch so, aber es gibt halt immer noch viele Menschen, die das nicht verstanden haben, vielleicht auch, weil sie es nicht besser wissen können. Bücher wie dies „Nudeldicke Deern“ gibt es daher viel zu wenige und daher wünsche ich mir aus ganzem Herzen, dass es möglichst viele Menschen lesen werden.

Kaufen kann man es zum Beispiel bei Amazon, daneben gibt es das Buch dort natürlich auch als eBook, nämlich hier.

Ansonsten gibt es auch ein Blog zu Buch: http://deern.ankegroener.de/blog/

Und wer sich ansonsten ein wenig zum Thema „Diskrimierung von dicken Menschen“ informieren möchte, dem empfehle ich dringend, dieses Interview mit Stephanie von Liebenstein lesen: „Angst vor Armut wird in Form vor Körperfett bekämpft“.

 

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10 Responses to “„Free your mind – and your fat ass will follow“”

  1. Daniela sagt:

    Und wissen Sie, was auch sehr beunruhigend ist? Ich habe nach der zweiten Schwangerschaft absichtlich viel abgenommen. Und es gibt bei uns eine Kollegin, die Dicke total eklig findet und das auch gerne immer mal lautstark äußert, gerne auch im Sommer („Warum müssen DIE auch noch kurze Hosen tragen“ und sowas). Und genau diese Kollegin redet jetzt mit mir und grüßt mich, seit ich dünner bin. Das finde ich so abstoßend, das kann ich gar nicht in Worte fassen.

  2. Wenn du gern abnehmen möchtest, dann ist Dingsbums (Name geändert) genau das Richtige für dich.

  3. Trischa sagt:

    Vielen Dank für diesen Blogeintrag und auch für den Link zum Interview mit Frau von Liebenstein.

    Sehr bedenklich finde ich übrigens den momentanen Trend zur Magenverkleinerung. Hab zwei Frauen in meinem Bekanntenkreis, die dadurch beide mehr als 60 kg abgenommen haben, aber haben sie deshalb gelernt, sich bewußter zu ernähren?

  4. Frau Elise sagt:

    @Casey Da mein Blog nicht für Produktwerbung zur Verfügung steht, habe ich den Name des genannten Mittels geändert. Und nein, ich möchte nicht mit zweifelhaften Diätdrinks abnehmen, ganz und gar nicht.

  5. lesen! RT @Frau_Elise: Ein paar Gedanken zum Dicksein und zum Buch von @AnkeGroener: http://t.co/rUdUUM42

  6. machdasmalanonym sagt:

    Erstmal vielen Dank für den Beitrag, ich bin auch oft erschrocken, wie ungeniert einige über Dicke herziehen. Meine Mutter (darum schreib ich das hier lieber anonym) ist seit vielen Jahren übergewichtig und ich hab oft schlimme, gemeine und unrichtige Dinge über sie hören müssen. Unter keinen Umständen ist es OK, wegen des Gewichts über Leute herzuziehen. Und es ist wichtig, auch mal zu sagen, dass es OK ist, sich dick wohl zu fühlen.

    Für mich gibt es nur einen „objektiven“ Grund Gewicht zu verlieren, den ich aber nicht ganz unwichtig finde. Wenn Knie und Hüften wegen der Belastung allzu früh kaputtgehen ist das sehr schmerzhaft und kann eine ganz erhebliche Beeinträchtigung des Alltags bedeuten. Manche können dann wirklich nur noch wenige hundert Meter laufen und kaum noch Treppen steigen. Das wünsche ich keinem.

  7. “Free your mind – and your fat ass will follow”Gelesen im Blog von @Frau_Elise #1972 http://t.co/yo6xCWd7

  8. Feiner trauriger Artikel RT @Frau_Elise: Frisch gebloggt: […] Gedanken übers Dicksein und zum Buch von @AnkeGroener: http://t.co/dC4iDmRR

  9. Uta (@_uta_) sagt:

    das seltsame ist, dass nur übergewichte Menschen dies schreiben: http://t.co/5YaP8Gje

  10. nupsi sagt:

    …leider ist es für viele am bequemsten eine Person auf sein Gewicht zu reduzieren und diese dann damit beleidigen zu wollen.

    Was ich eigentlich sagen wollte: Buch ist bestellt. :)

    Danke für deine offenen Zeilen in deinem Blog.

    Liebe Grüße aus Kiel