Kategorie: Am Bodensee – oder: Hinter den sieben Bergen

Das Haus am See

Das Haus am See, in dem ich vor 35 Jahren mal gewohnt habe, steht natürlich noch immer da, wo es schon seit ein paar hundert Jahren steht, gleich vom Parkplatz aus kann ich es ganz hinten stehen sehen. Wir laufen durch die blitzsaubere Parkanlage hin, es regnet und mein Jackenärmel ist tropfnass, weil wir uns zu zweit einen Schirm teilen. Im Haus sind die Tourist-Information und das Rathaus untergebracht, fremde Menschen gehen durch die große Türe ein und aus, gerade so als ob das ganz normal wäre, aber ich weiß natürlich, dass es das nicht ist, denn das Haus und ich, wir haben seit damals einen geheimen Vertrag und in dem steht, dass es für alle Zeiten mein Haus ist und es auch bleiben wird. Die alte massive Holztür wurde durch eine Türe mit Glasfenstern ersetzt, die Treppenstufe, auf der ich so oft saß und Caretta aß und zusah, wie sie mit dem Kran die Boote von den Autoanhängern ins Wasser hievten, wurde eingeebnet. Ich gehe hinein, viel zu sehen gibt es aber nicht, das Haus wurde innen komplett entkernt und sogar das schöne Treppengeländer mit der Holzschnecke am Abschluss haben sie weggemacht. Hinten, wo unser Öltanker hinter dem Holzkran stand, ist nun ein Café, man serviert Bodensee-Secco und Salat mit Lachsstreifen. Früher roch das Haus nach altem Holz, nach Öl und nach dem modrigen Keller, in dem einmal im Jahr das Wasser kniehoch stand, den Geruch haben sie irgendwie herausbekommen, aber ich brauche ihn gar nicht riechen, ich habe ihn noch immer in der Nase. Ich gehe wieder raus, ich habe genug gesehen, den Rest weiß ich ja auch so und das Haus weiß natürlich, das ich das weiß, wir beide haben nichts vergessen.

Die riesige Wiese, die einst das Haus umrandete, ist weg, hinten wo der Apfel- und der Birnbaum standen, parken nun Autos und sogar die Tanne, die mal unser Weihnachtsbaum war, haben sie gefällt. Die Treppe am Wasser, früher hinter riesigen Hecken versteckt, ist auch weg, dort gibt es nun eine „naturnahe Uferanlage“. Dahinter der alte Park, immerhin aber kann ich ganz hinten den alten Pavillon erkennen, in dem beim Strandfest eine Band dauernd „By the Rivers of Babylon“ spielte. Vorm Haus die brüchige Mole, nun an ein paar Stellen mit Beton ausgebessert, aber das Geländer, das ist noch das gleiche, rostbraun, wackelig und viel zu niedrig, ich muss aufpassen, nicht über meine nassen Hosenbeine zu stolpern, aber wer als kleines Kind jeden Tag allein am Wasser gespielt hat und nie hineingefallen ist, wird das auch mit 40 nicht mehr tun. Die Bootsmasten kleppern sanft, das Geräusch ist das gleiche wie früher, wenn ich nachts im Bett lag und nicht schlafen konnte. Auf der einen Seite der weite See mit ein paar vereinzelten Booten, drüben der andere Ort, dahinter der Berg mit der Ruine oben drauf, rechts das See-Ende, da, wo ich mir mal den Finger am Schilf so schlimm aufgeschnitten hatte, was man aber nicht nähen wollte, so dass ich bis heute eine große Narbe habe, von der nur ich weiß, woher sie stammt und was sie bedeutet.

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An dem Tag, als ich in dem Haus fünf wurde, war ich davon überzeugt, ich könne nun schneller rennen als noch am Tag zuvor, aber mein Vater sagte, das könne gar nicht sein, ich würde mir das nur einbilden. Als ich im Sommer danach im Strandbad mein riesiges Muttermal auf dem Oberschenkel mit der Hand verstecken wollte, weil ich mich so dafür schämte, sagte er, ich solle mir keine Sorgen machen, bis ich groß sei, sei der verschwunden, der werde jeden Tag ein bisschen unsichtbarer und irgendwann würde den keiner mehr sehen. Aber das war gelogen, der Fleck ist bis heute da, groß wie ein Hühnerei. Und dann kamen schlechte Zeiten und ich begann, als Sechsjährige, nachts wieder ins Bett zu machen. Der Kinderarzt verschrieb mir deswegen ein „Klingelhöschen“, das sofort Alarm schlug, wenn etwas passierte, damit ich aufwachte – so sollte ich lernen, meine Blase nachts zu kontrollieren. Das hatte ich dann zwar schnell gelernt, dafür aber hatte ich danach jahrzehntelang Schlafprobleme und musste in manchen Nächten bis zu zehn-, fünfzehn Mal aufs Klo. Katzen hatten wir auch, als wir in dem Haus am See wohnten. Die erste hieß Grizzly und lief irgendwann weg, die zweite hieß Sophie und bekam vier Katzenbabies, die ich abgöttisch liebte, doch die kamen dann auf einen Bauernhof. Meine Oma schenkte mir, um mich zu trösten, eine Spielzeugkatze mit weißem Kunstfell und einem Batteriefach. Wenn man die Katze an machte, konnte sie laufen, sich hinsetzen und miauen und alle lachten sich darüber kaputt, weil das so schrecklich war, das war es natürlich auch, aber ich fand es nicht lustig. Wenn ich groß bin, habe ich irgendwann mal eine echte Katze, schwor ich mir und auch, dass ich sowieso außerdem alles anders und viel besser machen würde. Wie unglückliche Kinder das eben so tun.

Ich war ein sehr selbständiges Kind, ich hatte ein gelbes Fahrrad und mit dem fuhr ich überall herum. Zum Campingplatz, durch den Park und zum Bahnhof, an dem ich aus dem Süßigkeitenautomaten kleine Schachteln mit Colafläschchen zog, um sie unter den anderen Kindern, die auch im Haus wohnten, zu verteilen. Das Geld hatte ich vorher meinen Eltern aus dem Geldbeutel gestohlen. An Fasnacht gab es im Gemeindesaal eine Aufführung mit den älteren Schülern, meine Eltern aber fanden Fasnacht total scheisse und wollten darum nicht hin, also ging ich alleine. Und ich besaß eine eigene, etwa zehn mal zehn Meter große Halbinsel, auf die man nur gehen konnte, wenn es Niedrigwasser oder Eis hatte, was außer mir aber keiner wusste. Mein bester Freund hieß Andreas und war in meiner Klasse. Andreas hatte strohblondes Haar, eine nervige Schwester und Eltern, die einen Fernseher in einem Schrank stehen hatten, den man mit Türen zumachen konnte. Am Tag, bevor wir umzogen, wollte ich nochmals zu ihm, um “tschüss” zu sagen, aber er war nicht zuhause und so konnte ich mich nie von ihm verabschieden, was mir bis heute Leid tut.

Wir zogen Ende Mai um, ich hatte die erste Klasse noch nicht beendet und musste in der neuen Stadt in eine neue Schule, in der alles so ganz anders war. Beim Turnen waren weiße Leibchen und kurze rote Feinripphöschen Pflicht und ich fiel nicht nur unangenehm auf, weil mein weißes Leibchen einen roten Rand bei den Armauschnitten hatte, nein, ich hasste diese Dinger, weil man ja nun wieder den riesigen Leberfleck sehen konnte. Ich klebte mir also riesige Heftpflaster auf den Oberschenkel und begann außerdem, Turnen zu schwänzen. Wenn ich auf mein Fehlen angesprochen wurde, erklärte ich, ich hätte das total vergessen und sei versehentlich nach Hause gegangen. Dass das gelogen war, fiel niemandem wirklich auf, denn wer traut schon einem Zweitklässler zu, dass er schwänzt. Sogar beim Schulfest in der dritten Klasse haute ich einfach ab, weil ich keine Lust auf die eingeübte Aerobic-Aufführung hatte. Hinterher fand die Theateraufführung meiner Klasse an, in dem ich eine wichtige Rolle als Maus hätte spielen müssen, aber ich war ja nicht da. Am nächsten Tag gab es deswegen ziemlichen Ärger, der Rektor schimpfte mit mir, aber weil ich ansonsten eine unauffällige Schülerin war, war die Sache schnell vergessen. Meine Eltern haben davon nie erfahren, sie waren nicht beim Schulfest gewesen. Wenig später, ich war dann neun Jahre alt, wurde ich dafür für zwei Monate in eine Kinderkur an der Nordsee geschickt. Wegen meiner Schlafprobleme, hieß es. Hat aber nichts genutzt, die hatte ich nämlich weiterhin und zwar so lange, bis ich dann mit meinem Mann zusammengezogen bin. Seitdem lege ich mich nachts ins Bett und bin nach drei Minuten fest eingeschlafen.

Das mit dem Haus am See ist natürlich lange her und ich denke auch nur noch selten daran. Ich bin auch nicht mehr traurig und nur noch manchmal wütend. Aber vergessen werde ich es trotzdem nicht.

Stories and Places

Vorgestern erhielt ich morgens eine E-Mail von Volker: Ob ich nicht Lust hätte, mal auf der neuen Plattform “Stories and Places” vorbeizuschauen und mitzumachen: Auf einer interaktiven Landkarte kann man Links zu Blogartikeln setzen, die sich mit diesem Ort beschäftigen. Die Idee dahinter: Im Dezember wurde in vielen Blogs über verschiedene Städte und Stadtteile berichtet – warum diese alle nicht auch auf einer Landkarte sammeln, um dort virtuelle Spaziergänge und Reisen quer durch Deutschland, aber auch durch andere Länder zu unternehmen, um zu schauen, welche Geschichten es zu welchen Orten gibt. Eine tolle Idee! Viele Blogger haben gestern und vorgestern bereits fleissig Artikel verlinkt (bei mir selber waren es ungefähr 30 und ich bin noch nicht mal fertig, obwohl ich nur eine Auswahl verlinkt habe), aber da geht natürlich noch ein bisschen was…  also guckt vorbei und macht mit – und macht auf dieses großartige und unkommerzielle Projekt aufmerksam!

Initiiert haben das Projekt Volker, der unter Koffiepauze bloggt und als “Der Graf” twittert sowie Jana, die unter Kittykoma bloggt und als Miz Kitty twittert.

Geschichten über Köln, Konstanz und die Sache mit der Heimat

Nachdem in diesen Tagen das großartige Wiesbaden-Buch “63,75 – das Buch” erschienen ist, in dem auch ein Artikel von mir erschienen ist, haben viele andere Blogger das Thema “Heimat” ebenfalls für sich entdeckt. Herr Buddenbohm hat das zum Anlass genommen und in einer Blogparade dazu aufgerufen, Texte über Hamburg zu schreiben, die er in seinem Blog sammelt: Der Rest von Hamburg. Frau Bogdan sammelt parallel in ihrem Blog Artikel über den Rest der Welt und schreibt dabei insbesondere über Helgoland. Und Anne Schüssler sammelt Artikel über das Ruhrgebiet.

Ich selber schreibe hier ja seit über zwei Jahren über Köln und Konstanz, nachdem ich vor zwei Jahren der Liebe wegen vom Bodensee ins Rheinland umgezogen bin. Und gerne möchte ich diese Gelegenheit nutzen und auf meine eigenen Lieblingsartikel dazu nochmals hinweisen:

Und über Konstanz und den Bodensee habe ich natürlich auch eine ganze Menge geschrieben, zum Beispiel:

  • In der Eisenbahnstraße”erzählt von einer ganz besonderen Hausgemeinschaft in einer ganz besonderen Straße
  • “Der Katzen-Opa”erzählt nochmals von dieser besonderen Straße
  • “Konstanz halt” handelt davon, wie es ist, nach längerer Zeit mal wieder in die alte Heimat zurückzukommen.
  • “Heimat” erschien vor drei Jahren in einer früheren Ausgabe des Stijlroyal-Magazins und erzählt davon, was ich persönlich als Heimat empfinde

Viel Spaß beim Lesen! Und natürlich werde ich in diesem Blog auch weiterhin über die Sache mit der Heimat schreiben, denn da gibt es noch so einiges zu erzählen…

 

Der Katzen-Opa

Das Haus, in dem sich die winzige Wohnung am Ende der Welt befand, stand in einer langen Reihe von acht exakt gleich gebauten Häusern. Während vor dem Haus die Straße, dann die schalen Schrebergärten und schließlich die Eisenbahnlinie verliefen, gab es nach hinten hinaus einen riesigen Innenhof. Ungefähr 300 Meter war er lang, dabei hatte er die Form eines spitzwinkligen Dreiecks, das auf der einen Seite von unserer Häuserreihe und auf der anderen Seite durch die Häuser, die an einer anderen Straße lagen, Moltkestraße wurde. Ich selber wohnte ganz hinten, in der Spitze. Die Wohnungen auf der anderen Seite gehörten der gleichen Mietgesellschaft, waren aber deutlich besser in Schuss. In meinem zweiten Sommer renovierte die Wohnbaugesellschaft beide Häuserzeilen, doch während die Häuser auf der andere Seite Balkone, einen modernen weißen Anstrich und ein neues Dach mit einer Solaranlage erhielten, wurde unsere Häuserreihe lediglich ein neuer Anstrich verpasst und die Handwerker hatten sich dabei noch nicht einmal die Mühe gegeben, die neue Farbe mit der der Vorderseite abzustimmen. Im Block nebenan begann man gerade mit dem Abriss der Mietshäuser, die zeitgleich mit unserer Reihe gebaut worden waren, vermutlich war das für die nächsten Jahre mit unseren Häusern auch geplant und das würde erklären, warum man auch innen in den Wohnungen nicht modernisieren wollte.

Die Handwerker waren sehr nett. Morgens winkten sie mir immer von ihrem Baugerüst, in das unser Haus für ein paar Wochen eingekleidet worden war, ins Bad und in die Küche, außerdem sangen sie viel. „Dragostea Din Tei“ war der Sommerhit dieses Jahres und als der Sommer herum war, konnte ich ihn auswendig, ohne ein einziges Mal selber ein Radio angeschaltet zu haben. Unter allen Küchenfenstern meiner Häuserzeile gab es links und rechts je eine 40cm lang Metallstange, damit die Mieter sich dort Wäscheleinen befestigen konnten. Die Handwerker sägten diese einfach ab, denn auch wenn unsere Reihe trotz der neuen Farbe schäbig blieb, auf Leinen hängende Wäsche sieht man in Süddeutschland nicht gerne und ich hatte sogar Bekannte in der Stadt, denen das Aufhängen von Wäsche auf dem Balkon verboten war.

Die Stange hatte ich bis dahin allerdings nicht für meine nasse Wäsche benutzt, sondern um die Katzenleiter für meine kleine Katze daran zu befestigen. Dass die Stangen abgesägt worden waren, störte in den ersten Wochen nicht weiter, Susi kletterte einfach über das Baugerüst in den Hof und wieder zurück in die Küche. Doch eines Tages war das Gerüst weg und ich hatte auch nicht mehr nur eine, sondern zwei Katzen. Tag für Tag war ein hässlicher, ausgemergelter und höchstens vier Monate alter Kater über die Bretter des Gerüsts an meiner Küche vorbeispaziert. Und guckte er die ersten Tage nur mit langem Hals neugierig in meine Küche, um dann, wenn man ihn anfassen wollte, ängstlich fortzulaufen, lief er bald, als wäre nichts, in der Küche herum. Schließlich stellte ich ihm ein erstes, ein paar Tage später ein zweites und schließlich jeden Tag zwei Schälchen Futter hin, die er innerhalb weniger Minuten leer fraß. Irgendwann legte er sich nach dem Fressen auf einen meiner Küchenstühle zum Schlafen, das wiederholte sich bald und schließlich blieb er auch über Nacht. Der Kater wurde nirgends vermisst, in der Nachbarschaft wusste keiner etwas, beim Tierarzt und im Tierheim auch nicht, also fütterte ich ihn weiter und gab ihm nach ein paar Wochen den Namen Theo, wegen des Films „Theo gegen den Rest der Welt“, denn öffnete ich ihm nicht sofort das Küchenfenster, wenn er wieder kam, fing er an, kläglich zu schreien. Aus dem kleinen, hässlichen Fellbündel entwickelte sich dann übrigens ein wunderbarer, liebevoller Prachtkater, der gerade im Zimmer nebenan zufrieden in meinem Bett schläft.

Zwei Katzen, die regelmäßig rein und raus wollten – ich brauchte dringend eine Lösung für die Leiter. Doch ich war nicht die einzige Katzenbesitzerin, die dieses Problem hatte. Im Innenhof lebte nämlich eine ganze Armee von Katzen und sie alle hatten wie meine beiden ein Erdgeschosszuhause. Da gab es Felix, den alten Zottel, der bei Andrea daheim lebte und den ich heimlich im Verdacht hatte, Theos Erzeuger zu sein, weil er die gleichen Musterungen im Fell hatte. Dann der hektische „Turbo“, Andreas zweite Katze und vermutlich auch ein Sohn von Felix, was aber nicht sein konnte, denn Andrea hatte mir versichert, dass er kastriert worden war. Der Ringelkater aus der Nummer 3. Die drei ängstlichen Katzen von dem jungen Mädchen, das gerade frisch eingezogen war. Und das ältere Paar gegenüber hatte auch noch zwei, einen alten, blinden Kater und einen weißen hübschen Kerl namens Purzel, der immer meine Susi zum Spazierengehen abholte. Dazu gab es noch eine Siam- und zwei Mohairkatzen. Ja, Katzen mochte man da unten am Ende der Welt.

Eines Abends stand der Mann des Paares von gegenüber vor meinem Küchenfenster und montierte an der Fensterbank herum. „Äh, was machen Sie denn da und…?“ – „Die habe  ich selber konstruiert, für die Katzenleitern“, sagte er und zeigte stolz auf eine Tüte voller Metalldingse, die unten auf der Wiese lag. Eines dieser Dinge befestigte er gerade an meiner Fensterbank. „Die Leiter kann man einfach da einklemmen und dann mit einem Draht festzurren. Das sollte halten. Diese Idioten, einfach, die Metallstangen abzumontieren, nix im Kopf haben die!““ schimpfte, nahm die Leiter und klemmte und zurrte sie an dem Metalldings fest. „Ach ja, und ich bin der Herr Q. und ich wohne genau gegenüber. Unsere Katzen gehen immer zusammen spazieren. Ich muss weiter, die anderen Klemmen montieren, ach und wie heißt Ihre Katze eigentlich, die mit dem weißen Fleck am Hals? So ein süßes Tierchen!“ –„Äh, Susi“, sagte ich und „Wow, danke, das ist ja echt…“ – „Tschüssi, bis bald!“ Herr Q. schnappte sich die Tüte und weg war er.

War mir Herr Q. bis dahin nie weiter aufgefallen, seit diesem Abend sah ich ihn auf einmal andauernd. Kam ich abends durch den Innenhof gefahren, um mein Rad neben den zwei alten Rädern von Herrn M. aus dem vierten Stock abzustellen, stand Herr Q. schon auf dem Balkon und winkte mir zu. Hatte ich gerade den Müll zu den Containern am anderen Ende des Hofes gebracht, stand Herr Q., der vorher, ich weiß es genau, dort definitiv nicht gestanden hatte, mit einem Gartenschlauch an den Büschen, die hinter der kleinen Mauer hinter dem zu meinem Haus gehörendem Fahrradständer wuchsen und erkundigte sich, wie es Susi so ginge. War ich im Supermarkt, in dem sich die Enddreissiger der Stadt abends trafen, wenn sie jemanden zum Reden suchten, ja dann stand Herr Q. eben am Katzenfutterregal, guckte kritisch in meinen Wagen und sagte „Was? Kitkat? Da ist nur Mist drin. Nehmen Sie lieber das hier!“, um mir das vier Mal so teure Luxusfutter in den Wagen zu werfen, das ich mir nicht leisten konnte und daher  gleich wieder zurück ins Regal legte. Und guckte ich am nächsten Morgen aus meinem Küchenfenster, dann hatte Herr Q. darauf eine Tüte mit fünf Dosen von eben diesem teuren Luxusfutter für mich abgestellt. Das war so in etwa der gleichen Zeit, als es anfing, mir lästig zu werden, im Erdgeschoss zu wohnen. Meine Susi sah ich auf einmal immer seltener. Kam sie früher wie ein geölter Blitz in die Wohnung geschossen, wenn ich abends nach Hause kam und das Küchenfenster öffnete, kam zwar der neue Kater, nicht aber die Katze nach Hause. Und war sie da, fraß sie kaum oder gar nichts, während der neue Kater es sich schmecken ließ. Ich begann mir Sorgen zu machen. „Die Katze frisst nicht, weil sie unglücklich über unsere neuen Mitbewohner ist“, so meine Vermutung, bis ich sie irgendwann einträchtig nebeneinander schlafend auf dem Sofa sah. „Dann sind es die Wurstbrote, die Frau M. immer aus dem vierten Stock wirft“, überlegte ich mir und setzte mich morgens an meinem Küchenfenster auf die Lauer, bis ich sah, wie die Katze die herunterprasselnden Wurststückchen und Brötchenteile ignorierte, um Richtung Herr Q.s Balkon zu marschieren. „Dann hat sie eben was mit dem Magen“, dachte ich, packte die Katze in den Transporter und machte mich zum Tierarzt auf. „Die Katze muss ein bisschen abnehmen, ansonsten ist alles super“, sagte der nach einer umfangreichen Untersuchung. „Achten Sie darauf, dass sie nur zwei Mal am Tag was bekommt, dann bekommen Sie das ganz schnell wieder in den Griff“. –„Zwei Mal am Tag? Die frisst noch nicht mal einmal am Tag was!“ sagte ich. „Ach was“, sagte der Arzt „Das Tier ist gut genährt und gesund, machen Sie sich keine Sorgen.“

„Ja wo kommst Du denn her, ja was ist denn mit Dir, ja was hast Du denn?“ rief Herr Q. vom Balkon, als ich mit dem Tier im Transporter durch den Hof zurück kam. „Beim Tierarzt. Sie frisst seit Tagen nicht mehr“, rief ich irritiert zurück. Seit wann duzten wir uns denn und… „Ach Du Arme, ja das ist aber nicht gut, oje, ja du armes Kleines, ja, oje oje!“ rief Herr Q. zurück. „Ja, ich bin auch schon ganz mit den Nerven runter und…“ –„Ach Du Süße, ach oje oje oje oje, ja was machen wir denn da?“ Hatte der mich eben “Süße” genannt? „Äh, ich gehe jetzt erstmal heim und dann gucken wir weiter“, sagte ich, noch mehr irritiert. Ich schloss die Tür auf, ließ die Katze aus dem Korb, ging in die Küche und ja, da stand auch bereits Herr Q. vor meinem Fenster. „Hier, ich hab Ihnen hier mal was mitgebracht, versuchen Sie das mal aus. Tschüssiiii!“ sagte Herr Q. und reichte mir ein braunes Fläschchen durchs Fenster. „Das sind Bachblüten. Für die Katze”, sagte er verschwörerisch und war auch schon wieder weg und mit ihm auch die Katze, die durchs offene Fenster die Katzenleiter heruntergaloppiert war, doch wohin die beiden verschwanden, konnte ich wegen der Büsche nicht so genau erkennen. Bachblüten, ganz genau, die waren für die Katz. Ich kippte die Flüssigkeit in den Abguss und warf die Flasche in den Altglaskorb. Das war im Sommer 2004.

Sechs weitere Jahre lebte ich in der winzigen Wohnung am Ende der Welt und ich gewöhnte mich daran, dass meine Katze im Sommer gar nichts, in den kalten Monaten aber unwahrscheinlich viel fraß. Erklären konnte ich mir das weiterhin nicht, aber die Katze war gesund und munter, also versuchte ich, mir darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen. Und ich gewöhnte mich nach und nach an die Omnipräsenz des unermüdlichen Herrn Q. Der pflanzte zum Beispiel Büsche in unserem Bereich des Hofes. Das sei für die Katzen, sagte er, die schlafen darunter doch so gerne. Herr Q. sammelte auch herumliegendes Glas ein. Für die Katzen, sagte er, damit die sich nicht daran schneiden. Herr Q. achtete darauf, dass die Kinder nur im vorderen Bereich des Innenhofs Fußball spielten, also etwa da, wo das Auto von den M.s aus dem vierten Stock stand, und nicht etwa bei uns hinten. Wegen der Katzen nämlich, die ja gerne unter den neu gepflanzten, schattenspendenden Büschen lagen und schliefen. Und als es mit dem Schlachter aus der Nummer 5 im Herbst 2006 Ärger gab, weil er behauptete, Susi habe ihm die Textilhaube seines Motorrads zerfetzt und wenn sie das nochmal mache, gäbe es mächtig Ärger und im Übrigen wisse er als Schlachter, wie man mit Tieren umgehe, da war es Herr Q., der sich diesen Widerling vornahm. Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht, der Schlachter zog jedenfalls ein paar Wochen später aus und trug einen Nasenverband. Auch die Flohplage, die wir im Sommer 2007 im Hof hatten, konnte Dank des unermüdlichen Einsatzes von Herrn Q. schnell eingedämmt werden: Monatelang verteilte Herr Q. bei allen Katzenhaltern Sticks mit Antiflohmittel, das wir den Katzen in den Nacken träufeln sollten. Die kommenden Sommer verliefen ruhig, nur dass ich einfach nicht verstehen konnte, warum meine Susi zwischen Mai und etwa Oktober daheim so gut wie nie etwas fraß, dafür aber in den Wintermonaten morgens um acht und abends um sieben mit lautem Miauen ihr Futter verlangte. Doch das Tier war putzmunter und weitere Tierarzt-Checks ergaben keinen Befund, also beließ ich es dabei.

Im Sommer 2009 hatte ich den Mann kennengelernt und war daher nun ab und an in Köln, bevor ich 2010 ganz dorthin zog. Andrea kümmerte sich um die Katzen, doch als Herr Q. davon Wind bekam, sprach er mich darauf an. Ihm war anzumerken, dass ihm das so gar nicht behagte. Andrea, die ihren Kater nicht hatte kastrieren lassen. Und dann die Flöhe dauernd! Und überhaupt die Hunde, mit denen sie in der Wohnung leben würde, das sei doch alles nichts. Ob er nicht auch ein Auge auf meine Katzen werfen solle und nein, ich brauche ihm dafür kein Futter vorbeibringen, das wäre okay so, ich solle einfach Bescheid geben, wenn ich mal wieder weg müsse, er würde sich um alles kümmern und ach, meine Susi sei ja so eine Süße. Also hatten meine Katzen ab sofort zwei Katzensitter, Andrea fütterte zwei Mal täglich, wusch die Näpfe aus, brachte den Müll mit den leeren Dosen raus und säuberte das Katzenklo und Herr Q. oder, wie der Mann ihn getauft hatte, “der Katzen-Opa”, trug die Verantwortung. Im Sommer 2010 waren der Mann und ich zehn Tage im Urlaub, um uns kurz vor dem sicher anstrengend werdenden Umzug noch ein bisschen zu erholen. Als ich zurückkam und Andrea fragte, wie es gelaufen sei, meinte sie: Sie könne sich das nicht erklären, Theo sei immer sofort da gewesen, wenn sie bei mir sei und habe auch immer gefressen, aber meine Susi sei nie gekommen und sie habe sie auch noch nie fressen gesehen. Aber sie sei schon da, jeden Tag habe sie Susi mit Purzel durch den Hof spazieren sehen, immer am frühen Abend etwa zur gleichen Zeit. Und überhaupt, Susi habe ganz schön zugelegt in den letzten zwei Wochen, in denen ich nicht da gewesen sei. Und in der Tat, meine Katze war gut gelaunt und stand recht ordentlich im Futter. Ich konnte mir das einfach nicht erklären. Was fraß das Tier in den Sommermonaten, wenn es draußen unterwegs war, um Himmels Willen?

Ein paar Tage vorm Umzug ging ich nochmal rüber zu den Q.s, um mich zu verabschieden. Ich klingelte, Frau Q. machte mir auf. Ihr Mann sei unten im Keller, ich solle doch mal unten nach ihm schauen, was er da tue, wisse sie aber auch nicht, sie ginge ja nie da runter. Und ach, die Susi würde ihr sicher fehlen, sie sei fast so etwas wie ein Familienmitglied geworden und es sei so süß, wie sie zwei Mal täglich über den offenen Balkon zu ihnen nach Hause käme. Ich fragte nicht näher nach, bevor wir uns voneinander verabschiedeten. Dann stieg ich in den Keller hinunter, um nach Herrn Q. zu sehen. Da unten war es dunkel, nur am Ende des Ganges schien ein bisschen Licht durch eine Türe und man hörte jemanden herumwerkeln. Das konnte nur Herr Q. sein, also ging ich weiter. Ich öffnete die angelehnte Holzlattentür am Ende des Ganges und da stand auch schon Herr Q. an einem Tisch, mit dem Rücken zu mir. Was er tat, konnte ich nicht erkennen, er hantierte an irgendetwas Rundem herum. “Hallo Herr Q.! Ihre Frau…” – doch weiter kam ich nicht. Herr Q. zuckte zusammen, drehte sich hektisch um, in der einen Hand einen Dosenöffner und in der anderen konnte ich gerade noch eine Dose von diesem stinkteuren Katzenfutter erkennen, das Herr Q. mir im Supermarkt immer in den Wagen steckte, doch da rutschte ihm diese auch schon aus der Hand und flog mit Karacho nach rechts und nun erst sah ich, was sich dort befand: Ein riesiger Quader aus fein säuberlich aufgeschichteten leeren Katzenfutterdosen. So viele Dosen, wie sie eben übrigbleiben, wenn man eine Katze zwei Mal täglich zwischen Mai und Oktober sechs Jahre lang fü…. SCHEPPERZAPETTERZOIIINGG DOINNG KADOINGSSSS SCHEPPERZEPPER DONGSDONGSDONGS ZABADAK KRAWÄNNGGSS!!!!!!

Herrn Q. habe ich seitdem nie wieder gesehen, aber jedes Jahr zu Weihnachten schicke ich ihm ein Foto von meiner Susi mit ein paar netten Grüßen.

 

In der Eisenbahnstraße

Manchmal gucke ich mir Fotos von früher an. Früher, das ist in diesem Fall vor drei Jahren und damals war alles noch so völlig anders als es jetzt ist, denn damals kannte ich den Mann noch nicht und ich lebte am Ende der Welt in einer winzigen Wohnung und war der festen Überzeugung, auch an diesem Ende der Welt alleine alt werden zu müssen. Und das vermutlich sogar in dieser winzigen Wohnung.

Die winzige Wohnung lag genau in der Mitte der Stadt, in der ich damals lebte. In wenigen Minuten war man in der Altstadt, am See, in meinem Büro oder im Supermarkt, in dem sich die Enddreissiger der Stadt abends trafen, wenn sie noch jemanden zum Reden suchten, denn Ausgehmöglichkeiten für Single-Enddreissiger in dieser Stadt sind so gut wie nicht vorhanden. Ich war oft damals im Supermarkt und vermutlich hat das nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ich, wie gestern beschrieben, um die 60 Hosen besitze, denn wer häufig in den Supermarkt geht, der kauft auch häufig ein und wer häufig einkauft, der isst auch viel und vielleicht mehr, als er es vielleicht tun sollte und wer viel isst, nimmt eben auch zu und dann irgendwann mal wieder ab. Und dann braucht man halt entsprechend viele Hosen, damit man beim nächsten Supermarktbesuch was zum Anziehen hat.

Die winzige Wohnung hatte einen sagenhaft günstigen Mietpreis, von dem andere in dieser Stadt nur träumen können, denn die Mieten in dieser Stadt am Ende der Welt sind so hoch wie die in München, Paris oder London. 45 Quadratmeter war die Wohnung groß und dafür bezahlte ich 380 Euro warm inklusive Treppenputzservice und das und die gute Lage waren der Grund, warum ich mich für diese Wohnung entschieden hatte. Dafür waren da dann aber auch die beigen Fließen in der Küche und die kackbraunen Fließen im Bad mit dem gesprungenen Waschbecken aus den 80ern, die fünf verschiedenen Fußbodenvarianten auf drei verschiedenen Höhen, die immer breiter werdenden Risse im Flur, der immer wieder kommende Schimmel an der Küchendecke und die Rollläden nach hinten raus, die man nicht mehr schließen konnte. Überhaupt war die Wohnung in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand, als ich dort einzog. Und dann war da noch die Eisenbahn, die alle 20 Minuten an meiner Wohnung vorbeiraste. Also nicht direkt an der Wohnung, denn zwischen der Eisenbahn und meiner Wohnung gab es noch eine kleine Straße und ein schmales Band Schrebergarten. Man soll nicht glauben, dass am anderen Ende der Welt nicht viel Verkehr herrscht – zwischen fünf Uhr morgens und halb zwei Uhr nachts raste ein Zug nach dem anderen an meiner winzigen Wohung vorbei, nachts im Stundentakt, tags alle 20 bis 30 Minuten. So laut, dass eine Unterhaltung unmöglich war und so schnell, dass im Küchenschrank die Gläser wackelten und so schwer, dass die Risse in der Wand im Flur nur immer noch breiter wurde.

Die Wohnung hatte ein weiteres Problem: Sie lag im Ergeschoss und Wohn- und Schlafzimmer lagen nach vorne raus und somit zur Straße hin. Und diese Straße war zwar eine Sackgasse, führte aber direkt zur großen Brücke über den Fluß, in den 100 Meter von meiner kleinen Wohnung entfernt der See für ein paar Kilometer mündete, um ein paar Kilometer weiter hinten in einen neuen Teil des Sees zu fließen. In der Nähe gab es einige Studentenwohnheime und das hieß: All die Studenten, die dort wohnten und nachts aus waren, liefen oder fuhren nur wenige Meter von meinem Bett entfernt vorbei, um nach Hause zu kommen. Und weil es unter meinem Schlafzimmerfenster wohl ganz besonders schön war, blieben sie dort stehen, um sich über den WG-Abwasch, die fehlenden Unterlagen im Semesterapparat oder irgendwelche Sportstudentinnen zu streiten. Dinge, die man eben nachts um zwei Uhr so besprechen muss. Einige Paare trennten sich außerdem unter meinem Fenster und zwei von ihnen hatten dort Sex. Telefoniert wurde auch gerne unter meinem Fenster, mit den Eltern, den Sportstudentinnen, dem Ex oder dem Pizzaservice und so brüllte ich manchmal gegen drei Uhr nachts Dinge wie “Die Nummer 67 schmeckt nicht, nimm lieber die 69 mit Salami” oder warf Kondome zwischen den Schlitzen meines Fensterladens nach draußen. Und manchmal spritzte ich mit der Blumenspritze eiskaltes Wasser hinaus, natürlich immer, ohne Licht anzumachen und auch nur im Winter, ich bin ja nicht bescheuert. Waren die Studenten endlich alle daheim, kam um halb fünf Uhr die Zeitungsausträgerin mit dem Lokalblatt, den sie meinen Nachbarn in die Briefkästen stopfte, natürlich mit extra lautem Klappern, damit die Nachbarn mitbekamen, dass die Zeitung nun da war. Was sie nicht wusste: Dass bis auf den Algerier im dritten Stock alle meine Nachbarn jenseits der 70 und so schwerhörig waren, dass sie weder die Bahn, noch die Studenten und geschweige denn das Klappern dier Briefkästen hätten hören können. Nur ich, die ich im Erdgeschoss wohnte, bekam das alles mit. War die Zeitungsfrau dann endlich weg, hatte ich für gut eine Stunde Ruhe, eben bis Frau B., die im Stock über mir wohnte, aufstand, um gemeinsam mit ihrem inkontinenten Berner Sennenhund Benny, der immer ins Treppenhaus pinkelte, Morgengymnastik zu machen. Und ich könnte schwören, statt Armschwingen und Kniebeugen bestanden die Übungen aus Kegeln mit Hinkelsteinen, mit Bundeswehrstiefeln-Polonaise-durch-die-Wohnung-trampeln und Auf-dem-Boden-Herumkollern. So genau weiß ich es aber nicht und ich habe mich auch bis auf ein einziges Mal nie darüber beschwert, denn Frau B. lebte alleine und vermutlich hatte sie das 30 Jahre zuvor auch schon getan, in dieser Wohnung, genau wie ich ja auch.

Nebenan wohnte Frau G, sie war Mitte 80 und eine richtige Dame. Ihr Mann hatte ein größeres Unternehmen in der Stadt geleitet, war aber mit Mitte 60 schon gestorben, die Kinder lebten in anderen Städten. Ab und an brachte ich ihr Altglas weg, Wiener-Würstchen-Gläser und Piccoloflaschen, Frau G. war eben elegant. Als ich kurz nach meinem Einzug eine Einweihungsparty machte und bei ihr klingelte, um Bescheid zu geben, da sagte sie, man könne gar nicht genug feiern und wir sollten es uns gut gehen lassen, keine Sorge, das würde sie nicht stören. Sie starb dann irgendwann und dann zog dort ein alleinstehender Mann ein. So um die 50 war er und in den zwei Jahren, in denen wir Tür an Tür lebten, habe ich ihn genau ein einziges Mal gesehen. Dafür klingelte sein Bruder ab und an bei mir, mit klebrigen Haaren und schmuddeligen Klamotten, ob ich denn wisse, was mit seinem Bruder sei, der habe sich seit Tagen nicht mehr auf seine Anrufe hin zurückgemeldet. Nein, ich wisse nichts, sagte ich. Dass er, als wir uns im Treppenhaus einander über den Weg gelaufen waren, zwei Tüten mit scheppernden Bierflaschen trug und es aus seiner Wohnung ganz furchtbar nach Alkohol gerochen hatte, das ließ ich unerwähnt. Ja, das Haus, das hatte seine besseren Zeiten lange hinter sich.

In den 50ern war es gebaut worden, damals, als Wohnraum dringend benötigt wurde und das Baumaterial knapp war. Irgenwelchen Bauschutt hatten sie damals verbaut und Zeug, das beim Bau der Bahngleise übrig geblieben war. Die Decken waren hohl und mit Stroh gefüllt und das eine Mal, als ich mich doch wegen des Morgengymnastiklärms beschweren wollte, tat ich dies mit einem Besenstiel, mit dem ich an die Decke schlug. Ein einziges Mal nur, und ein 10cm breites und 20cm tiefes Loch, aus dem das Stroh rieselte, war das Ergebnis. Ein kleines Wohnzimmer, ein noch kleineres Schlafzimmer und eine große Wohnküche, in der Platz für eine Eckbank war und ein winziges Bad mit Badewanne, so baute man damals Wohnungen, die für zwei Personen bestimmt waren. Und in diesen Wohnungen lebten oft mehr als nur zwei Personen, auch zu der Zeit, als ich dort lebte. Als ich später den Mann kennengelernt hatte und ab und an in Köln war, versorgte ein Mädchen aus der Nachbarschaft meine Katzen. Andrea hieß sie und sie war ungefähr 22 und seit Jahren erfolglos auf der Suche nach einer Lehrstelle. Andrea lebte mit ihrer Mutter, zwei Brüdern, zwei riesigen schwarzen Hunden und drei Katzen zwei Häuser weiter in der Reihe, in einer Wohnung, die exakt so groß war wie meine winzige Wohnung. Pro Füttern zahlte ich ihr 5 Euro und ich hoffe, sie hat es sich ab und an, wenn ich weg war, bei mir daheim vorm Fernseher gemütlich gemacht, um mal ein paar Stunden Ruhe zu haben.

Einige Male musste nachts der Notarzt kommen wegen Herrn M. im vierten Stock. Herr M. war mit Frau M. verheiratet und mit Frau M. hatte ich lange Jahre unangenehme Diskussionen, weil sie immer Essenreste aus dem Küchenfenster warf. Wurst, Nudeln, Käse und belegte Brote zum Beispiel. Für Benny sei das, schrie sie dann aus dem vierten Stock mit ihrer gellenden Stimme. Nur dass Benny, der inkontinente Hund von Frau B., da schon nicht mehr lebte, denn Frau B. hatte ihn einschläfern lassen müssen, so dass unter meinem Fenster eine hübsche Sammlung Lebensmittel lag. Eines Tages brachte mein Kater eine lebende Ratte durch die Katzenleiter in die Küche, die er dann nach einer wilden Schlacht dort erledigte. Da sind Ratten und Sie füttern sie, schrie ich also ab und an zurück, aber Frau M. glaubte mir nicht, krakelte lauthals herum und warf weiter Essen herunter, bis ich eines Tages das vergammelte Zeug einsammelte und es in ihren Briefkasten stopfte. Herr M. dagegen war deutlich sympathischer, er grüßte immer nett im Treppenhaus und irgendwann gab er mir zu verstehen, dass er das mit dem Essen auch nicht so toll fand, aber dass er dagegen auch nicht viel tun könne, denn mit seiner Frau solle man sich lieber nicht anlegen. Als Herr M. jünger gewesen war, war er Radrennfahrer. Mit dem Radeln war aber schon lange Schluss und so beschränkte er sich darauf, ab und an seinen zwei alten Rennrädern, die unbenutzt im Fahrradständer im Hof standen, herumzuschrauben. Ein Auto hatten sie, das sie auch noch fuhren. Unglücklichweise war der Parkplatz etwas weiter hinten im Innenhof und zwar genau da, wo die Kinder immer Fußball spielten. Und so verband Frau M. das Herunterwerfen der Lebensmittel mit einem Anbrüllen der fussballspielenden Kids, so dass ich praktischerweise in meiner Küche im Erdgeschoss somit darüber informiert wurde, dass nun gleich wieder eine Ladung Lebensmittel unter meinem Fenster landen würde. Ich wartete dann immer noch ein paar  Minuten, ging dann raus und konnte in Ruhe das Zeug einsammeln. Ja, wir waren irgendwann fast so etwas wie ein eingespieltes Team.

Gemeinsam mit ihrem Mann ging sie auch im Supermarkt, in dem sich die Enddreissiger der Stadt abends trafen, zum Einkaufen und oft genug habe ich sie dort getroffen – er grüsste freundlich, sie guckte weg. Dann kam nach einer dieser Notarztnächte Herr M. nicht mehr nach Hause zurück. Irgendwann sprach ich sie im Supermarkt einfach mal an, grüsste und als sie überrascht zurückgrüsste, fragte ich sie einfach, wie es denn so ginge. Ja, es müsse halt, was solle sie machen, 53 Jahre seien sie verheiratet gewesen, sagte sie. Und: Schön, dass Sie nachfragen, wie gehts Ihnen denn so und was machen Sie eigentlich beruflich? Seitdem hielten wir ab und an im Supermarkt, in dem sich die Enddreissiger der Stadt abends treffen, ein kleines Schwätzchen. Lebensmittel hat sie keine mehr aus dem Haus geworfen.

Dann kam der September, in dem ich auszog, um künftig in Köln mit dem Mann zusammen zu leben. Eine phantastische Wohnung hatten wir gefunden. Eine, in der alles neu gemacht worden war, schicke Fließen im Bad, schöne Eichenholzböden, eine funkelnagelneue Waschmachine, die nicht dauernd auslief, viel Platz, alles frisch renoviert und sowas eben. In der Woche, in der es los ging, bin ich nochmal zu den beidne Frauen hoch gegangen und habe mich verabschiedet. “Alles Gute und ich drücke die Daumen, dass alles gut geht, Sie werden mir fehlen.”, sagte Frau B. Und Frau M. sagte: “Schade, dass Sie weggehen, wer weiß, wer da nach Ihnen einzieht. Eigentlich hatten wir es all die Jahre nett hier im Haus, ich habe hier jedenfalls immer gerne gelebt.” – “Ich auch”, sagte ich und meinte es auch so.

Konstanz halt

 

Und dann ist es Freitag und ich fahre nach Konstanz, zum dritten Mal in diesem Jahr. Erstaunlicherweise geht bei der Bahnfahrt alles gut. Die Bahn fährt nach Fahrplan los, die Lok geht nicht kaputt, niemand hat Bomben neben die Bahngleise gelegt, keiner wirft sich vor den Zug, die Oberleitungen wurden nicht geklaut, Klimaanlagen und Heizungen halten und ich sitze fast durchgehend allein in einem Abteil in der ersten Klasse – ohne dauertelefonierende Mitfahrer, ohne schreiende Kinder mit hektischen Müttern, ohne alten Damen, die sich weigern, ihre Koffer in die Ablage zu legen, ohne Leberwurstbrotesser und ohne dürre Frauen, die mich vorwurfsvoll anschauen, weil ich statt stillem Mineralwasser ein Apfelschorle trinke. Eine ruhige, entspannte Fahrt also, wie sie auf dieser Strecke selten erlebt habe. Und ich bin sie oft genug gefahren.

Irgendwann habe ich den Schwarzwald hinter mir gelassen und bin im Hegau. Hohenhewen und Hohenstoffeln auf der einen Seite, auf der anderen der Mägdeberg, Hohenkrähen und der Hontes, schließlich Maggi in Singen, Bohlingen, Radolfzell -  und dann ist der da, der See und ich schaue nicht mal hin, so wie früher, als ich noch hier gelebt habe. Ich weiß ja, dass er da ist. Allensbach, Hegne, Reichenau, das Konstanzer Industriegebiet, die große Gaskugel von den Stadtwerken und dahinter mein altes Büro, Petershausen, die schönen Schrebergärten mit den alten Obstbäumen haben sie abgerissen, schließlich der Kiosk am Bahnübergang, wo man Bier und schlechte Döner bekommt. Daneben meine alte Wohnung, in die man vom Zug aus reingucken kann und in der die Wände wackeln werden, während wir an ihr vorbeirauschen. Ob sie den Riss im Flur mittlerweile verputzt haben? Links nun der See mit Alpenpanorama, rechts der Seerhein, die Spitalkellerei, das Theater, das Konzil und dann der Bahnhof. Als ich aussteige, duftet es intensiv nach Waffeln und ich denke an irgendwas mit Heimat, doch dann klingelt das Handy. Meine Freundin ist dran, sie komme später, um mich abzuholen, sie stehe Stau. Mit all den anderen Mitreisenden lasse ich mich durch ekelhafte Bahnunterführung treiben, die Fliesen sind dreckig, es riecht nach Pisse und natürlich geht, wie seit ungefähr zehn Jahren, das Gepäckband nicht. Keine Stadt Deutschlands hat einen gammeligeren Bahnhof als Konstanz, früher war es mir immer peinlich, Besuch vom Zug abzuholen. Meine Freundin ruft wieder an, sie wäre jetzt da, fände aber keinen Parkplatz. Ich bin nun endlich auf Gleis 1 angelangt und kann wieder atmen, muss mich aber noch am engen Bahnsteig durch die Menschenmengen zwängen, fast ein Ding der Unmöglichkeit, weil alle dicke Winterjacken tragen und somit noch mehr Platz verbrauchen. Dann geht es durch das Nadelöhr zwischen Touristinformation und Schließfächern, ich stolpere über Koffer und Fahrräder hindurch, irgendeiner tritt mir auf den Fuß und es riecht nach Kotze. Meine Freundin ruft wieder an, sie stehe jetzt auf der anderen Straßenseite bei Mc Donald´s. Wir müssen nochmal ins Industriegebiet, bevor wir zu ihr nach Hause fahren, für den Weg brauchen wir fast eineinhalb Stunden, weil am Lago und rund um den Zoll  Stau ist. Hallo Konstanz, da bin ich wieder, was für ein Empfang.

Abends sind wir auf einer Weihnachtsfeier. Ich unterhalte mich mit einem Bekannten über Social Media, er hat eine Agentur für Kommunikationsdesign. Facebook, Xing, Twitter und so, das fände er alles unnötig, das bringe doch nichts für den Beruf, erklärt er mir, daher sei er dort auch nicht aktiv. Aber der ganze Input, werfe ich ein, wo soll der in dieser selbstreferentiellen Stadt herkommen, man kriegt hier unten doch nichts mit von dem, was in der Welt da draußen laufe, hier sei man doch von allem abgeschnitten. Ach, sagt er, da gehe er einmal im Jahr auf die Typo nach Berlin, da bekomme er genug Input. Ah, sage ich, aber der regelmässige Austausch mit anderen, mit Gleichgesinnten und Leuten, die einen ähnlichen Job machen? Und überhaupt, Netzwerken! Ach, sagt er, das ist doch alles virtuell. Nein, sage ich, eigentlich nicht, die meisten habe ich irgendwann mal irgendwo getroffen, privat und beruflich, viele interessante Kontakte hätten sich daraus ergeben und auch Jobs. Ach, sagt er, wenn er netzwerken wolle, dann gehe er einfach in den hiesigen Ski-Club. Ach so, sage ich. Und dann: Du, ich gehe mir mal ein neues Bier holen, wir sehen uns später.

Nach der Feier fahren wir zu dritt noch in die Schwarze Katz. Es ist zwölf Uhr und in der Bar sitzen genau zwölf Leute, wir inklusive. Was ist denn hier los, frage ich die anderen. Nix, sagen sie, das ist normal. Heute ist Freitagabend, da ist hier nie was los. Ach so, sage ich.

Am Samstag schlafen wir lange, mittags gehe ich ein bisschen in die Stadt zum Bummeln, ewig bin ich nicht mehr hier gewesen und ich freue mich auf die kleinen Gässchen und die vielen schönen Ecken der Innenstadt. Ich laufe im Regen durch die Fußgängerzone und schließlich durch die Niederburg, doch dort hat um drei Uhr an diesem dritten Advent kein einziges Geschäft mehr offen. Meine Haare sind verklebt, meine Hose bis zur Wade durchweicht und es ist kalt. Ich gucke ins Münster, auch hier war ich schon ewig nicht mehr, eine Kerze zünde ich an und dann setze ich mich auf eine der Bänke. Zum ersten Mal seit ein paar Stunden habe ich endlich mal wieder Netz, also fummle ich heimlich, versteckt unter der Jacke, an meinem iPhone herum und mache ein schlechtes Foto von den brennenden Kerzen, schicke in Whatsapp ein paar Herzchen an den Mann und twittere ein bisschen herum. Was man halt so macht, wenn man in Kirchen rumsitzt und eigentlich lieber woanders wäre. Aber weil ich ja nun schon mal hier bin, kann ich ja noch den Weihnachtsmarkt angucken gehen. Und war die Innenstadt ansonsten wie ausgestorben, hier drängen sie sich alle wie die Verrückten um die Stände. Als ich noch in Konstanz wohnte, bin ich nie auf den Markt gegangen, weil es jedes Jahr genau die gleichen Dinge an den genau wie im Vorjahr gleichplatzierten Buden gab. Und so ist es auch diesmal wieder. Am Ende der Marktstätte zieht sich der Markt durch die Unterführung, ich lasse mich mittreiben, es ist eng, aber das ist auch gut so, denn so sieht man die vollgebruntzelten Betonwände nicht so sehr und schließlich bin ich da, worauf Konstanz so stolz ist: Am See. Doch von dem ist nicht viel zu sehen, denn es ist mittlerweile dunkel geworden. Brav laufe ich noch eine Runde durch den Stadtgarten an all den Ständen vorbei, doch eigentlich reicht es mir und ich nehme am Konzil die Abkürzung über den Fischmarkt, um nicht nochmal durch die Unterführung zu müssen.

Meine Freundin und ich haben uns im Klimperkasten verabredet, bis sie kommt, ruft sie drei Mal an, um mir zu sagen, dass sie später kommt, bzw. keinen Parkplatz findet, bzw. jetzt einen hat und dann gleich kommt. Ich habe kurz Netz und telefoniere mit dem Mann, dann trinke ich einen mit Pulver angerührten Chai Latte und wundere mich, dass nur zehn Leute in dem Café sitzen. Das ist normal, sagt meine Freundin später, es ist schließlich Samstagnachmittag. Ach so, sage ich.

Dann gehen wir nebenan im Il Boccone etwas essen, hier gibt es wieder viele Menschen, genauer: viel zu viele, und die meisten von ihnen stehen direkt vor unserem Tisch herum, weil sie auch gerne einen Tisch hätten, aber keiner von den geschätzten 200 auf den beiden Etagen mehr frei ist. Das ist normal, sagt meine Freundin, es ist schließlich Samstagabend. Achso, sage ich, und esse die überaus leckeren Gnocchi mit Pesto auf. Wenigstens können sie hier gut kochen. Wir überlegen, ob wir ins Kino gehen, doch ich habe wieder kein Netz und kann nicht nachschauen, was wo läuft. Macht nichts, sagt meine Freundin, wir gehen einfach hin und entscheiden uns dort. Sie gehe kaum noch aus, sagt meine Freundin dann. Hier sei nichts los, sie kenne zu wenig Leute, und überhaupt, man würde hier auch einfach keine neuen Leute kennenlernen.” – “Konstanz halt”, sage ich und: “Du musst hier dringend weg.”

“Zwei Mal Dunkle Begierde” sage ich später an der Kasse. “Läuft im anderen Kino”, sagt der Mann hinter dem Schalter. “Achso”, sage ich. “Dann zwei Mal Jane Eyre.” – “Läuft im anderen Kino”, sagt der Mann. “Achso”, sage ich. “Dann halt zwei Mal Gott des Gemetzels.” Der Mann an der Kasse fängt an, hysterisch zu lachen. Wir gehen ins andere Kino, gucken den (sehr großartigen) Film an und fahren nach Hause. “In der Schwarzen Katz ist am Samstagabends nix los”, sagt meine Freundin, “woanders kann man hier nicht hingehen.” Ach so, sage ich.

Am Sonntag schlafen wir lange aus, dann gibt es ein opulentes Frühstück, anschließend packe ich meine Sachen, denn um zwei Uhr fährt mein Zug. “Ich fahre dich schnell an den Bahnhof und hinterher gehe ich joggen”, sagt meine Freundin, zieht sich ein hübsches Kleidchen an und schminkt sich. “Für wen machst du das, du fährst mich doch nur zum Bahnhof, da sieht dich doch keiner?” frage ich. “Ach, nur so, falls ich doch jemanden treffe. Man weiß ja nie”, sagt meine Freundin. “Ach so”, sage ich und: “Du musst wirklich dringend hier weg.” Am Bahnhof lässt sie mich raus, wir verabschieden uns, schön war´s. Ich verspreche, bald wiederzukommen. “Vielleicht im Frühjahr oder so” , sage ich und denke: “Da kann ich sicher nicht.” Ich fahre los und als ich in Karlsruhe bin, schreibe ich >ins Internet: “Sich 14 Monate nach dem Umzug nicht mehr so fühlen, als ob man die Heimat zurück lässt, sondern als ob man nach Hause fährt.”

 

 

Auf der Insel Reichenau

Aber auch das ist Konstanz: Auf die Reichenau radeln, trotz unsäglicher Temperaturen, um neben der Burgruine Schopflen alle drei Kirchen zu besichtigen – die Georgskirche in Oberzell, das Münster St. Maria und Markus in Mittelzell und schließlich noch St. Peter und Paul in Niederzell. Was diese Kirchen so besonders macht, mag jeder selber im Internet lesen, die Insel selber ist auf der UNESCO-Liste des Welterbes verzeichnet und von St. Georg gibt es immerhin eine verkehrtherume Briefmarke. Und war ich in der St. Georg mit seinen beeindruckenden Wandmalereien (s.o.) einige Male während meines Geschichtsstudiums, ich könnte schwören, die beiden letzten habe ich zum letzten Mal vor ungefähr 28 Jahren gesehen. Wie auch weite Teile der Insel und die sind so viel schöner als ich sie eigentlich in Erinnerung habe. Wird mich wieder einmal jemand fragen, wo man denn am Bodensee am besten Ferien mache, hier bittesehr: Auf der Reichenau.

Auf dem Rückweg kehren wir im schönsten Biergarten am Bodensee ein, nämlich in der Bleiche im Stromeyersdorf, es gibt Brathähnchen, Wurstsalat und Ruppaner und weil der Tag so schrecklich heiss war, stört letzteres gar nicht weiter. Den Biergarten sollte man übrigens nicht mit dem Nachbarbiergarten vom Restaurant Stromeyer verwechseln, denn jedesmal, wenn ich dort war,  gab es schlechten Service zu überteuerten Preisen. Über das Stromeyersdorf habe ich übrigens mal einen längeren Artikel für eine Zeitung geschrieben und als ich dort heute spaßeshalber mal hineinschaue, sehe ich, dass die Zeitung den Artikel lustigerweise nun noch einmal neu veröffentlicht hat, allerdings dabei ganz zufällig vergessen hat, meinen Namen darunter zu setzen, weil ich ja nicht mehr in der Stadt wohne. Denn auch das ist Konstanz, nämlich klein im Geiste.

Das mit dem Ruppaner ist übrigens so, dass das Bier zwar in der Stadt gebraut, von vielen Konstanzern aber verpönt wird, weil man angeblich spätestens nach zwei Bier Kopfweh hat. Ich selber trinke es ab und an mal ganz gerne, auch wenn es kein Zäpfle ist, das liegt aber vor allem wohl auch daran, dass das Ruppaner so nach Jugend schmeckt, denn mit 2 Mark war man damals in der Casba mit dabei. Damals, das war, als ich 16 Jahre alt war. Die Casba war damals eine Szenekneip und ich trug rote Henna-Haare, schwarze Klamotten, den Wildledermantel meiner Oma und meterlange Schals, und ich schwöre, der Teppich (!), der schon damals in der Casba auslag und ziemlich wüst aussah, ist auch heute noch dort, auch wenn er als solcher nicht mehr erkennbar ist.

Die Casba sparen wir uns abends lieber, dafür sind wir in der Schwarzen Katz verabredet, dort kann man sehr schön draußen sitzen und überhaupt, wer in Konstanz ausgehen will, sollte hier unbedingt vorbeischauen, und weil das andere Konstanzer ähnlich sehen, trifft man sie hier auch alle früher oder später und darum gehen wir auch am Samstag wieder hin.

Ein heißer Tag war es, ein langer Tag auch, vor allem aber war es ein sehr schöner Tag.