Die anderen

Mai 21st, 2012 § 1 comment

Und irgendwann im Februar waren sie einfach weg, die Mitarbeiter der Agentur im Haus am anderen Ende des Gartens. Ein paar Tage schon war mir aufgefallen, dass morgens dort kein Licht mehr brannte und irgendwann, als ich genauer hin sah, sah ich es: Die Räume waren leer. „Die sind nach München gezogen“, sagte der Mann. „Stand bei DWDL. Die produzieren Filme für die Industrie.” – “Ach” sagte ich. Monatelang hatte ich gerätselt und spekuliert, was sie da drüben taten. Filmproduktion also. Und nun waren sie weg und sie fehlten mir. Als wir neu in die Wohnung eingezogen waren, arbeitete ich in den ersten Monaten ausschließlich unten im Büro im Erdgeschoss. Und mehrfach am Tag hatte ich immer wieder quer durch den Garten zu ihnen hinüber geschaut und mir überlegt, was sie da taten, wenn sie mit ihren dunklen Pullovern bedeutsam Dinge durch die Räume trugen. Was mit Filmen war es also gewesen. Oft hatte ich mir vorgestellt, ich müsste nur durch den Garten zu ihnen hinüberlaufen, in der Hand wie sie wichtige Dinge haltend, die sie dort drüben dringend brauchen würden, Texte oder Pressemeldungen vielleicht, denn jede Agentur braucht Texte und Pressemeldungen. Ich würde durch die beiden Gärten laufen und natürlich wäre im Zaun zwischen unserem und ihrem Garten ein Tor, das man öffnen könnte. Ich würde dann unten an der Terrassentür klopfen, der ältere Mann würde mir aufmachen, ich würde ihm die wichtige Dinge in die Hand drücken und dann würden wir noch ein paar nette Worte miteinander wechseln. Vielleicht etwas zu den Eichhörnchen im Garten oder über unseren gemeinsamen Nachbarn, Doktor Socke, der gerade mit den anderen Nachbarn Streit wegen der in seinen Garten hineinragenden Äste hatte. Dann würde ich wieder durch den Garten hindurch zurück in mein Büro laufen, um dort weiterzuarbeiten. Wenn er abends um 16 Uhr die Rolläden schließen würde, würden wir uns quer durch den Garten hindurch kurz zuwinken. Tschüss, bis morgen! Doch nun waren sie einfach weg und ich fühlte mich, als hätte ich auf einen  Schlag alle meine Kollegen verloren. Kollegen, mit denen ich nie ein Wort gesprochen hatte und die ich gar nicht kannte. Es waren gute Kollegen gewesen.

Ein paar Wochen lang tat sich nichts im Haus. Die Rolläden zur Terrasse hin waren geschlossen, das Licht blieb aus, niemand war zu sehen. Im März kamen die Handwerker. Sie strichen tagelang, dann setzten sie neue Fenster ein und bauten an die Terrasse eine kleine Treppe. Im April kamen die Gärtner. Sie fällten drei Bäume, sägten tagelang die Baumstämme auseinander und häkselten die Äste, dann rissen sie ein Großteil des Gestrüpps am Gartenzaun heraus, das unsere Katzen bis dahin als Katzenklo benutzt hatten. Und dann setzten sie in die freien Stellen am Zaun Thuja. Thuja! Mir schwante Böses. Thuja, das ist so ungefähr der Baumarktbesuch unter den Hecken. Fieses graugrüne, schwartig-fisselige Blätter, darunter unangenehmes Reisig und das alles in einer lächerlichen Zipfelform, zumindest in den ersten zehn bis zwanzig Jahren, bis die Hecke ein bisschen gewachsen ist und in Form gestutzt werden kann. Sogar Doktor Socke hatte es fertig gebracht, ordentlichen Kirschlorbeer zwischen unsere Grundstücke zu pflanzen. Der war zwar nun mit seinen sechs Metern ein wenig höher als die erlaubte deutsche 3-Meter-Hecke, aber immerhin hatte das Ding schöne grüne Blätter. Thuja dagegen ist die hässlichste Pflanze der Welt und noch schlimmer ist eigentlich nur noch Weißfilziges Greiskraut.

Und im Mai dann kamen sie: Die Neuen. Ein Paar, ungefähr Ende 30 und zwei Kinder. In den Raum zur Terrasse hin, in dem zuvor der ältere Mann sein Büro hatte, kam ein Kinderzimmer, in den Raum darüber das Wohnzimmer. Was in den anderen Zimmern ist, kann man von uns aus nicht sehen. Natürlich habe ich bisher noch nie mit den Neuen geredet, geschweige denn, ihnen jemals vom Büro oder vom Balkon aus zugewunken. Aber ich beobachte sie, so gut ich es durch die mittlerweile wieder stark belaubten Bäume eben kann. Was ja auch gar nicht anders geht, denn sie leben dort drüben wie auf einer kleinen Bühne, während ich hier am Eßplatz und auf dem Balkon wie in einer Loge sitze, ganz unwillkürlich muss man da ja dauernd nach drüben gucken. Neue Vorhänge haben wir jetzt aufgehängt am Eßplatz. Und ein Rollo am Küchenfenster. Auch im Erdgeschoss halten wir die Vorhänge tags nun meist geschlossen. Man weiß ja nie, nachher gucken die noch dauend von ihrem Wohnzimmer aus bei zu uns ins Büro oder ins Schlafzimmer, die Spanner.

Der Mann der Neuen könnte vielleicht Unternehmensberater sein. Morgens rennt er oft blütenweißen Hemd mit Bügelfaltenstoffhose über den Balkon, mit der einen Hand das Handy ans Ohr haltend, mit der anderen weit gestikulierend. Die Frau dagegen ist garantiert Mitarbeiterin im Bioladen, da bin ich mir ganz sicher. Woher ich das weiß? Na bei der Frisur!  Aber sie arbeitet nur zwei Tage in der Woche, denn oft sitzt sie morgens auf der Terrasse und trinkt da Kaffee. Abends und an den Wochenenden läuft er in seiner Freizeitbekleidung von Land`s End durch den Garten und guckt, ob das Gras wächst. Die Kinder dagegen tragen niedliche blauweiße Ringelshirts und bunte Kleidchen, manchmal glaube ich, ich wohne mitten in Berlin Prenzlauerberg und ich bin mir sicher, die haben Sachen von Manufactum in der Küche stehen. Nicht, dass wir das nicht auch hätten, aber LOHAS, nein, das sind wir doch nicht. Das mit der Biokiste machen wir ja auch nur aus praktischen Gründen.

Eine Holzschaukel haben die Neuen gebaut, für die Kinder. Das Ding steht vor den neuen Thuja-Pflanzen, also genau da, wo ich mir immer mein Gartentor hingeträumt hatte. Und mit dieser Schaukel gibt es ein Problem: Schaukelt eines der Nachbarkinder darauf, knarzt sie wie ein alter Truthahn. In den ersten Wochen zumindest, denn jetzt, wo es draußen wieder richtig warm ist, wird die Schaukel kaum mehr benutzt. Das liegt wohl daran, dass die Kinder bei Temperaturen unter 30 Grad prinzipiell nur mit dicken Jacken und Mützen im Garten spielen und die Juteseile der Schaukel kratzen eben so auf der Haut, wenn sie nicht durch dicke Textilien geschützt ist. Bis dahin hatte ich mir bereits einige Male vorgestellt, wie ich irgendwann rüber zum Zaun laufe und den Nachbarn eine Dose biodynamisches Fairtrade-Kokoswachs zum Wachsen der Schaukel hinüberreiche. Doch ich habe es gelassen. Wichtige Dinge wollte ich hinübertragen, aber doch kein biodynamisches Fairtrade-Kokoswachs. Das wäre nämlich unter meiner Würde.

 

(p.s. das ist eine: geschichte)

§ One Response to Die anderen

  • [...] Familie ist und herzliche Gefühle für den Kölner Stadtteil Sülz, in dem ich lebe und eine Begegnung mit neuen Nachbarn. Außerdem die Entdeckung einer großen neuen Liebe: Zur Wolle nämlich. Im Juni viele großartige [...]