Tag 3: Oliwa – eine Reise in die Vergangenheit, die Sache mit der Heimat, Grabdeko und Bigos
Dass die erste Station unserer Rundreise Danzig ist (am Montag fahren wir weiter nach Karlskrona in Schweden, anschließend geht es nach Kopenhagen, Edingburgh, Brighton und zum Schluß auf die Kanalinsel Guernsey) hat einen bestimmten Grund: Meine Großeltern stammen aus Danzig und sind 1945 aus der Stadt Richtung Deutschland geflohen. Genauer: Meine Großmutter wuchs in Neuteich auf, mein Großvater in Oliwa und dort, in der Kathedrale, haben sie im Januar 1945 geheiratet, bevor es auf die Flucht ging. Eine lange Geschichte, die letztlich am Bodensee ihr Ende nahm, der Verlust der Heimat und das sich Beschäftigen mit dem, was Heimat ist, ist aber immer geblieben. Um die neue Heimat haben sich alle drei Generationen bis heute sehr bemüht, so richtig warm geworden ist mit ihr aber glaube ich niemand. Grund genug, sich heute das anzuschauen, was vielleicht Heimat hätte bleiben können, wenn auch nicht für mich, denn mich würde es dann ja gar nicht geben.
Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Taxi zum Bahnhof und von dort mit der S-Bahn raus nach Oliwa. “Man braucht nur 15 Minuten mit der Bahn” hatte irgendwer aus der Familie vorher gesagt, aber bis wir am Bahnhof verstanden haben, wie man mit welchen Tickets nach Oliwa kommt, ist es eine halbe Ewigkeit. Wir wissen zwar, dass es eine S-Bahn und einen Fernreiseverkehr gibt, so ganz ohne Polnischkenntnisse ist das alles aber nicht ganz so einfach. Einer der Automaten verlangte schließlich sogar, dass wir einen Hund haben sollen, aber das ist eine andere Geschichte. Auf dem Danziger Bahnhof:

Und auch der Bahnhof von Oliwa sieht aus, als wäre er von einer anderen Welt – das Gebäude ist der Bahnhof, das links einer der Bahnsteige.
Auf dem Bahnhofsplatz kann man immerhin einkaufen:
Der Plan für Oliwa: Den Park ansehen, dann die Kathedrale und den Platz gegenüber, wo das Haus meines Großvaters stand, bevor es irgendwann 1945 von den Russen zerstört wurde, weil die Nachbarn im obersten Stock vergessen hatten, das Hitler-Portrait abzuhängen. Und auch das Grab meiner Urgroßtante.
Mit dem Park fangen wir an, der sei so schön, hatte mir eine meiner Tanten noch auf unserer Hochzeit am Mittwoch erklärt. Und das ist er wirklich, wir sehen können:
Irgendwo in der Mitte des Parks gibt es kleine Teiche, Bäche und einen Wasserfall, alles sehr hübsch. Und dann ist da am Ende des Parks die Kathedrale. Eine Weile stehen wir am Vorplatz herum und ich stelle mir vor, wie sie da standen in diesem Januar, jung, frierend und wissend, dass es nach der Hochzeit gleich mit der Flucht los gehen würde, weil meine Oma als Ehefrau nun das Recht auf ein Ticket auf einem dieser großen Schiffe erworben hatte.
Das Haus, in dem mein Opa lebte, stand damals in diesem Januar noch, für ein paar Monate immerhin. Heute ist dort ein Parkplatz:
Das Haus, würde es heute noch stehen, würde vermutlich keine so große Bedeutung mehr haben, aber der ungeteerte Platz da, dem sieht man einfach so sehr an, dass er eine große Lücke ist und dass da mal irgendwas gewesen sein muss, was wichtig war. Autos stehen auf dem Platz herum, ein Bus parkt und der Busfahrer, der vorm Bus eine raucht, beobachtet mich ratlos, wie ich da auf diesem Platz herumtapere, mit der Kamera in der Hand, um wenigstens fotografisch zu dokumentieren, dass diese Lücke hier eigentlich ganz falsch ist. Ich überlege, ob ich zu ihm gehen soll, um ihm zu sagen, dass er gefälligst woanders parken solle, denn hier, hier ginge das überhaupt mal gar nicht, aber ich lasse es lieber und breche mir dafür lieber ein Stück Stein aus einem alten Steinspalier als Andenken, vielleicht stand das Ding ja damals schon hier und gehörte der Familie, also darf ich das, sage ich mir. Wenn es um die Heimat geht, kann man schon mal ein wenig wunderlich werden.
Hinter dem Spalier ein Garten, vielleicht hat der früher mal den Eltern meines Großvaters gehört. Im Nebenhaus, das mindestens 100 Jahre alt ist, beobachte mich eine Frau aus dem fünften Stock, mir ist das egal, ich habe ja jetzt den Stein, nun mache ich noch ein paar Fotos – vom Nebenhaus, vom Innenhof, wo mein Opa vielleicht mal gespielt hat und vom Garten:
Und wenn sie nicht mehr da ist, wirklich schön ist sie heute nicht unbedingt, die alte Heimat. Früher vielleicht mal, aber das ist lange her. Und es war vor meiner Zeit.
Die Tante meines Großvaters war im Kloster, das zur Kathedrale gehört, Nonne, 1983 ist sie gestorben und seitdem liegt sie auf dem benachbarten Friedhof. Und da wollen wir nun hin. Vorm Friedhof gibt es eine Reihe Stände, an den wir Blumen und eines der typische Grablichter erstehen.
Wo das Grab ist, wissen wir nicht wirklich, aber trotzden laufen wir beinahe zielstrebig darauf zu. Ein altes Grablicht steht dort noch, vermutlich hat es meine Oma, die vor glaube ich zwei Jahren zuletzt hier war, dort aufgestellt. Wir stellen unseres dazu, stellen eine mitgebrachte Kerze in das andere Licht und legen die Blumen auf den Stein. Viele der benachbarten Nonnengräber sind leer, andere reich geschmückt – nun hatte auch Zofia endlich mal wieder Besuch.
Wir laufen noch über den Friedhof und staunen ein bisschen:
Und besuchen schließlich die Kathedrale. “Da gibt es mittags und abends immer ein Orgelkonzert!” hatte meine Tante mir auf der Hochzeit erzählt. “Aber Ihr müsst um 11 Uhr oder um 17 Uhr da sein.” – Als wir in die Kathedrale gehen, ist es 14 Uhr und das Konzert beginnt in dem Moment, in dem wir uns gerade auf eine der Bänke gesetzt haben, um ein wenig zu verschnaufen. Das “Ave Maria” wird natürlich gespielt, dann etwas aus “Bilder einer Ausstellung” und schließlich noch irgendwas ganz verrücktes modernes, bei dem die Orgel in hellem Gelb beleuchtet wird. Schön ist das und ich habe Tränen in den Augen. Danach fotografiere ich noch die trompetenden Engel, von denen mir mein Vater auf der Hochzeit erzählt hatte…
… doch dann ist es genug mit der Vergangenheit, wir haben nämlich Hunger. Vor der Kathedrale gibt es einen Biergarten mit einer undefinierbaren Speisekarte…
… …und ich nehme einfach das Bigos, gekochtes Sauerkraut mit gekochtem Fleisch und undefinierbaren weiteren Zutaten. Lecker.
Meine Füße tun mir furchtbar weh, als wir mit der Bahn zurück in die Stadt fahren, wir trinken in der Altstadt noch einen Kaffee und gehen erst einmal zurück ins Hotel. Abends essen wir sehr gut in einem polnischen Restaurant Piroggen.
Und morgen? Morgen brauchen wir mal ein bisschen Ruhe und einen Tag am Meer. Zum Durchschnaufen.





















Ach, wie schwermütig schön wird es mir ums Herz.
Wenn ich das kurz erzählen darf, liebe Daniela?
Meine Omi mütterlicherseits und ihre ganze Familie kamen, wenn ich es recht entsinne, aus der Nähe von Elbing. Sie mussten 1945 vor den Russen flüchten, die jüngste Schwester gerade 12, verloren alles und erlebten auf der Flucht all die schlimmen Dinge, die damals so viele Frauen und Mädchen erleiden mussten.
Meine Oma hat dieses Trauma wie viele andere tief in sich begraben, hat nie über den Schmerz in ihr gesprochen.
Ich hatte immer den Wunsch, einmal in ihre Heimat zu reisen, aber ich gestehe, dass ich mich immer auch ein wenig gefürchtet habe davor. Von den damals fünf Geschwistern leben nur noch zwei, eine Großtante und ein Großonkel, und ich scheue mich, sie nach diesem schmerzhaften Erlebnis zu fragen.
“He, wie war denn das damals so auf der Flucht? Erzähl doch mal!” Das geht ja nicht so einfach.
Ganz, ganz toll finde ich das, liebe Daniela, dass Ihr Euch ausgerechnet dieses Ziel für Eure Hochzeitsreise ausgesucht habt.
(PS: Ich war nicht sicher, ob mein Kommentar durchgegangen ist, deshalb hier noch ein zweiter Versuch. Einer kann dann gelöscht werden. ;))