In der Eisenbahnstraße

Manchmal gucke ich mir Fotos von früher an. Früher, das ist in diesem Fall vor drei Jahren und damals war alles noch so völlig anders als es jetzt ist, denn damals kannte ich den Mann noch nicht und ich lebte am Ende der Welt in einer winzigen Wohnung und war der festen Überzeugung, auch an diesem Ende der Welt alleine alt werden zu müssen. Und das vermutlich sogar in dieser winzigen Wohnung.

Die winzige Wohnung lag genau in der Mitte der Stadt, in der ich damals lebte. In wenigen Minuten war man in der Altstadt, am See, in meinem Büro oder im Supermarkt, in dem sich die Enddreissiger der Stadt abends trafen, wenn sie noch jemanden zum Reden suchten, denn Ausgehmöglichkeiten für Single-Enddreissiger in dieser Stadt sind so gut wie nicht vorhanden. Ich war oft damals im Supermarkt und vermutlich hat das nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ich, wie gestern beschrieben, um die 60 Hosen besitze, denn wer häufig in den Supermarkt geht, der kauft auch häufig ein und wer häufig einkauft, der isst auch viel und vielleicht mehr, als er es vielleicht tun sollte und wer viel isst, nimmt eben auch zu und dann irgendwann mal wieder ab. Und dann braucht man halt entsprechend viele Hosen, damit man beim nächsten Supermarktbesuch was zum Anziehen hat.

Die winzige Wohnung hatte einen sagenhaft günstigen Mietpreis, von dem andere in dieser Stadt nur träumen können, denn die Mieten in dieser Stadt am Ende der Welt sind so hoch wie die in München, Paris oder London. 45 Quadratmeter war die Wohnung groß und dafür bezahlte ich 380 Euro warm inklusive Treppenputzservice und das und die gute Lage waren der Grund, warum ich mich für diese Wohnung entschieden hatte. Dafür waren da dann aber auch die beigen Fließen in der Küche und die kackbraunen Fließen im Bad mit dem gesprungenen Waschbecken aus den 80ern, die fünf verschiedenen Fußbodenvarianten auf drei verschiedenen Höhen, die immer breiter werdenden Risse im Flur, der immer wieder kommende Schimmel an der Küchendecke und die Rollläden nach hinten raus, die man nicht mehr schließen konnte. Überhaupt war die Wohnung in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand, als ich dort einzog. Und dann war da noch die Eisenbahn, die alle 20 Minuten an meiner Wohnung vorbeiraste. Also nicht direkt an der Wohnung, denn zwischen der Eisenbahn und meiner Wohnung gab es noch eine kleine Straße und ein schmales Band Schrebergarten. Man soll nicht glauben, dass am anderen Ende der Welt nicht viel Verkehr herrscht – zwischen fünf Uhr morgens und halb zwei Uhr nachts raste ein Zug nach dem anderen an meiner winzigen Wohung vorbei, nachts im Stundentakt, tags alle 20 bis 30 Minuten. So laut, dass eine Unterhaltung unmöglich war und so schnell, dass im Küchenschrank die Gläser wackelten und so schwer, dass die Risse in der Wand im Flur nur immer noch breiter wurde.

Die Wohnung hatte ein weiteres Problem: Sie lag im Ergeschoss und Wohn- und Schlafzimmer lagen nach vorne raus und somit zur Straße hin. Und diese Straße war zwar eine Sackgasse, führte aber direkt zur großen Brücke über den Fluß, in den 100 Meter von meiner kleinen Wohnung entfernt der See für ein paar Kilometer mündete, um ein paar Kilometer weiter hinten in einen neuen Teil des Sees zu fließen. In der Nähe gab es einige Studentenwohnheime und das hieß: All die Studenten, die dort wohnten und nachts aus waren, liefen oder fuhren nur wenige Meter von meinem Bett entfernt vorbei, um nach Hause zu kommen. Und weil es unter meinem Schlafzimmerfenster wohl ganz besonders schön war, blieben sie dort stehen, um sich über den WG-Abwasch, die fehlenden Unterlagen im Semesterapparat oder irgendwelche Sportstudentinnen zu streiten. Dinge, die man eben nachts um zwei Uhr so besprechen muss. Einige Paare trennten sich außerdem unter meinem Fenster und zwei von ihnen hatten dort Sex. Telefoniert wurde auch gerne unter meinem Fenster, mit den Eltern, den Sportstudentinnen, dem Ex oder dem Pizzaservice und so brüllte ich manchmal gegen drei Uhr nachts Dinge wie “Die Nummer 67 schmeckt nicht, nimm lieber die 69 mit Salami” oder warf Kondome zwischen den Schlitzen meines Fensterladens nach draußen. Und manchmal spritzte ich mit der Blumenspritze eiskaltes Wasser hinaus, natürlich immer, ohne Licht anzumachen und auch nur im Winter, ich bin ja nicht bescheuert. Waren die Studenten endlich alle daheim, kam um halb fünf Uhr die Zeitungsausträgerin mit dem Lokalblatt, den sie meinen Nachbarn in die Briefkästen stopfte, natürlich mit extra lautem Klappern, damit die Nachbarn mitbekamen, dass die Zeitung nun da war. Was sie nicht wusste: Dass bis auf den Algerier im dritten Stock alle meine Nachbarn jenseits der 70 und so schwerhörig waren, dass sie weder die Bahn, noch die Studenten und geschweige denn das Klappern dier Briefkästen hätten hören können. Nur ich, die ich im Erdgeschoss wohnte, bekam das alles mit. War die Zeitungsfrau dann endlich weg, hatte ich für gut eine Stunde Ruhe, eben bis Frau B., die im Stock über mir wohnte, aufstand, um gemeinsam mit ihrem inkontinenten Berner Sennenhund Benny, der immer ins Treppenhaus pinkelte, Morgengymnastik zu machen. Und ich könnte schwören, statt Armschwingen und Kniebeugen bestanden die Übungen aus Kegeln mit Hinkelsteinen, mit Bundeswehrstiefeln-Polonaise-durch-die-Wohnung-trampeln und Auf-dem-Boden-Herumkollern. So genau weiß ich es aber nicht und ich habe mich auch bis auf ein einziges Mal nie darüber beschwert, denn Frau B. lebte alleine und vermutlich hatte sie das 30 Jahre zuvor auch schon getan, in dieser Wohnung, genau wie ich ja auch.

Nebenan wohnte Frau G, sie war Mitte 80 und eine richtige Dame. Ihr Mann hatte ein größeres Unternehmen in der Stadt geleitet, war aber mit Mitte 60 schon gestorben, die Kinder lebten in anderen Städten. Ab und an brachte ich ihr Altglas weg, Wiener-Würstchen-Gläser und Piccoloflaschen, Frau G. war eben elegant. Als ich kurz nach meinem Einzug eine Einweihungsparty machte und bei ihr klingelte, um Bescheid zu geben, da sagte sie, man könne gar nicht genug feiern und wir sollten es uns gut gehen lassen, keine Sorge, das würde sie nicht stören. Sie starb dann irgendwann und dann zog dort ein alleinstehender Mann ein. So um die 50 war er und in den zwei Jahren, in denen wir Tür an Tür lebten, habe ich ihn genau ein einziges Mal gesehen. Dafür klingelte sein Bruder ab und an bei mir, mit klebrigen Haaren und schmuddeligen Klamotten, ob ich denn wisse, was mit seinem Bruder sei, der habe sich seit Tagen nicht mehr auf seine Anrufe hin zurückgemeldet. Nein, ich wisse nichts, sagte ich. Dass er, als wir uns im Treppenhaus einander über den Weg gelaufen waren, zwei Tüten mit scheppernden Bierflaschen trug und es aus seiner Wohnung ganz furchtbar nach Alkohol gerochen hatte, das ließ ich unerwähnt. Ja, das Haus, das hatte seine besseren Zeiten lange hinter sich.

In den 50ern war es gebaut worden, damals, als Wohnraum dringend benötigt wurde und das Baumaterial knapp war. Irgenwelchen Bauschutt hatten sie damals verbaut und Zeug, das beim Bau der Bahngleise übrig geblieben war. Die Decken waren hohl und mit Stroh gefüllt und das eine Mal, als ich mich doch wegen des Morgengymnastiklärms beschweren wollte, tat ich dies mit einem Besenstiel, mit dem ich an die Decke schlug. Ein einziges Mal nur, und ein 10cm breites und 20cm tiefes Loch, aus dem das Stroh rieselte, war das Ergebnis. Ein kleines Wohnzimmer, ein noch kleineres Schlafzimmer und eine große Wohnküche, in der Platz für eine Eckbank war und ein winziges Bad mit Badewanne, so baute man damals Wohnungen, die für zwei Personen bestimmt waren. Und in diesen Wohnungen lebten oft mehr als nur zwei Personen, auch zu der Zeit, als ich dort lebte. Als ich später den Mann kennengelernt hatte und ab und an in Köln war, versorgte ein Mädchen aus der Nachbarschaft meine Katzen. Andrea hieß sie und sie war ungefähr 22 und seit Jahren erfolglos auf der Suche nach einer Lehrstelle. Andrea lebte mit ihrer Mutter, zwei Brüdern, zwei riesigen schwarzen Hunden und drei Katzen zwei Häuser weiter in der Reihe, in einer Wohnung, die exakt so groß war wie meine winzige Wohnung. Pro Füttern zahlte ich ihr 5 Euro und ich hoffe, sie hat es sich ab und an, wenn ich weg war, bei mir daheim vorm Fernseher gemütlich gemacht, um mal ein paar Stunden Ruhe zu haben.

Einige Male musste nachts der Notarzt kommen wegen Herrn M. im vierten Stock. Herr M. war mit Frau M. verheiratet und mit Frau M. hatte ich lange Jahre unangenehme Diskussionen, weil sie immer Essenreste aus dem Küchenfenster warf. Wurst, Nudeln, Käse und belegte Brote zum Beispiel. Für Benny sei das, schrie sie dann aus dem vierten Stock mit ihrer gellenden Stimme. Nur dass Benny, der inkontinente Hund von Frau B., da schon nicht mehr lebte, denn Frau B. hatte ihn einschläfern lassen müssen, so dass unter meinem Fenster eine hübsche Sammlung Lebensmittel lag. Eines Tages brachte mein Kater eine lebende Ratte durch die Katzenleiter in die Küche, die er dann nach einer wilden Schlacht dort erledigte. Da sind Ratten und Sie füttern sie, schrie ich also ab und an zurück, aber Frau M. glaubte mir nicht, krakelte lauthals herum und warf weiter Essen herunter, bis ich eines Tages das vergammelte Zeug einsammelte und es in ihren Briefkasten stopfte. Herr M. dagegen war deutlich sympathischer, er grüßte immer nett im Treppenhaus und irgendwann gab er mir zu verstehen, dass er das mit dem Essen auch nicht so toll fand, aber dass er dagegen auch nicht viel tun könne, denn mit seiner Frau solle man sich lieber nicht anlegen. Als Herr M. jünger gewesen war, war er Radrennfahrer. Mit dem Radeln war aber schon lange Schluss und so beschränkte er sich darauf, ab und an seinen zwei alten Rennrädern, die unbenutzt im Fahrradständer im Hof standen, herumzuschrauben. Ein Auto hatten sie, das sie auch noch fuhren. Unglücklichweise war der Parkplatz etwas weiter hinten im Innenhof und zwar genau da, wo die Kinder immer Fußball spielten. Und so verband Frau M. das Herunterwerfen der Lebensmittel mit einem Anbrüllen der fussballspielenden Kids, so dass ich praktischerweise in meiner Küche im Erdgeschoss somit darüber informiert wurde, dass nun gleich wieder eine Ladung Lebensmittel unter meinem Fenster landen würde. Ich wartete dann immer noch ein paar  Minuten, ging dann raus und konnte in Ruhe das Zeug einsammeln. Ja, wir waren irgendwann fast so etwas wie ein eingespieltes Team.

Gemeinsam mit ihrem Mann ging sie auch im Supermarkt, in dem sich die Enddreissiger der Stadt abends trafen, zum Einkaufen und oft genug habe ich sie dort getroffen – er grüsste freundlich, sie guckte weg. Dann kam nach einer dieser Notarztnächte Herr M. nicht mehr nach Hause zurück. Irgendwann sprach ich sie im Supermarkt einfach mal an, grüsste und als sie überrascht zurückgrüsste, fragte ich sie einfach, wie es denn so ginge. Ja, es müsse halt, was solle sie machen, 53 Jahre seien sie verheiratet gewesen, sagte sie. Und: Schön, dass Sie nachfragen, wie gehts Ihnen denn so und was machen Sie eigentlich beruflich? Seitdem hielten wir ab und an im Supermarkt, in dem sich die Enddreissiger der Stadt abends treffen, ein kleines Schwätzchen. Lebensmittel hat sie keine mehr aus dem Haus geworfen.

Dann kam der September, in dem ich auszog, um künftig in Köln mit dem Mann zusammen zu leben. Eine phantastische Wohnung hatten wir gefunden. Eine, in der alles neu gemacht worden war, schicke Fließen im Bad, schöne Eichenholzböden, eine funkelnagelneue Waschmachine, die nicht dauernd auslief, viel Platz, alles frisch renoviert und sowas eben. In der Woche, in der es los ging, bin ich nochmal zu den beidne Frauen hoch gegangen und habe mich verabschiedet. “Alles Gute und ich drücke die Daumen, dass alles gut geht, Sie werden mir fehlen.”, sagte Frau B. Und Frau M. sagte: “Schade, dass Sie weggehen, wer weiß, wer da nach Ihnen einzieht. Eigentlich hatten wir es all die Jahre nett hier im Haus, ich habe hier jedenfalls immer gerne gelebt.” – “Ich auch”, sagte ich und meinte es auch so.

11 Kommentare

  1. Pingback: e13.de » Link(s) vom 3. Juli 2012

  2. Bin zufällig hier reingestolpert und habe mich festgelesen.
    Hatte ein bißchen ein Déja-vu. ^^ Solche schnuckeligen ;) alteingesessenen Hausgemeinschaften gibt es vermutlich in jeder Kleinstadt. Jedenfalls sehr gerne gelesen.

  3. Pingback: Geschichten über Köln, Konstanz und die Sache mit der Heimat » einsneunsiebenzwei

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