Novembermüde

November 6th, 2012 § 2 comments

Und dann ist es November. Die Sonne steht bereits so tief, dass der mittlerweile fünf Meter Kirschlorbeer nachmittags lange Schatten auf die Wiese vor meinem Bürofenster wirft, so lang, dass selbst bis um halb fünf kein Strahl Sonne aufs Gras scheint. Im fahlen Licht liegt er da, der Garten. Die großen Bäume im Garten haben die meisten ihrer Blätter verloren und nur noch wenige hängen in den oberen Ästen. Noch ein, zwei Wochen und die Bäume werden kahl sein. Wenn es abends dunkel wird und überall in den Wohnungen auf der anderen Seite des Gartens die Lichter angemacht werden, könnte man durch die Bäume hindurch fast vollständig in die Zimmer hineinsehen. Würde man das wollen. Aber man will ja nicht, denn es gibt nichts zu sehen. Manchmal läuft jemand am Fenster vorbei, später sieht man Leute am Essplatz oder auf dem Sofa vorm Fernseher sitzen, was Menschen eben im November so machen.

Am Wochenende haben die Vermieter das Laub im Garten zusammengekehrt und den Kirschlorbeer auf unserer Seite etwas gestutzt, so dass er nun nur noch mehr wie eine sehr hohe und sehr dunkelgrüne Wand aussieht, eine Wand, durch die man nicht hindurchgucken kann, denn Kirschlorbeer verliert keine Blätter, er bekommt nur immer neue. Sogar das große Loch in der Hecke, durch das Doktor Socke letzten Sommer so oft den Kopf steckte, um in unseren Garten zu linsen, ist mittlerweile wieder zugewachsen. Aber es passiert da drüben auch nicht viel. Der Rasen wird nicht mehr wöchentlich gemäht, die vermoosten Terrassenfliesen werden nicht mehr drei Mal pro Woche mit dem Hochdruckreiniger abgesprüht und nachdem Sockes Nachbarn zur Linken die Bäume am Gartenzaun gestutzt haben, brüllt er sie nicht mehr jedes Mal an, sobald sie sich in ihrem Garten aufhalten. Die langen Plastikstangen, an die er letztes Jahr die riesige blaue Plane vor unserem Balkon gespannt hatte, lagen letzte Woche für den Sperrmüll bereit auf der Straße. Und neulich lief wir uns draußen am Parkplatz über den Weg und da nickte er mir freundlich zu, anstatt mich wie sonst zu ignorieren oder wie früher anzuschreien. Auch Doktor Socke ist im November angekommen.

Bei den Leuten im Haus auf der anderen Seite des Gartens, in dem die Agentur war, steht eine dieser Gießkannen von Ikea auf der Fensterbank im ersten Stock, die mit dem langen Ausguss, die nur einen Euro kosten. Rot leuchtet sie durch den fahlen Garten zu mir hinüber, der einzige Farbtupfer in diesem mattgrüngrauen Ensemble. Jeden Tag schaue ich, ob sie noch an ihrem Platz steht und ich könnte schwören, dass sie seit exakt drei Wochen und vier Tagen kein einziges Mal benutzt wurde, denn Tag für Tag steht sie am exakt gleichen Platz in der exakt gleichen Ausrichtung. In dieser Gegend, in der wir wohnen, sind solche Kannen immer auch ein Statement. Guck mal, wir haben das Holzbrett aus Bioholz für 300 Euro und den mechanischen Kurbelbleistiftspitzer von Manufactum, aber nur, weil wir das so schön finden, nicht etwa, weil wir uns den Kram jetzt endlich eisten können, unsere Küche ist übrigens ja von Ikea und ja, die Gießkanne auch, hübsch, nicht, hat nur einen Euro gekostet! Auf meiner Fensterbank steht sie ja auch, diese Kanne, auch wenn meine kein Statement, sondern innen angeschimmelt ist, weil sie schon so alt ist und noch aus der Zeit stammt, als ich kein Geld hatte und mit 40 Euro pro Woche auskommen musste. Aber das weiß hier niemand und unsere Putzfrau will sie immer wegwerfen und darum verstecke ich die Kanne jedes Mal unter dem Vorhang, bevor sie donnerstags kommt. Die Leute gegenüber haben ebenfalls eine Putzfrau, ich sehe sie manchmal, wie sie die Fensterbank und die rote Gießkanne abstaubt. Sonst passiert drüben nicht viel, nur die Hanfseile von der Schaukel im Garten, die im Frühjahr wie ein alter Truthahn quitschte, wenn eines ihrer blondbezopften und strickjackenbekleideten Kinder auf ihr schaukelten, haben sie letztens durch geräuscharme Metallketten ersetzt.

Die zwei Frauen in der Wohnung über den Leuten mit der roten Kanne, die im Sommer auf dem Balkon immer so laut telefonierten, dass man hier bei uns jedes Wort verstehen kann, haben Erika in ihren Balkonkästen gesetzt. Manchmal kommt morgens eine von ihnen im Schlafanzug auf den Balkon und zupft ein bisschen in den Kästen herum, um nach wenigen Minuten wieder in der Wohnung zu verschwinden. Erika wollte ich auch bei uns pflanzen, doch in meinen Kästen gibt es nur vertrocknete Dahlien, Strohblumen und Petunien, was eben vom Sommer übrig blieb. Nächstes Jahr vielleicht, mal sehen. Ab und an fliegen ein paar Vögel auf unseren Balkon und picken sich die letzten Kerne aus den vertrockneten Sonnenblumen, manchmal fliegen sie danach in dunkelgrüne Kirschlorbeerwand und lassen sich von ihr verschlucken. Spatzen erkenne ich, sogar Rotkehlchen, die Elstern aber sind längst weg und nicht einmal die Eichelhäher, die den ganzen Sommer lang unsere Katzen mit Geschrei und Tiefflügen terrorisierten, sobald einer von den beiden über das offene Gras lief, sind noch zu hören.

Ruhig ist es da draußen im Garten vor meinem Fenster geworden, ruhig und still und alles dämmert herbsttrüb vor sich hin. Wenn da nur diese rote Kanne nicht wäre.

§ 2 Responses to Novembermüde"

  • Da wünscht man sich doch gleich mit einem heißen Kakao und Plätzchen zu Ihnen auf die Fensterbank.
    So wunderbar haben Sie die Stimmung eingefangen.
    November kann auch schön. Erst recht mit roten Kannen in Fenstern. :o)
    Viele Grüße
    frl. erpaufee

    P.S. Bei der Gelegenheit noch ein herzliches Dankeschön für Ihre tollen Reisetipps im Sommer.
    Vor allem die Idee fremde Städte mit dem Rad zu erkunden.
    Warum ich als Berufskraftradlerin da noch nicht selbst drauf gekommen bin? tse…