August 26, 2012 Off

Tag 4: Sopot – Die Danziger Werft, Badeanzugmodels, viel Strand und komischer Eiskaffee

By in Auf Reisen

Den vierten Tag der Reise wollen wir etwas ruhiger angehen lassen, wenig laufen und am Strand sitzen und lesen wollen wir, daher fahren wir mit dem Schiff raus nach Sopot, dem alten Seebad an der Ostseeküste. Von Sopot habe ich diffuse Vorstellungen, eben das, was man man mir in meiner Familie in all den Jahren so oft erzählt hat, prächtige Hotels am Ufer soll es in dem ehemals prächtigen Seebad geben und dann ist da die Mole, wo mein Großvater als Junge beinahe mal ertrunken wäre, außerdem irgendwo eine Drogerie, in der eine meiner Großtanten als junges Mädchen gearbeitet und sich in einen jungen Mann verliebt hatte, der dort Urlaub mit seinen Eltern machte. Und überhaupt, nach Sopot liefen sie immer zu Fuß von Oliwa durch den Park.

Doch erstmal müssen wir die Motlawa entlang, links und rechts am Ufer unzählige brachliegende Werftgebäude und eine Menge herumliegender Metallschrott und Bauschutt, als hier noch gearbeitet wurde, müssen es Tausende von Werftarbeitern gewesen sein, die hier beschäftigt waren und in den 40ern haben hier irgendwo mal mein Opa und mein Urgroßvater, der Vater meiner Oma, gearbeitet. Diese Zeiten sind lange vorbei, nur an wenigen Stellen gibt es hier noch Leben, doch stolz zeigt uns die Polin, die neben uns auf dem Deck sitzt, auf das Gelände, wo Lech Walesa einst die Solidarnosc-Bewegung ausgerufen hatte, als ob das von dem ganzen Elend ablenken könnte.

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Dann fängt es auch noch an zu regnen, den Rest der Fahrt verbringen wir unter Deck und viel sehen können wir von hier nicht mehr, denn alle Fensterscheiben wurden mit royalblauer Folie abgeklebt, als Deko hängen dramatisch drapierte moosgrüne Glanzvorhänge in opulenten Falten darüber, die Sitzecken dagegen sehen sehr nach Gelsenkirchener Barock aus. Als wir merken, dass wir außerdem auch noch inmitten einer kölschen Altherren-Reisegruppe sitzen, fangen wir an, auf pseudo-finnisch miteinander zu reden – jetzt bloß keinen Fehler machen und nicht als Kölner erkannt werden. Dass wir von draußen nichts sehen können, ist nicht weiter schlimm, die Kölner gröhlen jede neue Sehenswürdigkeit lauthals durch den Raum, dazu gibt es historische Abrisse über die Sache mit der Westerplatte, an der wir vorbeifahren und wer da wen wann zuerst beschossen hat und wie das alles mit der Blechtrommel und dem hübschen Hotel, in dem die Hanne 1993 mal gewohnt hat, damals so war. Als der Regen aufhört, flüchte ich nach draußen, gucke mir die Ostsee und die großen Fähren an, die am Horizont vorbeiziehen und bin mir sehr sicher, dass ich eines Tages Seemann werde, ganz bestimmt.

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Dann legen wir in Sopot an der Mole an und die Sonne kommt heraus, schön ist es. Wir laufen die Promenande zur rechten Seite entlang, am Grand Hotel vorbei und durch die Menschenmassen hindurch. Hunger haben wir, wir landen in einer Art Beachclub, dem MCKA, es gibt nasse wackelige Tische mit coolen Plastikstühlen, eine Menge total trendy Holzliegen und Strandbetten mit Vorhängen drumherum, in denen Badeanzug-Models fotografiert werden. Der Typ am Nachbartisch trägt eine Babyumhängetasche, in der er einen winzigen Hund, eine Mischung aus Chiwawa und Eichhörnchen, stecken hat und dann kommt eine Clique Mädchen in schwarzen Jeansjacken und falschen Gucci-Taschen. Also so genau unser Ding eben, aber immerhin gibt es freies Wifi und der Caesar Salat ist auch ganz in Ordnung.

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Später legen wir uns irgendwo am Strand in den Sand, der Mann liest und ich schlafe einfach ein, es ist schön, so irgendwie, aber was fehlt, sind der Wind, die Wellen und das Salz und überhaupt die Großartigkeit des Meeres, die Nordsee ist eben doch so ganz anders. Fünf Leute sind im Wasser, ein Mann paddelt vorne um die 20 Mal in einem Ruderboot vorbei, immer von links nach rechts und dann wieder von rechts nach links und die Rettungsschwimmer vom Posten nebenan langweilen sich und fahren unzählige Mal in ihren monströsen Quads den Strand entlang. Was man halt so macht, wenn man an der Ostsee ist.

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Irgendwann zieht ein Gewitter auf und als wir in der Touristenmeile im Ort gerade ein Café gefunden haben, geht das Unwetter auch schon los, ein Mann läuft die Fußgängerzone und verkauft Regenschirme und hinter uns diskutiert die Bedienung lauthals mit deutschen Gästen, ob sie nun dunkles oder helles Bier bestellt haben, bevor sie uns zum dritten Mal in der halben Stunde fragt, ob wir nicht doch etwas essen möchten. Nein, wir möchten nicht und überhaupt, unter Eiscafé verstehe ich etwas völlig anderes als das, was man mir servierte – kalten Kaffee mit kalter Milch und kaltem Wasser und vier Eiswürfeln nämlich – aber da hört auch schon das Unwetter auf und wir können im Trockenen zum Bahnhof. Und der hat seine goldenen Zeiten lange hinter sich, während an einigen Stellen die alte Pracht durchblitzt.

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Weil wir müde sind, essen wir abends im Hotel, sehr lecker übrigens, ich habe Ziegenkäse in Sesamkruste, ein Farmer-Schnitzel und Dulce-de-Leche-Kuchen mit 38 Schichten Keks als Dessert, so kann das auf Dauer allerdings nicht weitergehen.

Morgen wird ein langer Tag, vormittags wollen wir nochmal die Stadt besichtigen – die Marienkirche, die Langgasse und all die anderen Sehenswürdigkeiten, die wir bisher noch nicht besichtigt haben. Nachmittags geht es dann raus nach Gdynia, wo wir auf die Fähre nach Karlskrona einschiffen, mit der wir über Nacht übersetzen werden.

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