Kategorie: daheim
Freitagnachmittag halt

Schreib mal was, sagte Vera vorhin, aber heute gibt es nicht viel zu sagen. Draußen der Sturm, hier drinnen dagegen ist es ganz still und das wird es auch bleiben, weil der Mann für zwei Tage unterwegs ist. Ich räume das Büro auf, schreibe ein paar unterbezahlte Texte und warte mit der Katze darauf, dass der Wind draußen vielleicht eines der Eichhörnchen vom Baum weht. Im Büro gegenüber lässt einer die Rollläden herunter, warum auch nicht, es ist schließlich exakt 16 Uhr.
Eichhörnchentage

Wenn ich aus dem Fenster meines Büros hinausschaue, kann ich in den Garten sehen. Ein schöner Garten ist es, viel Wiese, Rosensträucher an der Seite, ein Sandkasten, ein paar vergessene Kinderbälle, alte hohe Bäume ringsherum, in denen die Eichhörnchen herumspringen. Am Ende des Gartens dann der Zaun zum Nachbargrundstück mit dem Nachbarhaus und seiner großen Fensterfront, in die ich zwischen den Bäumen hindurch hineinsehen kann. Büroräume sind dort untergebracht, vielleicht von einem Architekturbüro oder einer Werbeagentur, viel kann ich nicht erkennen, weil mir auch im Winter Äste den direkten Blick versperren.
Den ganzen Tag lang ist dort das Licht an, moderne lange Halogenleuchten hängen an der Decke, oft leuchten sie schon morgens um 7 Uhr, aber immer nur bis spätestens 16.30 Uhr, denn dann werden die Rollläden heruntergelassen, Feierabend. Ich sehe einen Schreibtisch und ein paar Aktenschränke an der Wand, und immer wieder diese Menschen, die in dunkler Kleidung durch den Raum laufen, den ganzen Tag lang, sie tragen Dinge herein und dann auch wieder hinaus. Was sie genau tun, erschließt sich mir nicht, aber sie sehen gut dabei aus, irgendwie wichtig und so, als würden sie etwas bedeutungsvolles tun und sich dessen auch bewusst sein. Oft sehe ich diesen ältern Mann, auch er trägt meist dunkle Pullover, manchmal steht er am Fenster und schaut hinaus und dann stelle ich mir vor, wie er sich, genau wie ich hier drüben auf meiner Seite, überlegt, was da auf der anderen Seite ist. Vermutlich beobachtet er aber auch einfach nur die Eichhörnchen in den Bäumen.
Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein Teil dieses Gewusels. Ich würde in meinem dunklen Pullover an meinem Schreibtisch sitzen, würde ab und an Dinge hinein- und wieder hinaustragen und dabei wie die anderen irgendwie bedeutungsvoll aussehen. Und wenn es 16 Uhr wäre, dann würde ich die Rollläden an den großen Fenstern zum Garten herunterlassen und nach Hause gehen.
Balkonien
Doktor Socke
Foto: @function
Bevor ich im Herbst aus Süddeutschland nach Köln umgezogen bin, hörte ich ja immer wieder Dinge wie diese: In Köln sei jeder bei drei auf dem Tisch, das sei das rheinländische Naturell, diese hemmungslose und so herrliche Lust aufs Leben, eben so, als gäbe es kein Morgen und typisch für den Kölner überhaupt sei sein immer fröhliches aufgeschlossenes Wesen. Prima, dachte ich mir damals und freute mich dann in meinen ersten Kölner Tagen sehr darauf, endlich einen dieser lustigen Gesellen zu treffen, vielleicht im Supermarkt, beim Bäcker oder im Park nebenan.
Wir wohnten kaum eine Woche hier, als ich dann auch schon meinen ersten echten Kölner kennenlernen durfte. Es war abends um halb sechs, der Mann und ich waren gerade dabei, unsere drei Küchenschränke aufzuhängen, ein paar Löcher mussten gebohrt werden, er oben auf der Leiter mit der Bohrmaschine, ich unten daneben mit dem laufenden Staubsauger, um den staubenden Putz direkt unter dem Bohrloch wegzusaugen. Da klingelte es Sturm. Ich legte den Sauger weg, schaltete das Gerät ab und öffnete die Tür und da war er auch schon, mein erster, echter Kölner: Männlich, Ende 50, untersetzt, blondes Haar, Brille, hochroter Kopf. Doch bevor ich ihn begrüßen konnte, fing er an zu brüllen: Was uns denn einfallen würde! Er habe die Schnauze voll, so ginge das alles nicht! Das sei ja wohl das Allerletzte, es würde jetzt endgültig reichen, seit Wochen, ja Monaten ginge das jetzt schon und irgendwann sei ja wohl wirklich mal das Maß voll, er habe schon genug leiden müssen! Ja, in Köln brüllt man gerne, mittlerweile weiß ich das. Und brülle in solchen Situationen halt einfach irgendwas sinnbefreites zurück. In meiner ersten Kölner Woche war mir das allerdings noch nicht klar, so dass ich, als er endlich fertig war mit seinen Ausführungen, höflich nachfragte, wer er denn so sei und ob ich ihm vielleicht irgendwie bei irgendwas behilflich sein könne. Der Kerl stutzte, schwieg ein paar Sekunden, warf musternde Blicke in unsere Wohnung, explizit auf den Mann, der schweigend und noch immer mit der Bohrmaschine im Anschlag auf der Leiter stand. Dann nuschelte er irgendwas mit „Doktor Pimmelchef“, „Nachbar“ und „Scheiss Bohrerei“, drehte sich um und ging. Die Schränke haben wir an diesem Abend nicht mehr aufgehängt.
Ein paar Tage später blätterte ich durch das neue Programm der VHS Sülz und fand dabei einen Kurs von einem Doktor Ingo Pimochev, Sexualtherapeut: „So atmen Sie sich zum Höhepunkt“. Nein, ich habe mich nicht angemeldet. Und ja, jedes Mal, bevor ich seitdem das Haus verlasse, gucke ich aus dem Wohnzimmerfenster, ob die Luft draußen rein ist. Und wenn ich im Supermarkt, beim Bäcker oder im Park nebenan unterwegs bin, mache ich das, was die anderen Kölner da auch machen: So tun, als wären alle anderen Luft und immer schön auf den Boden gucken. Eben so wie in allen anderen Städten auch.
Mittagsschlaf
Tag 2

Man nehme (2 Personen, 2 Katzen): 5 Meter Couch, 10 Nespressokapseln, 6 Stück Neujahrbrezel, 2 Portionen Brotsalat, 2 Menschenpyjamas, 5 Schälchen Katzenfutter, 1 Schälchen Katzentrockenfutter, eine halbe Flasche Cola Light, 500 g Rumpsteak mit Fritten, 2 Stück Schokokuchen, 2 Fassbrause, 5 Spielfilme und etwa 8 Stunden Schlaf (gleichmäßig auf alle verteilen).




