Dezember 16, 2011 10

Konstanz halt

By in Am See, Kurzkurzgeschichten, verreist

 

Und dann ist es Freitag und ich fahre nach Konstanz, zum dritten Mal in diesem Jahr. Erstaunlicherweise geht bei der Bahnfahrt alles gut. Die Bahn fährt nach Fahrplan los, die Lok geht nicht kaputt, niemand hat Bomben neben die Bahngleise gelegt, keiner wirft sich vor den Zug, die Oberleitungen wurden nicht geklaut, Klimaanlagen und Heizungen halten und ich sitze fast durchgehend allein in einem Abteil in der ersten Klasse – ohne dauertelefonierende Mitfahrer, ohne schreiende Kinder mit hektischen Müttern, ohne alten Damen, die sich weigern, ihre Koffer in die Ablage zu legen, ohne Leberwurstbrotesser und ohne dürre Frauen, die mich vorwurfsvoll anschauen, weil ich statt stillem Mineralwasser ein Apfelschorle trinke. Eine ruhige, entspannte Fahrt also, wie sie auf dieser Strecke selten erlebt habe. Und ich bin sie oft genug gefahren.

Irgendwann habe ich den Schwarzwald hinter mir gelassen und bin im Hegau. Hohenhewen und Hohenstoffeln auf der einen Seite, auf der anderen der Mägdeberg, Hohenkrähen und der Hontes, schließlich Maggi in Singen, Bohlingen, Radolfzell –  und dann ist der da, der See und ich schaue nicht mal hin, so wie früher, als ich noch hier gelebt habe. Ich weiß ja, dass er da ist. Allensbach, Hegne, Reichenau, das Konstanzer Industriegebiet, die große Gaskugel von den Stadtwerken und dahinter mein altes Büro, Petershausen, die schönen Schrebergärten mit den alten Obstbäumen haben sie abgerissen, schließlich der Kiosk am Bahnübergang, wo man Bier und schlechte Döner bekommt. Daneben meine alte Wohnung, in die man vom Zug aus reingucken kann und in der die Wände wackeln werden, während wir an ihr vorbeirauschen. Ob sie den Riss im Flur mittlerweile verputzt haben? Links nun der See mit Alpenpanorama, rechts der Seerhein, die Spitalkellerei, das Theater, das Konzil und dann der Bahnhof. Als ich aussteige, duftet es intensiv nach Waffeln und ich denke an irgendwas mit Heimat, doch dann klingelt das Handy. Meine Freundin ist dran, sie komme später, um mich abzuholen, sie stehe Stau. Mit all den anderen Mitreisenden lasse ich mich durch ekelhafte Bahnunterführung treiben, die Fliesen sind dreckig, es riecht nach Pisse und natürlich geht, wie seit ungefähr zehn Jahren, das Gepäckband nicht. Keine Stadt Deutschlands hat einen gammeligeren Bahnhof als Konstanz, früher war es mir immer peinlich, Besuch vom Zug abzuholen. Meine Freundin ruft wieder an, sie wäre jetzt da, fände aber keinen Parkplatz. Ich bin nun endlich auf Gleis 1 angelangt und kann wieder atmen, muss mich aber noch am engen Bahnsteig durch die Menschenmengen zwängen, fast ein Ding der Unmöglichkeit, weil alle dicke Winterjacken tragen und somit noch mehr Platz verbrauchen. Dann geht es durch das Nadelöhr zwischen Touristinformation und Schließfächern, ich stolpere über Koffer und Fahrräder hindurch, irgendeiner tritt mir auf den Fuß und es riecht nach Kotze. Meine Freundin ruft wieder an, sie stehe jetzt auf der anderen Straßenseite bei Mc Donald´s. Wir müssen nochmal ins Industriegebiet, bevor wir zu ihr nach Hause fahren, für den Weg brauchen wir fast eineinhalb Stunden, weil am Lago und rund um den Zoll  Stau ist. Hallo Konstanz, da bin ich wieder, was für ein Empfang.

Abends sind wir auf einer Weihnachtsfeier. Ich unterhalte mich mit einem Bekannten über Social Media, er hat eine Agentur für Kommunikationsdesign. Facebook, Xing, Twitter und so, das fände er alles unnötig, das bringe doch nichts für den Beruf, erklärt er mir, daher sei er dort auch nicht aktiv. Aber der ganze Input, werfe ich ein, wo soll der in dieser selbstreferentiellen Stadt herkommen, man kriegt hier unten doch nichts mit von dem, was in der Welt da draußen laufe, hier sei man doch von allem abgeschnitten. Ach, sagt er, da gehe er einmal im Jahr auf die Typo nach Berlin, da bekomme er genug Input. Ah, sage ich, aber der regelmässige Austausch mit anderen, mit Gleichgesinnten und Leuten, die einen ähnlichen Job machen? Und überhaupt, Netzwerken! Ach, sagt er, das ist doch alles virtuell. Nein, sage ich, eigentlich nicht, die meisten habe ich irgendwann mal irgendwo getroffen, privat und beruflich, viele interessante Kontakte hätten sich daraus ergeben und auch Jobs. Ach, sagt er, wenn er netzwerken wolle, dann gehe er einfach in den hiesigen Ski-Club. Ach so, sage ich. Und dann: Du, ich gehe mir mal ein neues Bier holen, wir sehen uns später.

Nach der Feier fahren wir zu dritt noch in die Schwarze Katz. Es ist zwölf Uhr und in der Bar sitzen genau zwölf Leute, wir inklusive. Was ist denn hier los, frage ich die anderen. Nix, sagen sie, das ist normal. Heute ist Freitagabend, da ist hier nie was los. Ach so, sage ich.

Am Samstag schlafen wir lange, mittags gehe ich ein bisschen in die Stadt zum Bummeln, ewig bin ich nicht mehr hier gewesen und ich freue mich auf die kleinen Gässchen und die vielen schönen Ecken der Innenstadt. Ich laufe im Regen durch die Fußgängerzone und schließlich durch die Niederburg, doch dort hat um drei Uhr an diesem dritten Advent kein einziges Geschäft mehr offen. Meine Haare sind verklebt, meine Hose bis zur Wade durchweicht und es ist kalt. Ich gucke ins Münster, auch hier war ich schon ewig nicht mehr, eine Kerze zünde ich an und dann setze ich mich auf eine der Bänke. Zum ersten Mal seit ein paar Stunden habe ich endlich mal wieder Netz, also fummle ich heimlich, versteckt unter der Jacke, an meinem iPhone herum und mache ein schlechtes Foto von den brennenden Kerzen, schicke in Whatsapp ein paar Herzchen an den Mann und twittere ein bisschen herum. Was man halt so macht, wenn man in Kirchen rumsitzt und eigentlich lieber woanders wäre. Aber weil ich ja nun schon mal hier bin, kann ich ja noch den Weihnachtsmarkt angucken gehen. Und war die Innenstadt ansonsten wie ausgestorben, hier drängen sie sich alle wie die Verrückten um die Stände. Als ich noch in Konstanz wohnte, bin ich nie auf den Markt gegangen, weil es jedes Jahr genau die gleichen Dinge an den genau wie im Vorjahr gleichplatzierten Buden gab. Und so ist es auch diesmal wieder. Am Ende der Marktstätte zieht sich der Markt durch die Unterführung, ich lasse mich mittreiben, es ist eng, aber das ist auch gut so, denn so sieht man die vollgebruntzelten Betonwände nicht so sehr und schließlich bin ich da, worauf Konstanz so stolz ist: Am See. Doch von dem ist nicht viel zu sehen, denn es ist mittlerweile dunkel geworden. Brav laufe ich noch eine Runde durch den Stadtgarten an all den Ständen vorbei, doch eigentlich reicht es mir und ich nehme am Konzil die Abkürzung über den Fischmarkt, um nicht nochmal durch die Unterführung zu müssen.

Meine Freundin und ich haben uns im Klimperkasten verabredet, bis sie kommt, ruft sie drei Mal an, um mir zu sagen, dass sie später kommt, bzw. keinen Parkplatz findet, bzw. jetzt einen hat und dann gleich kommt. Ich habe kurz Netz und telefoniere mit dem Mann, dann trinke ich einen mit Pulver angerührten Chai Latte und wundere mich, dass nur zehn Leute in dem Café sitzen. Das ist normal, sagt meine Freundin später, es ist schließlich Samstagnachmittag. Ach so, sage ich.

Dann gehen wir nebenan im Il Boccone etwas essen, hier gibt es wieder viele Menschen, genauer: viel zu viele, und die meisten von ihnen stehen direkt vor unserem Tisch herum, weil sie auch gerne einen Tisch hätten, aber keiner von den geschätzten 200 auf den beiden Etagen mehr frei ist. Das ist normal, sagt meine Freundin, es ist schließlich Samstagabend. Achso, sage ich, und esse die überaus leckeren Gnocchi mit Pesto auf. Wenigstens können sie hier gut kochen. Wir überlegen, ob wir ins Kino gehen, doch ich habe wieder kein Netz und kann nicht nachschauen, was wo läuft. Macht nichts, sagt meine Freundin, wir gehen einfach hin und entscheiden uns dort. Sie gehe kaum noch aus, sagt meine Freundin dann. Hier sei nichts los, sie kenne zu wenig Leute, und überhaupt, man würde hier auch einfach keine neuen Leute kennenlernen.” – “Konstanz halt”, sage ich und: “Du musst hier dringend weg.”

“Zwei Mal Dunkle Begierde” sage ich später an der Kasse. “Läuft im anderen Kino”, sagt der Mann hinter dem Schalter. “Achso”, sage ich. “Dann zwei Mal Jane Eyre.” – “Läuft im anderen Kino”, sagt der Mann. “Achso”, sage ich. “Dann halt zwei Mal Gott des Gemetzels.” Der Mann an der Kasse fängt an, hysterisch zu lachen. Wir gehen ins andere Kino, gucken den (sehr großartigen) Film an und fahren nach Hause. “In der Schwarzen Katz ist am Samstagabends nix los”, sagt meine Freundin, “woanders kann man hier nicht hingehen.” Ach so, sage ich.

Am Sonntag schlafen wir lange aus, dann gibt es ein opulentes Frühstück, anschließend packe ich meine Sachen, denn um zwei Uhr fährt mein Zug. “Ich fahre dich schnell an den Bahnhof und hinterher gehe ich joggen”, sagt meine Freundin, zieht sich ein hübsches Kleidchen an und schminkt sich. “Für wen machst du das, du fährst mich doch nur zum Bahnhof, da sieht dich doch keiner?” frage ich. “Ach, nur so, falls ich doch jemanden treffe. Man weiß ja nie”, sagt meine Freundin. “Ach so”, sage ich und: “Du musst wirklich dringend hier weg.” Am Bahnhof lässt sie mich raus, wir verabschieden uns, schön war´s. Ich verspreche, bald wiederzukommen. “Vielleicht im Frühjahr oder so” , sage ich und denke: “Da kann ich sicher nicht.” Ich fahre los und als ich in Karlsruhe bin, schreibe ich >ins Internet: “Sich 14 Monate nach dem Umzug nicht mehr so fühlen, als ob man die Heimat zurück lässt, sondern als ob man nach Hause fährt.”

 

 

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10 Responses to “Konstanz halt”

  1. Esther sagt:

    Dann bist du in Köln angekommen ;-)

  2. Kiki sagt:

    Genialer Text.

  3. ichhebgleichab sagt:

    Wenn es kalt ist, ist Konstanz wirklich unschön. Dies ist eine Sommerstadt. Nur leider ist grad nicht Sommer

  4. ichhebgleichab sagt:

    Und das mit dem Bahnhof stimmt.

  5. sahnedrops sagt:

    Hey! Dein Beitrag ist ein wenig arrogant. Klar, der Bahnhof ist nicht der Schönste und oft denkt man, dass hier nicht viel los ist. In der Schwarzen Katz ist eigentlich immer viel los, vorallem am Freitag und Samstag. Und nachmittags im Klimperkasten? Da sollte man eher abends hingehen. Da ist dann was los. Und ins Il Boccone Samstag was essen zu gehen, ist Quatsch. Das macht wirklich keinen Spaß. Zu viele Leute, zu laut. Deine Freundin scheint unkreativ zu sein, wenn ihr nichts ausser dem Il Boccone einfällt. Und, sie sollte auf den Bus oder das Fahrrad umsteigen. Wenn man in Konstanz wohnt und sich ein wenig auskennt, weiß man, was am Wochenende verkehrstechnisch los ist und das die Parkplatzsuche keinen Sinn macht. Wenn deine Freundin hier kaum jemanden kennt, tja, das liegt wohl daran, dass sie nicht viel ausgeht… Und zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Liegt wohl daran, dass Konstanz Konstanz ist… Man kann aber auch was draus machen, um hier ein schönes Leben zu haben.

    • Frau Elise sagt:

      @sahnedrops Ich habe in Konstanz über 30 Jahre lang gelebt, ein wenig kenne ich die Stadt also. Udn so wie beschrieben war es halt eben nun mal an dem Wochenende. Ansonsten ist es keine Geschichte über Konstanz, sondern eine über das Wegziehen und das Woandersankommen.

  6. […] “Konstanz halt” handelt davon, wie es ist, nach längerer Zeit mal wieder in die alte Heimat zurückzukommen. […]

  7. Liebe Elise,

    ohja – dieser Bahnhof ist unterirdisch schlecht, noch immer. Neben der Optik und den Geruchsbelästigungen wurde nun noch vor dem Bahnhof eine “Begegnungszone” eingerichtet, aber auf die spartanische Art, also nicht ordentlich beschildert und umgesetzt, so dass jetzt Menschen mit Kindern, Behinderungen oder einfach nur vorsichtige Menschen beim Überqueren der Bahnhofsstrasse um ihr Leben fürchten müssen. Die Ampel wurde entfernt, sowas kann nur in Konstanz ausgedacht werden. Und im Bahnhof selbst ist man als Mensch mit Kinderwagen total aufgeschmissen.

    Tja, und dann der Weihnachtsmarkt, der ewig gleiche, um den jedes Jahr die völlig überraschende Diskussion entbrennt, ob man mal andere Buden zulassen solle oder den Mix neu gestalten. Das ist so konstanzerisch wie die ständig wiederkehrende Frage, ob das Döbele weiter als Parkraum genutzt werden solle.oder als Wohnraum. Ich bin erst 10 Jahre hier und davon schon sehr genervt. :)

    Vielleicht macht ja der neue OB alles besser? So oder so, es ist hier manchmal schon zum Haareraufen!

    Herzlich, Christine