August 18, 2012 7

Sauce und Käse

By in In Köln, Kurzkurzgeschichten

Wie unterschiedlich das Rheinland und Süddeutschland sind, merkt man vor allem beim Kochen. “Heute Abend gibt es Pute mit Kohlrabi”, sagte der Mann gestern Abend zu mir. Und dann sagte er die magischen Worte: “Ich koche!” Ich liebe es, wenn der Mann kocht und noch mehr liebe ich es, auf dem Küchensofa hinter ihm zu sitzen und schlaue Kommentare zu seiner Kocherei abzugeben. Denn der Mann ist Kölner und Kölner kochen so ganz anders als wir da unten am Bodensee. Kölner lieben nämlich Saucen und die gibt es in Mengen zum Fleisch, zum Fisch, zum Gemüse, zu Nudeln und vor allem zu Kartoffeln. Essen ohne Sauce, das ist wie Köln ohne Dom und kann daher einfach nicht sein. Sobald sich also in irgendeiner Pfanne beim Braten etwas Bratensatz angesammelt hat, wird der Mann also nervös, denn daraus kann man doch noch eine tolle Sauce machen! Den Bratensatz findet er meistens, wenn er gerade das Gericht auf den Tellern verteilt hat und ich mit dem Essen anfangen möchte. Aber nein, zack, schon geht es wieder los: Der Bratensatz, und sei es auch noch so wenig, wird “noch schnell” mit Brühe, Butter, Wein, Bier, Zwiebeln und allem, was sich in Reichweite befindet, zu mindestens einem Liter Sauce verlängert und wenn es auch nur Milch ist – Hauptsache, es gibt viel leckere Sauce! Pfeffer, rein, Senf dazu, noch ein bisschen Zimt und Kakao und ein Spritzer Zitrone! Und während ich derweil ungeduldig am Tisch sitze, einen Teller leckerer Sachen vor mir, rührt der Mann in den Töpfen und Pfannen und hat dabei diesen irren Blick in den Augen.

Am Bodensee isst man schon auch mal Sauce, aber die heißt dann Bolognese oder Casimir und ist fester Bestandteil des Gerichts. Denn was in Köln die Sauce ist, ist am Bodensee der Käse. Der Bodensee ist nämlich so etwas wie ein Käseparadies und darum muss Käse in fast jedes Gericht oder es wird damit überbacken oder bestreut, am besten aber alles davon und dann nennt es sich Überbackene Kässpätzle mit Parmesan und hat pro Portion ungefähr 8000 Kalorien. “Überbacke es mit Käse und es ist wie nie neu”, sagt man da unten und das meint man auch so, alles, was vom Vortag übrig ist, wird einfach nochmal überbacken – die Spätzle, Kartoffeln, Pfannkuchen, Nudeln, Maultaschen oder Fleisch und sogar Suppen. Wenn man es traditionell mag, nimmt man dazu den Käse aus dem Allgäu, Emmentaler, Lindenthaler oder Bergkäse. Letzteren gibt es auch aus dem österreichischen Vorarlberg und schmeckt ein bisschen deftiger als der aus dem Allgäu. Wer sich modern und weltoffen gibt, isst Käse aus der Schweiz, Raclette, Gruyere oder Appenzeller zum Beispiel. Ein bisschen weiter weg ist Frankreich und da gibt es herrlichen Ziegenkäse und Weichkäse und wer es mediterran liebt, kauft sich am Wochenende in Mailand Grana Padano oder Parmiggiano, um ihn beim Pasta-Essen mit Freunden mit dramatischer Gestik über seine Nudeln oder seinen Caesar Salad zu reiben, aber das sind dann eher die Leute, die auch ein Meter lange Pfeffermühlen auf dem Tisch stehen haben. Überhaupt Pfeffermühlen, ich hatte vor Jahren mal einen Flirt mit einem Herrn, der mir bei unserem ersten Date – wir aßen mit Käse überbackene Schnitzel – von seiner elektrischen Pfeffermühle vorschwärmte, weil so etwas am Bodensee eben ein Statussymbol ist, aber das ist eine andere Geschichte.

“Was hast Du denn, auch in Köln lieben wir den Käse!”, sagte der Mann neulich und zeigte mir am Käseregal im Supermarkt Gouda am Stiel. “Käse am Stiel? Die spinnen, die Kölner”, sagte ich. “Aber hier, guck, in jeder Kneipe gibt es Röggelchen und da ist Käse drauf, das ist kölsche Kultur!”, sagte der Mann abends im “Sölzer Klaaf”, wo wir noch ein Kölsch trinken waren. Ich bestellte eines von diesen Dingern und staunte: Der Käse war gute fünf Millimeter dick und lag auf einem rabenschwarz gebackenem Brötchen, das mit dick Senf bestrichen war. “Hm”, sagte ich, strich den Senf vom Käse, aß ihn und stopfte das verbrannte Brötchen heimlich in die Erde des hinter mir stehenden Gummibaums. “Esst Ihr hier auch anderen Käse?”, fragte ich ihn dann. “Ja, Old Amsterdam, das ist alter Gouda, und dann Maigouda, das ist junger Gouda. Und gebackenen Camenbert mit frittierter Petersilie.” “Hm”, sagte ich.  “Ich esse auch gerne Cheddar”, versuchte es der Mann dann. “Ich liebe Dich”, sagte ich und bestellte mir noch ein Kölsch.

“Ich koche”, sagte der Mann also gestern Abend, schälte den Kohlrabi, schnitt ihn in Streifen und legte ihn in einen Topf mit heißem Salzwasser. “Es gibt Putenschnitzel mit Kohlrabi in weißer Sauce”, sagte er. “Lecker!” sagte ich vom Küchensofa aus und: “Aber vielleicht nicht so flüssig diesmal den Kohlrabi” und meinte: Mach nicht so viel Sauce. “Nicht so flüssig? Ja gut, mach ich, mein Schatz”, sagte der Mann, erhitzte Öl in der Pfanne und briet die Putenschnitzel. “Essen!” rief er dann und stellte die Pfanne mit dem Fleisch auf den Tisch. “Setz Dich und verteil schon mal die Schnitzel, ich muss noch kurz…” sagte er, ging zum Herd zurück und begann wie wild im Kohlrabitopf herumzurühren, während eine weiße Puderwolke aus dem Topf heraufstieg, um ihn und den Herd in sich zu verschlingen. “Was…?” fragte ich. “Gleich! Wart!” rief der Mann und fuchtelte mit einem Mehlsieb in der Hand herum. “Aber…!?” – “Waaart, gleich!! Nur die Sauce noch!”

Und dann kam er mit dem Kohlrabitopf. “Aber der ist ja randvoll mit Sauce, mindestens ein Liter, und äh, wieso ist die so glibberig?” fragte ich. “Ja, wieso, Glibber, ich hab halt saure Sahne und Saucenbinder reingegeben, ich fand das ja auch etwas komisch und so glibberige Sauce finde ich ja auch nicht so toll, aber du hast doch gesagt, du willst die Sauce diesmal nicht so flüssig, also habe ich sie halt angedickt, extra für dich!” -“Hm”, sagte ich. Und: “Haben wir eigentlich noch Parmesan?”

 

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7 Responses to “Sauce und Käse”

  1. ruediger sagt:

    Aus Erfahrung: es sind nicht alle Kölner derart saucenaffin, es gibt sie auch ‘dezenter’. :) // Nebenbei erwähnt, aus der Zeit ist mir das Röggelchen mit dem Käse und dem Dick-Senf ebenso bekannt. Nur hatte ich keinen Gummibaumtopf im Rücken, in dem ich es versenken konnte und musste heucheln. Aus der Erinnerung, sonderlich glaubwürdig war ich nicht … *örgs* Ich bin für mehr Gummibäume in Töpfen in Kölner Kneipen. :mrgreen:

  2. Die Frau hat gestern über mich gebloggt. Und über Kochen, Köln, den Bodensee, Sauce und Käse: http://t.co/XyIhURSD

  3. […] Sauce und Käse „“Esst Ihr hier auch anderen Käse?”, fragte ich ihn dann. “Ja, Old Amsterdam, das ist alter Gouda, und dann Maigouda, das ist junger Gouda. Und gebackenen Camenbert mit frittierter Petersilie.” “Hm”, sagte ich. “Ich esse auch gerne Cheddar”, versuchte es der Mann dann. “Ich liebe Dich”, sagte ich und bestellte mir noch ein Kölsch.“ […]

  4. @Muermel Sprechen Sie mal mit @Frau_Elise, die sagt, am Bodensee macht man Käse auf alles: http://t.co/ImcgFqcX

  5. @littlejamie Oh ja, vor allem mit lecker selbstgekochtem Sößchen, siehe bei @Frau_Elise: http://t.co/ImcgFqcX :o)

  6. […] “Sauce und Käse”: Rheinländer brauchen Sauce, Süddeutsche Käse – und zwar jeweils mächtig viel! […]