Was vom #aufschrei übrig bleibt
Und am Wochenende beschloss ich, mich aus der Diskussion rund um #aufschrei auszuklinken. Es machte mich traurig und wütend, wie dieses Thema durch den Talkshow-Wolf gedreht wurde und wie Leute, die ich bis dahin sehr geschätzt hatte, ein Verhalten zutage legten, mit dem ich so nicht klar kam. Da war auf einmal auch so viel von Busen die Rede, Busen in Dirndeln, Busen als primäre oder doch als sekundäre Geschlechtsmerkmale, Busen als Machtinstrument, Busenkomplimente und Busen als Milchspender und überhaupt Busen in allen möglichen Zusammenhängen, als ob Busen für diese Debatte auch nur irgendeine Relevanz hätten. Überhaupt, was da alles in den großen Sexismustopf geworfen wurde – sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Kinderpornographie und eben immer wieder diese Busen. Natürlich muss man auch darüber reden, aber es ist eben eine andere Diskussion. Andere konzentrierten sich auf Ironie, Aggressivität, Überheblichkeit oder Ablenkung, auch Männer seien Opfer von Sexismus hieß es da zum Beispiel oder dass Männer überhaupt kein Recht hätten, über Dinge wie die Pille danach zu diskutieren. Wieder andere, von denen ich das so nicht erwartet hätte, klinkten sich die ganzen Tage stur aus der Diskussion aus und schafften es, zur Sache keine einzige Bemerkung fallen zu lassen, um bloss nirgends anzuecken.
Und dann der Ton, der teilweise herrschte, der war erschreckend und ich kann mich davon noch nicht einmal ausschließen. Bei Twitter ist es mir selber passiert an den Abenden, als ich die Talkshows zum Thema guckte und es nicht fassen konnte, was da für schlimme Sachen geäussert wurden, ich habe geschimpft in meiner Timeline und mich aufgeregt und war alles andere als sachlich. Auch in einer Diskussion bei Facebook auf der Seite eines “Social Media-Beraters”, der seltsam anmutende Aussagen rund um den – hurra, da ist er wieder – Busen machte, um damit zu provozieren, ist mir das passiert und ich habe ihn als Idioten bezeichnet, weil es mich immer wieder wütend macht, wenn Leute mit voller Absicht wichtige Diskussionen trollen, um sich in den Mittelpunkt zu schieben und dabei genau wissen, dass sie das auch können, weil sie einen großen Fanclub von Leuten haben, die das mittragen. An anderen Stellen habe ich aber versucht, zu relativieren und die Diskussion auf den eigentlichen Punkt zurückzuführen, um dann aber auch zu merken, wie schwer das sein kann wenn Meinungsführer mit Polemik, Aggressivität und großer Unsportlichkeit vorlegen, weil das dazu führt, dass andere nachziehen, ohne sich zu überlegen, ob das nun der Sache so wirklich weiterhilft. Wenn sich aber dann so eine wütende Meute auf jemanden stürzt, egal, ob er mit dem, was er sagte, ganz furchtbar falsch lag, und ihn in Grund und Boden diskutiert, wird damit nicht viel mehr erreicht, als dass sich derjenige beleidigt ins Schneckenhaus zurückzieht. Das aber schafft nur verhärtete Fronten, aber eben keinen Dialog. Und den brauchen wir aber so dringend.
Was bleibt, ist insofern, bei mir zumindest, ein schales Gefühl. Einerseits hat es das Thema “Sexismus” endlich mal wieder zurück in die Öffentlichkeit gebracht und ich bin mir sicher, dass sich viele künftig sehr genau überlegen werden, ob dieses Verhalten oder jene Äußerung wirklich angebracht ist. Anderseits ABER. Aber vielleicht ist es ja auch noch zu früh für ein Résumé. Ist ja auch nur meine ganz persönliche Meinung, heute Mittag um 13 Uhr 02. Ein sehr guter Artikel, der die Aktion #aufschrei nochmals sachlich und reflektiert zusammenfasst, stammt übrigens von Antje Schrupp: Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht. Und hier geht´s jetzt erstmal wieder weiter wie gewohnt.

Das mit dem schalen Gefühl kann ich nachvollziehen, ich habe auch ein bisschen das Gefühl gehabt, dass Leute, die sich mit dem Thema nicht so wirklich identifizieren konnten, von der Gewalt und Heftigkeit, mit denen das durchs Netz und durch die Medien getrieben wurde, irgendwann genervt waren. Ging sogar mir so, irgendwann möchte man eben auch wieder ein bisschen Ruhe haben.
Aber ich glaube auch, dass diese Heftigkeit und das “Nicht-Entkommen-Können” auch vielleicht wichtig war, weil die Chance, dass nun etwas hängen bleibt größer ist, als wenn man die Thematik mit mehr Bedacht und etwas subtiler behandelt hätte.
Und was es wirklich bringt, wird sich so schnell meines Erachtens auch nicht zeigen. Bei mir persönlich hat sich insofern etwas geändert, dass ich in Zukunft aufpassen möchte, selber mehr zu sagen und auch mehr auf meine Umgebung zu achten (Zivilcourage und so). Wenn das bei anderen auch so ist, dann ist das schon mal ein ganz guter Weg.
Busen ist die Stelle zwischen den Brüsten. Das Nichts also. Scheinbar gibt es eine Menge Menschen, die nicht einmal von Brüsten reden können und lieber das Nichts dazwischen als Hilfskonstrukt nehmen.
Was sagt das über diese Leute? Ich finde das interessant und treibe mich im Moment lieber in der Anayse der Kommunikationsstrukturen als im totgeschrieenen Thema selbst rum. Wer sagt was wie erzählt eine Menge über den gesellschaftlichen Istzustand.
Ich bin auf sehr gespannt, zu schauen, ob und was sich verändern wird.
Wünsch mir dass @Frau_Elise weiter mitmacht. Brauchen wir auch wenns wehtut, Ausdauer “Was vom #Aufschrei übrig bleibt” http://t.co/ZriFPPOW