Von Kaffee, Bäumen und einem Laden in der Südstadt

Oktober 14th, 2012 § 20 comments

In der Südstadt gibt es diesen leerstehenden Laden, ein Friseur war hier vorher drin, doch der ist irgendwann im Frühjahr ausgezogen. Schaut man durch das große, sehr dreckige und bunt beklebte Schaufenster hinein, sieht man einen quadratischen Raum mit hohen Decken und schwarz-weißen Fliesen, dahinter ein offener Durchgang in einen anderen Raum. Aus dem Fliesenboden gucken überall Rohrstücke heraus, die Reste der Wasseranschlüsse für die Waschbecken, an denen den Kunden des Friseurs die Haare gewaschen wurden. Irgendwann im Juli war ich vor dem Laden gestanden, um durch das schmutzige Schaufenster nach innen zu schauen, letzten Montag stand ich zum ersten Mal im Laden. Ein großzügiger Raum mit hohen Decken, in der Ecke ein alter verstaubter Kronleuchter. Der hintere Bereich ist auf einem kleinen Podest gebaut,  ein Fenster zum Innenhof, an der Seite ein weiterer, kleiner Raum mit einer Türe, auch. Eine hübsche Glastür zur Straße hin und mächtige, aufrollbare Tür- und Fenstergitter. Luftig und hell ist alles und wie immer, wenn man in solchen leeren Räumen steht, diese Stimme im Kopf: Komm, mach was draus.

Vorm Laden die Straße, befahren, aber so, dass man sie trotzdem bequem überqueren kann, ohne lange warten zu müssen. Vielleicht, um gegenüber in der italienischen Bäckerei ein paar Focaccia zu kaufen oder aber, was aber wohl eher unwahrscheinlich ist, um sich bei “Eddy’s Haarkultur” die Haare machen zu lassen. Daneben eine Reinigung, eine Imbissstube, ein Handyshop, ein Fahrradgeschäft, ein Geschäft für Bürobedarf und viele Cafés und Kneipen. Und dieser merkwürdige Laden für “Wirbellose Zierfischarten und Nano Aquaristik”. Eine sehr bunte und eine sehr lebendige Mischung.

In meinem ersten Kölner Jahr bin ich öfter durch diese Straße gelaufen, in einer der Nebenstraßen fand in einem Café ein Stammtisch für Selbständige statt, zu dem ich ab und an gegangen bin. Mit der Bahn fuhr ich bis zum Chlodwigplatz, lief ein Stück durch diese Straße und bog dann in die Nebenstraßen ein. Dort konnte man in ein Zimmer einer der Erdgeschoss-Wohnungen gucken, das Fenster war eines der wenigen, das auf Sichthöhe nicht  mit blickdichten, aber lichtdurchlässigen Folien beklebt war. Ein riesiger Schreibtisch stand da, vollgestellt mit Büchern, Unterlagen und buntem Kram, dahinter Regale mit weiteren Büchern, Unterlagen und buntem Kram, außerdem Kunstdrucke an der Wand und immer waren Bildschirm und Schreibtischlampe an, obwohl man nie jemand hinter dem Tisch sitzen sah. Gemütlich sah es da aus. Ich hätte gerne gewusst, wer da wohnt und sich so wenig Gedanken darüber macht, dass man in das Zimmer gucken und alles sehen konnte. In Amsterdam gibt es viele Wohnungen ohne Vorhänge oder Jalousien, vor allem im Stadtteil Jordaan, wo ich mal auf einem Hausboot gewohnt habe. Man läuft durch die kleinen Gassen und schaut in eines der erleuchteten Fenster und denkt, wow, was für ein abgefahrener Laden für Inneneinrichtung und irgendwann sieht man ganz hinten auf dem Sofa ein Paar vor dem Fernseher sitzen und es ist einfach nur eine ziemlich vollgestellte und bunt dekorierte Wohnung. Wer in Holland Vorhänge hat und sie zumacht, hat etwas zu verstecken, hat mal eine Freundin, deren Mann aus Holland stammt, zu mir gesagt und ich fand das toll. Ich wohnte zu der Zeit in der winzigen Erdgeschoss-Wohnung am Ende der Welt und hatte den Sommer über durchgehend die Fensterläden in Wohn- und Schlafzimmer zugeklappt, damit man von der Straße aus nicht durch meine geöffneten Fenster in meine Wohnung schauen konnte, so dass die eh nicht allzu helle Wohnung wochenlang im Dämmerlicht lag. Wie auch in den nicht so warmen Monaten, denn da war die Stadt vom Nebel dick eingeschlossen, so dass es zwischen Oktober und April sowieso draußen und somit auch in der Wohnung dunkel war. In Variationen zumindest, tags war es dunkel, nachts stockdunkel und fast alle meiner Freunde und Bekannten litten unter Winterdepressionen.

Der Besitzer des Schreibtischs, der Bücher, der Unterlagen und des vielen Krams in Köln jedenfalls war irgendwann ausgezogen, der Nachmieter hatte die Fenster verklebt und ich ging nicht mehr zum Stammtisch und vergaß die Straße. Bis ich im Juli vor dem Laden in der Südstadt stand. „Ich mach da was draus“ hatte nämlich kurz zuvor auch meine Freundin I. gedacht, nachdem sie den Laden zum ersten Mal gesehen hatte. „Ich richte den Laden her und dann kommt da ein Gemeinschaftsbüro rein und wenn Du willst, kannst Du einen der Plätze mieten“, hatte sie zu mir gesagt. Und da fiel mir wieder dieses Büro in der Nebenstraße ein und ich dachte an Holland und vor allem daran, dass ich mich in meiner Bürogemeinschaft so fühlte, als wäre ich Sachbearbeiterin in einer großen Versicherungsgesellschaft, die hinten links hinter dem blattlosen Ficus sitzt. Und der Kaffee war auch nie gut. Filterkaffee aus der Maschine gab es und alle außer mir behaupteten, keinen Kaffee kochen zu können, um dann aus der Packung sieben Handvoll Pulver in den Filter zu kippen und sich über den komischen Geschmack zu wundern. Und auch das mit der Milch klappte nicht. Die war entweder alle, sauer, aus Soja oder roch nach Schinken. Natürlich brachte ich Milch, Kaffeepulver und auch Tabs für die Nespresso-Maschine mit, die neben der Filtermaschine stand. Aber das änderte irgendwie nicht viel, denn auch der schmeckte immer komisch, obwohl es die gleichen Tabs waren, die ich auch zuhause verwendete. Es war wie verhext und ich begann Tee zu trinken.

Wie auch immer, der Mann und ich fuhren also irgendwann im Juli zum ersten Mal zu diesem Laden in dieser Straße und guckten durch die dreckigen Scheiben in den Raum hinein. „Da kann man was draus machen“, sagte dann der Mann. Und dann wunderten wir uns über das merkwürdige Geschäft nebenan, der Laden für „Wirbellose Zierfischarten und Nano-Aquaristik“. „Nano-Aquaristik, da sieht man ja gar nix von den Fischen, wenn die so klein sind“ sagte der Mann. “Naja, vielleicht ist das ja bei den Nano-Bots das ganz große Ding”, sagte ich und dann lachten wir und machten posteten Fotos von den beiden Läden bei Instagram und als ich die Bilder sah, dachte ich: „Ich muss was machen“ und rief I. am nächsten Tag an, um ihr zu sagen, dass ich gerne mit dabei sei und in die neue Bürogemeinschaft ziehen würde.

Zwei Wochen später sagte I., das Projekt könne leider aus bestimmten Gründen nichts werden. Ich war enttäuscht, aber auch ein bisschen erleichtert, ein Büroumzug ist viel Arbeit, in die andere Bürogemeinschaft war ich außerdem ja auch erst vor ein paar Monaten eingezogen und überhaupt, wenn ich mich etwas am Riemen reißen würde, würde ich auch den Spaß an meiner Arbeit wieder finden, außerdem könnte ich den anderen ja auch einfach erklären, wie man guten Kaffee kocht. Dann kamen der Juli und der August und schließlich der September, das mit dem Kaffee im Büro klappte weiterhin irgendwie nicht und man war mittlerweile sogar dazu übergegangen, den Kaffee beim Bäcker nebenan zu holen, in großen Pappbechern mit Plastikdeckeln obendrauf. Ich entschloss, meinen Platz in der Gemeinschaft zu kündigen, auch wenn das bedeuten würde, wieder daheim zu arbeiten, aber da war immerhin der Kaffee gut.

Und dann rief I. an. ich könne sie nun für bekloppt halten, aber sie mache das jetzt doch mit dem Laden. Ob ich nicht…? Und wenn ich Lust habe, am Montag käme der Innenarchitekt und sie würden die Einrichtung besprechen, ob ich nicht auch dazu kommen wolle? Und so stand ich am Montagmorgen zum ersten Mal in diesem Laden in dieser Straße und hörte I. und dem Architekten zu. Die eine Wand müsse versetzt werden, da hinten käme eine offene Küche hinein, das Fenster zum Hof käme raus, dafür ein Terrassentür hinein. Vier Arbeitsplätze kämen in den großen Raum vorne, rund um einen echten Baum, der bis unter die Decke wachse und den würden wir je nach Jahreszeit dekorieren, mit Vögeln, Lichterketten und kleinen Eichhörnchen. An die Wand kämen kleine Guckfenster, die man für kleine wechselnde Ausstellungen nutzen könne, an die andere Wand Bildleisten für große Bilder, Sitzkissen auf die verbreitete Fensterbank, eine ordentliche Kaffeemaschine müsse natürlich her, vorne vielleicht eine strahlend blaue Wand und auf alle Fälle müsse außerdem eine Bank vors Schaufenster, eine, wo man morgens in der Sonne draußen sitzen könne, um einen Kaffee zu trinken. Und im Übrigen, ob ich schon gesehen hätte, dass es ums Eck einen Wollladen geben würde?

Und dann sah ich es genau vor mir: Wie wir da draußen auf dieser Bank sitzen würde, mit dampfendem Milchkaffee in der Tasse, I. hätte das Strickzeug dabei und würde eine weitere kunterbunte Baumsocke stricken und auf der anderen Seite würde der Besitzer von “Eddy’s Haarkultur” sein Geschäft aufmachen und uns fröhlich mit der Schere in der Hand herüberwinken und dann käme der Besitzer vom Fachgeschäft für “Wirbellose Zierfischarten und Nano-Aquaristik” vorbei, I. würde ihm eine Tasse Kaffee anbieten und dann würden sich die beiden über kalifornische Wasserschnecken und die Aufzucht von Zwergflusskrebsen unterhalten und ich würde in die Morgensonne blinzeln, meinen Kaffee leer trinken und dann hineingehen, mich an den Tisch unter unserem riesigen Baum setzen und einfach schreiben, schreiben, schreiben.

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