Geschichten über Köln, Konstanz und die Sache mit der Heimat

November 19th, 2012 § 4 comments § permalink

Nachdem in diesen Tagen das großartige Wiesbaden-Buch “63,75 – das Buch” erschienen ist, in dem auch ein Artikel von mir erschienen ist, haben viele andere Blogger das Thema “Heimat” ebenfalls für sich entdeckt. Herr Buddenbohm hat das zum Anlass genommen und in einer Blogparade dazu aufgerufen, Texte über Hamburg zu schreiben, die er in seinem Blog sammelt: Der Rest von Hamburg. Frau Bogdan sammelt parallel in ihrem Blog Artikel über den Rest der Welt und schreibt dabei insbesondere über Helgoland. Und Anne Schüssler sammelt Artikel über das Ruhrgebiet.

Ich selber schreibe hier ja seit über zwei Jahren über Köln und Konstanz, nachdem ich vor zwei Jahren der Liebe wegen vom Bodensee ins Rheinland umgezogen bin. Und gerne möchte ich diese Gelegenheit nutzen und auf meine eigenen Lieblingsartikel dazu nochmals hinweisen:

Und über Konstanz und den Bodensee habe ich natürlich auch eine ganze Menge geschrieben, zum Beispiel:

  • In der Eisenbahnstraße”erzählt von einer ganz besonderen Hausgemeinschaft in einer ganz besonderen Straße
  • “Der Katzen-Opa”erzählt nochmals von dieser besonderen Straße
  • “Konstanz halt” handelt davon, wie es ist, nach längerer Zeit mal wieder in die alte Heimat zurückzukommen.
  • “Heimat” erschien vor drei Jahren in einer früheren Ausgabe des Stijlroyal-Magazins und erzählt davon, was ich persönlich als Heimat empfinde

Viel Spaß beim Lesen! Und natürlich werde ich in diesem Blog auch weiterhin über die Sache mit der Heimat schreiben, denn da gibt es noch so einiges zu erzählen…

 

Szenen einer Ehe

November 13th, 2012 § 24 comments § permalink

Und dann ruft mich der Mann an. Er ist gerade im Supermarkt, um ein paar Dinge einzukaufen. Gerne wäre ich mitgegangen, aber ich muss etwas für einen Kunden fertig schreiben und kann so lange den Schreibtisch nicht verlassen. Dafür habe ich ihm noch schnell einen Einkaufszettel geschrieben und mitgegeben. “Du, Schatz”, sagt er und schnauft dabei ein ganz klein wenig in den Hörer, so leise, dass man es fast kaum hören kann. “Die Butter, den Mulch und den Lachzwieback habe ich ja gefunden. Aber wo zur Hölle finde ich jetzt bitte ein Sektklo und Fleischbruch?”

Wolle schie bummse?

November 8th, 2012 § 13 comments § permalink

Für das Buch 63,75 – 63 Menschen schreiben über 75 Orte, Objekte, Sachverhalte in Wiesbaden” habe ich auch einen Beitrag geschrieben und ich bin überaus stolz darauf, dass ich das machen durfte. Mein Text handelt von der Holländischen Straße in Wiesbaden, in der ich selbstverständlich noch nie gewesen bin. Wie alle Autoren habe ich einfach ein Foto von “meinem” Ort bekommen und mir dazu dann etwas ausgedacht. Das ist daraus geworden:

Die Holländische Straße ist eine von diesen Straßen, die keiner kennt, nicht einmal der Taxifahrer, der einen dorthin fahren soll. „Holländische Straße? Kenn ick nich, jibtet nich, fahrense woanders hin. Nich? Na denn steigense ma schnell wieda aus, die Dame!“ würde er sagen, wäre man in Berlin. Aber man ist ja nicht in Berlin, sondern im beschaulichen Wiesbaden. Also würde man seufzend das Handy aus der Handtasche kramen, den Weg googeln und dem Fahrer erklären, wie er fahren muss.

Raus nach Kohlheck würde es gehen, an den Stadtrand von Wiesbaden, also dahin, wo kurz danach das große Nichts anfängt. Eine kleine Nebenstraße ist sie, die Holländische Straße, und durch die fährt man nicht einmal, wenn man zum 1. SC Kohlheck 1951 e.V. will, um sich ein Fußballspiel anzugucken. Oder vielleicht in den Kohlhecker Waldkindergarten Zappelphilipp oder in die Freie Christliche Schule Wiesbaden am Waldrand, die aussieht wie ein Knast. Reihenhäuser stehen hier, eins wie das andere, kleine Würfel in Brauntönen. Hier ein bisschen Holz, da ein  bisschen Klinker, Küchenfenster und Türe im Erdgeschoss, ein kleines und ein großes Fenster im oberen Stockwerk, darüber ein Flachdach. Holländischer Stil nennt sich die Bauweise, platzsparend, kantig, zweckmäßig und ein bisschen verspielt, in den 90ern war das modern, heute wundert man sich über die Enge. Lange Gärten nach hinten und kleine Vorgärten mit Jägerzaun nach vorne raus, vor den Türen stehen Gummistiefel, Fahrräder und Tontöpfe mit Tulpen und vor dem Jägerzaun der Kleinwagen. „Und samstags wird der Rasen gemäht“, denkt man belustigt.

Man würde den Fahrer bezahlen, aussteigen und ein paar Schritte durch die Straße laufen. In den Bäumen zwitschernde Vögel und ein leichter Wind, der sanft den Kirschlorbeer in den Vorgärten streichelt, auf der andere Straßenseite eine Frau mit Dackel, die irgendwie ein bisschen wie Marijke Amado aussieht. Und auf einmal hätte man diesen unheimlich leckeren Duft in der Nase, gebratenes Fleisch und irgendwas Frittiertes. Da kocht jemand, würde man denken und die kleinen Fenster in den Erdgeschossen absuchen und sich darüber wundern, dass hier keiner Vorhänge hat, so dass man durch die Wohnungen bis in die Gärten hindurch gucken kann. In einer der Küchen würde man eine Frau am Herd sehen, mit dicken geflochtenen blonden Zöpfen, einer komischen Mütze, einer blauweiß-gestreiften Bluse und einem roten Halstuch, und sie würde lachend das Fenster öffnen und rufen „Hunger? Dann iss mit uns! In zehn Minuten gibt es Essen!“ Zwei kleine blonde Kinder mit Holzpantoletten an den Füßen würden einen in den Garten führen, in dem unter einem blühenden Apfelbaum ein langer, gedeckter Tisch mit buntem Plastikgeschirr steht. „Komm, wir holen Opa!“, würden die Kinder dann sagen und einem links und rechts eine warme Hand reichen und zu dritt würden wir so durch die kniehohe Wiese durch den Garten laufen, um Opa zu holen.

Am Ende des Gartens, ganz versteckt und von der Terrasse aus nicht zu sehen, würde ein alter Wohnwagen mit offener Tür stehen, davor unter einem bunt getupftem Sonnenschirm zwei Männer auf Klappstühlen, die sich kichernd miteinander unterhalten. Der eine um die 80, recht groß, schlank, graues langes Haar und eine seltsam dicke Zigarette in der Hand, der andere vielleicht Mitte 60, etwas kleiner, rundlich und mit Vollbart, in der Hand eine Plastikflasche Erdbeer-Slimfast. „Hm, leeeckkkerrr!“ würde er rufen und einen tiefen Schluck aus der Flasche nehmen. Dann würde man feststellen, dass das ja Rudi Carrell und Harry Wijnvoord sind und bevor man sich darüber wundert, würde Rudi einen angucken und kichernd sagen: „Harry kriegt halt immer so einen Durst von der Kifferei!“ und dann würde Harry kichernd sagen: „Rudi, das Zeug ist zwar scheiße, aber es schmeckt wirklich verdammt leckkkkerrrr!“ und Rudi würde mich angucken und fragen: „Wolle schie bummse?“ und eines der beiden kleinen Kinder würde entrüstet sagen „Opa, Du sollst das doch nicht dauernd sagen!“ und ich würde das Angebot höflich ablehnen und fragen, ob ich stattdessen nicht lieber mitrauchen könnte. „Klar, setz Dich zu uns! Es ist herrlich hier!“ würde Harry rufen. „Ein Paradies! Nebenan wohnen die de Mols, zwei Häuser weiter Herman van Veen und einmal pro Woche gehe ich mit Sylvie und Marijke zur Pediküre! Und Antje kocht ab und an für uns! Keine nervigen Fans, denn niemand weiß, dass wir alle hier wohnen, unsere Straße kennt nämlich keine Sau, denn so wie wir will ja keiner wohnen. Und dass Rudi noch lebt, weiß auch keiner!“ Und Rudi würde am Joint ziehen, dann Harry angucken und fragen: „Aber schie, wolle schie bummse?“ und dann würden wir so lange lachen, bis wir keine Luft mehr bekommen würden.

Antje würde uns rufen, dass das Essen jetzt fertig sei und wir kommen sollten. Und dann würde ich an diesem herrlichen Maitag unter einem blühenden Apfelbaum sitzen, zusammen mit Rudi Carell, Harry Wijnvoord, Frau Antje und ihren zwei Kindern, wir würden einen Berg Frikandel, Fritjes und Satesauce sowie eine Kugel Gouda aufessen und hinterher noch ein paar Erdbeer-Slimfast trinken, weil man von der ganzen Kifferei immer so einen Appetit bekommt und abends, wenn es dunkel werden würde, würde Frau Antje die Kinder ins Bett bringen und kleine Kerzen in den Lampions im Baum anzünden. Die van der Vaarts würden rüberkommen, außerdem Marijke Amado und Herman van Veen. Ich würde neben Sylvie sitzen, die ungeschminkt wäre und wunderschön aussehen würde, und sie würde mir erzählen, wie satt sie diese ganze Anpinselei habe und das sei ja alles nur fürs Fernsehen, in Wirklichkeit hasse sie Make Up, aber das dürfe ich keinem erzählen. Und Herman würde seine Gitarre auspacken und ein bisschen was spielen und Marijke würde dazu singen.

Bis tief in die Nacht säßen wir da und ab und an würden wir noch einen Joint rauchen und Antje würde einen Gouda nach dem anderen anrollen und alle würden wir sie aufessen, weil man von der Kifferei ja so einen Appetit bekommt und dazu würden wir Chocomel mit Whisky auf Eis trinken. Vom Fernsehen würden sie erzählen und auch von den Deutschen, die immer in Klischees denken und meinen würden, man müsse alles in eine Schublade stecken können, um es besser zu verstehen und über das, was man nicht verstehen würde, würde man sich halt ironisch lustig machen und dass doch alles viel besser wäre, wenn man das mal bleiben ließe, um statt dessen das Leben mit seinen Mitmenschen zu genießen, eben so, wie es ist. Harry würde noch ein paar Erdbeer-Slimfast holen, die wir mit Gin trinken würden und irgendwann tief in der Nacht würde Rudi Sylvie fragen: „Wolle schie bummse?“ und Rafael würde wütend aufspringen und Rudi Carell eine langen. Fernseh-Ikonen hauen sei zwar nicht so super,  würde er danach sagen, aber meine Frau, die gräbt hier keiner blöd an, nicht mal Rudi Carrell! Rudi würde sich die Backe reiben und „Schulldigung“ nuscheln und Harry würde laut rufen: „Kinder, vertragt Euch wieder, hoch die Gläser! Prost! Auf das Leben!“ Und wir alle, auch Rudi und Rafael, würden miteinander anstoßen und unsere Erdbeer-Slimfast auf Gin herunterkippen. Auf Ex natürlich. Aber so genau weiß ich das alles natürlich auch nicht, denn ich war ja noch nie da, in dieser Holländischen Straße.

Seit dieser Woche ist es im Handel: Das Wiesbaden-Buch der anderen Art, herausgebracht von der Wiesbadener Designagentur Stijlroyal. 63,75 Autoren haben über ein Wiesbaden geschrieben, das es so vielleicht, vielleicht aber auch nicht gibt. Daraus wurde ein grandioses Buch mit vielen wunderbaren, phantasievollen Texten, das ich Ihnen hiermit dringend ans Herz legen möchte:

“63,75 – Das Buch”, 208 Seiten, A3, 1,5 Kilo, ISBN 978-3-00-039713-4, 39,90 Euro.

Weitere Infos hier, das Buch kann außerdem natürlich auch bei Amazon erworben werden.

Novembermüde

November 6th, 2012 § 2 comments § permalink

Und dann ist es November. Die Sonne steht bereits so tief, dass der mittlerweile fünf Meter Kirschlorbeer nachmittags lange Schatten auf die Wiese vor meinem Bürofenster wirft, so lang, dass selbst bis um halb fünf kein Strahl Sonne aufs Gras scheint. Im fahlen Licht liegt er da, der Garten. Die großen Bäume im Garten haben die meisten ihrer Blätter verloren und nur noch wenige hängen in den oberen Ästen. Noch ein, zwei Wochen und die Bäume werden kahl sein. Wenn es abends dunkel wird und überall in den Wohnungen auf der anderen Seite des Gartens die Lichter angemacht werden, könnte man durch die Bäume hindurch fast vollständig in die Zimmer hineinsehen. Würde man das wollen. Aber man will ja nicht, denn es gibt nichts zu sehen. Manchmal läuft jemand am Fenster vorbei, später sieht man Leute am Essplatz oder auf dem Sofa vorm Fernseher sitzen, was Menschen eben im November so machen.

Am Wochenende haben die Vermieter das Laub im Garten zusammengekehrt und den Kirschlorbeer auf unserer Seite etwas gestutzt, so dass er nun nur noch mehr wie eine sehr hohe und sehr dunkelgrüne Wand aussieht, eine Wand, durch die man nicht hindurchgucken kann, denn Kirschlorbeer verliert keine Blätter, er bekommt nur immer neue. Sogar das große Loch in der Hecke, durch das Doktor Socke letzten Sommer so oft den Kopf steckte, um in unseren Garten zu linsen, ist mittlerweile wieder zugewachsen. Aber es passiert da drüben auch nicht viel. Der Rasen wird nicht mehr wöchentlich gemäht, die vermoosten Terrassenfliesen werden nicht mehr drei Mal pro Woche mit dem Hochdruckreiniger abgesprüht und nachdem Sockes Nachbarn zur Linken die Bäume am Gartenzaun gestutzt haben, brüllt er sie nicht mehr jedes Mal an, sobald sie sich in ihrem Garten aufhalten. Die langen Plastikstangen, an die er letztes Jahr die riesige blaue Plane vor unserem Balkon gespannt hatte, lagen letzte Woche für den Sperrmüll bereit auf der Straße. Und neulich lief wir uns draußen am Parkplatz über den Weg und da nickte er mir freundlich zu, anstatt mich wie sonst zu ignorieren oder wie früher anzuschreien. Auch Doktor Socke ist im November angekommen.

Bei den Leuten im Haus auf der anderen Seite des Gartens, in dem die Agentur war, steht eine dieser Gießkannen von Ikea auf der Fensterbank im ersten Stock, die mit dem langen Ausguss, die nur einen Euro kosten. Rot leuchtet sie durch den fahlen Garten zu mir hinüber, der einzige Farbtupfer in diesem mattgrüngrauen Ensemble. Jeden Tag schaue ich, ob sie noch an ihrem Platz steht und ich könnte schwören, dass sie seit exakt drei Wochen und vier Tagen kein einziges Mal benutzt wurde, denn Tag für Tag steht sie am exakt gleichen Platz in der exakt gleichen Ausrichtung. In dieser Gegend, in der wir wohnen, sind solche Kannen immer auch ein Statement. Guck mal, wir haben das Holzbrett aus Bioholz für 300 Euro und den mechanischen Kurbelbleistiftspitzer von Manufactum, aber nur, weil wir das so schön finden, nicht etwa, weil wir uns den Kram jetzt endlich eisten können, unsere Küche ist übrigens ja von Ikea und ja, die Gießkanne auch, hübsch, nicht, hat nur einen Euro gekostet! Auf meiner Fensterbank steht sie ja auch, diese Kanne, auch wenn meine kein Statement, sondern innen angeschimmelt ist, weil sie schon so alt ist und noch aus der Zeit stammt, als ich kein Geld hatte und mit 40 Euro pro Woche auskommen musste. Aber das weiß hier niemand und unsere Putzfrau will sie immer wegwerfen und darum verstecke ich die Kanne jedes Mal unter dem Vorhang, bevor sie donnerstags kommt. Die Leute gegenüber haben ebenfalls eine Putzfrau, ich sehe sie manchmal, wie sie die Fensterbank und die rote Gießkanne abstaubt. Sonst passiert drüben nicht viel, nur die Hanfseile von der Schaukel im Garten, die im Frühjahr wie ein alter Truthahn quitschte, wenn eines ihrer blondbezopften und strickjackenbekleideten Kinder auf ihr schaukelten, haben sie letztens durch geräuscharme Metallketten ersetzt.

Die zwei Frauen in der Wohnung über den Leuten mit der roten Kanne, die im Sommer auf dem Balkon immer so laut telefonierten, dass man hier bei uns jedes Wort verstehen kann, haben Erika in ihren Balkonkästen gesetzt. Manchmal kommt morgens eine von ihnen im Schlafanzug auf den Balkon und zupft ein bisschen in den Kästen herum, um nach wenigen Minuten wieder in der Wohnung zu verschwinden. Erika wollte ich auch bei uns pflanzen, doch in meinen Kästen gibt es nur vertrocknete Dahlien, Strohblumen und Petunien, was eben vom Sommer übrig blieb. Nächstes Jahr vielleicht, mal sehen. Ab und an fliegen ein paar Vögel auf unseren Balkon und picken sich die letzten Kerne aus den vertrockneten Sonnenblumen, manchmal fliegen sie danach in dunkelgrüne Kirschlorbeerwand und lassen sich von ihr verschlucken. Spatzen erkenne ich, sogar Rotkehlchen, die Elstern aber sind längst weg und nicht einmal die Eichelhäher, die den ganzen Sommer lang unsere Katzen mit Geschrei und Tiefflügen terrorisierten, sobald einer von den beiden über das offene Gras lief, sind noch zu hören.

Ruhig ist es da draußen im Garten vor meinem Fenster geworden, ruhig und still und alles dämmert herbsttrüb vor sich hin. Wenn da nur diese rote Kanne nicht wäre.