Nun hab dich doch nicht so!
Im Netz wird seit gestern intensiv über Alltagssexismus diskutiert – wer bei Twitter mal unter dem Hashtag #aufschrei nachschaut, wird eine schier endlose Aufzählung von Beispielen finden, die Frauen tagein tagaus erleben. Im Beruf, im privaten Umfeld, im Netz. Während gestern in den Diskussionen bei Facebook noch viel von der Opferhaltung die Rede war, in die sich Frauen automatisch hineinbegeben würden, was auch ein weiterer Grund für Sexismus sei, wird das Thema heute schon etwas relativierter betrachtet und darüber bin ich sehr froh. Ein Tweet von @MmeCoquelicot erklärte das sehr schön:
Es geht nicht darum, dass ich mich nicht wehren KANN. Es geht darum, dass ich es nicht ständig müssen sollte.#aufschrei
— Mademoiselle Na Klar (@MmeCoquelicot) 25. Januar 2013
Und ganz genau so sehe ich es auch. Natürlich kann ich mich hinstellen und jemanden, der mir mit sexistischen Sprüchen kommt, darauf hinweisen, dass das dumm und nicht angemessen war, genauso wie ich jemandem, der mich mit Berührungen belästigt, nach einer deutlichen Warnung einfach eine scheuern kann. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: es ist traurig, dass man das ständig tun muss.
Nun ist das hier ein Blog, in dem ich darüber schreibe, wie es sich so in Köln lebt. Kurz: Mein Eindruck: In Köln werde ich mit Alltagssexismus öfter konfrontiert als früher, als ich noch am Bodensee gelebt habe. Mit “Alltagssexismus” meine ich nicht, dass Frauen es schwer haben, in Führungspositionen zu kommen, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer, dass Frauen es deutlich schwerer haben, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen oder dass Frauen in der Werbung mit einem haarsträubend antiquierten Image dargestellt werden. Das ist offensichtlicher Sexismus, bei dem man nicht darüber streiten muss, ob es ihn wirklich gibt. Alltagssexismus ist dagegen um einiges subtiler und genau das macht ihn so gefährlich. Er findet in vielen kleinen Situationen statt, die einem an sich einzeln vielleicht nicht auffallen, in der Masse aber schon, wie das heute bei Twitter deutlich wurde. Sexismus erleben alle Frauen, sie reden aber nicht dauernd darüber, weil er zum Alltag dazu gehört – erst aber, wenn viele Frauen mal den Mund aufmachen und erzählen, was sie Tag für Tag erleben, staunt man, was da draußen Tag für Tag passiert. Auch als Frau.
Doch zurück nach Köln. Ich will nun nicht mit den Kölner Funkenmariechen mit ihren Miniröckchen, deren Rocklänge praktisch gar nicht vorhanden ist, anfangen. Oder damit, dass sich in Köln weibliche Karnevalskostüme deutlich mehr an den primären Geschlechtsmerkmalen orientieren, während die typischen weiblichen Fasnachtskostüme der alamannischen Mäschgerle deutlich wärmer und zünftiger ausfallen und dass man so etwas auch immer als Gradmesser für ein Frauenbild betrachten könnte. Das wäre viel zu platt und viel zu einfach und ich kann es ja auch noch nicht einmal empirisch belegen. Köln ist außerdem die Heimatstadt von RTL und RTL ist auch nicht eben dafür bekannt, viel für die Gleichberechtigung der Frau getan zu haben. In Konstanz aber wurde ich noch nie von einem Busfahrer “Liebelein” oder “Ming leev Mädsche” bezeichnet, während ich die Münzen für ein Busticket abzählte. Das mag nett gemeint sein, ich aber war perplex, als es mir zum ersten Mal passierte – das war für mich übergriffig in diesem Moment. Ich bin kein Mädchen und ich will keinen Kosenamen von mir fremden Männern bekommen. Aber ist das wirklich Alltagssexismus? Schwierig. Für mich ist es das, da ich aus einem anderen Kontext komme, aber würde ich das dem Busfahrer so sagen, würde er mich auslachen. Mittlerweile habe ich die rheinische Mentalität etwas besser kennengelernt und weiß, wie so etwas zu verstehen ist. Was ich damit sagen will: Was Sexismus genau ist, ist manchmal sehr schwer zu erklären.
Gleiches gilt für Kölsch-Kneipen. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass man als Frau in einer Kölsch-Kneipe ganz anders vom Köbes behandelt wird als ein Mann. In der kölschen Kultur haben Frauen eben ihre feste Rolle. Das ist für mich oft befremdlich und ich empfinde es als sexistisch, aber ob es das wirklich ist? Ein Beispiel: Wenn ich mit dem Mann in eine Kneipe gehe, läuft er in der Regel vor mir in den Raum hinein. Man kommt an einen Tisch, pellt sich aus Jacke, Schal und Tasche und setzt sich hin und da steht aber dann meistens schon der Köbes am Tisch und will die Bestellung aufnehmen. Der Mann, ein Kölner, ordert also ein Kölsch. Ich aber wurstele noch mit meinen Klamotten herum, denn ich brauche damit länger als der Mann, denn ich habe deutlich mehr Sachen dabei als er, der er nur einfach eine Jacke an hat. Bevor ich aber bestelle, möchte ich erstmal sitzen, das bin ich einfach so gewöhnt. Und ich bin keine Kölnerin, mir schmeckt Kölsch zwar, lieber aber trinke ich ein kräftiges Pils. Aber nur ein gutes. Und daher muss ich erstmal auf die Karte gucken, was es so gibt. Und während der Mann schon an seinem ersten Kölsch trinkt, sitze ich noch da und warte darauf, dass der Köbes nochmal kommt, um meine Bestellung anzunehmen, und das kann dauernd, denn wenn ein Köbes etwas nicht mag, dann wenn man sich nicht an seine Ordnung hält. Er läuft also erstmal seine Runde und dann erst kommt wieder zurück an den Tisch. Das passiert mir andauernd und jedes Mal ärgert es mich und dann erkläre ich dem Mann, das sei sexistisch, das mache er nur, weil ich eine Frau bin. Das stimmt aber nicht. Das macht er, weil ich keine Kölnerin bin und mich nicht an den Code halte: Nämlich selbstverständlich ein Kölsch zu bestellen, wenn ich in der Kölschkneipe bin. Außerdem guckt man in der Kölschkneipe nicht in die Karte. Zwei Beispiele, wie die Art der Wahrnehmung und der Kontext den Begriff “Alltagssexismus” definieren können. Und mir ging es oben nicht darum, zu erklären, Köln sei eine Stadt von Sexisten. Ich erlebe solche aber in Köln verstärkt, weil Köln eine Großstadt ist und weil Köln eben auch eine ganz spezielle Stadt ist.
Ein sehr gutes Beispiel für Alltagssexismus aber ist das “Kuscheln” in öffentlichen Verkehrsmitteln. Mir ist das erst vor zwei Tagen passiert. Ich saß abends in der U-Bahn, um nach Hause zu fahren. Ein Typ stieg ein, setzte sich neben mich und nach wenigen Minuten Oberschenkelberührung der ganzen Länge nach. Ekelhaft. Nun bin ich keine kleine Person, so etwas kann also unabsichtlich passieren, wenn man neben mir sitzt. Ich rutschte also etwas zur Seite. Aber da war es wieder: Oberschenkelberührung! War der Typ eben einfach ein bisschen nachgerutscht. Ich ruckelte also etwas auf meinem Sitz herum und ordnete meine Beine neu an. Und was machte der Typ neben mir? Nachrutschen. Und da war es schon wieder: Oberschenkelberührung. Das war Absicht, das war ekelhaft und es war eindeutig, dass es nur darum ginge, seine Machtposition zu beweisen. Würde ich auf die Sache aufmerksam machen, um ihn aufzufordern, würde er alles mit einem arroganten Grinsen von sich abweisen – Punkt für ihn. Würde ich aufstehen und mich woanders hinsetzen, hätte ich kampflos das Feld geräumt – Punkt für ihn. Würde ich so tun, als merke ich nichts, um mich aber insgeheim innerlich fürchterlich zu ärgern, bis ich endlich aussteigen kann – Punkt für ihn. In dem Moment, in dem er ein zweites Mal nachgerutscht war, hatte er also schon gewonnen und das wusste er. Dabei ging es ihm sicher nicht um Sex, aber eben um die Demonstration seiner Macht. In Konstanz wäre das so nicht möglich, allein schon deswegen, weil immer in jedem Bus einer sitzt, den man kennt und man nicht immer überall anonym ist. Und weil die Leute in einer Kleinstadt viel mehr aufeinander achten und anderen helfen würden, wenn sie belästigt werden. In der Großstadt dagegen ist man anonym und man kann davon ausgehen, dass einem niemand von den anderen Fahrgästen hilft, wenn es mit einem solchen U-Bahn-Kuschler Ärger gibt. Das gibt es aber auch in anderen Großstädten und hat nichts speziell mit Köln zu tun.
Ein weiteres Beispiel für Alltagssexismus: Neulich war ich mit meinem Mann auf einem Fest, wir saßen alle an einem großen Tisch zum Essen und auf der anderen Seite des Mannes saß ein Typ, mit dem wir ins Gespräch kamen. Es ging um Berufliches, der Kerl machte etwas mit Marketing und PR und hatte viel zu erzählen und das tat er dann auch, ich klinkte mich phasenweise aus dem Gespräch aus, um auch mit anderen Leuten zu reden, erzählte aber, dass ich beruflich auch mit PR zu tun habe und selbständig sei. Was passierte? Als der Abend zu Ende war, drückte der Typ meinem Mann seine Visitenkarte in die Hand und meinte, er solle sich doch mal melden – netzwerken sei doch so wichtig und er sei ein großer Netzwerker. Wer aber keine Visitenkarte bekam, war ich, obwohl ich direkt daneben stand. Ein gutes Beispiel für Alltagssexismus. Und was soll ich als Frau in einer solchen Situation machen, die Sache ist ja bereits passiert und er hat mich ja bereits übergangen. Natürlich kann ich die Situation nun überspielen, einfach um eine Karte bitten oder einen Witz machen, er hätte mich wohl übersehen und dann würde ich die Karte auch bekommen und er würde sich wortreich für sein schlechtes Benehmen entschuldigen. Gezeigt hat er aber trotzdem, dass er erstens ein Tröffel und zweitens ein Sexist ist und das lässt sich nicht mehr ändern. Eben wie in der U-Bahn und auch das hat etwas mit Macht zu tun.
Köln ist die Hauptstadt der Schwulenszene, damit schmückt sich die Stadt und dass hier so viele Schwule und Lesben heiraten, finden alle super. Ich auch. Komisch dagegen fand ich: Ich habe vor und nach meiner Hochzeit letztes Jahr unwahrscheinlich viele Diskussionen darüber geführt, warum ich denn meinen Namen behalten und nicht den Namen meines Mannes annehmen wolle. Und zwar nur mit Kölnern! Meine Bekannten vom See und alle Nicht-Kölner, die ich so kenne, fanden das alle völlig normal. Mit meinem Mann dagegen hat niemand darüber diskutiert, warum er nicht meinen Namen annehmen wolle… komisch, oder? Ich kann das natürlich nicht empirisch belegen und es ist eine rein subjektive Erfahrung, aber aufgefallen ist es mir eben schon. Ich glaube, das liegt daran, dass man in Köln eben ein traditionelleres Frauenbild hat als in der Universitätsstadt Konstanz.
Typisch sexistische Situationen, die ich ansonsten erlebt habe: Der Chef, der mir während meines Studi-Jobs in der Konstanzer Bäckerei erklärte, ich habe aber viel Holz vor der Hütten, während ein Kollege daneben stand. Die Typen, die mir beim Radeln auf die Brüste starren. Überhaupt, Brüste! Was starren Männer auf Brüste! Ich meine, gucken ist ok – ich gucke bei anderen Frauen auch mal hin. Aber eben: Gucken! Nicht Starren! Dann gibt es da die sexistischen Sprüche, so viele und andauernd, dass mir jetzt gerade spontan keiner einfällt. Vielleicht der: “Die Zicke gehört mal wieder ordentlich gevögelt”, wenn eine Frau auf andere anstrengend wirkt – oder Single ist und Singlefrauen haben sich ehe eine ganze Menge anzuhören. Oder Sprüche und Bemerkungen über das Aussehen von Frauen in Machtpositionen – insbesondere die Bundeskanzlerin in den ersten zwei Jahren nach ihrer Wahl. Was habe ich mich da fremdgeschämt über all die Typen, die permanent Witze über ihre Haare, ihre Figur und ihre Klamotten gemacht haben – und was habe ich mir da überall den Mund fusselig geredet, dass das dummer Mist ist. Dann die Angst, alleine nachts U-Bahn zu fahren oder durch Parks zu laufen. Und, und, und. All das, was da heute bei Twitter unter dem Hashtag #aufschrei aufgezählt wurde – all das kenne ich, aus eigener Erfahrung und anhand von dem, was mir andere erzählen. Und spricht man das an, heißt es meistens: Nun hab Dich doch nicht so. Ist ja alles nicht so schlimm. Doch, das ist es. Und es ist zum Kotzen und wir, die wir das tagtäglich erleben, haben die Schnauze voll.
Wo ich Alltagssexismus überhaupt nicht erlebe, ist übrigens im Coworking-Umfeld, auch wenn viele der Männer Programmierer sind, während die Frauen in der Regel eher kreative Berufe ausüben, also beide Seiten eher geschlechtertypische Berufe gewählt haben. Dass gestarrt, gegrabscht oder dumme Sprüche abgegeben werden gibt es da nicht. Coworker sind soziale, progressive Menschen mit Überzeugung. Es wird akzeptiert, dass verschiedene Leute unterschiedliche Dinge machen und entweder man interessiert sich füreinander oder eben nicht – ansonsten gilt aber Gleichberechtigung und das Prinzip Geben und Nehmen für alle. Und jeder hält sich daran, denn ansonsten kann Coworking nicht funktionieren. Gleiches gilt für die Makerszene, bzw. die DIY-Szene. Aber das sind eben auch Menschen, die sich in der Regel eine bessere, sozial fähigere und nachhaltige Gesellschaft nicht nur wünschen, sondern auch tatsächlich versuchen, sie in kleinen Bereichen zu verändern.
Weil ich ja auch ein bisschen auf Köln und Konstanz eingegangen bin, möchte ich das hier nicht vorenthalten. Den ganzen Tag lang gab es heute dumme Reaktionen auf Twitter, vorwiegend von Männern. Aber die wohl dämlichste Reaktion gab es ausgerechnet von jemanden, der in Konstanz als Social-Web-Koriphäe gilt, nämlich dem @bodenseepeter und ich war einigermaßen erstaunt, als ich das gelesen hatte, denn ich hatte ihn bisher eigentlich als netten Menschen kennengelernt. Für Peter jedenfalls ist Sexismus anscheinend die Grundlage der menschlichen Fortpflanzung:


gezogen und den Schal dreimal um den Hals gewickelt, wenn ich mehr als nur den halben Meter Boden vor meinen Füßen sehen oder hören möchte, was der Mann erzählt, muss ich den Kopf weit nach hinten reissen und der Mann lacht sich darüber kaputt. Wir laufen einen weiten Bogen durch Sülz und gehen in der Neuenhöfer Allee in den Park hinein. Überall Väter, die Schlitten mit schlafenden Kindern hinter sich aus dem Park ziehen, quiekende Kinder mit roten Gesichtern und bunten Pudelmützen, die hinter ihren Eltern in den Park hineinmarschieren, aber auch viele Paare wie wir, die einfach nur spazieren gehen, und alle haben sie dieses Leuchten in den Augen. Wir laufen weiter in den Park hinein, am Tennisplatz links vorbei und dann sehen wir es, das riesige bunte Gewusel vor uns. Rechts der flache Hügel, auf dem die kleineren Kinder rodeln, umsäumt von einer Horde Eltern, die den Kindern ihre Mützen gerade rücken, die Abfahrten gebührend bewundern, den Kleinen die Nasen putzen und die Schlitten dann wieder nach oben ziehen. Und links die große steile Rodelbahn am Pilzberg, eine der härtesten Abfahrten der Stadt, wie uns ein Neunjähriger erklärt, der einen knallrotem Plastikbob hinter sich herziehend, an uns vorbeistapft. Es müssen Hunderte von Menschen sein, die sich hier versammelt haben und es sind nicht nur die Kleinen, die sich todesmutig auf die Schlitten werfen, um mit einem Affenzahn den Hang hinunterzurasen. Hin und wieder stürzt einer, vor allem nach der fiesen Schanze, nach der man, wenn man sie richtig anfährt, einige Zehntelsekunden durch die Luft fliegen kann. Der Weg unter dem Berg ist verschwunden, denn der ist nun Teil der Rodelbahn und wer vorbeilaufen will, muss mitten über die Wiese laufen, auf der aber der Schnee von den vielen Menschen längst zu einer flachen Platte festgetreten wurde. Am Rand der Bahn eine Karawane von Eltern und Kindern, die die Schlitten wieder nach oben zerren, und weil es so viele sind, dass man nicht richtig vorankommt, gehen viele ein paar Meter nebenan quer durch den Wald nach oben. Man sieht nur wenige Kinder weinen, alle aber haben sie dieses Strahlen im Gesicht, auch die Erwachsenen, die wie wir einfach nur ein bisschen zugucken. So muss Winter sein, genau so und nicht anders, und genau so hat man ihn auch aus der eigenen Kindheit in Erinnerung und es ist großartig, dass es ihn jetzt, im Januar 2013, auch in der Großstadt noch gibt.
Riesenrad hoch über den Dächern der Stadt. Im März eine erste unangenehme
etwas für einen Kunden fertig schreiben und kann so lange den Schreibtisch nicht verlassen. Dafür habe ich ihm noch schnell einen Einkaufszettel geschrieben und mitgegeben. “Du, Schatz”, sagt er und schnauft dabei ein ganz klein wenig in den Hörer, so leise, dass man es fast kaum hören kann. “Die Butter, den Mulch und den Lachzwieback habe ich ja gefunden. Aber wo zur Hölle finde ich jetzt bitte ein Sektklo und Fleischbruch?”

