Tag Elf
by Frau Elise • 28. November 2011 • 1972 • 5 Comments

Und dann Tag Elf. Verbandswechseltag. Zwei Assistentinnen halten den Kater mit fest, die dritte schneidet den Verband ab, zieht die Fäden von zwölf Stichen ab, säubert die Wunde und legt den neuen Streckverband an. Und er brüllt, der Kater, wie ich ihn noch nie habe brüllen hören. Als die Prozedur überstanden ist, verkriecht er sich zitternd in den Korb. Die Assistentin, die er letztes Mal beim Verbandswechsel gebissen hat, ist seit einer Woche krank geschrieben, erzählt mir nun die Ärztin. Da hat der Mann mehr Glück gehabt, auch er wurde beim letzten Verbandswechsel von ihm fest gebissen, aber die Wunde ist gut verheilt. Mit dem Taxi fahre ich wieder nach Hause, unterwegs erzählt mir die Fahrerin von ihrer Katze. Die hatte eine Verletzung am Kopf, musste Tropfen und Tabletten nehmen, aber 300 Euro für die CT waren ihr zu viel, irgendwo gäbe es da Grenzen mit den Ausgaben, das seien doch auch nur Tiere. Was wir denn für die Bänderriss-OP gezahlt hätten? 740 Euro, sage ich. Aber er sei ja noch jung, der Kater, und ein Freigänger dazu. Mir ist klar, um wieviel der Höchstsatz ALG2, wovon eine Person einen ganzen Monat lang leben soll, unter dieser Summe liegt. Dass wir noch über 400 Euro mehr für zwei Mal Röntgen, Schmerzmittel, Antibiotikum und ein anderes Medikament und bis dato drei Verbandswechsel gezahlt haben, sage ich lieber nicht und auch nicht, dass da sicher nochmal 300 Euro dazu kommen werden in den nächsten Wochen. Und dass wir das alles machen, weil das Tier halt ein Familienmitglied ist. Ich frage, wie es ihrer Katze mittlerweile denn so gehe. Ja, die habe sie einschläfern lassen. Ich bin froh, als ich aussteigen kann, solche Geschichten brauche ich jetzt nicht. Und dann geht der Horror erst richtig los. Theo kommt mit dem neuen Verband nicht klar, der sitzt nämlich anders und somit funktioniert seine bisherige Dreibeinhumpeltechnik nicht mehr. Und Schmerzen hat er. Mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, aus dem Zimmer raus und die Treppe hoch zu rasen. Er jault, knurrt, faucht, schmeisst sich auf dem Bett hin und her, versucht, den neuen Verband abzuschütteln, doch das tut nur noch mehr weh. Immer wieder will er aufspringen, doch er soll nicht laufen, vor allem heute nicht, also halte ich ihn irgendwie fest. Ruhig liegen bleiben soll er, die Angst ablegen, doch wie erkläre ich das einem Kater? Ich trage ihn also hoch und laufe mit ihm auf dem Arm durch die Wohnung, um ihn abzulenken. Zeige ihm, dass alles noch am gleichen Ort wie morgens ist, dass sich daheim nichts verändert hat, dass kein Grund zur Aufregung besteht. Er wird ruhiger, also versuche ich es mit Fressen. Er schlingt die Portion gierig im Liegen runter, doch dann geht das Drama wieder los – er will aufstehen und laufen, merkt, dass das so nicht funktioniert, geht rückwärts, dreht sich im Kreis, fängt wieder an zu jaulen und fällt schließlich hin, reißt mit dem Verband das Wasserschälchen um. Erschöpft bleibt er erstmal liegen und ich lege mich dazu, den Tränen nah. Es ist fast nicht zum Aushalten, das Tier so zu sehen. Also wieder runter, ins Schlafzimmer, irgendwo muss er jetzt erstmal hin, um runterzukommen und den Fluchtmodus abzuschalten. Auf dem Bett dann weiter Gejaule, Geknurre, Gefauche. Er ist genervt, verängstigt und er hat Schmerzen. Will wieder ständig aufspringen und wegrennen, kann sich aber kaum umdrehen mit dem Verband. Panisch rufe ich den Mann an, er soll bitte sofort heimkommen, weil ich nicht mehr weiß, was ich tun soll. An die Taxifahrerin muss ich denken und daran, wieviel man so einem kleinen Tier überhaupt zumuten darf, wo da die Grenzen sind. Und dass von den zwölf Wochen gerade erstmal elf Tage herum sind. Der Mann kommt, wir geben Theo Schmerzmittel und Leckerli, wieder schlingt er alles runter, um dann danach weiter zu klagen. Er springt wieder auf, diesmal lassen wir ihn, dann springt er vom Bett und mir bleibt schier das Herz stehen. Unters Bett kriecht er. Und still ist er auf einmal. Wir liegen oben und lauschen, was er macht, ein paar Mal dreht er sich um, um die richtige Liegeposition zu finden, aber das Klagen hat aufgehört. Ich fange an zu heulen, meine Nerven sind am Ende und es tut furchtbar weh, ihn so leiden zu sehen. Unten weiter Stille, nach zehn Minuten gehen wir aus dem Zimmer, um ihn erstmal in Ruhe zu lassen.
Und dann eben schaue ich nach ihm. Und er liegt im untersten Fach meines Kleiderschranks, wo er auch nach der OP tagelang drin lag, wie immer, wenn er sich krank fühlt. Er blinzelt mich an, streckt meiner Hand den Kopf entgegen und schnurrt entspannt, als ich ihn streichele. Die schlimmsten Momente von Tag Elf sind vorbei und schon wieder laufen mir die Tränen herunter.
Der nächste Verbandswechsel: Je nachdem, wie sich der neue Verband hält, in ein bis zwei Wochen. Die Tage dazwischen werden vermutich eher wieder ruhiger werden. In der sechsten Woche dann wird geröntgt, um zu schauen, wie das gerissene Band wieder zusammengewachsen ist. Ab der zwölften Woche dann darf er wieder raus. Und der Urlaub an Weihnachten? Mal sehen. Ist aber nicht wichtig.
"Ich fange an zu heulen, meine Nerven sind am Ende und es tut furchtbar weh, ihn so leiden zu sehen." Heule auch. http://t.co/X1vgERnR
Heute ist es übrigens wieder viel besser – er kam morgens gleich schnurrend ins Bett und hat sich an mich gekuschelt – als ob das gestern nicht gewesen wäre. Je nachdem, wie lange dieser neue Verband hält, müssen wir erst in zwei Wochen wieder hin und wir hoffen, dass die Wunde bis dahin insgesamt weniger weh tut.
Pingback: Lesesachen KW 47 + 48 | Patsch / Bella / Blog
Kannst Du dem Kater vor dem nächsten Verbandswechsel nicht ein Beruhigungsmittel geben ? Ich denke das würde es ihm wesentlich erleichtern und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es beim Tierarzt da gute Mittel gibt.
Gute Besserung
gruss sue
Ach Mensch! Armer Schnuck!
Oh man, ich kann das so gut nachfühlen… mir wäre es ganz genauso gegangen wie Dir.
Man will dem Süßen nur das Beste… aber einem sind quasi die Hände gebunden.
Schön, dass er sich dann noch beruhigt hat.
Ich drücke die Daumen, dass es ihm schnell besser geht!
Kraul’ ihn bitte hinterm Ohr von mir.