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Was vom #aufschrei übrig bleibt

Und am Wochenende beschloss ich, mich aus der Diskussion rund um #aufschrei auszuklinken. Es machte mich traurig und wütend, wie dieses Thema durch den Talkshow-Wolf gedreht wurde und wie Leute, die ich bis dahin sehr geschätzt hatte, ein Verhalten zutage legten, mit dem ich so nicht klar kam. Da war auf einmal auch so viel von Busen die Rede, Busen in Dirndeln, Busen als primäre oder doch als sekundäre Geschlechtsmerkmale, Busen als Machtinstrument, Busenkomplimente und Busen als Milchspender und überhaupt Busen in allen möglichen Zusammenhängen, als ob Busen für diese Debatte auch nur irgendeine Relevanz hätten. Überhaupt, was da alles in den großen Sexismustopf geworfen wurde – sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Kinderpornographie und eben immer wieder diese Busen. Natürlich muss man auch darüber reden, aber es ist eben eine andere Diskussion. Andere konzentrierten sich auf Ironie, Aggressivität, Überheblichkeit oder Ablenkung, auch Männer seien Opfer von Sexismus hieß es da zum Beispiel oder dass Männer überhaupt kein Recht hätten, über Dinge wie die Pille danach zu diskutieren. Wieder andere, von denen ich das so nicht erwartet hätte, klinkten sich die ganzen Tage stur aus der Diskussion aus und schafften es, zur Sache keine einzige Bemerkung fallen zu lassen, um bloss nirgends anzuecken.

Und dann der Ton, der teilweise herrschte, der war erschreckend und ich kann mich davon noch nicht einmal ausschließen. Bei Twitter ist es mir selber passiert an den Abenden, als ich die Talkshows zum Thema guckte und es nicht fassen konnte, was da für schlimme Sachen geäussert wurden, ich habe geschimpft in meiner Timeline und mich aufgeregt und war alles andere als sachlich. Auch in einer Diskussion bei Facebook auf der Seite eines “Social Media-Beraters”, der seltsam anmutende Aussagen rund um den – hurra, da ist er wieder – Busen machte, um damit zu provozieren, ist mir das passiert und ich habe ihn als Idioten bezeichnet, weil es mich immer wieder wütend macht, wenn Leute mit voller Absicht wichtige Diskussionen trollen, um sich in den Mittelpunkt zu schieben und dabei genau wissen, dass sie das auch können, weil sie einen großen Fanclub von Leuten haben, die das mittragen. An anderen Stellen habe ich aber versucht, zu relativieren und die Diskussion auf den eigentlichen Punkt zurückzuführen, um dann aber auch zu merken, wie schwer das sein kann wenn Meinungsführer mit Polemik, Aggressivität und großer Unsportlichkeit vorlegen, weil das dazu führt, dass andere nachziehen, ohne sich zu überlegen, ob das nun der Sache so wirklich weiterhilft. Wenn sich aber dann so eine wütende Meute auf jemanden stürzt, egal, ob er mit dem, was er sagte, ganz furchtbar falsch lag, und ihn in Grund und Boden diskutiert, wird damit nicht viel mehr erreicht, als dass sich derjenige beleidigt ins Schneckenhaus zurückzieht. Das aber schafft nur verhärtete Fronten, aber eben keinen Dialog. Und den brauchen wir aber so dringend.

Was bleibt, ist insofern, bei mir zumindest, ein schales Gefühl. Einerseits hat es das Thema “Sexismus” endlich mal wieder zurück in die Öffentlichkeit gebracht und ich bin mir sicher, dass sich viele künftig sehr genau überlegen werden, ob dieses Verhalten oder jene Äußerung wirklich angebracht ist. Anderseits ABER. Aber vielleicht ist es ja auch noch zu früh für ein Résumé. Ist ja auch nur meine ganz persönliche Meinung, heute Mittag um 13 Uhr 02. Ein sehr guter Artikel, der die Aktion #aufschrei nochmals sachlich und reflektiert zusammenfasst, stammt übrigens von Antje Schrupp: Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht. Und hier geht´s jetzt erstmal wieder weiter wie gewohnt.

Wir sind keine Lämmer

Ich glaube, ich muss meinen letzten Artikel “Nun hab dich doch nicht so” noch um ein paar Gedanken ergänzen. Auch wenn ich hier schrieb, dass ich glaube, dass Sexismus auch immer mit der Art der Wahrnehmung zu tun hat, meinte ich damit nicht, dass es keine klare Definition von sexueller Belästigung gibt. Als ich den Artikel “Das Schreien der Lämmer” von Frau Meike gelesen habe, bin ich daher ein wenig erschrocken, weil ich glaube, dass man das, was ich damit eigentlich meinte, falsch verstehen könnte. Meike nahm als Aufhänger für den Artikel einen Satz von mir, den ich bei Facebook geäussert hatte. Ich schrieb darin, dass ein Grundproblem in der Diskussion um Sexismus sei, dass die Begriffe von Sexismus und sexueller Belästigung von vielen Frauen nicht wirklich getrennt werden würden. Meike führte das in ihrem Artikel weiter, nämlich dass es immer im persönlichen Empfinden läge, was als Sexismus zu definieren sei: Wenn einem jemand auf der Straße hinterherpfeife zum Beispiel, freuen sich die einen darüber, die anderen aber fühlen sich dadurch belästigt. Oder wenn sich ein Mann sehr eng hinter einen stellt, empfinden es die einen als unangenehm, die anderen aber, wenn sie den Mann attraktiv finden, vielleicht nicht.

Natürlich gibt es immer auch einen Kontext – eben wenn ich in Köln “Liebelein” vom Busfahrer genant werde, dann eben, weil das in Köln so üblich ist, nicht aber, weil es eine Anmache ist, die ich aber als solche empfinde, weil es für mich ungewohnt klingt und da, wo ich herkomme, nicht üblich ist. Das ist dann für mich als Sexismus zu verstehen: Also ein Verhalten, das darin begründet liegt, dass Männer und Frauen in einer Gesellschaft klar definierte Rollen zugewiesen werden, begründet durch ihr Geschlecht. Hinterherpfeifen dagegen auf der Straße aber steht immer in einem deutlich sexuellen Kontext, genauso wenn sich ein Mann absichtlich zu nah an eine Frau stellt und dabei den sonst üblichen Abstand zu wahren. Daher empfinde ich, wenn mir diese beiden Fälle passieren, das als deutliche sexuelle Belästigung. Ich möchte mich in einer Gesellschaft so bewegen können, ohne dass ich dabei hauptsächlich als Sexualobjekt wahrgenommen werde – sondern eben als Mensch, der frei entscheiden kann, wie nah er sich beispielsweise an einen anderen fremden Menschen stellen möchte und ob es dann in einem sexuell bezogenen Zusammenhang passiert. Ich möchte selber entscheiden, jederzeit und überall, was passiert. Anstatt als Frau jederzeit für das verfügbar sein zu müssen, was andere Männer in diesem einen Moment gerade in mir sehen möchten.

Bevor Meike diesen Artikel schrieb, diskutierten wir mit vielen anderen über genau solche Situationen auf Facebook und Meike hatte da zu solchen Situationen eine konträre Meinung, für sie war das eher ein Sexismus, nicht aber eindeutige sexuelle Belästigung. Sie würde sich beispielsweise darüber freuen, wenn man ihr hinterhergucken würde. Es lief darauf hinaus, dass sie meinte, man solle manche Situationen nicht zu eng sehen als Frau und damit etwas lockerer umgehen, da man sich ja ansonsten in eine Art Opferhaltung begeben würde.  Nachtrag: Meike sagt, ich würde sie hier falsch zitieren, das habe sie s nämlich nicht gesagt. Das stimmt auch und dafür möchte ich mich entschuldigen – ich habe mich da nicht geschickt ausgedrückt und meinte eigentlich: Das verstand ich so, dass man sich als Frau nicht so anstellen solle – erst die Art der Wahrnehmung der Aktion definiert, ob es sexuelle Belästigung ist oder nicht, und wenn man es aber nicht bewertet, ist es für beide Seiten ok. Das ist aber falsch, für mich bleibt es sexuelle Belästigung, denn es fand ein Übergriff statt. In ihrem Artikel formuliert sie ähnliches: Anstatt ein solches Verhalten anzuprangern, solle man lieber den Dialog suchen, um darüber zu reden – um das jetzt ganz kurz und knapp zusammenzufassen. Diese Haltung aber finde ich schwierig – und auch falsch. Ich denke sehr wohl, dass man das, was sexuelle Belästigung ist, sehr klar und eindeutig definieren kann -und entsprechend finde ich, dass man das, was Sexismus und das, was sexuelle Belästigung ausmacht, sehr klar trennen kann  und es auch unbedingt tun muss.

Mit dem Text von Frau Meike tue ich mich aber auch ansonsten schwer. Sie sagt, dass Frauen doch den Dialog suchen müssten, anstatt anzuklagen, dies und das sei Sexismus oder sexuelle Belästigung. Ich glaube, der Dialog wurde lange genug gesucht, wo doch bereits seit Jahrzehnten über Gleichstellung und Sexismus diskutiert wird – siehe beispielsweise Frauenbewegung in den 80er-Jahren. Einiges hat sich seitdem sicher verbessert, aber eben nicht alles, was nötig wäre und das, was bei Twitter unter dem Hashtag #aufschrei passierte, hat das eindeutig gezeigt.

Ich fand den Artikel auch aus einem weiteren Grund ungeschickt: Dass Himmelreich ihr Pulver gegen Brüderle erst jetzt, ein Jahr später, verschossen wurde, wurde von vielen kritisiert. Sie hätte das doch damals gleich äussern sollen, am besten sogar Brüderle gegenüber, um das zu klären. Und dass es reiner Populismus sei, dass das erst jetzt ausgerechnet über den Stern passieren würde, wo doch Brüderle gerade erst wieder so im Fokus der Öffentlichkeit stehen würde. Das sehe ich nicht so. Was jemand, dem so etwas passiert, damit macht, ist seine eigene Entscheidung und wie die Reaktion ausfällt, hat keinerlei Einfluss auf die Art der Bewertung der Tat. Warum jemanden, der ein öffentliches Amt ausübt und von öffentlichen Geldern lebt, nicht genau dann die Retourkutsche servieren, wenn es ihn an stärksten treffen kann, nämlich dann, wenn es ein großes Interesse in der Öffentlichkeit an dieser Person gibt. Ich finde, dass das klug war, denn somit schafft es das Thema wirklich in die Schlagzeilen und Brüderle darf nun seine Rechnung begleichen. Von Rücktritt ist die Rede und ich finde, dass das angemessen wäre. Jemand, der sich so verhält, hat sein Recht verwirkt, ein öffentliches Amt auszuüben. Meikes Text aber gibt denen, die nun versuchen, Brüderles Verhalten dadurch zu verschleiern, indem das Opfer diskreditiert wird, nur weiteres Futter: Man soll den Dialog suchen, anstatt sich hinter solchen Aktionen wie #aufschrei zu verstecken. Das hat sie anders formuliert, ja, aber das ist das, was der Text ausdrückt.

Mit der Radikalität der Feministinnen hatte ich mich bisher immer schwer getan. Mir geht es ganz ähnlich wie der Kaltmamsell, ich habe Sexismus und sexuelle Belästigung im Beruf wenig erleben müssen und wenn doch, dann war ich meistens zum  Glück geistesgegenwärtig genug, dagegen etwas zu sagen oder zu machen. Es waren eher kleinere Aktionen, die mir aufgefallen sind – eben U-Bahn-Kuscheln oder dumme Sprüche über Frauen, und die habe ich meistens nicht allzu ernst genommen. Starrt mir jemand auf den Busen, was leider öfter vorkommt, weil meiner nicht zu übersehen ist, macht es mich auch längst nicht mehr so sprachlos wie damals, als ich noch 20 war. Und wenn ich mit meinem Mann unterwegs bin, traut sich das eh keiner mehr. Ich habe mich nie als Opfer gesehen, aber ich war eben auch nie wirklich eins. Diese schlimmen Situationen, die Serotonic erlebt hat, habe ich nie erleben müssen, die Beispiele, die ich in meinem letzten Artiel genannt hatte, sind dagegen lächerlich. Sie haben mich geärgert, ja, aber passieren sie mir, mache ich entweder eine Bemerkung dazu oder entziehe mich ihr, wenn ich das Gefühl habe, darüber zu reden bringt nichts. Das war es dann auch. Und ich bin sehr froh darüber, dass es bei mir bisher immer eher nur lästige Kleinigkeiten waren, über die ich Sexismus erlebt habe. Das, was ich da in den letzten Tagen aber im Netz gelesen habe, hat mich aber traurig gemacht. Und ich verstehe auch die Wut der Feministinnen nun deutlich besser, die ja seit Jahren genau diesen Dialog mit den Männer suchen oder Frauen dazu ermutigen wollen, dagegen aktiv zu werden, nur dass viele von ihnen eben einfach nicht hören wollen. Das muss auf Dauer einfach wütend machen und dazu führen, dass man eben deutlicher wird – durch radikaleres Auftreten.

Das, was die beiden alten Männer Broder oder Kubicki geäussert haben, zeigt sehr heftig, wie offen und eindeutig Sexismus noch immer gelebt wird und wie unverfroren das passiert. Man kann über die beiden Vehikel lachen und auch über die Berechenbarkeit ihrer Reaktionen. Es ist kein Witz: Kurz bevor ich von Broders Text erfahren hatte, hatte ich bei Twitter noch darüber gewitzelt, ob er schon etwas zum Thema “gebrodert” hatte -  in diesem Moment wusste ich wirklich nicht, dass es bereits diesen schrägen Artikel beim Springerblatt “Welt” gab. Aber dass es in Deutschland möglich ist, dass, Verzeihung: Wichser wie Broder oder Kubicki für solchen Schwachsinn eine Plattform bekommen, das macht wütend. Weil es nicht passieren würde, wenn es für so etwas nicht auch ein breites Publikum geben würde. Allein schon diese Debatte gestern mit @bodenseepeter hat das gezeigt. Nicht, dass ich mich an dieser einen Person abarbeiten wollte, so viel Bedeutung hatte der Unsinn, den er da schrieb, nun auch nicht und niemand im Netz hatte wirkich von ihm gehört, bevor ich seine Tweets retweetet hatte. Aber es war für mich einfach so exemplarisch: Da schreibt jemand aus meinem Umfeld, den ich seit Jahren kenne, solchen Schwachsinn. Und viel schlimmer aber: Nach vorne hin entschuldigt er sich, als er merkte, dass es Gegenwind gab, nachdem ich das retweetet hatte, ein paar Stunden aber zog er die Reaktionen als “Shitstorm” ein paar “Gutmenschen” ins Lächerliche. Das passiert einfach so und der Kerl findet das völlig in Ordnung und ein paar seiner Follower auch. Ganz offen. Dabei gehören solchen Typen die Ohren lang gezogen. Und das ist dann eben auch der Punkt, wo Frau  Meike in meinen Augen irrt: Natürlich ist es gut, den Dialog zu suchen, anstatt sich als Opfer zu verstehen, wenn man Sexismus erlebt hat. Nur: Das wurde Jahrzehnte lang gemacht, aber es hat anscheinend nicht viel gebracht. Wie bei @bodenseepeter eben.

Gestört hatte mich auch die Überschrift des Artikels: Frauen, die sexuell belästigt werden, sind keine Lämmer, auch nicht dann, wenn sie das nicht sofort mit dem Mann über einen Dialog versuchen zu klären. Das würde ja bedeuten, dass es eine Hierarchie gibt und die gibt es nicht in einem solchen Fall. Es gibt nur jemanden, der sich respektlos verhält und nicht beachtet, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Was ich an diesem Artikel auch schwierig finde: Dass er im Netz so populär ist und somit vielleicht für viele als exemplarisch gelesen wird, weil er ja von einer Frau ist. Dass er so populär wurde und von so vielen Menschen gelesen und dann empfohlen, gelikt, retweetet und sonstwo geteilt wurde, war aber nicht unbedingt wegen des Inhaltes an sich, sondern weil Meike eben nun mal auch die Frau ihres Mannes ist. Eine Blogempfehlung von ihm – und ein Blog explodiert innerhalb in Minuten. Wenn nun aber ein Artikel von ihr nach außen hin über die Zahl der Likes und Favs als deutlich populärer wahrgenommen wird als das, was gestandenen Feministinnen seit Jahren in ihren Blogs schreiben – schwierig. Das verzerrt vielleicht ein bisschen. Das ist auch keine Kritik an Meike persönlich, die ich ja auch mag und sehr schätze. Trotzdem kann man auch anderer Meinung zu dem sein, was sie schreibt und dann muss man darüber eben auch reden. Ich finde einfach, dass das, was sie geschrieben hat, nicht der richtige Ansatz ist und ich würde mich freuen, wenn andere Artikel zum Thema mehr in den Fokus rücken würden.

Anke Gröner hat diese Artikel in ihrem Blog zusammengetragen und ich will sie hier einfach auch nochmal bekannt machen – wer noch weitere weiß, bitte Bescheid geben.

Antje Schrupp: Wie Lappalien relevant werden

Kaltmamsell: Es geht nicht um mich

Kiki: Hört auf damit!

Journelle: Danke #aufschrei

Happy Schnitzel: Besser spät als nie – die Sexismus-Debatte

Natalie Sprinhart: Aufschrei-Argumente.

Helga Hansen: Wogegen ich mich wehre? „Wehrt euch.“

Dr. Mutti: Mein später Aufschrei

Habichthorn: Meine 31 Cent zum Thema.

Frequenzen: Dreh dich doch mal um (wo auch nochmal auf die Begriffe “Sexismus” und “sexuelle Belästigung” eingegangen wird)

Nichts desto Trotz: In Diskussionen gibt es immer unterschiedliche Ansichten und unterschiedliche Ansichten führen dazu, dass noch mehr diskutiert wird. Das ist gut. Hätte es bei Twitter nicht die vielen dummen Replys zu #aufschrei gegeben, wäre das Thema sicherlich innerhalb eines Tages im Nirgendwo verpufft – nun aber aber ist es in den Medien und sogar Jauch hat heute Abend eine Gesprächsrunde zum Thema Sexismus am Start, bei dem @vonhorst, die die Twitteraktion ins Leben gerufen hat, Studiogast sein wird. Natürlich ist es furchtbar, dass da auch ein Karasek und eine Alice Schwarzer sitzen werden, aber immerhin, es ist im Fernsehen und es wird dazu führen, dass sich weitere Menschen Gedanken machen werden. Und es wird auch dazu führen, dass Typen wie Brüderle sich künftig zwei Mal überlegen werden, was sie da eigentlich tun, bzw. was das vielleicht nach sich ziehen kann. Allein das ist eine weitere gewonnene Schlacht im Kampf gegen den Sexismus.

Das war 2012

Und 2012 war ein gutes und erreignisreiches Jahr, das ich nie vergessen werde. Ein fulminanter Januar, der mit einem großen Dreikönigsessen mit alten und aber auch mit neuen Freunden anfing. Im Februar die Flucht vor dem Karneval nach Wien, wofür ich zum ersten Mal richtig fliegen musste, außerdem ein Heiratsantrag im Riesenrad hoch über den Dächern der Stadt. Im März eine erste unangenehme Begegnung mit dem Tod, später folgte sogar eine weitere, diesmal war jemand aus meinem Bekanntenkreis gestorben. Im April die ersten Planungen für die Hochzeit, beruflich der Auszug aus dem Betahaus und der Einzug in eine Bürgemeinschaft, außerdem viel Nachdenken darüber, wie wichtig Familie ist und herzliche Gefühle für den Kölner Stadtteil Sülz, in dem ich lebe und eine Begegnung mit neuen Nachbarn. Außerdem die Entdeckung einer großen neuen Liebe: Zur Wolle nämlich. Im Juni viele großartige Radtouren mit dem Mann rund um Köln, die mir gezeigt haben, dass Köln auch seine schönen Seiten haben kann, zumindest jedenfalls, wenn man die Stadt verlässt und ein bisschen raus aufs Land fährt. Im Juli weitere Radtouren und Ärger mit einem Kunden, der mir einfach das Konzept für eine Website geklaut hat, ohne dafür bezahlen zu wollen. Im August vor allem Vorbereitungen für die Hochzeit am 22. August und die große Europareise, die wir am Tag danach antraten: Sechs Länder in dreieinhalb Wochen und es war alles wahnsinnig aufregend, beeindruckend und unwahrscheinlich großartig. Auch darüber habe ich geschrieben, und zwar über jeden einzelnen Tag. Das war teilweise sehr anstrengend, weil wir abends immer so müde waren, aber die Arbeit hat sich gelohnt. Kaum waren wir zurück, bin ich 40 geworden und wieder wurde mit Freunden gefeiert – der Geburtstag und auch die Hochzeit, zu der wir ja nur Familie eingeladen hatten. Eine alte Freundschaft ging über die Distanz außerdem verloren. Im Oktober der Auszug aus der neuen Bürogemeinschaft und der Beschluss, mehr zu schreiben, was dann prompt, nachdem ich mir den Raum dafür eingerichtet hatte, in eine heftige Schreibblockade führte, die ich dann aber mit einer Menge Wolle kompensierte, woraus dann auch schließlich mein neues Blog “Gemacht mit Liebe” hervorging. Immerhin! Außerdem war ich bei einem großen Gastmahl bei mir bis dato wildfremden Menschen, nämlich im Katchina Supperclub. Und weitere Gedanken hatte ich mir gemacht, nämlich über den Stadtteil, in dem ich lebe, denn hier geht es teilweise auch ein wenig merkwürdig zu, denn mit den “Fremden” hat man es hier nicht immer so. Im November schließlich viel Herumfahrerei: Nach Wiesbaden zur Release-Party des Wiesbaden-Buchs, für das ich auch etwas geschrieben habe, nach Hamburg, wo ich einen tollen Tag mit vielen, vielen Gesprächen mit einer Freundin verbracht habe und auch nach Dortmund, was auch ein bisschen eine Reise in eine andere Welt war. Und ein Treffen mit jemandem von Twitter, das ich so vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätte und das ich gerne wiederhole.

Und schließlich der Dezember, in dem ich nach Jahren wieder im Hallenbad schwimmen war und feststellen musste, dass das ja gar nicht weh tut, in dem ich meinen Mann nur wenig gesehen habe, weil er so furchtbar viel arbeiten musste, in dem Freunde von uns überraschend geheiratet haben, in dem ich feststellen musste, dass die Dinge nicht immer so sind, wie ich sie sehe und dass es gut ist, sich zu entschuldigen, in dem ich mir außerdem viele Gedanken über meinen Beruf gemacht habe, in dem der Mann und ich auf einer tolle Weihnachtsparty mit lauter Selbständigen eingeladen waren und der dann schließlich mit einer Menge Familienbesuch und einer fulminanten Silvesterparty endete. Den Flur müssen wir jetzt neu streichen.

Und mein Jahresfazit? Dass Familie und Freunde das wichtigste sind. Und Liebe vor allem. Und außerdem Gesundheit. Und dass ich das mit meinem Beruf anders angehen muss künftig. 2012 hatte ich Heimweh, viel mehr als letztes Jahr und vor allem im November und Dezember, aber gerade zum Jahresende hin gab es zum ersten Mal seit meinem Umzug auch viele Tage, an denen ich völlig vergessen hatte, dass ich noch immer neu und auch noch immer fremd in Köln bin. Da möchte ich 2013 auch gerne weitermachen. Und  überhaupt 2013. Pläne gibt es und viele, viele Ideen. Der Einzug ins neue Büro in der Südstadt steht bevor und ich denke, damit wird viel Neues, Buntes und Großartiges kommen. Außerdem kann ich dann endlich ein Eichhörnchen häkeln, für den Baum nämlich, der mitten in unserem Büro stehen wird. Mit einer Freundin sitze ich außerdem gerade an den Vorbereitungen für ein Panel für die re:publica und wir hoffen, dass wir damit genommen werden. Das Thema “Handmade” möchte ich weiter vertiefen, genauso wie die Sache mit dem Schreiben. Für meine Tante wünsche ich mir unendlich viel Gesundheit. In meinem Büro soll es mit neuem Schwung und neuem Schwerpunkt weitergehen, außerdem gibt es da noch ein Projekt, das ich vielleicht angehen möchte, wozu ich aber noch ein oder zwei Partner brauche. Und dann war da noch die Anmeldung für den Women’s Run im August, für den ich trainieren werde, um nicht als letzte, sondern im guten Mittelfeld im Ziel einzulaufen. Das wird eine Menge Arbeit ehrlichgesagt. Aber ich packe das an und dass ich vermutlich nicht in das knatschenge Shirt passen werde, ist mir bis dahin hoffentlich piepegal. 10 Tage auf der Lieblingsinsel sind bereits gebucht und ich freue mich wie bekloppt darauf, so sehr, dass ich schon schier Tränen in den Augen habe, wenn ich mir vorstelle, wie wir da am ersten Tag am Strand stehen werden. Und überhaupt ist da noch dieser Wunsch, dort irgendwann ein Häuschen zu haben.

Und dann ist da noch dieses Blog, in dem es in den letzten Wochen etwas ruhiger geworden war – bedingt ein bisschen durch die Schreibblockade und durch mein neues Blog, aber auch dadurch, weil die Heimatbloggerei auf einmal in so vielen Blogs inflationär in Mode kam, so dass ich ein wenig die Lust an diesem Thema verloren hatte. Überhaupt war da zum Ende des Jahres hin diese große Socialmüdigkeit, vor allem, wenn ich so beobachtet habe, was in den Netzwerken so lief und wie ich mich aber auch selber teilweise darin verheddert hatte. (Sogar mein Konstanzer Blogtroll hat zum Ende des Jahres hin schlapp gemacht, nachdem er mich über vier Jahre hinweg Monat für Monat “anonym” beschimpft hat. Vielleicht rufe ich da die Tage mal an und frage nach, ob alles ok ist?) Für mich heißt das: Weniger Facebook, weniger Instagram, Google+ außerdem weiterhin nur für Links, stattdessen wieder mehr Flickr und vor allem meine Blogs – Klasse statt Masse eben und mehr Konzentration auf meine eigenen Seiten außerdem. Und natürlich Twitter, aber das ist ja Ehrensache.

Hallo 2013, kann losgehen.

Was mit Wolle

Manchmal stelle ich mir vor, ich würde Schluss machen. Einfach so, von einem Tag auf den anderen. Ich würde den Rechner vom Balkon über den vier Meter hohen Kirschlorbeer in den Garten von Doktor Socke nebenan werfen. Danach würde ich das Handy wie in diesem Filmchen bei Youtube in den Blender stecken und es innerhalb von Sekunden zu kleinen schwarzen Metall- und Kunststoffflocken zerschreddern. Im Garten würde ich außerdem ein riesiges Lagerfeuer entfachen und die fünf oder sechs Packen Papier, die ich im Büroschrank lagere, sowie alle Notizblöcke und Notizbücher darin verbrennen, anschließend würde ich alle Stifte, die ich besitze, unter den Hortensien vergraben.

Und ich hätte endlich meine Ruhe, denn ich müsste nicht mehr schreiben, keine Mails, keine Tweets und keine Facebook-Updates mehr, keine Blogartikel und keine Texte mehr für Leute, die damit Dinge verkaufen wollen, bei denen ich im Leben nicht darauf käme, sie besitzen zu wollen. Dann würde ich in die Stadt fahren und mir einen riesigen Berg Wolle kaufen. Wolle in allen Farben, die man sich nur irgendwie vorstellen kann. Wolle zum Häkeln und zum Stricken, außerdem eine Sortiment an Strick- und Häkelnadeln in allen Stärken mit Griffen aus Bambus, Metall, Kunststoff oder regenbogenfarbenem Holz. Und dann ginge es los. Ich würde gestreifte Kissen in Grüntönen häkeln und Vasenschoner im Color-Blocking-Look. Riesige Schals würde ich stricken, die man sich vier Mal um den Hals wickeln kann.

Bezüge für Wärmflaschen, Hüllen für Handys und iPads (von anderen Leuten, ich hätte ja beides nicht mehr), Blumen in Regenbogenfarben für Baumsocken, Körbe, Teelichter, Stuhlbezüge und Decken würden außerdem in meinen Händen entstehen. Vielleicht würde ich auch damt beginnen, irgendwelche Fähren einzuhäkeln. Und Etiketten würde ich mir machen lassen, die ich auf alles, was ich so mit dem Berg Wolle machen würde, nähen würde und vielleicht würde da einfach “Gemacht mit Liebe von @Frau_Elise” drauf stehen. Und natürlich würde ich auch geringelte Tassenwärmer häkeln. Denn es tut gut, ab und an reale Dinge zu machen, Dinge, die man anfassen kann und die dabei nicht immer einen Sinn haben müssen. Dinge, die einfach nur das sein können, was sie sind, nämlich bunt und schön.

Aber das ist natürlich Quatsch. Natürlich mache ich mit dem Schreiben nicht Schluss. Die Wolle aber habe ich mir natürlich trotzdem vor ein paar Wochen gekauft und in Gemacht mit Liebe kann man ganz bald gucken, was daraus so wird.

(Nachtrag: Das Blog war bisher bei WordPress gehostet, zieht aber in den nächsten Tagen auf diese neue und eigene Domain um)

Eichhörnchentage II

Und wieder zurück bei Null und Null ist für ein paar Wochen im heimischen Kellerbüro. Heute die Sachen aus dem alten Büro, das mit einem halben Jahr eigentlich gar nicht wirklich hat alt werden können, nach Hause gebracht. Den Tisch, den Stuhl, den Rechner, das Telefon, die Ordner, die Orchidee, die nur noch aus Stengeln besteht und natürlich die zuletzt nicht mehr genutzten Kaffeetassen.

Die Sachen irgendwie in den kleinen Raum gestopft, aber nicht aufgeräumt, denn wo nicht aufgeräumt ist, hat man immer noch was zu tun, nämlich dann, wenn man mal nicht weiß, wohin mit sich.

Während eines Telefonats mit einem Kunden die Katze von der Tastatur geschoben. Danach aus dem Fenster gestarrt und geguckt, wie die Blätter von den Bäumen fallen. An die Agentur gedacht, die früher im Haus gegenüber war, in dem jetzt diese Leute mit der biodynamischen Schaukel wohnen. Ein Eichhörnchen beobachtet, das gerade unter dem Kirschlorbeer nach Nüssen suchte. Vielleicht könnte man die zwei Monate aber auch einfach dazu nutzen, um ein paar melancholische Texte über Frauen zu schreiben, die aus dem Fenster starren und Eichhörnchen beobachten, die gerade unter dem Kirschlorbeer nach Nüssen suchen?

 

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Liebe, Gesundheit, Familie, Freunde, eine schöne Arbeit und ein sicheres Auskommen. Klarheit. Mut, neue und offene Dinge zu anzugehen. Und dass das Leben weiterhin so bunt und fröhlich bleibt.