Ich glaube, ich muss meinen letzten Artikel “Nun hab dich doch nicht so” noch um ein paar Gedanken ergänzen. Auch wenn ich hier schrieb, dass ich glaube, dass Sexismus auch immer mit der Art der Wahrnehmung zu tun hat, meinte ich damit nicht, dass es keine klare Definition von sexueller Belästigung gibt. Als ich den Artikel “Das Schreien der Lämmer” von Frau Meike gelesen habe, bin ich daher ein wenig erschrocken, weil ich glaube, dass man das, was ich damit eigentlich meinte, falsch verstehen könnte. Meike nahm als Aufhänger für den Artikel einen Satz von mir, den ich bei Facebook geäussert hatte. Ich schrieb darin, dass ein Grundproblem in der Diskussion um Sexismus sei, dass die Begriffe von Sexismus und sexueller Belästigung von vielen Frauen nicht wirklich getrennt werden würden. Meike führte das in ihrem Artikel weiter, nämlich dass es immer im persönlichen Empfinden läge, was als Sexismus zu definieren sei: Wenn einem jemand auf der Straße hinterherpfeife zum Beispiel, freuen sich die einen darüber, die anderen aber fühlen sich dadurch belästigt. Oder wenn sich ein Mann sehr eng hinter einen stellt, empfinden es die einen als unangenehm, die anderen aber, wenn sie den Mann attraktiv finden, vielleicht nicht.
Natürlich gibt es immer auch einen Kontext – eben wenn ich in Köln “Liebelein” vom Busfahrer genant werde, dann eben, weil das in Köln so üblich ist, nicht aber, weil es eine Anmache ist, die ich aber als solche empfinde, weil es für mich ungewohnt klingt und da, wo ich herkomme, nicht üblich ist. Das ist dann für mich als Sexismus zu verstehen: Also ein Verhalten, das darin begründet liegt, dass Männer und Frauen in einer Gesellschaft klar definierte Rollen zugewiesen werden, begründet durch ihr Geschlecht. Hinterherpfeifen dagegen auf der Straße aber steht immer in einem deutlich sexuellen Kontext, genauso wenn sich ein Mann absichtlich zu nah an eine Frau stellt und dabei den sonst üblichen Abstand zu wahren. Daher empfinde ich, wenn mir diese beiden Fälle passieren, das als deutliche sexuelle Belästigung. Ich möchte mich in einer Gesellschaft so bewegen können, ohne dass ich dabei hauptsächlich als Sexualobjekt wahrgenommen werde – sondern eben als Mensch, der frei entscheiden kann, wie nah er sich beispielsweise an einen anderen fremden Menschen stellen möchte und ob es dann in einem sexuell bezogenen Zusammenhang passiert. Ich möchte selber entscheiden, jederzeit und überall, was passiert. Anstatt als Frau jederzeit für das verfügbar sein zu müssen, was andere Männer in diesem einen Moment gerade in mir sehen möchten.
Bevor Meike diesen Artikel schrieb, diskutierten wir mit vielen anderen über genau solche Situationen auf Facebook und Meike hatte da zu solchen Situationen eine konträre Meinung, für sie war das eher ein Sexismus, nicht aber eindeutige sexuelle Belästigung. Sie würde sich beispielsweise darüber freuen, wenn man ihr hinterhergucken würde. Es lief darauf hinaus, dass sie meinte, man solle manche Situationen nicht zu eng sehen als Frau und damit etwas lockerer umgehen, da man sich ja ansonsten in eine Art Opferhaltung begeben würde. Nachtrag: Meike sagt, ich würde sie hier falsch zitieren, das habe sie s nämlich nicht gesagt. Das stimmt auch und dafür möchte ich mich entschuldigen – ich habe mich da nicht geschickt ausgedrückt und meinte eigentlich: Das verstand ich so, dass man sich als Frau nicht so anstellen solle – erst die Art der Wahrnehmung der Aktion definiert, ob es sexuelle Belästigung ist oder nicht, und wenn man es aber nicht bewertet, ist es für beide Seiten ok. Das ist aber falsch, für mich bleibt es sexuelle Belästigung, denn es fand ein Übergriff statt. In ihrem Artikel formuliert sie ähnliches: Anstatt ein solches Verhalten anzuprangern, solle man lieber den Dialog suchen, um darüber zu reden – um das jetzt ganz kurz und knapp zusammenzufassen. Diese Haltung aber finde ich schwierig – und auch falsch. Ich denke sehr wohl, dass man das, was sexuelle Belästigung ist, sehr klar und eindeutig definieren kann -und entsprechend finde ich, dass man das, was Sexismus und das, was sexuelle Belästigung ausmacht, sehr klar trennen kann und es auch unbedingt tun muss.
Mit dem Text von Frau Meike tue ich mich aber auch ansonsten schwer. Sie sagt, dass Frauen doch den Dialog suchen müssten, anstatt anzuklagen, dies und das sei Sexismus oder sexuelle Belästigung. Ich glaube, der Dialog wurde lange genug gesucht, wo doch bereits seit Jahrzehnten über Gleichstellung und Sexismus diskutiert wird – siehe beispielsweise Frauenbewegung in den 80er-Jahren. Einiges hat sich seitdem sicher verbessert, aber eben nicht alles, was nötig wäre und das, was bei Twitter unter dem Hashtag #aufschrei passierte, hat das eindeutig gezeigt.
Ich fand den Artikel auch aus einem weiteren Grund ungeschickt: Dass Himmelreich ihr Pulver gegen Brüderle erst jetzt, ein Jahr später, verschossen wurde, wurde von vielen kritisiert. Sie hätte das doch damals gleich äussern sollen, am besten sogar Brüderle gegenüber, um das zu klären. Und dass es reiner Populismus sei, dass das erst jetzt ausgerechnet über den Stern passieren würde, wo doch Brüderle gerade erst wieder so im Fokus der Öffentlichkeit stehen würde. Das sehe ich nicht so. Was jemand, dem so etwas passiert, damit macht, ist seine eigene Entscheidung und wie die Reaktion ausfällt, hat keinerlei Einfluss auf die Art der Bewertung der Tat. Warum jemanden, der ein öffentliches Amt ausübt und von öffentlichen Geldern lebt, nicht genau dann die Retourkutsche servieren, wenn es ihn an stärksten treffen kann, nämlich dann, wenn es ein großes Interesse in der Öffentlichkeit an dieser Person gibt. Ich finde, dass das klug war, denn somit schafft es das Thema wirklich in die Schlagzeilen und Brüderle darf nun seine Rechnung begleichen. Von Rücktritt ist die Rede und ich finde, dass das angemessen wäre. Jemand, der sich so verhält, hat sein Recht verwirkt, ein öffentliches Amt auszuüben. Meikes Text aber gibt denen, die nun versuchen, Brüderles Verhalten dadurch zu verschleiern, indem das Opfer diskreditiert wird, nur weiteres Futter: Man soll den Dialog suchen, anstatt sich hinter solchen Aktionen wie #aufschrei zu verstecken. Das hat sie anders formuliert, ja, aber das ist das, was der Text ausdrückt.
Mit der Radikalität der Feministinnen hatte ich mich bisher immer schwer getan. Mir geht es ganz ähnlich wie der Kaltmamsell, ich habe Sexismus und sexuelle Belästigung im Beruf wenig erleben müssen und wenn doch, dann war ich meistens zum Glück geistesgegenwärtig genug, dagegen etwas zu sagen oder zu machen. Es waren eher kleinere Aktionen, die mir aufgefallen sind – eben U-Bahn-Kuscheln oder dumme Sprüche über Frauen, und die habe ich meistens nicht allzu ernst genommen. Starrt mir jemand auf den Busen, was leider öfter vorkommt, weil meiner nicht zu übersehen ist, macht es mich auch längst nicht mehr so sprachlos wie damals, als ich noch 20 war. Und wenn ich mit meinem Mann unterwegs bin, traut sich das eh keiner mehr. Ich habe mich nie als Opfer gesehen, aber ich war eben auch nie wirklich eins. Diese schlimmen Situationen, die Serotonic erlebt hat, habe ich nie erleben müssen, die Beispiele, die ich in meinem letzten Artiel genannt hatte, sind dagegen lächerlich. Sie haben mich geärgert, ja, aber passieren sie mir, mache ich entweder eine Bemerkung dazu oder entziehe mich ihr, wenn ich das Gefühl habe, darüber zu reden bringt nichts. Das war es dann auch. Und ich bin sehr froh darüber, dass es bei mir bisher immer eher nur lästige Kleinigkeiten waren, über die ich Sexismus erlebt habe. Das, was ich da in den letzten Tagen aber im Netz gelesen habe, hat mich aber traurig gemacht. Und ich verstehe auch die Wut der Feministinnen nun deutlich besser, die ja seit Jahren genau diesen Dialog mit den Männer suchen oder Frauen dazu ermutigen wollen, dagegen aktiv zu werden, nur dass viele von ihnen eben einfach nicht hören wollen. Das muss auf Dauer einfach wütend machen und dazu führen, dass man eben deutlicher wird – durch radikaleres Auftreten.
Das, was die beiden alten Männer Broder oder Kubicki geäussert haben, zeigt sehr heftig, wie offen und eindeutig Sexismus noch immer gelebt wird und wie unverfroren das passiert. Man kann über die beiden Vehikel lachen und auch über die Berechenbarkeit ihrer Reaktionen. Es ist kein Witz: Kurz bevor ich von Broders Text erfahren hatte, hatte ich bei Twitter noch darüber gewitzelt, ob er schon etwas zum Thema “gebrodert” hatte - in diesem Moment wusste ich wirklich nicht, dass es bereits diesen schrägen Artikel beim Springerblatt “Welt” gab. Aber dass es in Deutschland möglich ist, dass, Verzeihung: Wichser wie Broder oder Kubicki für solchen Schwachsinn eine Plattform bekommen, das macht wütend. Weil es nicht passieren würde, wenn es für so etwas nicht auch ein breites Publikum geben würde. Allein schon diese Debatte gestern mit @bodenseepeter hat das gezeigt. Nicht, dass ich mich an dieser einen Person abarbeiten wollte, so viel Bedeutung hatte der Unsinn, den er da schrieb, nun auch nicht und niemand im Netz hatte wirkich von ihm gehört, bevor ich seine Tweets retweetet hatte. Aber es war für mich einfach so exemplarisch: Da schreibt jemand aus meinem Umfeld, den ich seit Jahren kenne, solchen Schwachsinn. Und viel schlimmer aber: Nach vorne hin entschuldigt er sich, als er merkte, dass es Gegenwind gab, nachdem ich das retweetet hatte, ein paar Stunden aber zog er die Reaktionen als “Shitstorm” ein paar “Gutmenschen” ins Lächerliche. Das passiert einfach so und der Kerl findet das völlig in Ordnung und ein paar seiner Follower auch. Ganz offen. Dabei gehören solchen Typen die Ohren lang gezogen. Und das ist dann eben auch der Punkt, wo Frau Meike in meinen Augen irrt: Natürlich ist es gut, den Dialog zu suchen, anstatt sich als Opfer zu verstehen, wenn man Sexismus erlebt hat. Nur: Das wurde Jahrzehnte lang gemacht, aber es hat anscheinend nicht viel gebracht. Wie bei @bodenseepeter eben.
Gestört hatte mich auch die Überschrift des Artikels: Frauen, die sexuell belästigt werden, sind keine Lämmer, auch nicht dann, wenn sie das nicht sofort mit dem Mann über einen Dialog versuchen zu klären. Das würde ja bedeuten, dass es eine Hierarchie gibt und die gibt es nicht in einem solchen Fall. Es gibt nur jemanden, der sich respektlos verhält und nicht beachtet, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Was ich an diesem Artikel auch schwierig finde: Dass er im Netz so populär ist und somit vielleicht für viele als exemplarisch gelesen wird, weil er ja von einer Frau ist. Dass er so populär wurde und von so vielen Menschen gelesen und dann empfohlen, gelikt, retweetet und sonstwo geteilt wurde, war aber nicht unbedingt wegen des Inhaltes an sich, sondern weil Meike eben nun mal auch die Frau ihres Mannes ist. Eine Blogempfehlung von ihm – und ein Blog explodiert innerhalb in Minuten. Wenn nun aber ein Artikel von ihr nach außen hin über die Zahl der Likes und Favs als deutlich populärer wahrgenommen wird als das, was gestandenen Feministinnen seit Jahren in ihren Blogs schreiben – schwierig. Das verzerrt vielleicht ein bisschen. Das ist auch keine Kritik an Meike persönlich, die ich ja auch mag und sehr schätze. Trotzdem kann man auch anderer Meinung zu dem sein, was sie schreibt und dann muss man darüber eben auch reden. Ich finde einfach, dass das, was sie geschrieben hat, nicht der richtige Ansatz ist und ich würde mich freuen, wenn andere Artikel zum Thema mehr in den Fokus rücken würden.
Anke Gröner hat diese Artikel in ihrem Blog zusammengetragen und ich will sie hier einfach auch nochmal bekannt machen – wer noch weitere weiß, bitte Bescheid geben.
Antje Schrupp: Wie Lappalien relevant werden
Kaltmamsell: Es geht nicht um mich
Kiki: Hört auf damit!
Journelle: Danke #aufschrei
Happy Schnitzel: Besser spät als nie – die Sexismus-Debatte
Natalie Sprinhart: Aufschrei-Argumente.
Helga Hansen: Wogegen ich mich wehre? „Wehrt euch.“
Dr. Mutti: Mein später Aufschrei
Habichthorn: Meine 31 Cent zum Thema.
Frequenzen: Dreh dich doch mal um (wo auch nochmal auf die Begriffe “Sexismus” und “sexuelle Belästigung” eingegangen wird)
Nichts desto Trotz: In Diskussionen gibt es immer unterschiedliche Ansichten und unterschiedliche Ansichten führen dazu, dass noch mehr diskutiert wird. Das ist gut. Hätte es bei Twitter nicht die vielen dummen Replys zu #aufschrei gegeben, wäre das Thema sicherlich innerhalb eines Tages im Nirgendwo verpufft – nun aber aber ist es in den Medien und sogar Jauch hat heute Abend eine Gesprächsrunde zum Thema Sexismus am Start, bei dem @vonhorst, die die Twitteraktion ins Leben gerufen hat, Studiogast sein wird. Natürlich ist es furchtbar, dass da auch ein Karasek und eine Alice Schwarzer sitzen werden, aber immerhin, es ist im Fernsehen und es wird dazu führen, dass sich weitere Menschen Gedanken machen werden. Und es wird auch dazu führen, dass Typen wie Brüderle sich künftig zwei Mal überlegen werden, was sie da eigentlich tun, bzw. was das vielleicht nach sich ziehen kann. Allein das ist eine weitere gewonnene Schlacht im Kampf gegen den Sexismus.