Ein Jahr Köln

Und seit etwas mehr als einem Jahr bin ich nun Kölnerin. Natürlich gibt es immer mal wieder diese Tage, an denen sich die Stadt ein wenig hässlicher, kälter und lauter anfühlt als an anderen und an denen ich mir die  Puscheligkeit meines alten Lebens am Bodensee zurückwünsche. Da, wo überall Kopfsteinpflaster ist und sich die Leute im Sommer bunte Geranien vor die historische Holzhaustür neben die Sitzbank stellen, wo die Alpen so nah und das Wasser so blau ist und wo immer Milch und Honig fließen und alle mit dem Fahrrad fahren und das ganze Jahr lang Flip Flops tragen. Oder so ähnlich, so ganz genau weiß ich das alles ja gar nicht mehr. Aber auch da, wo viele Menschen sind, die mir hier oft fehlen und die mich so lange kennen, dass man nicht immer alles von vorne erklären muss, wenn man sich einfach nur mal miteinander unterhalten will.

Was das mit der Heimat und mir momentan so ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass man sich ein Zuhause einrichten muss und dass es die vielen kleinen Dinge sind, die es schließlich ausmachen. Wissen, dass ein Bahn-Ticket ins Büro 2,50 Euro kostet und man sich das Geld am besten daheim schon passend zusammensucht. Dass eine Kurzstrecke vier Haltestellen ab dem Startbahnhof beinhaltet, dass die Papiertonne jeden zweiten Donnerstag geleert wird und bei welchem Bäcker man das beste Brot bekommt. Von der Nachbarin das Du angeboten bekommen. Fünf Leute in diesem Jahr kennenlernen, die man ohne weiteres auch zum Geburtstagskaffee einladen würde. Die Nummer der besten Putzfrau der Stadt haben und jemanden, der nach den Katzen guckt, wenn man ein paar Tage nicht daheim ist. Stammkunde bei einem Friseur sein, der mittlerweile weiß, was man arbeitet, wie alt man ist und dass man am Hinterkopf bekloppte Wirbel hat. Mit dem Rad durch die Straßen fahren und auf einmal Leute, die man 20 Jahre lang nicht mehr gesehen hat, in einem Café treffen. Ein neues Lieblingskino entdecken und sich ein bisschen in die griechische Kellnerin verlieben, aber nur, weil sie so gut riecht. Für eine Zeitung und ein Bürgerradio interviewt werden und von RTL angerufen und gefragt werden, ob man nicht bei einer TV-Show mitmachen möchte (die, nachdem man abgelehnt hat, in der Woche danach dann abgesetzt wird). Sich von der Schwiegermutter in Spe ein Joghurtgerät und eine Pudelmütze schenken lassen und sich darüber riesig freuen. Angesprochen werden, warum man denn nicht mehr zum Stammtisch kommt und von Menschen, von deren Existenz man vor einem halben Jahr noch nichts wusste, gefragt werden, ob man nicht einen Vortrag über Coworking halten möchte. Mit dem Rad ins Büro fahren und wissen, bei welcher Ampel man problemlos bei rot weiterfahren kann, wo die schlimmsten Schlaglöcher sind und an welcher Kreuzung man sein Rad am besten quer stellt, damit einen irgendwelche Fahrradfaschos nicht rechts beim Anfahren überholen. Wissen, wo man in der Stadt am besten Schuhe kauft, wo man am Wochenende schön am Wasser spazieren gehen kann, in welchem Supermarkt es die Freundin Donna gibt, wo dort die Milch steht, welche Bratwürste an der Fleischtheke die besseren sind und bei welcher Kassiererin man extra Bonuspunkte fürs Rabattmarkenheft bekommt. Zum einem Mädelsabend mit 20 Frauen in eine Bar eingeladen werden, von denen man genau eine kennt,  und sich den ganzen Abend lang prima zu unterhalten. In überfüllten U-Bahnen nicht mehr durchdrehen, weil man sich mittlerweile dran gewöhnt hat und weiß, wie man am besten vor sich hinstieren muss, um nicht angesprochen zu werden. In einer Kölsch-Kneipe von einem alten Herrn in Shorts (!) angeflirtet werden, obwohl man frittierte Petersilie am Kinn kleben hat. Im größten Kaufhaus der Stadt von einer Bekannten gesehen zu werden, die dann den Namen quer durch die Halle brüllt, worauf man aber nicht reagiert, weil man davon ausgeht, dass einen hier überhaupt gar kein Mensch kennt. Wissen, wie der polnische Paketbote mit Vornamen heißt, von ihm als “Herr Stefan” und “Frau Daniela” getauft worden sein. Wissen, dass die Hermes-Zulieferin prinzipiell nicht vor acht Uhr abends kommt und außerdem ihre Perücke falsch herum trägt. Nicht mehr darüber zu lachen, wenn sie vor der Tür steht. Sich in einem Jahr etwa zehn neue Schals kaufen, weil 43 Schals einfach nicht ausreichen. Vom Taxifahrer gefragt zu werden, wie er am besten nach Ehrenfeld fahren kann und es ihm erklären können. In einem Büro zu arbeiten, in dem man Anfang November gefragt wird, was man eigentlich an Silvester macht. Mit dem Mann des Herzens auf dem Küchensofa sitzen, beobachten, wie im Garten die Eichhörnchen durch die Bäume hüpfeln, dabei seine Hausschuhe tragen. Sich jeden Tag aufs Neue darüber freuen, dass man den Schritt gewagt hat, einfach nach so vielen Jahren in eine andere Stadt umzuziehen, um mit dem neuen Partner dort zusammenzuleben, weil es  toll ist, das zu tun. Und wissen, dass das alles nur passiert ist, weil es Twitter gibt.

 

 

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