Im Katchina Supper Club: Essen mit Wildfremden
Letzten Samstag bin ich zum Essen verabredet. Zum Essen mit zehn wildfremden Menschen in einer privaten Wohnung irgendwo hier in meinem Stadtteil, in der ich noch nie war bei Gastgebern, die ich noch nie gesehen habe. Vor Wochen hatte ich mich dafür im “Katchina Supper Club” angemeldet, den Miss Katchina und Herr Oger vor Kurzem gegründet hatten. Die beiden kannte ich bis dahin nur online über Twitter und Facebook. Irgendwann erzählte Miss Katchina mir von dem Club und fragte, ob ich nicht Lust hätte zu kommen und ich sagte einfach ja. Ein Abend hatte bereits stattgefunden, dieses hier würde der zweite werden.
Supper Clubs wie der Katchina Supper Club schießen derzeit in den großen Städten wie Pilze aus dem Boden – in anderen Ländern gibt es sie dagegen schon seit ein paar Jahren, vor allem in den USA und Australien. Der erste deutsche Supper Club wurde wohl 2008 von Shane McMahon, einem Profikoch, gegründet – ein Freund war in den USA gewesen und hatte ihm davon erzählt. McMahon fand die Idee toll: Kochen und Bewirten im privaten Rahmen von bis zu 20 Personen, wobei in der Regel nach einem bestimmten Motto gekocht wird. Bald wurden weitere Clubs gegründet und mittlerweile findet man sie überall in Deutschland und es ist eine rege Szene, die sich dort trifft. Die Clubs funktionieren in der Regel anonym – man erfährt also vorab weder etwas über die anderen Gäste, noch, wo das Essen stattfindet. Man meldet sich online an – über Facebook oder ein Blog – und bekommt mit etwas Glück einen der Plätze und wird dann kurz vor dem Essen darüber informiert, wo man sich trifft. Dass man die Adresse nicht öffentlich bekannt gibt, ist ein ungeschriebenes Gesetz. Irgendwo im Netz wurden Supper Clubs als “halblegale Underground-Restaurants” bezeichnet, in denen sich die “Kreativwirtschaft trifft”, das klingt subversiv und mächtig aufregend, aber der beschriebene Supper Club ist einer in Berlin und in Berlin muss alles immer irgendwie subversiv sein oder aber mit der Kreativwirtschaft zu tun haben. In Wirklichkeit ist es viel weniger aufregend. Zwar werden Supperclubs nicht offiziell als Restaurant oder Veranstaltung angemeldet, aber das ist auch gar nicht nötig, denn ein Essen im Supperclub ist im Grunde nicht viel mehr als ein privates Essen, nur dass eben die Gastgeber vorab nicht wissen, wer sich anmeldet und umgekehrt die Gäste nicht wissen, wer die anderen Gäste sind. Ein Supperclub verfolgt kein kommerzielles Interesse – man gründet ihn, weil man Spaß daran hat, andere zu bekochen und zu bewirten und man geht hin, weil man gerne gut isst, sich mit Gleichgesinnten übers Kochen austauschen möchte und weil man sich gerne auf etwas Neues einlässt. Natürlich wird aber erwartet, dass man sich an den Unkosten beteiligt – in Form einer Spende.
Ich bin sehr neugierig auf den Abend und habe keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Das Menü wurde vorab bekannt gegeben: Vier Gänge gibt es, das Menü nennt sich “Cajuns Delight” und dabei sollen Rezepte aus der Cajun-Küche auf den Tisch kommen – plus verschiedene dazu passende Weine. Das klingt furchtbar spannend. Ich habe bisher viele verschiedene nationale Küchen probiert, aber Cajun-Küche kenne ich so gar nicht, noch nicht einmal wie man das schreibt, weiß ich.
Ich habe Glück, bis zu meinem Supper Club habe ich es nicht so weit und das ist auch gut, denn es regnet in Strömen und ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Meine Jacke ist sofort durchnässt wie ein Schwamm, das Wasser läuft mir den Rücken hinunter, in meinen Schuhen schwappt es und ich wickle mir den Schal fast vollständig ums Gesicht, damit nicht auch noch mein Make-Up verläuft. Tropfnass klingle ich bei meinen Gastgebern, drei andere Gäste sind auch gerade gekommen und etwas verwirrt stehen wir im Flur, es ist komisch, mit Fremden bei (Fast-)Fremden im Flur zu stehen und ihnen den Boden klitschnass vollzutropfen. Doch unsere Gastgeber empfangen uns, als wären wir alte Freunde, meine nasse Jacke kommt im Schlafzimmer auf den Stuhl und dass ich sogar regennasse Unterwäsche habe, wird vermutlich auch keiner merken. Ein Blick in den Spiegel – Haare und Makeup haben nichts abbekommen und der Rest ist jetzt einfach egal. Ich überreiche Miss Katchina ein paar Blümchen und einen Wein aus meiner Heimat, da kommen auch schon die restlichen Gäste und dann stehen wir auch schon alle im großen Wohnzimmer mit einem herrlichen Aperitif in der Hand – ein rosefarbener Sekt nach Champagnermethode hergestellt, sehr lecker. Das Gespräch verläuft noch etwas holprig, wir stellen uns untereinander vor und niemand kann sich die Namen der anderen merken. Die Leute sehen nett aus, keiner fällt auf den ersten Blick unangenehm aus dem Rahmen. Einige sind älter, andere jünger, mit 40 bin ich anscheinend genau in der Mitte. Zehn Leute sind wir, darunter zwei Paare, eines hat noch eine Freundin mitgebracht, ein drittes Paar ist kein Paar, sondern nur miteinander befreundet, eine Frau, die wie ich alleine gekommen ist und unsere Gastgeber. Den Mann hätte ich zu gerne mitgebracht, aber er ist beruflich für ein paar Tage unterwegs, aber das finde ich gar nicht so schlimm, so muss ich mich mehr auf die anderen Gäste einlassen.
Wir werden zum Tisch geführt und ich überlege, wie ich es unauffällig anstellen kann, neben meiner Gastgeberin zu sitzen, damit wir uns endlich etwas näher kennenlernen können, aber da lotst sie mich auch schon auf den freien Stuhl neben ihr, vermutlich hatte sie das gleiche vorgehabt. Ich freue mich – auf die Gesellschaft und auf das Essen. Meine Gastgeber sind ein bisschen nervös, aber doch sehr locker und gut gelaunt und vor allem sehr herzlich. Die anfängliche Befangenheit verfliegt schnell, den anderen geht es wohl wie mir – wir sitzen entspannt an einem schön gedeckten Tisch und sind furchtbar neugierig, was jetzt kommt.
Und dann geht es auch schon los: Das erste Gericht ist Filé Gumbo – ein würziger Eintopf mit Hühnchen und Räucherwurst. Miss Katchina und Herr Oger erklären uns, dass die Cajun-Küche ihren Ursprung bei den französischen Einwanderern hat, die nach Louisiana im Süden der USA eingewandert waren – die Küche steht für einfache, rustikale Rezepte mit lokalen Zutaten, einige der Gerichte haben dabei einen leicht französischen Einschlag, daneben gibt es viele Parallelen zur creolischen Küche. Die Basis der Suppe ist eine Mehlschwitze, die eine halbe Stunde lang gerührt werden muss, bis sie richtig dunkel ist – das gibt der Suppe die rauchige Würze. Ein bisschen erinnert der Geschmack an ein Gulasch. In der Überlieferung sagen viele, Gumbo sei eine adaptierte Form der französischen Bouillabaise, andere sagen, der Name käme vom angolanischen Namen “Kingumbo” – also Okra, was oft eine der Zutaten ist. Zur Suppe gibt es Brot mit zweierlei Majonaisen – sehr lecker.
Als zweiten Gang bekommen wir einen Salat mit Apfelscheiben und karamelisierten Pekanüssen, die in Louisiana traditionell angebaut werden. Dazu gibt es Blue-Cheese-Spuma und ich beschließe, dass ich unbedingt auch so einen Aufschäumer haben muss, denn dieser Blue-Cheese-Spuma ist ein Gedicht.
Als dritten Gang servieren unsere Gastgeber ein Seafood-Jambalaya. Jambalaya ist ein Pendant zur spanischen Paella, hat aber auch risottohafte Züge. Wie bereits bei der Suppe ist eine wichtige Zutat die für die Cajun-Küche so typische “Holy Trinity” aus Staudensellerie, Paprika und Zwiebeln. Wie das Gericht genau gekocht wurde, weiß ich nicht – Reis ist jedenfalls drin, Flußkrebse, Schinkenstücke und angebratene Riesengarnelen – und dazu wird noch mit einer rauchigschmeckenden scharfen Sauce nachgewürzt. Das alles schmeckt fremd – aber lecker!
Am Tisch wird viel geredet und gelacht, Miss Katchina und Herr Oger erzählen von ihren USA-Reisen, wir unterhalten uns tischübergreifend über das Urheberrecht, Steaks, das Rauchen und den Kölner Dom und weil es so viel zu reden gibt, fällt gar nicht auf, dass wir bisher gar keine Vorstellungsrunde gemacht haben und holen das erst jetzt, nach dem dritten Gang nach. Interessante Berufe sind dabei, der Mann neben mir war Immobilienmakler, bis er von dem Beruf die Nase voll hatte und beim Krankenhaus als Fahrer arbeitet, seine Frau leitet ein Labor, jemand anderes hat lange in der Musikindustrie gearbeitet, andere arbeiten bei der Stadt Köln, einer ist Architekt, und, und, und – Berufe, über die es so viel zu erzählen gibt, dass niemand Sorge hat, dass der Gesprächsstoff ausgehen konnte. Angenehm, dass die Vorstellungsrunde allgemein bleibt – niemand will sein Geschäft anpreisen oder schlimmer: networken. Die Stimmung ist sehr angenehm. Das hätte auch ganz anders laufen können: Beim letzten Supper waren Leute gekommen, die schon während des Aperitifs wieder gingen. Mit der Begründung, sie hätten sich das alles ja ganz anders vorgestellt.
Dann wird der Nachtisch serviert und der ist mein Lieblingsgang: Ein phantastischer Louisiana Bread Pudding mit Bourbon-Sauce und hausgemachtem Vanilleeis. Ich bin hin und weg und beschließe, mir nicht nur den Aufschäumer, sondern auch eine Eismaschine zu kaufen. Anschließend gibt es noch Espresso oder einen Absacker nach Wahl – ich entscheide mich für einen Whisky und das war vielleicht keine so gute Idee, denn ich habe bereits Sekt, Weiß- und Rotwein getrunken und nachdem ich im Sommer einige Zeitlang gar keinen Alkohol getrunken hatte, vertrage ich, wenn ich nun trinke, nicht mehr so viel – und werde supermüde. Aber es ist auch schon spät – halb eins nämlich und der Abend ist zu Ende. Wir verabschieden uns sehr herzlich voneinander. Visitenkarten und Adressen werden keine getauscht, aber das ist okay. Ich finde es angenehm, das mit dem Wiedertreffen unverbindlich offen zu lassen und bin mir aber sehr sicher, dass ich den ein oder anderen bei irgendeinem anderen Supperclub wiedertreffen werde. Denn so etwas mache ich gerne wieder mit. Nur mit Miss Katchina und Herr Oger habe ich mit schon verabredet – zum Grillen bei uns daheim.
Den Katchina-Supperclub findet man bei Facebook – die Essen finden etwa alle vier Wochen statt. Die Plätze sind allerdings auf zehn Leute limitiert, während es beide Male deutliche mehr Anmeldungen gab. Im Netz finden sich aber viele weitere Supperclubs. Und natürlich kann man jederzeit auch einen eigenen eröffnen…







Schöner Bericht! http://t.co/Z1A0AZF8
Klingt spannend so ein Treff, wäre aber wohl nichts für mich. Dazu bin ich zu wählerisch/empfindlich, am Ende habe ich unerwartet etwas auf dem Teller, das im Wasser lebt, und das geht einfach nicht.
Ja, das ist natürlich möglich. In der Regel wird aber das Menue vorab bekanntgegeben, so dass man sich seelisch darauf vorbereiten kann.
Schön das Supperclubs immer mehr Feunde und Aufmerksamkeit finden.Wir betreiben selbst eine in Raum Mainz-Wiesbaden und wie die Fau Elise schon schreibt..die Menues geben wir schon wochen voher bekannt.Also sieht man sich vielleicht doch mal :-)
Grüße von http://www.supper-club-hidden-kitchen.de