Am See, erzählt
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Das Haus am See

boot

Das Haus am See, in dem ich vor 35 Jahren mal gewohnt habe, steht natürlich noch immer da, wo es schon seit ein paar hundert Jahren steht, gleich vom Parkplatz aus kann ich es ganz hinten stehen sehen. Wir laufen durch die blitzsaubere Parkanlage hin, es regnet und mein Jackenärmel ist tropfnass, weil wir uns zu zweit einen Schirm teilen. Im Haus sind die Tourist-Information und das Rathaus untergebracht, fremde Menschen gehen durch die große Türe ein und aus, gerade so als ob das ganz normal wäre, aber ich weiß natürlich, dass es das nicht ist, denn das Haus und ich, wir haben seit damals einen geheimen Vertrag und in dem steht, dass es für alle Zeiten mein Haus ist und es auch bleiben wird. Die alte massive Holztür wurde durch eine Türe mit Glasfenstern ersetzt, die Treppenstufe, auf der ich so oft saß und Caretta aß und zusah, wie sie mit dem Kran die Boote von den Autoanhängern ins Wasser hievten, wurde eingeebnet. Ich gehe hinein, viel zu sehen gibt es aber nicht, das Haus wurde innen komplett entkernt und sogar das schöne Treppengeländer mit der Holzschnecke am Abschluss haben sie weggemacht. Hinten, wo unser Öltanker hinter dem Holzkran stand, ist nun ein Café, man serviert Bodensee-Secco und Salat mit Lachsstreifen. Früher roch das Haus nach altem Holz, nach Öl und nach dem modrigen Keller, in dem einmal im Jahr das Wasser kniehoch stand, den Geruch haben sie irgendwie herausbekommen, aber ich brauche ihn gar nicht riechen, ich habe ihn noch immer in der Nase. Ich gehe wieder raus, ich habe genug gesehen, den Rest weiß ich ja auch so und das Haus weiß natürlich, das ich das weiß, wir beide haben nichts vergessen.

Die riesige Wiese, die einst das Haus umrandete, ist weg, hinten wo der Apfel- und der Birnbaum standen, parken nun Autos und sogar die Tanne, die mal unser Weihnachtsbaum war, haben sie gefällt. Die Treppe am Wasser, früher hinter riesigen Hecken versteckt, ist auch weg, dort gibt es nun eine „naturnahe Uferanlage“. Dahinter der alte Park, immerhin aber kann ich ganz hinten den alten Pavillon erkennen, in dem beim Strandfest eine Band dauernd „By the Rivers of Babylon“ spielte. Vorm Haus die brüchige Mole, nun an ein paar Stellen mit Beton ausgebessert, aber das Geländer, das ist noch das gleiche, rostbraun, wackelig und viel zu niedrig, ich muss aufpassen, nicht über meine nassen Hosenbeine zu stolpern, aber wer als kleines Kind jeden Tag allein am Wasser gespielt hat und nie hineingefallen ist, wird das auch mit 40 nicht mehr tun. Die Bootsmasten kleppern sanft, das Geräusch ist das gleiche wie früher, wenn ich nachts im Bett lag und nicht schlafen konnte. Auf der einen Seite der weite See mit ein paar vereinzelten Booten, drüben der andere Ort, dahinter der Berg mit der Ruine oben drauf, rechts das See-Ende, da, wo ich mir mal den Finger am Schilf so schlimm aufgeschnitten hatte, was man aber nicht nähen wollte, so dass ich bis heute eine große Narbe habe, von der nur ich weiß, woher sie stammt und was sie bedeutet.

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An dem Tag, als ich in dem Haus fünf wurde, war ich davon überzeugt, ich könne nun schneller rennen als noch am Tag zuvor, aber mein Vater sagte, das könne gar nicht sein, ich würde mir das nur einbilden. Als ich im Sommer danach im Strandbad mein riesiges Muttermal auf dem Oberschenkel mit der Hand verstecken wollte, weil ich mich so dafür schämte, sagte er, ich solle mir keine Sorgen machen, bis ich groß sei, sei der verschwunden, der werde jeden Tag ein bisschen unsichtbarer und irgendwann würde den keiner mehr sehen. Aber das war gelogen, der Fleck ist bis heute da, groß wie ein Hühnerei. Und dann kamen schlechte Zeiten und ich begann, als Sechsjährige, nachts wieder ins Bett zu machen. Der Kinderarzt verschrieb mir deswegen ein „Klingelhöschen“, das sofort Alarm schlug, wenn etwas passierte, damit ich aufwachte – so sollte ich lernen, meine Blase nachts zu kontrollieren. Das hatte ich dann zwar schnell gelernt, dafür aber hatte ich danach jahrzehntelang Schlafprobleme und musste in manchen Nächten bis zu zehn-, fünfzehn Mal aufs Klo. Katzen hatten wir auch, als wir in dem Haus am See wohnten. Die erste hieß Grizzly und lief irgendwann weg, die zweite hieß Sophie und bekam vier Katzenbabies, die ich abgöttisch liebte, doch die kamen dann auf einen Bauernhof. Meine Oma schenkte mir, um mich zu trösten, eine Spielzeugkatze mit weißem Kunstfell und einem Batteriefach. Wenn man die Katze an machte, konnte sie laufen, sich hinsetzen und miauen und alle lachten sich darüber kaputt, weil das so schrecklich war, das war es natürlich auch, aber ich fand es nicht lustig. Wenn ich groß bin, habe ich irgendwann mal eine echte Katze, schwor ich mir und auch, dass ich sowieso außerdem alles anders und viel besser machen würde. Wie unglückliche Kinder das eben so tun.

Ich war ein sehr selbständiges Kind, ich hatte ein gelbes Fahrrad und mit dem fuhr ich überall herum. Zum Campingplatz, durch den Park und zum Bahnhof, an dem ich aus dem Süßigkeitenautomaten kleine Schachteln mit Colafläschchen zog, um sie unter den anderen Kindern, die auch im Haus wohnten, zu verteilen. Das Geld hatte ich vorher meinen Eltern aus dem Geldbeutel gestohlen. An Fasnacht gab es im Gemeindesaal eine Aufführung mit den älteren Schülern, meine Eltern aber fanden Fasnacht total scheisse und wollten darum nicht hin, also ging ich alleine. Und ich besaß eine eigene, etwa zehn mal zehn Meter große Halbinsel, auf die man nur gehen konnte, wenn es Niedrigwasser oder Eis hatte, was außer mir aber keiner wusste. Mein bester Freund hieß Andreas und war in meiner Klasse. Andreas hatte strohblondes Haar, eine nervige Schwester und Eltern, die einen Fernseher in einem Schrank stehen hatten, den man mit Türen zumachen konnte. Am Tag, bevor wir umzogen, wollte ich nochmals zu ihm, um “tschüss” zu sagen, aber er war nicht zuhause und so konnte ich mich nie von ihm verabschieden, was mir bis heute Leid tut.

Wir zogen Ende Mai um, ich hatte die erste Klasse noch nicht beendet und musste in der neuen Stadt in eine neue Schule, in der alles so ganz anders war. Beim Turnen waren weiße Leibchen und kurze rote Feinripphöschen Pflicht und ich fiel nicht nur unangenehm auf, weil mein weißes Leibchen einen roten Rand bei den Armauschnitten hatte, nein, ich hasste diese Dinger, weil man ja nun wieder den riesigen Leberfleck sehen konnte. Ich klebte mir also riesige Heftpflaster auf den Oberschenkel und begann außerdem, Turnen zu schwänzen. Wenn ich auf mein Fehlen angesprochen wurde, erklärte ich, ich hätte das total vergessen und sei versehentlich nach Hause gegangen. Dass das gelogen war, fiel niemandem wirklich auf, denn wer traut schon einem Zweitklässler zu, dass er schwänzt. Sogar beim Schulfest in der dritten Klasse haute ich einfach ab, weil ich keine Lust auf die eingeübte Aerobic-Aufführung hatte. Hinterher fand die Theateraufführung meiner Klasse an, in dem ich eine wichtige Rolle als Maus hätte spielen müssen, aber ich war ja nicht da. Am nächsten Tag gab es deswegen ziemlichen Ärger, der Rektor schimpfte mit mir, aber weil ich ansonsten eine unauffällige Schülerin war, war die Sache schnell vergessen. Meine Eltern haben davon nie erfahren, sie waren nicht beim Schulfest gewesen. Wenig später, ich war dann neun Jahre alt, wurde ich dafür für zwei Monate in eine Kinderkur an der Nordsee geschickt. Wegen meiner Schlafprobleme, hieß es. Hat aber nichts genutzt, die hatte ich nämlich weiterhin und zwar so lange, bis ich dann mit meinem Mann zusammengezogen bin. Seitdem lege ich mich nachts ins Bett und bin nach drei Minuten fest eingeschlafen.

Das mit dem Haus am See ist natürlich lange her und ich denke auch nur noch selten daran. Ich bin auch nicht mehr traurig und nur noch manchmal wütend. Aber vergessen werde ich es trotzdem nicht.

10 Kommentare

  1. Armin sagt

    Wow. Das Haus. Und auch die Geschichte. So ähnliche Gefühle kommen in mir beim Besuch meinem Kindheitshauses auch hoch. Nur war es nicht in einem solch spektakulärem Umfeld…

  2. leopanta sagt

    Ein sehr schöner Text, der Erinnerungen weckt. Danke!

  3. Puh, mir ging´s auch so beim Schreiben. Es war anstrengend, das zu tun. Richtig anstrengend.

  4. Pingback: Woanders – diesmal mit Sven, Scott, Falk, Elise, Cléo und anderen | Herzdamengeschichten

  5. Elke T. sagt

    Und mutig, finde ich… Danke dafür!

  6. Kommt mir sehr bekannt vor. Solche Erinnerungen habe ich auch!
    Sehr schöner Text!
    Danke

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