Rüch dat?

Dezember 18th, 2011 § 5 comments

Ich stehe in einer Sülzer Apotheke und warte auf den Apotheker, der mich gerade bedient. Eine Salbe brauche ich, denn der Mann hat Rücken. “Eine Tube XY bitte” sagte ich zum Apotheker. “Moment, die muss ich holen, ich bin gleich zurück”, sagt der Apotheker und geht nach hinten.

Eine ältere, recht runde Dame betritt die ansonsten leere Apotheke, sie trägt einen pinkfarbenen Anorak, hellblauen Lidschatten, goldenen Nagellack und einen blonden Minipli und ich beschließe, möglichst nicht mehr hinzuschauen. Sie steht nun rechts neben mir. Der Apotheker kommt zurück und bringt das Gel. “Das kühlt super”, sagt er. “Kühlen? Äh, ne, ich brauche eher etwas, das warm macht. Dann war es wohl doch die Salbe von Y”, sage ich. Der Apotheker nimmt die Tube und marschiert wieder in den Hinterraum.

Die Dame neben mir hat mittlerweile die riesigen Parfumflaschen auf der Theke entdeckt, die vor einem Aufsteller aufgebaut sind. Drei Sorten gibt es, eine Flasche ist cremegelb, die andere aprikot, die dritte mintgrün. Die Dame nimmt sich den cremegelben Tester und sprüht sich fünf Mal ausgiebig auf den linken Ärmel. Eine Duftwolke wabert zu mir herüber. Warmgewordenes Zitroneneis, Apfelwaschmittel, Fußschweiß und Hühnerpisse, denke ich, und versuche, mich auf die vor mir auf der Theke stehenden Adventskranz zu konzentrieren. Die Dame beschnuppert ihren Ärmel, nimmt nun die mintfarbene Flasche und sprüht sich sieben Mal ausgiebigst auf den rechten Ärmel. Überreife Birnen, Moschus, Patschuli, schimmlige Himbeermarmelade, volle Babywindeln, Pumakäfig und vermodernde Maus, denke ich, und klammere mich an der Theke fest. Mir ist schwindlig. Die Dame beriecht den neu bedufteten Ärmel, schüttelt den Kopf, nimmt sich die aprikotfarbene Flasche und besprüht sich wieder den rechten Ärmel, diesmal die Unterseite. Matschige Pfirsiche, verdorbenen Erdbeerkuchen, ans Bodenseeufer angespülte faulige Algen, tote Kuh, frittierte Jauche und vier Wochen im Hochsommer in der Sonne stehende Biotonne, denke ich und überlege, ob ich lieber in meine Einkaufstüte oder in meinen Schal kotzen soll.

Der Apotheker kommt zurück, in der Hand nun die Salbe. “Ich hab sie!”, sagt er zu mir und dann zur Wolke der Hölle neben mir: “Ah, Guten Tag, Frau Schmitz!” Er tippt den Preis auf der Kasse ein. “6,49 Euro. Eine Tüte dazu?” – “Danke, nein, geht so, ich stecke sie in meinen Stiefel”, sage ich hechelnd und zerre an meiner Jacke, um irgendwie an Luft zu kommen. Die Dame stellt die aprikotfarbene Flasche zurück, schüttelt wieder den Kopf. Ihre Minipli federt wellenartig nach. “Rüch dat? Isch rüch nix!” sagt sie. Der Apotheker schnuppert in Richtung Dame, stutzt, schnuppert nochmal und dreht sich schwer atmend zu mir zurück. “Einfach drei Mal täglich damit die Füße einreiben und der Fußpilz kommt nie wieder”, japst er. Ich reiche ihm 2o Euro. “Stimmt so”, keuche ich, während ich mich an der Theke festhalte, um nicht umzukippen. Der Apotheker öffnet die Kasse, steckt den Schein hinein, zieht einen 50er und einen 10er raus. “Hier, Ihr Restgeld!”, sagt er und gibt mir die Scheine, bevor er sich in die Kasse übergibt. “Die Füße einreiben? Ich dachte, inhalieren?” röchele ich und übergebe mich nun in die Mitte des Adventskranzes. “Nein, bloß nicht inhalieren! Rühren Sie sich lieber einen Tee damit an, eine halbe Tube auf eine Tasse. Dann schluckweise trinken!” ächzt er, über die Kasse gebeugt zwischen zwei Schwällen. “Ah, super, danke!” krächze ich und sacke zusammen, während ich mir die Salbe in den Pulli stopfe. Bevor ich ohnmächtig werde, höre ich die Dame im Hintergrund aufschreien. “Jetz han isch et! Veilschen! Dat sin Veilschen!”

 

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