August 25, 2012 Off

Tag 2: Danzig – Brathering, Hammel, Bernstein und eine Menge Regen

By in Auf Reisen

Und die Nacht auf der Fähre war kurz: Das erste Mal wache ich um vier Uhr auf, mein Magen ist ein wenig perdu nach dem opulenten Abendessen. Aus dem Kajütenfenster kann ich auf das neblige Meer sehen, während das Schiff leichten Seegang hat, an richtigen Schlaf ist nicht mehr zu denken. Um Viertel vor sechs stehen wir dann auf, wir wollen noch duschen und oben auf dem Deck in der Sonne frühstücken, bevor wir um 7 Uhr 20 Gdynia erreichen. Und das lohnt sich:

20120825-181810.jpg

Um halb sieben können wir Gdynia sehen:

20120825-182227.jpg

Kurz darauf dann die Einfahrt in den Hafen, viel können wir von der Stadt vom Schiff aus nicht erkennen – ein sehr großer Hafen, dahinter bis zum Hang hinauf die Stadt mit hässlichen Hochhäusern und links und rechts vom Hafen eine Menge Strand.

20120825-182530.jpg

Bis wir das Schiff verlassen können, dauert es eine ganze Weile – erst müssen die Autos und die Busse von Bord und zuvor außerdem noch Horden an beige in beige gekleideten älteren Herrschaften in ihre Busse verfrachtet werden und das dauert, denn ständig wird jemand vermisst und entnervte Busfahrer rennen mit hochröten Köpfen durch die Lobby. Mit fast 40 und 45 Jahren sind wir wohl die Jüngsten an Bord. Dann kommen die Putzfrauen aufs Schiff und endlich auch unser Kleinbus, der uns ans Land bringen soll. Und nun wird es ein wenig hektisch – der Fahrer lädt uns an einer Bushaltestelle aus, sagt er zumindest, denn für uns sieht es eher wie ein ziemlich heruntergekommener und ziemlich verlassener Platz im Nirgendwo aus, als wir ihn nach Taxis oder der Bahn fragen, fuchtelt er unbestimmt mit den Händen herum und weg ist weg, Polnischkenntnisse wären jetzt sicher nicht falsch gewesen. Da stehen wir nun – der Mann und ich, das ältere Ehepaar und die drei Damen. Und dann kommt ein Bus, doch wohin der fährt, kann uns die Busfahrerin nur auf polnisch erklären, weil wir hier weg und irgendwohin müssen, steigen wir alle einfach mal ein, der Mann und ich haben immerhin Zloty dabei und können uns Tickets kaufen, die anderen aber alle nicht, in Polen könne man doch alles mit Euro zahlen, sagen sie mit langen Gesichtern, also schmeißt der Mann eine Runde Bustickets  und wir fahren, wohin auch immer.

20120825-184806.jpg

Irgendwann ein Bahnhof, da steigen wir einfach mal aus, denn an Bahnhöfen gibt es Taxen und in eines setzen wir uns, aber hurra, genauso wie wir kein Polnisch sprechen, spricht unser Fahrer weder Englisch noch Deutsch, mit Händen und Füßen erklärt er uns außerdem, dass sein Navigationsgerät kaputt sei.

20120825-184656.jpg

Wir wissen alle nicht so recht weiter, der Mann kramt sein Handy hervor und googelt den Weg, um ihn mit dem Polnisch-Translater dem Taxifahrer irgendwie zu erklären, doch der versteht die polnische Aussprache nicht und gucken kann er aber auch nicht, oder zumindest nur dann, wenn wir an einer Ampel stehen und er sich eine zweite Brille über die erste setzt. Es ist eigentlich nur Polen, aber das ist auf einmal unendlich anders und fremd. „Kurwa“ sagt der Mann dann und zeigt auf das kaputte Navigationsgerät, beide lachen und schon ist das Eis gebrochen.

Wir wohnen im Qubus-Hotel direkt an der Motlawa, alles ist modern und sehr nett eingerichtet, zur Altstadt sind es fünf Gehminuten und die Zimmerpreise sind in Ordnung. Einziges Manko: Die Betten haben eine sehr weiche Auflage – aber das ist schlichtweg Geschmacksache – und aus dem Fenster können wir zwar die Marienkirche und die Motlawa sehen, aber eben auch die Brücke mit der großen Straße und so ist es ein klein wenig laut.

Mittags ziehen wir durch die Altstadt und schnell wird klar: Danzig ist eindeutig eine Touristenstadt. Hunger haben wir, in einem der kleinen Restaurants, dem Palowa am alten Rathaus, kehren wir ein und weil ich im Urlaub lauter Sachen essen möchte, die ich sonst nie essen würde, bestelle ich halt einfach mal Hammel. So sieht das dann aus und es ist irgendwie anders, aber lecker:

20120825-185801.jpg

Das mit den obstigen Garnituren scheint in Danzig übrigens das große Ding zu sein – hier sind es ausgestochene Wassermelonenkugeln und Dosenpfirsiche in Fächerform, die zum Hammel serviert werden. Aber eben auch Kartoffelkugeln (!!), Grünkohl mit Knoblauch, gekochte rote Beete sowie Erbsen und Möhren – und es schmeckt großartig.

Später trinken wir noch einen Milchkaffee in einer Seitenstraße, der Mariacka. Statt mit Milchschaum trinkt man ihn hier allerdings mit Sprühsahne.

20120825-215901.jpg

Die Bernsteinläden habe ich irgendwann aufgehört zu zählen, auch hier ist wieder einer neben dem anderen, und vor den Häusern lauter Stände, verkauft wird aber auch einfach den unzähligen kleinen Treppen aus, die hier vor den Häusern sind. Mittlerweile habe ich fünf Visitenkarten und drei Rabattkarten in der Hand – die bekommt man in den Läden energisch in die Hand gedrückt, wenn man sich nicht für einen Kauf entscheiden konnte und wieder gehen möchte. Hier finde ich aber einen sehr schönen Anhänger  – dunkelgrün und oval – der Mann schenkt ihn mir, „als Morgengabe“, sagt er.

Nachmittags nutzen wir das kostenlose Angebot unseres Hotels, eine Rundfahrt über die Motlawa zu machen – wir fahren bis hinten zur Danziger Werft, wo irgendwo mein Großvater und mein Urgroßvater in den 40ern gearbeitet haben. Vorbei fahren wir auch da, wo Lech Walesa einst die Solidarnos-Bewegung ausgerufen hat, doch glanzvoll sieht es auf dem Werftgelände nirgends aus, die Gebäude liegen brach und verfallen.

Abends laufen wir im Regen durch die Stadt…

20120825-220417.jpg

20120825-220458.jpg

20120825-220535.jpg

20120825-220556.jpg

20120825-220625.jpg

20120825-220702.jpg

20120825-220725.jpg

… und wir staunen über die seltsamen Gegensätze. Da sind die herausgeputzten, wunderschönen Häuser an den viel frequentierten Straßen, geht man aber in eine der Neben- oder Parallelstraßen, sieht man, dass der Glanz der alten Tage schon lange verloren ist – verfallende, leerstehende Häuser, die vor Jahrzehnten prachtvollst gewesen sein müssen. Und auf einer Halbinsel mitten der Motlawa noch alte Ruinen von im Krieg zerbomten Gebäuden, nur 10 Meter entfernt von der Promenade am Ufer, auf dem die meisten Touristen unterwegs sind. Auch direkt neben unserem Hotel an der Motlawa das gleiche – das große Gebäude nebenan steht leer und hat keine Fenster, hinter dem Hotel ein riesiges, brachliegendes Gelände, davor ein Gebäude, in dem das gesamte untere Stockwerk nicht mehr bewohnt wird, die oberen aber schon. Und in der Altstadt unendlich viele Bernsteinläden, Cafés und Restaurants, aber nichts, wo man Lebensmittel, Kleidung, Schuhe oder eben das bekommen würde, was man in anderen Innenstädten findet. Ein, zwei größere Einkauszentren haben wir gesehen, allerdings auch außerhalb. Danzig ist rätselhaft.

Abends essen wir Fisch in der Tawerna Dominikanska auf handgeschnitzten Elchkopfstühlen – ich esse Brathering mit baltischer Sauce vorneweg…

20120825-221529.jpg

…und Ostseelachs mit Salatbeilagen zum Hauptgericht, der Mann das klassische Fischgericht Steak mit Bratkartoffeln. Wieder im Hotel schlafe ich um elf (ICH! UM ELF!!!) todmüde ein.

Tags: , ,

Comments are closed.