Nun hab dich doch nicht so!

Im Netz wird seit gestern intensiv über Alltagssexismus diskutiert – wer bei Twitter mal unter dem Hashtag #aufschrei nachschaut, wird eine schier endlose Aufzählung von Beispielen finden, die Frauen tagein tagaus erleben. Im Beruf, im privaten Umfeld, im Netz. Während gestern in den Diskussionen bei Facebook noch viel von der Opferhaltung die Rede war, in die sich Frauen automatisch hineinbegeben würden, was auch ein weiterer Grund für Sexismus sei, wird das Thema heute schon etwas relativierter betrachtet und darüber bin ich sehr froh. Ein Tweet von @MmeCoquelicot erklärte das sehr schön:

Und ganz genau so sehe ich es auch. Natürlich kann ich mich hinstellen und jemanden, der mir mit sexistischen Sprüchen kommt, darauf hinweisen, dass das dumm und nicht angemessen war, genauso wie ich jemandem, der mich mit Berührungen belästigt, nach einer deutlichen Warnung einfach eine scheuern kann. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: es ist traurig, dass man das ständig tun muss.

Nun ist das hier ein Blog, in dem ich darüber schreibe, wie es sich so in Köln lebt. Kurz: Mein Eindruck: In Köln werde ich mit Alltagssexismus öfter konfrontiert als früher, als ich noch am Bodensee gelebt habe. Mit “Alltagssexismus” meine ich nicht, dass Frauen es schwer haben, in Führungspositionen zu kommen, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer, dass Frauen es deutlich schwerer haben, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen oder dass Frauen in der Werbung mit einem haarsträubend antiquierten Image dargestellt werden. Das ist offensichtlicher Sexismus, bei dem man nicht darüber streiten muss, ob es ihn wirklich gibt. Alltagssexismus ist dagegen um einiges subtiler und genau das macht ihn so gefährlich. Er findet in vielen kleinen Situationen statt, die einem an sich einzeln vielleicht nicht auffallen, in der Masse aber schon, wie das heute bei Twitter deutlich wurde. Sexismus erleben alle Frauen, sie reden aber nicht dauernd darüber, weil er zum Alltag dazu gehört – erst aber, wenn viele Frauen mal den Mund aufmachen und erzählen, was sie Tag für Tag erleben, staunt man, was da draußen Tag für Tag passiert. Auch als Frau.

Doch zurück nach Köln. Ich will nun nicht mit den Kölner Funkenmariechen mit ihren Miniröckchen, deren Rocklänge praktisch gar nicht vorhanden ist, anfangen. Oder damit, dass sich in Köln weibliche Karnevalskostüme deutlich mehr an den primären Geschlechtsmerkmalen orientieren, während die typischen weiblichen Fasnachtskostüme der alamannischen Mäschgerle deutlich wärmer und zünftiger ausfallen und dass man so etwas auch immer als Gradmesser für ein Frauenbild betrachten könnte. Das wäre viel zu platt und viel zu einfach und ich kann es ja auch noch nicht einmal empirisch belegen. Köln ist außerdem die Heimatstadt von RTL und RTL ist auch nicht eben dafür bekannt, viel für die Gleichberechtigung der Frau getan zu haben. In Konstanz aber wurde ich noch nie von einem Busfahrer “Liebelein” oder “Ming leev Mädsche” bezeichnet, während ich die Münzen für ein Busticket abzählte. Das mag nett gemeint sein, ich aber war perplex, als es mir zum ersten Mal passierte – das war für mich übergriffig in diesem Moment. Ich bin kein Mädchen und ich will keinen Kosenamen von mir fremden Männern bekommen. Aber ist das wirklich Alltagssexismus? Schwierig. Für mich ist es das, da ich aus einem anderen Kontext komme, aber würde ich das dem Busfahrer so sagen, würde er mich auslachen. Mittlerweile habe ich die rheinische Mentalität etwas besser kennengelernt und weiß, wie so etwas zu verstehen ist. Was ich damit sagen will: Was Sexismus genau ist, ist manchmal sehr schwer zu erklären.

Gleiches gilt für Kölsch-Kneipen. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass man als Frau in einer Kölsch-Kneipe ganz anders vom Köbes behandelt wird als ein Mann. In der kölschen Kultur haben Frauen eben ihre feste Rolle. Das ist für mich oft befremdlich und ich empfinde es als sexistisch, aber ob es das wirklich ist? Ein Beispiel: Wenn ich mit dem Mann in eine Kneipe gehe, läuft er in der Regel vor mir in den Raum hinein. Man kommt an einen Tisch, pellt sich aus Jacke, Schal und Tasche und setzt sich hin und da steht aber dann meistens schon der Köbes am Tisch und will die Bestellung aufnehmen. Der Mann, ein Kölner, ordert also ein Kölsch. Ich aber wurstele noch mit meinen Klamotten herum, denn ich brauche damit länger als der Mann, denn ich habe deutlich mehr Sachen dabei als er, der er nur einfach eine Jacke an hat. Bevor ich aber bestelle, möchte ich erstmal sitzen, das bin ich einfach so gewöhnt. Und ich bin keine Kölnerin, mir schmeckt Kölsch zwar, lieber aber trinke ich ein kräftiges Pils. Aber nur ein gutes. Und daher muss ich erstmal auf die Karte gucken, was es so gibt. Und während der Mann schon an seinem ersten Kölsch trinkt, sitze ich noch da und warte darauf, dass der Köbes nochmal kommt, um meine Bestellung anzunehmen, und das kann dauernd, denn wenn ein Köbes etwas nicht mag, dann wenn man sich nicht an seine Ordnung hält. Er läuft also erstmal seine Runde und dann erst kommt wieder zurück an den Tisch. Das passiert mir andauernd und jedes Mal ärgert es mich und dann erkläre ich dem Mann, das sei sexistisch, das mache er nur, weil ich eine Frau bin. Das stimmt aber nicht. Das macht er, weil ich keine Kölnerin bin und mich nicht an den Code halte: Nämlich selbstverständlich ein Kölsch zu bestellen, wenn ich in der Kölschkneipe bin. Außerdem guckt man in der Kölschkneipe nicht in die Karte. Zwei Beispiele, wie die Art der Wahrnehmung und der Kontext den Begriff “Alltagssexismus” definieren können. Und mir ging es oben nicht darum, zu erklären, Köln sei eine Stadt von Sexisten. Ich erlebe solche aber in Köln verstärkt, weil Köln eine Großstadt ist und weil Köln eben auch eine ganz spezielle Stadt ist.

Ein sehr gutes Beispiel für Alltagssexismus aber ist das “Kuscheln” in öffentlichen Verkehrsmitteln. Mir ist das erst vor zwei Tagen passiert. Ich saß abends in der U-Bahn, um nach Hause zu fahren. Ein Typ stieg ein, setzte sich neben mich und nach wenigen Minuten Oberschenkelberührung der ganzen Länge nach. Ekelhaft. Nun bin ich keine kleine Person, so etwas kann also unabsichtlich passieren, wenn man neben mir sitzt. Ich rutschte also etwas zur Seite. Aber da war es wieder: Oberschenkelberührung! War der Typ eben einfach ein bisschen nachgerutscht. Ich ruckelte also etwas auf meinem Sitz herum und ordnete meine Beine neu an. Und was machte der Typ neben mir? Nachrutschen. Und da war es schon wieder: Oberschenkelberührung. Das war Absicht, das war ekelhaft und es war eindeutig, dass es nur darum ginge, seine Machtposition zu beweisen. Würde ich auf die Sache aufmerksam machen, um ihn aufzufordern, würde er alles mit einem arroganten Grinsen von sich abweisen – Punkt für ihn. Würde ich aufstehen und mich woanders hinsetzen, hätte ich kampflos das Feld geräumt – Punkt für ihn. Würde ich so tun, als merke ich nichts, um mich aber insgeheim innerlich fürchterlich zu ärgern, bis ich endlich aussteigen kann – Punkt für ihn. In dem Moment, in dem er ein zweites Mal nachgerutscht war, hatte er also schon gewonnen und das wusste er. Dabei ging es ihm sicher nicht um Sex, aber eben um die Demonstration seiner Macht. In Konstanz wäre das so nicht möglich, allein schon deswegen, weil immer in jedem Bus einer sitzt, den man kennt und man nicht immer überall anonym ist. Und weil die Leute in einer Kleinstadt viel mehr aufeinander achten und anderen helfen würden, wenn sie belästigt werden. In der Großstadt dagegen ist man anonym und man kann davon ausgehen, dass einem niemand von den anderen Fahrgästen hilft, wenn es mit einem solchen U-Bahn-Kuschler Ärger gibt. Das gibt es aber auch in anderen Großstädten und hat nichts speziell mit Köln zu tun.

Ein weiteres Beispiel für Alltagssexismus: Neulich war ich mit meinem Mann auf einem Fest, wir saßen alle an einem großen Tisch zum Essen und auf der anderen Seite des Mannes saß ein Typ, mit dem wir ins Gespräch kamen. Es ging um Berufliches, der Kerl machte etwas mit Marketing und PR und hatte viel zu erzählen und das tat er dann auch, ich klinkte mich phasenweise aus dem Gespräch aus, um auch mit anderen Leuten zu reden, erzählte aber, dass ich beruflich auch mit PR zu tun habe und selbständig sei. Was passierte? Als der Abend zu Ende war, drückte der Typ meinem Mann seine Visitenkarte in die Hand und meinte, er solle sich doch mal melden – netzwerken sei doch so wichtig und er sei ein großer Netzwerker. Wer aber keine Visitenkarte bekam, war ich, obwohl ich direkt daneben stand. Ein gutes Beispiel für Alltagssexismus. Und was soll ich als Frau in einer solchen Situation machen, die Sache ist ja bereits passiert und er hat mich ja bereits übergangen. Natürlich kann ich die Situation nun überspielen, einfach um eine Karte bitten oder einen Witz machen, er hätte mich wohl übersehen und dann würde ich die Karte auch bekommen und er würde sich wortreich für sein schlechtes Benehmen entschuldigen. Gezeigt hat er aber trotzdem, dass er erstens ein Tröffel und zweitens ein Sexist ist und das lässt sich nicht mehr ändern. Eben wie in der U-Bahn und auch das hat etwas mit Macht zu tun.

Köln ist die Hauptstadt der Schwulenszene, damit schmückt sich die Stadt und dass hier so viele Schwule und Lesben heiraten, finden alle super. Ich auch. Komisch dagegen fand ich: Ich habe vor und nach meiner Hochzeit letztes Jahr unwahrscheinlich viele Diskussionen darüber geführt, warum ich denn meinen Namen behalten und nicht den Namen meines Mannes annehmen wolle. Und zwar nur mit Kölnern! Meine Bekannten vom See und alle Nicht-Kölner, die ich so kenne, fanden das alle völlig normal. Mit meinem Mann dagegen hat niemand darüber diskutiert, warum er nicht meinen Namen annehmen wolle… komisch, oder? Ich kann das natürlich nicht empirisch belegen und es ist eine rein subjektive Erfahrung, aber aufgefallen ist es mir eben schon. Ich glaube, das liegt daran, dass man in Köln eben ein traditionelleres Frauenbild hat als in der Universitätsstadt Konstanz.

Typisch sexistische Situationen, die ich ansonsten erlebt habe: Der Chef, der mir während meines Studi-Jobs in der Konstanzer Bäckerei erklärte, ich habe aber viel Holz vor der Hütten, während ein Kollege daneben stand. Die Typen, die mir beim Radeln auf die Brüste starren. Überhaupt, Brüste! Was starren Männer auf Brüste! Ich meine, gucken ist ok – ich gucke bei anderen Frauen auch mal hin. Aber eben: Gucken! Nicht Starren! Dann gibt es da die sexistischen Sprüche, so viele und andauernd, dass mir jetzt gerade spontan keiner einfällt. Vielleicht der: “Die Zicke gehört mal wieder ordentlich gevögelt”, wenn eine Frau auf andere anstrengend wirkt  – oder Single ist und Singlefrauen haben sich ehe eine ganze Menge anzuhören. Oder Sprüche und Bemerkungen über das Aussehen von Frauen in Machtpositionen – insbesondere die Bundeskanzlerin in den ersten zwei Jahren nach ihrer Wahl. Was habe ich mich da fremdgeschämt über all die Typen, die permanent Witze über ihre Haare, ihre Figur und ihre Klamotten gemacht haben – und was habe ich mir da überall den Mund fusselig geredet, dass das dummer Mist ist. Dann die Angst, alleine nachts U-Bahn zu fahren oder durch Parks zu laufen. Und, und, und. All das, was da heute bei Twitter unter dem Hashtag #aufschrei aufgezählt wurde – all das kenne ich, aus eigener Erfahrung und anhand von dem, was mir andere erzählen. Und spricht man das an, heißt es meistens: Nun hab Dich doch nicht so. Ist ja alles nicht so schlimm. Doch, das ist es. Und es ist zum Kotzen und wir, die wir das tagtäglich erleben, haben die Schnauze voll.

Wo ich Alltagssexismus überhaupt nicht erlebe, ist übrigens im Coworking-Umfeld, auch wenn viele der Männer Programmierer sind, während die Frauen in der Regel eher kreative Berufe ausüben, also beide Seiten eher geschlechtertypische Berufe gewählt haben. Dass gestarrt, gegrabscht oder dumme Sprüche abgegeben werden gibt es da nicht. Coworker sind soziale, progressive Menschen mit Überzeugung. Es wird akzeptiert, dass verschiedene Leute unterschiedliche Dinge machen und entweder man interessiert sich füreinander oder eben nicht – ansonsten gilt aber Gleichberechtigung und das Prinzip Geben und Nehmen für alle. Und jeder hält sich daran, denn ansonsten kann Coworking nicht funktionieren. Gleiches gilt für die Makerszene, bzw. die DIY-Szene. Aber das sind eben auch Menschen, die sich in der Regel eine bessere, sozial fähigere und nachhaltige Gesellschaft nicht nur wünschen, sondern auch tatsächlich versuchen, sie in kleinen Bereichen zu verändern.

Weil ich ja auch ein bisschen auf Köln und Konstanz eingegangen bin, möchte ich das hier nicht vorenthalten. Den ganzen Tag lang gab es heute dumme Reaktionen auf Twitter, vorwiegend von Männern. Aber die wohl dämlichste Reaktion gab es ausgerechnet von jemanden, der in Konstanz als Social-Web-Koriphäe gilt, nämlich dem @bodenseepeter und ich war einigermaßen erstaunt, als ich das gelesen hatte, denn ich hatte ihn bisher eigentlich als netten Menschen kennengelernt. Für Peter jedenfalls ist Sexismus anscheinend die Grundlage der menschlichen Fortpflanzung:

 

 

 

 

 

 

 

 

Winterwonderland in Köln Sülz

Und dann hat es geschneit, letzte Woche schon und nochmal am Wochenende und weil es kalt draußen ist, ist der Schnee nicht zu hässlichem Matsch geschmolzen, sondern liegen geblieben. Gut 20 Zentimeter Schnee sind es und wer nicht raus muss, lässt es lieber bleiben. Kaum alte Menschen sind auf den Straßen zu sehen, die bleiben lieber daheim, denn es ist glatt und einen Oberschenkelhalsbruch will niemand riskieren. Auf den Gehwegen vor den Wohnhäusern wird geschippt, gesalzen und gestreut, was nur geht, die öffentlichen Wege aber und die Straßen werden nicht geräumt, denn die Stadt muss sparen und Räumfahrzeuge und Streusalz kosten Geld. Wer doch raus muss, weil die Lebensmittel knapp werden oder weil er nicht wie ich zur Zeit daheim arbeiten kann, läuft hektisch an den Wohnhäusern vorbei, den Blick stets besorgt nach oben gerichtet, denn noch immer haben alle hier im Veedel die Frau in Erinnerung,die samt Baby im Kinderwagen von einer Dachlawine verschüttet worden war. Die Sache ging zum Glück gut aus, doch das hätte auch anders enden können, die Schwiegereltern, die ein paar Straßen weiter im Viertel wohnen, erzählen vom Auto eines Nachbarn, dessen Heckscheibe von einer Dachlawine komplett zerstört wurde. Da, wo ich herkomme, sind Lawinenschutzgitter auf den Dächern Pflicht, in Köln aber sieht man das wohl nicht so eng.

Am Sonntag gehen wir im Park spazieren und ich ziehe zum ersten Mal in diesem Winter die neuen gefütterten Stiefelschuhe mit der superdicken Sohle an, obwohl ich Stiefel schon immer noch mehr gehasst habe als Strumpfhosen und Erbseneintopf zusammen. Die Stiefel sind unwahrscheinlich schwer und es ist anstrengend, damit durch den Schnee zu stapfen, erst recht nach den faulen letzten drei Wochen auf dem Wohnzimmersofa. Weil es wieder schneit und ich auch Mützen hasse, habe ich die Kapuze weit über den Kopf gezogen und den Schal dreimal um den Hals gewickelt, wenn ich mehr als nur den halben Meter Boden vor meinen Füßen sehen oder hören möchte, was der Mann erzählt, muss ich den Kopf weit nach hinten reissen und der Mann lacht sich darüber kaputt. Wir laufen einen weiten Bogen durch Sülz und gehen in der Neuenhöfer Allee in den Park hinein. Überall Väter, die Schlitten mit schlafenden Kindern hinter sich aus dem Park ziehen, quiekende Kinder mit roten Gesichtern und bunten Pudelmützen, die hinter ihren Eltern in den Park hineinmarschieren, aber auch viele Paare wie wir, die einfach nur spazieren gehen, und alle haben sie dieses Leuchten in den Augen. Wir laufen weiter in den Park hinein, am Tennisplatz links vorbei und dann sehen wir es, das riesige bunte Gewusel vor uns. Rechts der flache Hügel, auf dem die kleineren Kinder rodeln, umsäumt von einer Horde Eltern, die den Kindern ihre Mützen gerade rücken, die Abfahrten gebührend bewundern, den Kleinen die Nasen putzen und die Schlitten dann wieder nach oben ziehen. Und links die große steile Rodelbahn am Pilzberg, eine der härtesten Abfahrten der Stadt, wie uns ein Neunjähriger erklärt, der einen knallrotem Plastikbob hinter sich herziehend, an uns vorbeistapft. Es müssen Hunderte von Menschen sein, die sich hier versammelt haben und es sind nicht nur die Kleinen, die sich todesmutig auf die Schlitten werfen, um mit einem Affenzahn den Hang hinunterzurasen. Hin und wieder stürzt einer, vor allem nach der fiesen Schanze, nach der man, wenn man sie richtig anfährt, einige Zehntelsekunden durch die Luft fliegen kann. Der Weg unter dem Berg ist verschwunden, denn der ist nun Teil der Rodelbahn und wer vorbeilaufen will, muss mitten über die Wiese laufen, auf der aber der Schnee von den vielen Menschen längst zu einer flachen Platte festgetreten wurde. Am Rand der Bahn eine Karawane von Eltern und Kindern, die die Schlitten wieder nach oben zerren, und weil es so viele sind, dass man nicht richtig vorankommt, gehen viele ein paar Meter nebenan quer durch den Wald nach oben. Man sieht nur wenige Kinder weinen, alle aber haben sie dieses Strahlen im Gesicht, auch die Erwachsenen, die wie wir einfach nur ein bisschen zugucken. So muss Winter sein, genau so und nicht anders, und genau so hat man ihn auch aus der eigenen Kindheit in Erinnerung und es ist großartig, dass es ihn jetzt, im Januar 2013, auch in der Großstadt noch gibt.

Das einzige, was zum ganz großen Glück fehlt: Ein Glühweinstand. Den Glühwein trinken wir dann aber daheim und daheim, das ist nur fünf Gehminuten vom Winterwonderland entfernt.

Das war 2012

Und 2012 war ein gutes und erreignisreiches Jahr, das ich nie vergessen werde. Ein fulminanter Januar, der mit einem großen Dreikönigsessen mit alten und aber auch mit neuen Freunden anfing. Im Februar die Flucht vor dem Karneval nach Wien, wofür ich zum ersten Mal richtig fliegen musste, außerdem ein Heiratsantrag im Riesenrad hoch über den Dächern der Stadt. Im März eine erste unangenehme Begegnung mit dem Tod, später folgte sogar eine weitere, diesmal war jemand aus meinem Bekanntenkreis gestorben. Im April die ersten Planungen für die Hochzeit, beruflich der Auszug aus dem Betahaus und der Einzug in eine Bürgemeinschaft, außerdem viel Nachdenken darüber, wie wichtig Familie ist und herzliche Gefühle für den Kölner Stadtteil Sülz, in dem ich lebe und eine Begegnung mit neuen Nachbarn. Außerdem die Entdeckung einer großen neuen Liebe: Zur Wolle nämlich. Im Juni viele großartige Radtouren mit dem Mann rund um Köln, die mir gezeigt haben, dass Köln auch seine schönen Seiten haben kann, zumindest jedenfalls, wenn man die Stadt verlässt und ein bisschen raus aufs Land fährt. Im Juli weitere Radtouren und Ärger mit einem Kunden, der mir einfach das Konzept für eine Website geklaut hat, ohne dafür bezahlen zu wollen. Im August vor allem Vorbereitungen für die Hochzeit am 22. August und die große Europareise, die wir am Tag danach antraten: Sechs Länder in dreieinhalb Wochen und es war alles wahnsinnig aufregend, beeindruckend und unwahrscheinlich großartig. Auch darüber habe ich geschrieben, und zwar über jeden einzelnen Tag. Das war teilweise sehr anstrengend, weil wir abends immer so müde waren, aber die Arbeit hat sich gelohnt. Kaum waren wir zurück, bin ich 40 geworden und wieder wurde mit Freunden gefeiert – der Geburtstag und auch die Hochzeit, zu der wir ja nur Familie eingeladen hatten. Eine alte Freundschaft ging über die Distanz außerdem verloren. Im Oktober der Auszug aus der neuen Bürogemeinschaft und der Beschluss, mehr zu schreiben, was dann prompt, nachdem ich mir den Raum dafür eingerichtet hatte, in eine heftige Schreibblockade führte, die ich dann aber mit einer Menge Wolle kompensierte, woraus dann auch schließlich mein neues Blog “Gemacht mit Liebe” hervorging. Immerhin! Außerdem war ich bei einem großen Gastmahl bei mir bis dato wildfremden Menschen, nämlich im Katchina Supperclub. Und weitere Gedanken hatte ich mir gemacht, nämlich über den Stadtteil, in dem ich lebe, denn hier geht es teilweise auch ein wenig merkwürdig zu, denn mit den “Fremden” hat man es hier nicht immer so. Im November schließlich viel Herumfahrerei: Nach Wiesbaden zur Release-Party des Wiesbaden-Buchs, für das ich auch etwas geschrieben habe, nach Hamburg, wo ich einen tollen Tag mit vielen, vielen Gesprächen mit einer Freundin verbracht habe und auch nach Dortmund, was auch ein bisschen eine Reise in eine andere Welt war. Und ein Treffen mit jemandem von Twitter, das ich so vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätte und das ich gerne wiederhole.

Und schließlich der Dezember, in dem ich nach Jahren wieder im Hallenbad schwimmen war und feststellen musste, dass das ja gar nicht weh tut, in dem ich meinen Mann nur wenig gesehen habe, weil er so furchtbar viel arbeiten musste, in dem Freunde von uns überraschend geheiratet haben, in dem ich feststellen musste, dass die Dinge nicht immer so sind, wie ich sie sehe und dass es gut ist, sich zu entschuldigen, in dem ich mir außerdem viele Gedanken über meinen Beruf gemacht habe, in dem der Mann und ich auf einer tolle Weihnachtsparty mit lauter Selbständigen eingeladen waren und der dann schließlich mit einer Menge Familienbesuch und einer fulminanten Silvesterparty endete. Den Flur müssen wir jetzt neu streichen.

Und mein Jahresfazit? Dass Familie und Freunde das wichtigste sind. Und Liebe vor allem. Und außerdem Gesundheit. Und dass ich das mit meinem Beruf anders angehen muss künftig. 2012 hatte ich Heimweh, viel mehr als letztes Jahr und vor allem im November und Dezember, aber gerade zum Jahresende hin gab es zum ersten Mal seit meinem Umzug auch viele Tage, an denen ich völlig vergessen hatte, dass ich noch immer neu und auch noch immer fremd in Köln bin. Da möchte ich 2013 auch gerne weitermachen. Und  überhaupt 2013. Pläne gibt es und viele, viele Ideen. Der Einzug ins neue Büro in der Südstadt steht bevor und ich denke, damit wird viel Neues, Buntes und Großartiges kommen. Außerdem kann ich dann endlich ein Eichhörnchen häkeln, für den Baum nämlich, der mitten in unserem Büro stehen wird. Mit einer Freundin sitze ich außerdem gerade an den Vorbereitungen für ein Panel für die re:publica und wir hoffen, dass wir damit genommen werden. Das Thema “Handmade” möchte ich weiter vertiefen, genauso wie die Sache mit dem Schreiben. Für meine Tante wünsche ich mir unendlich viel Gesundheit. In meinem Büro soll es mit neuem Schwung und neuem Schwerpunkt weitergehen, außerdem gibt es da noch ein Projekt, das ich vielleicht angehen möchte, wozu ich aber noch ein oder zwei Partner brauche. Und dann war da noch die Anmeldung für den Women’s Run im August, für den ich trainieren werde, um nicht als letzte, sondern im guten Mittelfeld im Ziel einzulaufen. Das wird eine Menge Arbeit ehrlichgesagt. Aber ich packe das an und dass ich vermutlich nicht in das knatschenge Shirt passen werde, ist mir bis dahin hoffentlich piepegal. 10 Tage auf der Lieblingsinsel sind bereits gebucht und ich freue mich wie bekloppt darauf, so sehr, dass ich schon schier Tränen in den Augen habe, wenn ich mir vorstelle, wie wir da am ersten Tag am Strand stehen werden. Und überhaupt ist da noch dieser Wunsch, dort irgendwann ein Häuschen zu haben.

Und dann ist da noch dieses Blog, in dem es in den letzten Wochen etwas ruhiger geworden war – bedingt ein bisschen durch die Schreibblockade und durch mein neues Blog, aber auch dadurch, weil die Heimatbloggerei auf einmal in so vielen Blogs inflationär in Mode kam, so dass ich ein wenig die Lust an diesem Thema verloren hatte. Überhaupt war da zum Ende des Jahres hin diese große Socialmüdigkeit, vor allem, wenn ich so beobachtet habe, was in den Netzwerken so lief und wie ich mich aber auch selber teilweise darin verheddert hatte. (Sogar mein Konstanzer Blogtroll hat zum Ende des Jahres hin schlapp gemacht, nachdem er mich über vier Jahre hinweg Monat für Monat “anonym” beschimpft hat. Vielleicht rufe ich da die Tage mal an und frage nach, ob alles ok ist?) Für mich heißt das: Weniger Facebook, weniger Instagram, Google+ außerdem weiterhin nur für Links, stattdessen wieder mehr Flickr und vor allem meine Blogs – Klasse statt Masse eben und mehr Konzentration auf meine eigenen Seiten außerdem. Und natürlich Twitter, aber das ist ja Ehrensache.

Hallo 2013, kann losgehen.

Geschichten über Köln, Konstanz und die Sache mit der Heimat

Nachdem in diesen Tagen das großartige Wiesbaden-Buch “63,75 – das Buch” erschienen ist, in dem auch ein Artikel von mir erschienen ist, haben viele andere Blogger das Thema “Heimat” ebenfalls für sich entdeckt. Herr Buddenbohm hat das zum Anlass genommen und in einer Blogparade dazu aufgerufen, Texte über Hamburg zu schreiben, die er in seinem Blog sammelt: Der Rest von Hamburg. Frau Bogdan sammelt parallel in ihrem Blog Artikel über den Rest der Welt und schreibt dabei insbesondere über Helgoland. Und Anne Schüssler sammelt Artikel über das Ruhrgebiet.

Ich selber schreibe hier ja seit über zwei Jahren über Köln und Konstanz, nachdem ich vor zwei Jahren der Liebe wegen vom Bodensee ins Rheinland umgezogen bin. Und gerne möchte ich diese Gelegenheit nutzen und auf meine eigenen Lieblingsartikel dazu nochmals hinweisen:

Und über Konstanz und den Bodensee habe ich natürlich auch eine ganze Menge geschrieben, zum Beispiel:

  • In der Eisenbahnstraße”erzählt von einer ganz besonderen Hausgemeinschaft in einer ganz besonderen Straße
  • “Der Katzen-Opa”erzählt nochmals von dieser besonderen Straße
  • “Konstanz halt” handelt davon, wie es ist, nach längerer Zeit mal wieder in die alte Heimat zurückzukommen.
  • “Heimat” erschien vor drei Jahren in einer früheren Ausgabe des Stijlroyal-Magazins und erzählt davon, was ich persönlich als Heimat empfinde

Viel Spaß beim Lesen! Und natürlich werde ich in diesem Blog auch weiterhin über die Sache mit der Heimat schreiben, denn da gibt es noch so einiges zu erzählen…

 

Szenen einer Ehe

Und dann ruft mich der Mann an. Er ist gerade im Supermarkt, um ein paar Dinge einzukaufen. Gerne wäre ich mitgegangen, aber ich muss etwas für einen Kunden fertig schreiben und kann so lange den Schreibtisch nicht verlassen. Dafür habe ich ihm noch schnell einen Einkaufszettel geschrieben und mitgegeben. “Du, Schatz”, sagt er und schnauft dabei ein ganz klein wenig in den Hörer, so leise, dass man es fast kaum hören kann. “Die Butter, den Mulch und den Lachzwieback habe ich ja gefunden. Aber wo zur Hölle finde ich jetzt bitte ein Sektklo und Fleischbruch?”

Wolle schie bummse?

Für das Buch 63,75 – 63 Menschen schreiben über 75 Orte, Objekte, Sachverhalte in Wiesbaden” habe ich auch einen Beitrag geschrieben und ich bin überaus stolz darauf, dass ich das machen durfte. Mein Text handelt von der Holländischen Straße in Wiesbaden, in der ich selbstverständlich noch nie gewesen bin. Wie alle Autoren habe ich einfach ein Foto von “meinem” Ort bekommen und mir dazu dann etwas ausgedacht. Das ist daraus geworden:

Die Holländische Straße ist eine von diesen Straßen, die keiner kennt, nicht einmal der Taxifahrer, der einen dorthin fahren soll. „Holländische Straße? Kenn ick nich, jibtet nich, fahrense woanders hin. Nich? Na denn steigense ma schnell wieda aus, die Dame!“ würde er sagen, wäre man in Berlin. Aber man ist ja nicht in Berlin, sondern im beschaulichen Wiesbaden. Also würde man seufzend das Handy aus der Handtasche kramen, den Weg googeln und dem Fahrer erklären, wie er fahren muss.

Raus nach Kohlheck würde es gehen, an den Stadtrand von Wiesbaden, also dahin, wo kurz danach das große Nichts anfängt. Eine kleine Nebenstraße ist sie, die Holländische Straße, und durch die fährt man nicht einmal, wenn man zum 1. SC Kohlheck 1951 e.V. will, um sich ein Fußballspiel anzugucken. Oder vielleicht in den Kohlhecker Waldkindergarten Zappelphilipp oder in die Freie Christliche Schule Wiesbaden am Waldrand, die aussieht wie ein Knast. Reihenhäuser stehen hier, eins wie das andere, kleine Würfel in Brauntönen. Hier ein bisschen Holz, da ein  bisschen Klinker, Küchenfenster und Türe im Erdgeschoss, ein kleines und ein großes Fenster im oberen Stockwerk, darüber ein Flachdach. Holländischer Stil nennt sich die Bauweise, platzsparend, kantig, zweckmäßig und ein bisschen verspielt, in den 90ern war das modern, heute wundert man sich über die Enge. Lange Gärten nach hinten und kleine Vorgärten mit Jägerzaun nach vorne raus, vor den Türen stehen Gummistiefel, Fahrräder und Tontöpfe mit Tulpen und vor dem Jägerzaun der Kleinwagen. „Und samstags wird der Rasen gemäht“, denkt man belustigt.

Man würde den Fahrer bezahlen, aussteigen und ein paar Schritte durch die Straße laufen. In den Bäumen zwitschernde Vögel und ein leichter Wind, der sanft den Kirschlorbeer in den Vorgärten streichelt, auf der andere Straßenseite eine Frau mit Dackel, die irgendwie ein bisschen wie Marijke Amado aussieht. Und auf einmal hätte man diesen unheimlich leckeren Duft in der Nase, gebratenes Fleisch und irgendwas Frittiertes. Da kocht jemand, würde man denken und die kleinen Fenster in den Erdgeschossen absuchen und sich darüber wundern, dass hier keiner Vorhänge hat, so dass man durch die Wohnungen bis in die Gärten hindurch gucken kann. In einer der Küchen würde man eine Frau am Herd sehen, mit dicken geflochtenen blonden Zöpfen, einer komischen Mütze, einer blauweiß-gestreiften Bluse und einem roten Halstuch, und sie würde lachend das Fenster öffnen und rufen „Hunger? Dann iss mit uns! In zehn Minuten gibt es Essen!“ Zwei kleine blonde Kinder mit Holzpantoletten an den Füßen würden einen in den Garten führen, in dem unter einem blühenden Apfelbaum ein langer, gedeckter Tisch mit buntem Plastikgeschirr steht. „Komm, wir holen Opa!“, würden die Kinder dann sagen und einem links und rechts eine warme Hand reichen und zu dritt würden wir so durch die kniehohe Wiese durch den Garten laufen, um Opa zu holen.

Am Ende des Gartens, ganz versteckt und von der Terrasse aus nicht zu sehen, würde ein alter Wohnwagen mit offener Tür stehen, davor unter einem bunt getupftem Sonnenschirm zwei Männer auf Klappstühlen, die sich kichernd miteinander unterhalten. Der eine um die 80, recht groß, schlank, graues langes Haar und eine seltsam dicke Zigarette in der Hand, der andere vielleicht Mitte 60, etwas kleiner, rundlich und mit Vollbart, in der Hand eine Plastikflasche Erdbeer-Slimfast. „Hm, leeeckkkerrr!“ würde er rufen und einen tiefen Schluck aus der Flasche nehmen. Dann würde man feststellen, dass das ja Rudi Carrell und Harry Wijnvoord sind und bevor man sich darüber wundert, würde Rudi einen angucken und kichernd sagen: „Harry kriegt halt immer so einen Durst von der Kifferei!“ und dann würde Harry kichernd sagen: „Rudi, das Zeug ist zwar scheiße, aber es schmeckt wirklich verdammt leckkkkerrrr!“ und Rudi würde mich angucken und fragen: „Wolle schie bummse?“ und eines der beiden kleinen Kinder würde entrüstet sagen „Opa, Du sollst das doch nicht dauernd sagen!“ und ich würde das Angebot höflich ablehnen und fragen, ob ich stattdessen nicht lieber mitrauchen könnte. „Klar, setz Dich zu uns! Es ist herrlich hier!“ würde Harry rufen. „Ein Paradies! Nebenan wohnen die de Mols, zwei Häuser weiter Herman van Veen und einmal pro Woche gehe ich mit Sylvie und Marijke zur Pediküre! Und Antje kocht ab und an für uns! Keine nervigen Fans, denn niemand weiß, dass wir alle hier wohnen, unsere Straße kennt nämlich keine Sau, denn so wie wir will ja keiner wohnen. Und dass Rudi noch lebt, weiß auch keiner!“ Und Rudi würde am Joint ziehen, dann Harry angucken und fragen: „Aber schie, wolle schie bummse?“ und dann würden wir so lange lachen, bis wir keine Luft mehr bekommen würden.

Antje würde uns rufen, dass das Essen jetzt fertig sei und wir kommen sollten. Und dann würde ich an diesem herrlichen Maitag unter einem blühenden Apfelbaum sitzen, zusammen mit Rudi Carell, Harry Wijnvoord, Frau Antje und ihren zwei Kindern, wir würden einen Berg Frikandel, Fritjes und Satesauce sowie eine Kugel Gouda aufessen und hinterher noch ein paar Erdbeer-Slimfast trinken, weil man von der ganzen Kifferei immer so einen Appetit bekommt und abends, wenn es dunkel werden würde, würde Frau Antje die Kinder ins Bett bringen und kleine Kerzen in den Lampions im Baum anzünden. Die van der Vaarts würden rüberkommen, außerdem Marijke Amado und Herman van Veen. Ich würde neben Sylvie sitzen, die ungeschminkt wäre und wunderschön aussehen würde, und sie würde mir erzählen, wie satt sie diese ganze Anpinselei habe und das sei ja alles nur fürs Fernsehen, in Wirklichkeit hasse sie Make Up, aber das dürfe ich keinem erzählen. Und Herman würde seine Gitarre auspacken und ein bisschen was spielen und Marijke würde dazu singen.

Bis tief in die Nacht säßen wir da und ab und an würden wir noch einen Joint rauchen und Antje würde einen Gouda nach dem anderen anrollen und alle würden wir sie aufessen, weil man von der Kifferei ja so einen Appetit bekommt und dazu würden wir Chocomel mit Whisky auf Eis trinken. Vom Fernsehen würden sie erzählen und auch von den Deutschen, die immer in Klischees denken und meinen würden, man müsse alles in eine Schublade stecken können, um es besser zu verstehen und über das, was man nicht verstehen würde, würde man sich halt ironisch lustig machen und dass doch alles viel besser wäre, wenn man das mal bleiben ließe, um statt dessen das Leben mit seinen Mitmenschen zu genießen, eben so, wie es ist. Harry würde noch ein paar Erdbeer-Slimfast holen, die wir mit Gin trinken würden und irgendwann tief in der Nacht würde Rudi Sylvie fragen: „Wolle schie bummse?“ und Rafael würde wütend aufspringen und Rudi Carell eine langen. Fernseh-Ikonen hauen sei zwar nicht so super,  würde er danach sagen, aber meine Frau, die gräbt hier keiner blöd an, nicht mal Rudi Carrell! Rudi würde sich die Backe reiben und „Schulldigung“ nuscheln und Harry würde laut rufen: „Kinder, vertragt Euch wieder, hoch die Gläser! Prost! Auf das Leben!“ Und wir alle, auch Rudi und Rafael, würden miteinander anstoßen und unsere Erdbeer-Slimfast auf Gin herunterkippen. Auf Ex natürlich. Aber so genau weiß ich das alles natürlich auch nicht, denn ich war ja noch nie da, in dieser Holländischen Straße.

Seit dieser Woche ist es im Handel: Das Wiesbaden-Buch der anderen Art, herausgebracht von der Wiesbadener Designagentur Stijlroyal. 63,75 Autoren haben über ein Wiesbaden geschrieben, das es so vielleicht, vielleicht aber auch nicht gibt. Daraus wurde ein grandioses Buch mit vielen wunderbaren, phantasievollen Texten, das ich Ihnen hiermit dringend ans Herz legen möchte:

“63,75 – Das Buch”, 208 Seiten, A3, 1,5 Kilo, ISBN 978-3-00-039713-4, 39,90 Euro.

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Novembermüde

Und dann ist es November. Die Sonne steht bereits so tief, dass der mittlerweile fünf Meter Kirschlorbeer nachmittags lange Schatten auf die Wiese vor meinem Bürofenster wirft, so lang, dass selbst bis um halb fünf kein Strahl Sonne aufs Gras scheint. Im fahlen Licht liegt er da, der Garten. Die großen Bäume im Garten haben die meisten ihrer Blätter verloren und nur noch wenige hängen in den oberen Ästen. Noch ein, zwei Wochen und die Bäume werden kahl sein. Wenn es abends dunkel wird und überall in den Wohnungen auf der anderen Seite des Gartens die Lichter angemacht werden, könnte man durch die Bäume hindurch fast vollständig in die Zimmer hineinsehen. Würde man das wollen. Aber man will ja nicht, denn es gibt nichts zu sehen. Manchmal läuft jemand am Fenster vorbei, später sieht man Leute am Essplatz oder auf dem Sofa vorm Fernseher sitzen, was Menschen eben im November so machen.

Am Wochenende haben die Vermieter das Laub im Garten zusammengekehrt und den Kirschlorbeer auf unserer Seite etwas gestutzt, so dass er nun nur noch mehr wie eine sehr hohe und sehr dunkelgrüne Wand aussieht, eine Wand, durch die man nicht hindurchgucken kann, denn Kirschlorbeer verliert keine Blätter, er bekommt nur immer neue. Sogar das große Loch in der Hecke, durch das Doktor Socke letzten Sommer so oft den Kopf steckte, um in unseren Garten zu linsen, ist mittlerweile wieder zugewachsen. Aber es passiert da drüben auch nicht viel. Der Rasen wird nicht mehr wöchentlich gemäht, die vermoosten Terrassenfliesen werden nicht mehr drei Mal pro Woche mit dem Hochdruckreiniger abgesprüht und nachdem Sockes Nachbarn zur Linken die Bäume am Gartenzaun gestutzt haben, brüllt er sie nicht mehr jedes Mal an, sobald sie sich in ihrem Garten aufhalten. Die langen Plastikstangen, an die er letztes Jahr die riesige blaue Plane vor unserem Balkon gespannt hatte, lagen letzte Woche für den Sperrmüll bereit auf der Straße. Und neulich lief wir uns draußen am Parkplatz über den Weg und da nickte er mir freundlich zu, anstatt mich wie sonst zu ignorieren oder wie früher anzuschreien. Auch Doktor Socke ist im November angekommen.

Bei den Leuten im Haus auf der anderen Seite des Gartens, in dem die Agentur war, steht eine dieser Gießkannen von Ikea auf der Fensterbank im ersten Stock, die mit dem langen Ausguss, die nur einen Euro kosten. Rot leuchtet sie durch den fahlen Garten zu mir hinüber, der einzige Farbtupfer in diesem mattgrüngrauen Ensemble. Jeden Tag schaue ich, ob sie noch an ihrem Platz steht und ich könnte schwören, dass sie seit exakt drei Wochen und vier Tagen kein einziges Mal benutzt wurde, denn Tag für Tag steht sie am exakt gleichen Platz in der exakt gleichen Ausrichtung. In dieser Gegend, in der wir wohnen, sind solche Kannen immer auch ein Statement. Guck mal, wir haben das Holzbrett aus Bioholz für 300 Euro und den mechanischen Kurbelbleistiftspitzer von Manufactum, aber nur, weil wir das so schön finden, nicht etwa, weil wir uns den Kram jetzt endlich eisten können, unsere Küche ist übrigens ja von Ikea und ja, die Gießkanne auch, hübsch, nicht, hat nur einen Euro gekostet! Auf meiner Fensterbank steht sie ja auch, diese Kanne, auch wenn meine kein Statement, sondern innen angeschimmelt ist, weil sie schon so alt ist und noch aus der Zeit stammt, als ich kein Geld hatte und mit 40 Euro pro Woche auskommen musste. Aber das weiß hier niemand und unsere Putzfrau will sie immer wegwerfen und darum verstecke ich die Kanne jedes Mal unter dem Vorhang, bevor sie donnerstags kommt. Die Leute gegenüber haben ebenfalls eine Putzfrau, ich sehe sie manchmal, wie sie die Fensterbank und die rote Gießkanne abstaubt. Sonst passiert drüben nicht viel, nur die Hanfseile von der Schaukel im Garten, die im Frühjahr wie ein alter Truthahn quitschte, wenn eines ihrer blondbezopften und strickjackenbekleideten Kinder auf ihr schaukelten, haben sie letztens durch geräuscharme Metallketten ersetzt.

Die zwei Frauen in der Wohnung über den Leuten mit der roten Kanne, die im Sommer auf dem Balkon immer so laut telefonierten, dass man hier bei uns jedes Wort verstehen kann, haben Erika in ihren Balkonkästen gesetzt. Manchmal kommt morgens eine von ihnen im Schlafanzug auf den Balkon und zupft ein bisschen in den Kästen herum, um nach wenigen Minuten wieder in der Wohnung zu verschwinden. Erika wollte ich auch bei uns pflanzen, doch in meinen Kästen gibt es nur vertrocknete Dahlien, Strohblumen und Petunien, was eben vom Sommer übrig blieb. Nächstes Jahr vielleicht, mal sehen. Ab und an fliegen ein paar Vögel auf unseren Balkon und picken sich die letzten Kerne aus den vertrockneten Sonnenblumen, manchmal fliegen sie danach in dunkelgrüne Kirschlorbeerwand und lassen sich von ihr verschlucken. Spatzen erkenne ich, sogar Rotkehlchen, die Elstern aber sind längst weg und nicht einmal die Eichelhäher, die den ganzen Sommer lang unsere Katzen mit Geschrei und Tiefflügen terrorisierten, sobald einer von den beiden über das offene Gras lief, sind noch zu hören.

Ruhig ist es da draußen im Garten vor meinem Fenster geworden, ruhig und still und alles dämmert herbsttrüb vor sich hin. Wenn da nur diese rote Kanne nicht wäre.