April 25, 2012 19

Sülz oder: Toast Hawaii bei Frau G.

By in In Köln, Kurzkurzgeschichten

Als ich den Mann damals kennengelernt hatte und er mir erklärte, er sei gebürtiger Sülzer, dachte ich an gekochte Schweinekopfteile mit ein paar Möhren in Glibber. „Sülz“, erklärter er mir, „Sülz, das ist ein Stadtteil in Köln.“ – „Sülz, wie sich das anhört!“ sagte ich „Da denkt doch jeder an Schweinskopfsülze! Das ist ja fast so schlimm, wie sagen zu müssen, man leben in Darmstadt. Du Armer!“ Wir sprachen erst einmal nicht mehr über Sülz.

Ein paar Monate später brach ich meine Zelte in Konstanz ab, packte alles, was ich besaß, in einen großen LKW und zog um. Nach Sülz. Nur ein paar Straßen weiter von der alten Wohnung des Mannes hatten wir unsere Traumwohnung gefunden: groß, ruhig, super Schnitt, katzentauglich, top Verkehrsanbindung, viel Grün drum herum, große Terrasse, nah zur Firma des Mannes und nah zur Wohnung seiner Eltern. Fragten mich Konstanzer Freunde, wo der Mann und ich künftig zusammen leben würden, hatte ich nun allerdings ein Problem. „Wir ziehen nach Sülz“ klingt nicht unbedingt danach, als hätte man sich einen Ort ausgesucht, für den man nach 38 Jahren am Bodensee alles aufgeben sollte. Meine Freunde seufzten, schüttelten besorgt den Kopf und erklärten mir, wenn ich es da in diesem Sülze nicht aushalten würde, könne ich jederzeit zurückkommen und notfalls auch bei ihnen wohnen. „Nein, nein!“, sagte ich. „Alles in Ordnung. Sülz ist ein Kölner In-Stadtteil, da eröffnet gerade eine Galerie nach der anderen, die Mieten explodieren und wer eine Sülzer Adresse hat, kann damit sein Banken-Scoring um mindestens 25 Prozentpunkte verbessern. Sülz ist super!“ – „Ach so“ sagten dann meine Freunde und: „Na, Du hast ja unsere Nummer, ruf einfach an, wenn es dort nicht gut läuft.“ Als mich ein Kunde fragte, wohin ich ziehen würde, versuchte ich es also mit etwas anderem: „Von der neuen Wohnung sind zu Fuß nur fünf Minuten zum Geißbockheim“, sagte ich. Geißbockheim, Fußball, Poldi – das würde Eindruck machen. „Was, Ihr wohnt bei einem Ziegengehege?!“ rief er entgeistert. Also erklärte ich wenig später meiner Nachbarin auf ihre Frage, wo wir denn wohnen würden: „Ach, wir wohnen am Stadtrand, Richtung Bonn.“ – „ Ach, bei der Hauptstadt! Ja, da haben Sie aber viel Glück gehabt, Bonn ist ja so viel schöner als Köln!“ strahlte sie und war zufrieden.

Mittlerweile lebe ich seit eineinhalb Jahren in Sülz. An den Namen habe ich mich noch immer nicht gewöhnt, aber ich finde, er klingt zumindest deutlich besser als „Nippes“ oder gar „Busenbach“, wo ein Teil meiner Familie her stammt und das ist ja schon mal etwas. Und erzähle ich hier in Köln Leuten, wo ich wohne, ernte ich meist bewundernde Blicke. „Och, Sülz, toll, da ist es doch so schön!“, sagen sie dann. Ich habe mir allerdings abgewöhnt, darauf zu antworten: „Ja, ich mag es auch, wir wohnen ganz hinten am Park, in einer Minute sind wir im Grünen.” Denn meistens lautet die Antwort dann: „Park? Wo ist denn da ein Park?“

Ja, es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich gelernt hatte, dass man in Köln unter dem Adjektiv „schön“ in Zusammenhang mit einer Beschreibung Kölns etwas völlig anderes versteht, als man das am Bodensee tun würde. „Schön“ im Zusammenhang mit einer Beschreibung einer Stadt bedeutet für mich etwas mit liebevoll renovierten mittelalterlichen Häusern mit Geranien auf den Balkonen und Hortensien in den Vorgärten. Es gibt gemütliche Altstadtgassen mit Kopfsteinpflastern und Buchsbäumen in Tontöpfen, die sich die Leute vor ihre blaulackierten Haustüren neben die Holzbank stellen, um dort abends eine Pfeife zu rauchen. Und im Hintergrund ist immer die Weite des Sees mit seinem Alpenpanorama. Postkartenidylle eben. Die mich damals, als ich sie tagtäglich erlebte, genervt hat, die mir aber hier in Köln schnell fehlte. Denn hier ist alles so ganz anders. Köln ist schrecklich hässlich und architektonisch eine Katastrophe, wer einmal rund um den Dom gelaufen ist, weiß, was ich meine. Das ist natürlich vor allem der Historie geschuldet, Köln wurde im Krieg zu über 90 Prozent zerstört und wie soll man in nur wenigen Jahrzehnten aufbauen, was zuvor in Jahrhunderten entstanden war. Das geht nicht. Ich habe mir darum auch schnell abgewöhnt, über die Hässlichkeit dieser Stadt herzuziehen. „Köln ist schön“, damit meinen die Kölner glaube ich: „Wir lieben unsere Stadt vor allem dafür, dass es sie wieder gibt.“ Und nur so kann ich mir auch die übergroße Liebe der Kölner zu ihrem Dom erklären, denn dass dieser vom Bombenhagel verschont geblieben war, während alles, wirklich alles rundherum in Schutt und Asche zerbombt worden war, ist ein Wunder. Wäre auch er zerstört worden, wer weiß, was dann aus der Stadt geworden wäre.

Was Sülz, den Stadtteil, in dem ich lebe, genau ausmacht, weiß ich nicht so genau. Ich finde es hier nicht besonders schön, aber auch nicht aufregend hässlich. Ich mag, dass wir in einer Gehminute im Beethovenpark sind, dass die nächste Bahnhaltestelle in 200 Metern entfernt liegt und dass wir, als Nicht-Autofahrer, eine gute Anbindung den ÖPNV haben. Ich schätze die guten Einkaufsmöglichkeiten in der Sülzburgstraße oder in der Berrenrather und der Luxemburger Straße. Ich liebe unsere Wohnung und bin glücklich darüber, dass die Katzen viel Grün ums Haus herum haben und dass uns die Eichhörnchen auf dem Balkon besuchen. Seit ein paar Wochen habe ich sogar ein Büro in Sülz. Ich mag auch, dass in der Nähe viele wohnen, die wir kennen und mögen und dass ich in Sülz, obwohl ich erst seit kurzem hier lebe, immer mal wieder Bekannten über den Weg laufen.

Als mir das zum ersten Mal passiert war, hatte ich hinterher kurz geweint, so sehr hatte mich das gerührt. In Konstanz, wo ich so lange gelebt habe, traf ich immer und überall Bekannte, da war das ganz normal. Ungeschminkt und verlottert aus dem Haus gehen – unmöglich. In Köln dagegen kannte ich anfangs gerade mal zehn Personen persönlich und das war vielleicht auch das, was für mich an diesem Umzug nach Köln am schwierigsten war: Niemanden mehr auf der Straße treffen, der weiß, wer man ist und was man tut. Doch das hat sich schnell geändert. Mittlerweile treffe ich öfter Bekannte, Leute aus meinem Arbeitsumfeld, Kollegen vom Mann, Nachbarn und in mindestens zwei Kiosken winkt man mir außerdem zu, wenn ich draußen vorbeifahre, sogar Kunden habe ich mittlerweile in Sülz, was mich unwahrscheinlich freut. Und natürlich wohnen hier viele, die ich über Twitter kenne, einer von ihnen war sogar mal mit der kleinen Schwester vom Kindergartenkumpel meines Bruders zusammen.

„Typisch Sülz“ ist für mich vielleicht, dass in der Berrenrather Straße ständig idiotische Autofahrer ihre Autos in zweiter Reihe parken und ich ganz genau weiß, dass ich eines Tages deswegen einen fürchterlichen Fahrradunfall haben werde. Mich nervt, dass in sämtlichen Sülzer Supermarktbäckereien schlechtes Industrie-Backmischung-Brot verkauft wird. Und über die Sache mit den Sülzer Postfilialen habe ich ja schon mal an anderer Stelle berichtet.

In meinem Supermarkt hängt neben der Kasse ein riesiges Sülz-Plakat von einem Kölner Zeichner, das man dort erwerben kann. „Köln-Sülz“ steht in der Mitte in riesigen Lettern zu lesen und man sieht Sülz so, wie er es mit seinen eigenen Augen sieht: Dicke, herumsausende Hunde, rundliche fröhliche Frauen mit Kinderwagen und weiteren Kindern im Schlepptau, ein Regenbogen, der Dom, ein Fahrradfahrer und zwei, drei Katzen, die von Hunden gejagt werden. Auf dem, von mir sehr geschätzten Lokal-Blog Sülz-Köln.de wurde das Plakat vor ein paar Tagen kritisiert: das habe mit Sülz nicht viel zu tun, es gäbe viele andere Dinge, die viel typischer für den Stadtteil wären. Und auch dass Sülz immer wieder mal gerne als das „Prenzlauberberg Kölns“ bezeichnet werde, weil die Geburtenrate hier recht hoch ist, sei nicht ganz richtig, denn die sei an anderen Orten auch hoch. Ich sehe das ähnlich, ich finde das Plakat hübsch, aber ein wenig beliebig. Was dann allerdings wirklich komisch war, war die Reaktion, die die Kritik hervorrief: In einem anderem Blog reagierte man ziemlich empfindlich, vermutlich, weil man mit dem Künstler befreundet ist, vielleicht aber auch aus anderen Gründen. Wütend wurde nämlich mit einer Demonstration (!) durch Sülz gegen das Sülz-Portal gedroht. Leider wurde die Demo nach einem halben Tag wieder abgeblasen, stattdessen will man nun aber immerhin einen offenen Brief veröffentlichen, um darin zu erklären, dass man die Kritik doof fand. Sülz, das ist eben ein bisschen wie eine Kleinstadt mit all ihren kleinen Streitereien und Skandälchen. Herrlich.

Als mir der Mann damals erzählte, dass er gebürtiger Sülzer sei, hatte er mir übrigens auch einen Zeitungsartikel aus dem Kölner Stadtanzeiger in die Hand gedrückt. Er heißt „Der Affe auf dem Dach” und darin steht unter anderem das hier:

 

“In den 15 Jahren, die ich nun schon hier lebe, ist mir meine Arnulfstraße ans Herz gewachsen. Warum? Weil sie mir die Angst vor der Einsamkeit in der Großstadt genommen hat. Wer wie ich in einem 800-Einwohner-Dorf im hessischen Hinterland aufgewachsen ist, weiß bestimmt, wovon ich spreche. Anonymität ist auf Dauer nichts für mich. Ich brauche den Austausch mit Freunden und Nachbarn, und sei es nur für einen kurzen Plausch auf der Straße.

Heute hab ich frei, und bei dem Wetter hält mich auch nichts in der Wohnung. Kaum habe ich die Tür abgeschlossen, steht auch schon Frau G. mit einem Teller frisch gebackenem Apfelkuchen vor mir. Es gibt wenige Dinge, für die ich Straftaten begehen würde, Apfelkuchen gehört definitiv dazu. Ich bedanke mich höflich und entschuldige mich für die laute Musik. „An sich mag ich solche Sachen ja nicht“, strahlt mich Frau G. an, „aber was Sie da hören, gefällt mir richtig gut.“ Wer hat eigentlich behauptet, dass nur junge Leute Punkmusik mögen?

 

Und wenn ich auch nicht genau sagen kann, wie Sülz für mich so ist,  am ehesten ist es das, was der Autor hier beschreibt: Sülz, das ist ein bisschen Nestwärme.

Frau G. ist übrigens ab August meine Schwiegermutter. Und weil in dieser Woche der (und bald mein) Mann nicht daheim ist, hat sie mich heute Abend zum Abendbrot eingeladen, damit ich nicht die ganze Woche alleine daheim essen muss. Es gibt Toast Hawaii.

 

………………………………….

Nachtrag, 26.4.: Der Artikel wurde heute auch im Sülzer Online-Magazin “Sülz-Koeln.de – Veedelsblog für Sülz und Klettenberg” veröffentlicht.

 

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19 Responses to “Sülz oder: Toast Hawaii bei Frau G.”

  1. Die @Frau_Elise bloggt über den Teil von #Köln, den ich meine Heimat nenne und an den ich mein Herz verloren hab http://t.co/oMIsVcax #Sülz

  2. Trotzendorff sagt:

    Lange habe ich keinen Text über Köln mehr so gerne gelesen. Danke! Kurz musste ich schlucken, als ich das mit dem See und dem Alpenpanorama las, aber dann merkte ich, dass Du da schon wieder am Bodensee warst und nicht mehr in Köln. Für Bruchteile von Sekunden sah ich mich schon auf gepackten Umzugskisten sitzen, auf dem Weg nach Sülz. Und das, obwohl ich Nippes trotz des lustigen Namens, der es auf manche Rangliste geschafft hat, so schnell nicht mehr verlassen möchte. Eine Anmerkung aber vielleicht doch, denn ich glaube, Köln hat in einem Fall ein wenig Ehrenrettung verdient: Diese Stadt ist nicht schön, das ist sicher richtig, und es gibt auch nur wenige Kölner, die das bestreiten, ganz gleich, wie sehr sie ihre Stadt lieben. Nicht richtig aber finde ich anzunehmen, das läge an der (Nachkriegs)Architektur. Sicherlich gibt es auch da einige Bauten, die nicht hätten sein müssen, aber gerade in Köln gibt es auf der anderen Seite auch einige Prachtexemplare aus dieser Zeit. Das Hässliche dieser Stadt liegt leider an anderen Dingen, an der fehlgeleiteten Verkehrsplanung etwa, den Baustellen, und vor allem: am Dreck. Köln ist, pardon, eine der schmutzigsten Großstädte in Deutschland, was nicht nur auf der Straße, sondern auch und vor allem an Gebäuden sichtbar wird. Und dadurch wird selbst großartige Architektur schlicht entstellt. Und: Ich würde den von Dir zitierten Satz gerne ein wenig umformulieren. Mit “Köln ist schön” meinen die Kölner eigentlich: “Wir lieben unsere Stadt vor allem dafür, dass wir hier wohnen.” ;-)

  3. Kiki sagt:

    Ganz zauberhaft, danke! Ich habe Verwandte 2. Grades im Sülzgürtel wohnen, aber war nie dort. Jetzt kann ich mir ein Bild machen. :)

    • Frau Elise sagt:

      @Kiki irgendwo wurde in den letzten zwei, drei Wochen im Stadtanzeiger ein Artikel über Sülz veröffentlicht, der beschreibt das vielleicht noch besser. Ich hab den den nur gestern nicht gefunden – wenn ich ihn habe, verlinke ich ihn aber noch :)

  4. kluelz sagt:

    Jaha, das mit der Demo hat mich tatsächlich eine schlaflose Stunde gekostet. Weil ich musste beim Einschlafen immer an die Demo einer vermutlich einzelnen Person denken, die da im Sprechchor “suelz-koeln.de ist doof”, “kluelz ist oberdoof”, “nieder mit suelz-koeln.de” oder so auf der Sülzburgstraße vor sich hin protestiert und dann laut losprusten vor Lachen. So schläft man natürlich schwer ein.

    • Frau Elise sagt:

      @kluelz Was ich an der ganzen Sache nicht verstehe: Er muss doch merken, dass das jeder mitbekommt, auch das, was er da bei Twitter macht – das kann doch nicht sein, dass jemand so in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden möchte? Sagt ihm das denn niemand, dass er sich damit selber schadet? Schwierig. Und auch traurig.

      • Estezeh sagt:

        Ich glaube, der arme Mann ist sehr, sehr einsam und sehr, sehr froh, wenn ihn überhaupt jemand wahrnimmt. Schade, es gibt doch auch für solche Menschen viele schöne, sinnvolle Freizeitbeschäftigungen.

  5. Johannes sagt:

    Och, Sülz, toll, da ist es doch so schön!

    :)

    (Ich durfte ein paar Monate in der Berrenrather arbeiten, bevor die Firma umgezogen ist. Die paar Monate reichten, dass ich nun neben der Südstadt noch ein zweites Lieblingsveedel habe.)

  6. Köln Sülz, wunderbar beschrieben von @Frau_Elise: http://t.co/Ec3TOgYJ

  7. Frau Elise sagt:

    @Trotzendorff: Nein, nein, ich bin die ganze Zeit in Köln gewesen – vor eineinhalb Jahren bin ich vom See hergezogen und auch seitdem hier geblieben :) Und was die Stadt angeht: ich glaube, die Kölner sind durch ihre Geschichte einfach unwahrscheinlich pragmatisch geworden – Hauptsache, es geht voran. Vermutlich auch daher der ganze Dreck in der Stadt….

  8. Lakritze sagt:

    Oh, wie schön, diese Liebeserklärung an eine Heimat! Ich habe in Köln gelernt, daß es kein »igitt« gibt, kein »wie schrecklich« und kein»da will ich nicht tot überm Zaun hängen«, sondern nur »man musset möögen!« Und wenn man’s dann mag, dann wohl richtig.

  9. Estezeh sagt:

    Ganz wunder-wunder-wunderbarer Artikel!

  10. […] Daniela Warndorf: Sülz oder: Toast Hawaii bei Frau G.* […]

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