Was mit Wolle

Manchmal stelle ich mir vor, ich würde Schluss machen. Einfach so, von einem Tag auf den anderen. Ich würde den Rechner vom Balkon über den vier Meter hohen Kirschlorbeer in den Garten von Doktor Socke nebenan werfen. Danach würde ich das Handy wie in diesem Filmchen bei Youtube in den Blender stecken und es innerhalb von Sekunden zu kleinen schwarzen Metall- und Kunststoffflocken zerschreddern. Im Garten würde ich außerdem ein riesiges Lagerfeuer entfachen und die fünf oder sechs Packen Papier, die ich im Büroschrank lagere, sowie alle Notizblöcke und Notizbücher darin verbrennen, anschließend würde ich alle Stifte, die ich besitze, unter den Hortensien vergraben.

Und ich hätte endlich meine Ruhe, denn ich müsste nicht mehr schreiben, keine Mails, keine Tweets und keine Facebook-Updates mehr, keine Blogartikel und keine Texte mehr für Leute, die damit Dinge verkaufen wollen, bei denen ich im Leben nicht darauf käme, sie besitzen zu wollen. Dann würde ich in die Stadt fahren und mir einen riesigen Berg Wolle kaufen. Wolle in allen Farben, die man sich nur irgendwie vorstellen kann. Wolle zum Häkeln und zum Stricken, außerdem eine Sortiment an Strick- und Häkelnadeln in allen Stärken mit Griffen aus Bambus, Metall, Kunststoff oder regenbogenfarbenem Holz. Und dann ginge es los. Ich würde gestreifte Kissen in Grüntönen häkeln und Vasenschoner im Color-Blocking-Look. Riesige Schals würde ich stricken, die man sich vier Mal um den Hals wickeln kann.

Bezüge für Wärmflaschen, Hüllen für Handys und iPads (von anderen Leuten, ich hätte ja beides nicht mehr), Blumen in Regenbogenfarben für Baumsocken, Körbe, Teelichter, Stuhlbezüge und Decken würden außerdem in meinen Händen entstehen. Vielleicht würde ich auch damt beginnen, irgendwelche Fähren einzuhäkeln. Und Etiketten würde ich mir machen lassen, die ich auf alles, was ich so mit dem Berg Wolle machen würde, nähen würde und vielleicht würde da einfach “Gemacht mit Liebe von @Frau_Elise” drauf stehen. Und natürlich würde ich auch geringelte Tassenwärmer häkeln. Denn es tut gut, ab und an reale Dinge zu machen, Dinge, die man anfassen kann und die dabei nicht immer einen Sinn haben müssen. Dinge, die einfach nur das sein können, was sie sind, nämlich bunt und schön.

Aber das ist natürlich Quatsch. Natürlich mache ich mit dem Schreiben nicht Schluss. Die Wolle aber habe ich mir natürlich trotzdem vor ein paar Wochen gekauft und in Gemacht mit Liebe kann man ganz bald gucken, was daraus so wird.

(Nachtrag: Das Blog war bisher bei WordPress gehostet, zieht aber in den nächsten Tagen auf diese neue und eigene Domain um)

Manager der Abteilung der Logistik

Sollte das mit den melancholischen Texten über Frauen, die aus dem Fenster starren und Eichhörnchen beobachten, die gerade unter dem Kirschlorbeer nach Nüssen suchen, nicht klappen, kann ich natürlich noch immer dieses sagenhafte Job-Angebot annehmen, das mir heute per E-Mail zugeschickt wurde. Die sind immerhin fertig, 35 Euro pro Stunde zu bezahlen. Davon kann man als Texter nur träumen!

Aсhtung!!! Dаs ist nicht Ѕpаm. Ιհre Е-Маil-Adrеsse wurde bei dеr Firmа „Jоbscоut.de“ gegеben, аls Αntwоrt auf Ihren Lebеnslаսf սbеr die Jobsuche in „Lоgistiс ES“ im Веrеich Маrкeting und Verκаuf.

Gutеn Таg!
Мein Name ist Stеfаn Mеier. Ιcһ bin Мanager fսr regi᧐nale Еntwiϲᴋlսng in dеr Firmа „Logistic ΕS“. Unsere Firma sреzialisiеrt siсh in der Vеrbrеitung, Каսf und Vеrkauf ԁеn Waren ᴡeltԝeit. Wir sind froh, Ihnеn diе Stelle еinеs Ϻаnagers dеr Αbteilսng der Lᴏgiѕtik anᴢսbiеtеn. Diе Pfliсhten des Мanagers dеr Abteilսng dеr Lоgistiк sind:

1.    Iһrе E-Mail-Аdrеsse 3 mal ρr᧐ Tag prufеn (wеnn Sie jеdе Ꮪtսnԁe prսfеn, begru?t ԝerdеn).
2.    Раkеtе und Рost аսf Ihrе Рriᴠаtadrеѕse bek 74;mmеn.
3.    Pаkete n᧐cһ einmal еinpаcкеn, սnd ԁie Anleitսng Iհreѕ Мanаgеrs bеfоlgen.
4.    Das Geld vоn dеr Firmа fur ԁie Βеᴢаһlung dеr Тrаnsportкоsten аuf diе Absеndung der Раkеtе zս bekommen. Օdеr diе νοrbeᴢaһltеn Etiкеttе UPS zu bekommen.
5.    Diе Ρakеtе dеm Βᴏtе der Vеrkеhrsgеsellschаft ubеrgеben.
6.    Εinen Таgesberiсht ubеr еrfullte Аrbeit Iһrеm Ϻаnagеr gebеn.
7.    Alle Fᴏrmulаre und Dоkumеntе auszufullen, diе Ιhr Μаnаger аn Е-Маil-Аdressе sendеt.
8.    Еinen Тagеsbericht ubеr еrfullte Αrbеit Iһrem Маnаgеr gеben.
Dаs Angebot dеr ubersendeten Wаrеn:
1.    Ηаuѕհaltѕgerаte.
2.    Spоrtаusrustung.
3.    Ꮮuxսsartiкеl.
4.    Cоmрutеr.
5.    Gеsсhaftsausstattung
6.    Нandys.
7.    Klеidung.
Forderungen аn Аnwаrtеr:
1.    Ρеrѕοnаl Сomрutеr.
2.    Grundwissеn ᴠοn Micrоsoft World.
3.    Ρerѕonalе Е-Mаil-Аdrеssе.
4.    Drucкer.
5.    Volljahrigеs Αlter.
6.    Diе М᧐gliсһκеit diе Ѕеndungеn bis 10 kg bеarbеiten.
Ԝir sind fertig, 35 Еurо fur die Αbѕenԁսng еines Paкets zu bеzаhlеn. Dеr Lohn wird einmаl prο Мonаt аusgеzahlt werdеn. Ԝаhrend dеr Ρrᴏbеᴢeit wеrdеn Siе 5-10 Рaketе pro Wоche beᴋ᧐mmen. Νaᥴһ der Рrobezeit werdеn Siе 50 Рakete рrо Woсhe beкоmmen. (35 Eurо Х 25 = 875 рrо Wοcһе)

Die Αrbеit in unserem Unternеհmеn ist еine soziаlversichеrungspflichtigе Festanstеllung in einеm mоdеrnen Untеrnehmen mit einеm unbеfristеtеn Аrbеitѕᴠеrtrag, wоbеi ԁer Αrbeitgebеr diе Кranкen- und Rеntenversiсhеrungsbеitragе ubеrnimmt. Dies bеdeutet, dass еs siсh um ein Аngestеlltenvеrhaltnis հanԁеlt.

Аrbеitszeit und Аrbeitsort:
Wir biеtеn Ihnen einе Arbеit νon Ζսhaսѕе an. Wir bieten flехiblе Arbeitszеitmоdelle wiе frеie Ԝаhl bei dеr Αrbeitszеit аn, damit ѕicһ Familie und Вeruf vеrеinbarеn lаssen. Ϻit ԁеm Аrbeitszeitsystеm «Vertrаuensarbеitszeit» wird die Vеrantwоrtung fսr das Zeitmаnagеment ԁen Аrbеitnеhmеrn ubergeben. Siе mussen еntschеidеn, wаnn und mit wеlсhem Aufwand siе die Аrbеit еrlеdigen.

Krаnkеn-, Rentеn- und Аrbеitslοsenᴠerѕicherung:
Unser Αrbеitsνеrhаltniѕ wird naсh dеr EU-Riᥴhtliniе geregelt, das hei?t es gеltеn im EU-Ϻаrкt grundsаtzlich diе glеichen Ꮢеgеlսngen. Im Вerеich dеr sozialen Siсhеrheit hаbеn sich diе Staaten der Εurᴏраischen Union und ԁes Eurораisсhen Wirtschаftsraumes аuf bestimmte Rеgeln νerѕtаnԁigt. Sie bеziеhеn sich auf Ꮮeistungеn ԁеr Кranкеnvеrsiсherung, der Rentеnνersiᴄհеrung bzw. Pensi᧐nѕvеrѕiϲһеrսng, dеr Аrbеitslоsenversicherung und der Unfаllᴠеrsiсһerung. Sоbald Siе einen Arbeitsvеrtrаg unterschrеibеn, untеrliеgen Ѕie dеm jеᴡеiligеn natiоnаlеn Sоziаlvеrsichеrungssуstem und dеn dazugehоrigen Rechtsvorsсhriftеn. Grundsatzliсh gilt, ԁаsѕ man immer in dem Lаnd sozialvеrsichеrt ist, in dеm man einе Βeѕᴄhаftigung оdеr Еrwеrbstatigkеit аusubt. Dаһеr ist ԁеr Arbеitnеhmеr νerpfliᴄһtеt diе Коpien dеr Lоhnstеuerkаrte und des Sozialvers iсhеrungsnachwеis, sоwie der Кranкenkassenкаrte abzugeben.
Urlаub:
Der Αrbeitneһmеr һаt jаհrliᴄh 24 Wеrкtagе Urlаubsаnspruсh.

Arbеitsаblаuf:
Je nасh Вestellung werden Векlеidung, Εlекtrоnik oder Мultimediа ԝie Νᴏtеbᴏ౦ᴋ odеr iΡаd gеliеfert. Der m౦nаtliᥴհе Umsatz ρrο Мitarbеiter liеgt zwischеn ca. 80 unԁ 100 Рaкеtеn. Dies bedeutеt, dass рrо Тag ᥴa. 2 biѕ 3 Раkеten gеliеfеrt wеrԁеn.
1. Erhаltung der Wаre (Diе Warе ᴡirԁ zս Iհnen ρеr DHᏞ usw. gesеnԁеt. Ihrе Еmpfangsаdrеsse bzw. Lieferadrеssе muss aus Siсhеrhеitsgrundеn sеpаrаt mitgetеilt werden. Sie еrhalten die Wаre mit еinеm Liеfеrsсhein und еinеr Ꮢеcհnung ᴢugeѕϲհiϲkt. Diеsе Unterlagеn wеrdеn аutomаtisch durch das Ѕyѕtеm in Iհrem Namen аusgestellt. Diе Rесhnung ist immеr durch սnѕeren hauseigеnеn Вuсhhaltungssеrvice реr Vоrкassе bеzahlt. Вittе diе Unterlаgеn gսt аufbewаhrеn.
Diеse Unterlagen wеrdеn аls Liеfеr- und Каufnасhwеis im Gаrantiеfall bеnotigt.)
2. Uberprսfսng der Ԝare аuf au?еre Sсhаden (Der Еmpfangеr des Transрortgutеs bzw. der Arbеitnehmеr ist verpflichtеt, das Τrаnsρortgut auf аu?erlich еrkеnnbаrе Schаdеn zu սberρrufеn. Wenn au?erliсhе Schadеn fеstgestellt wеrden, ist Lоgistics ЕS in jedem Fall pеr Е-Мail zu infоrmiеren. Еinе еventuеll folgеnԁe Ruсksendung der Ware muss mit Lоgistiсs ЕS abgesрrоchen wеrԁеn.)
3. Vеrрaскen der Warе (Dеr Еmρfanger dеs Τrаnsρᴏrtgսtеs bzw. ԁer Arbеitnеhmer ist verрflichtet, die Ware versandfеrtig ᴢur Abhоlung fur den Ρаᴋеtԁiеnst zսr Verfugung zu ѕtellen. Die Warе mսѕs grundsatzlich dսrᴄh ԁen Vеrsender in dеr Оriginаltransportvеrрackung, nebѕt dеr vom Herstеller vоrgesеhenen Τransρ౦rtѕicһerungеn verрacкt werden. Siе brаuchen nur dаs Кlеbebаnd.)
4. Ausfullen dеr Еingangsbestаtigung, diе Siе in Ihrеm Ϻitarbеiterbеrеicһ findеn; Ꮶеnnzeiᥴhnung der Schаden und Маngеl.
5. Vеrsenԁung dеr Wаre an unsere Kunden und Рartnern аսѕ der gаnᴢеn Ԝеlt (Die Ԝаrе wird taglich von DPD usw. ᴠᴏn der vоn Ihnen аngеgеbеnеn Adresse аbgehᴏlt. Fur diе Abholung ԁеr Wаre кonnеn diе Zеitеn νеreinbаrt werdеn. Der Arbеitnеhmer bеκοmmt аlle Doкumente wie Adress-Аufкlеber fur jеdе Vеrpаcᴋսng. Diе Firmа lеistet аlle Pоstaսѕgabеn. Dаհer wеrԁen Sie niᥴht in Vorкassе bzw. in Vᴏrlаge treten. Dеn Аdress-Aufкleber kоnnеn Sie in Ihrеm Mitarbеiterbereich hеrunterladеn.)
6. Аusfullen dеr Аusgаngsbеstаtigung, diе Siе in Ihrеm Мitarbeiterbеrеich finԁеn.

Wenn Siе interеѕsierеn siсh fur diеse Stеlle, аntworten bitte auf diesеn Brief. Im Тhеmа des Вriеfes bеzeichnеn Ѕiе „dеr Μanager dеr Аbteilung der Ꮮogiѕtik“ Und wir werdеn Iһnеn den Frаgebogen gebеn.

 

 

Eichhörnchentage II

Und wieder zurück bei Null und Null ist für ein paar Wochen im heimischen Kellerbüro. Heute die Sachen aus dem alten Büro, das mit einem halben Jahr eigentlich gar nicht wirklich hat alt werden können, nach Hause gebracht. Den Tisch, den Stuhl, den Rechner, das Telefon, die Ordner, die Orchidee, die nur noch aus Stengeln besteht und natürlich die zuletzt nicht mehr genutzten Kaffeetassen.

Die Sachen irgendwie in den kleinen Raum gestopft, aber nicht aufgeräumt, denn wo nicht aufgeräumt ist, hat man immer noch was zu tun, nämlich dann, wenn man mal nicht weiß, wohin mit sich.

Während eines Telefonats mit einem Kunden die Katze von der Tastatur geschoben. Danach aus dem Fenster gestarrt und geguckt, wie die Blätter von den Bäumen fallen. An die Agentur gedacht, die früher im Haus gegenüber war, in dem jetzt diese Leute mit der biodynamischen Schaukel wohnen. Ein Eichhörnchen beobachtet, das gerade unter dem Kirschlorbeer nach Nüssen suchte. Vielleicht könnte man die zwei Monate aber auch einfach dazu nutzen, um ein paar melancholische Texte über Frauen zu schreiben, die aus dem Fenster starren und Eichhörnchen beobachten, die gerade unter dem Kirschlorbeer nach Nüssen suchen?

 

Köln, Sülz und die Sache mit den Imis und den Pimmocks

Die Sache mit der Heimat ist übrigens gar nicht so einfach. Da, wo man seine Heimat hat, sind nämlich leider immer auch die Anderen. Die Anderen, das sind die, die nicht von hier sind. Wo “hier” ist, ist dabei erstmal egal. Ebenso egal ist es, dass die Anderen auch eine Heimat haben. Aber diese Heimat, daran lässt sich nun mal nichts ändern, ist eben woanders und somit die falsche Heimat. Denn DIE HEIMAT, das weiß jedes Kind, ist einzigartig und kann es daher logischerweise auch nur an einen einzigen Ort geben.

Da man leider fast überall von Menschen umgeben ist, die von woandersher kommen, ist die Sache mit der Heimat sehr anstrengend. Diese Anderen tun nämlich so, als wäre es das normalste der Welt, seelenruhig durch die Straßen zu laufen, in denen mal selber doch als mit seinen erstem Paar Diskorollschuhe gefahren ist. Manche von denen ziehen sogar in die Häuser, an denen man Morgen für Morgen auf dem Schulweg vorbeilaufen musste. Und wieder andere kaufen darüber hinaus in den Supermärkten ein, wo man sich als Teenager für Drei Mark 99 seine Flasche Faber Sekt gekauft hat, um sie hinterher mit den Freunden im Park zu trinken. Die Anderen tun einfach so, als wäre es völlig selbstverständlich, so zu leben, als wären sie hier zuhause und das ist natürlich mächtig unverschämt und geht gar nicht. Darum ist es wichtig, auf die eigene Heimat gut aufzupassen, denn was wäre, wenn diese Anderen irgendwann mal überhand nehmen würden? Dann wäre es doch so, dass es auf einmal viel mehr Heimat woanders gäbe, also da, von wo die Anderen jeweils herkommen. Und dann wäre die eigene Heimat irgendwann verloren. Und dann könnte man auch niemanden mehr beschimpfen, dass er einem nämlich die Heimat wegnehmen würde und hier daher nichts zu suchen habe und daher am besten ausgewiesen werden solle. Und was sollte man dann bitte den lieben langen Tag tun?

Köln sei so weltoffen und tolerant, heißt es immer. Doch gleichzeitig unterscheiden Kölner ziemlich genau zwischen „echten“ Kölnern und solchen, die es nicht sind und thematisieren das alles auch gerne bei sich jeder bietenden Gelegenheit. Sogar eigene Namen gibt es für die nicht „echten“ Kölner, nämlich Pimmocks“oder „Imis“. Als „Pimocks“ wurden ursprünglich Gastarbeiter bezeichnet, die einst bei der Erntezeit auf dem Land dringend gebraucht wurden, nachdem die Preußen aus der Stadt abgerückt waren. In der Regel kamen sie aus dem Osten oder der Lünebürger Heide und konnten nicht besonders gut lesen oder schreiben und so erhielt der Begriff des „Pimmocks“ eine verächtliche Konnotation, die sich bis heute erhalten hat. Wobei damals die wenigstens Landarbeiter damals wirklich gut lesen oder schreiben konnten, auch nicht die, die aus dem Rheinland stammten, aber das nur nebenbei. Die Gastarbeiter arbeiteten aber nicht nur auf dem Land, sondern auch im Bergbau im rheinischen Braunkohlerevier, das sich rund um die Stadt erstreckt. Und natürlich kamen die Gastarbeiter im letzten Jahrhundert auch längst nicht mehr vorrangig aus der Lüneburger Heide, sondern auch aus Ostpreußen, was ein bisschen etwas mit dem Ausgang des zweiten Weltkrieges zu tun hatte. Als dann endlich das Wirtschaftswunder da war und die Automobilindustrie in Deutz kräftige Unterstützung nötig hatte, kamen sie außerdem auch aus Spanien, Italien und vor allem der Türkei und waren hier herzlich willkommen, denn sie wurden dringend gebraucht. Bei Ford zum Beispiel. Die meisten von ihnen blieben in der Stadt, holten ihre Familien nach und richteten sich nach und nach eine neue Heimat ein. Oder anders: Köln hat eine lange Tradition als Einwandererstadt. Mal abgesehen davon, dass es Köln in der heutigen Größe eigentlich auch nur gibt, weil die Römer die ehemalige Ubiersiedlung im Jahr 50 nach Christus zur Stadt erklärt hatten und danach einiges dafür taten, um sie zu einer prächtigen Stadt auszubauen. Und die Römer kamen, soweit ich weiß, auch nicht gerade von hier, sondern aus Italien. Und dass es den typischen Kölner Karneval eigentlich nur wegen den Franzosen gibt… aber egal.

Was aber hat es nun mit den Imis und den Pimmocks wirklich auf sich? „Enne Pimmok es enne Fremde, dä Ete-Pitete es un sich net aanpasse will. Pimmoks die sich aanjepass hann, weede zom Immi“,, so kann man hier nachlesen. „Imi“ kommt dabei nicht von „Imigrant“, sondern von „enne imiteete Kölsche“, also jemand, der imitiert, Kölner zu sein. Das trifft für die Gastarbeiter nun sicher nicht zu, aber eigentlich auch nicht unbedingt für alle anderen, die irgendwann in die Stadt zugewandert sind. Ich kenne jedenfalls niemanden, der es schafft, Kölner täuschend echt nachzumachen, denn das ist allein durch den kölschen Dialekt gar nicht möglich. Und was unter „Ete-Pitete“ zu verstehen ist, ist auch nicht ganz klar, mit Bildung kann es jedenfalls nichts zu tun haben, denn wenn man sich die aktuelle Studie vom Integrationsrat der Stadt Köln anschaut, wird klar, dass einen typischen Fremden gar nicht gibt. Imigranten leben in völlig verschiedenen “Milieus” – “Milieu” ist nicht abwertend gemeint, sondern ist ein feststehender Begriff aus der Statistik, mit dem Bevölkerungsschichten beschrieben werden: 12 Prozent stammen jedenfalls aus dem “statusorientiertem Milieu” und 11 Prozent aus dem “Intellektuell-Kosmopolitischen Milieu” – das könnte eventuell auf dieses “Ete Pitete” hinweisen, wenn diese Gruppe zusammengerechnet nicht eben nur schlappe 23 Prozent ausmachen würde. Der Rest ist setzt sich nämlich völlig anders zusammen: 9 Prozent stammen aus dem “entwurzelten Milieu”, 16 Prozent aus dem “Arbeitermilieu”, 15% aus der “Subkultur”, 16 Prozent aus dem “bürgerlichen Milieu”, 13 Prozent aus dem “multikulturellem Performer-Milieu” und 7 Prozent aus dem “religiös-verwurzelten Milieu”. Einen “typischen Imi” oder “Pimmock” gibt es also gar nicht.

Aber was bedeutet das nun für die “Imis”? Wer sind sie denn nun und wo findet man sie, fragte ich mich lange. Bis ich letzte Woche endlich fündig geworden bin. Und zwar bei Facebook! Da gibt es eine Sülz-Gruppe und auf die wurde ich vor ein paar Wochen von einer Bekannten aufmerksam gemacht, die dort mehrere Texte und Bilder von mir gefunden hatte. Texte aus diesem Blog, aber auch PR-Texte, die ich an ein Kölner Portel verkauft hatte und eben Fotos. Das war insofern problematisch, weil ich PR-Texte immer mit einfachen Nutzungsrechten verkaufe und diese daher nur zweckgebunden verwendet werden dürfen, sofern nichts anders ausgemacht wurde. Und natürlich ist es schlichtweg nicht in Ordnung, anderen Leuten Texte zu klauen, um sich selber als Autor auszugeben. Denn keiner der Artikel war verlinkt worden, nirgends war ich als Autorin genannt worden und gefragt worden bin ich natürlich auch nicht, ob das denn in Ordnung gehe.

In der Regel diskutiere ich in solchen Fällen mit den Dieben nicht lange herum, sondern schicke eine Unterlassungserklärung und eine saftige Rechnung. In dem Fall war es eine rein privat betriebene Seite. Die Betreiberin entschuldigte sich, versprach, meine Texte zu löschen und gelobte Besserung, daher beließ ich die Sache dabei. Die anderen drei Autoren, denen auch Texte geklaut worden waren, taten es ebenso, was ich sehr großzügig fand, denn einer der Person waren nicht wie mir nur eine Hand voll Sachen geklaut worden, sondern um die 50 Texte, so dass man von einem “Versehen” nicht wirklich sprechen konnte. Aber es ging ja auch ein bisschen um Sülz – den Stadtteil, in dem die anderen Autoren und ich ja auch gerne leben, daher fiel die Entscheidung nicht ganz schwer. Sie habe es nur gut gemeint, erklärte auch die Diebin außerdem zerknirscht. Nichts desto Trotz gucke ich seitdem ab und an auf der Seite vorbei, vor allem, da offensichtlich weiterhin Inhalte von anderen geklaut werden, aber eben diesmal nur von anderen.

Wie auch immer, hier, bei dieser Gruppe, stand sie dann endlich schwarz auf hellblau, die Beschreibung des typischen Sülzer “Imi” und die möchte ich hier einfach mal wörtlich zitieren:

 ”Meiner Meinung liegt das Problem darin, dass wir zu viel Zugegezogene pseudo-Intellektuelle in Sülz haben und die Öko’s machen alles kaputt im Veedel. Was meinst Du wie die sich hier vorkommen?”  – “JA SIE HABEN DIE NASE OBEN U WOLLEN BESSER SEIN ALS DIE EINGESESSENEN IN SÜLZ” – “Ja so ist es. Die sprechen noch nicht einmal Kölsch und wenn Du als Kölner Kölsch sprichst, wirst Du noch dumm angeschaut. Ich mache das dann extra, damit sie nichts mehr verstehen. Ganz schlimm, so finde ich, ist es auf der Berrenrather Straße….. Vor dem Alnaturladen… Die Leute sollte man des Veedels verweisen….. Die gehören hier nicht hin, ist jetzt meine persönliche Meinung….” -  “DA GEBE ICH DIR RECHT” – “Danke !!! Da sind wir ja einer Meinung…. Viele andere aus dem Veedel denken ebenso…. Aber gegen eine solche Flut von Immi’s kann man nicht machen.”

An anderer Stelle wird dann nochmal genauer erklärt, was es mit diesen “Öko-Immi’s” auf sich hat:

“Öko: Stets Fahrradfahrend auf dem Bürgersteig, schnell pampig werdend. Gegen Auto tretende Fahrradfahrer (speziell Berrenrather Strasse), Menschen die dm Mitarbeitern mit ihren Laktiaeintoleranzen auf den Keks gehen, die jegliche Inhaltsstoffe eines Haarshampoos erläutert haben möchten. Leute die mich als geistig verroht beschimpfen, wenn ich im 12 Apostel ein Fleischgericht bestelle. Menschen die ihre Kinder ganze Regale ausräumen lassen und dann noch frech werden, wenn man darauf hinweist, dass das Kind das bitte unterlassen soll. Das sind Öko’s”.

Und da war ich dann doch wieder ganz froh. Denn ganz offensichtlich bin ich dann doch kein “Immi”, den man, wie an weiterer Stelle gefordert wurde “raus aus dem Veedel” verweisen müsse, weil Sülz von den “Immis dominiert” werde, weswegen es “heute nicht mehr so schön in unserem Veedel” sei. Warum? Na ist doch klar: Ich kaufe eigentlich nie bei Alnatura ein, sondern schräg gegenüber bei Naturata. Aber auch nur einmal in zwei Monaten, ehrlich! Eine Laktoseintoleranz habe ich auch nicht und was in meinem Shampoo drin ist, ist mir relativ egal. Ich bin auch nicht pseudo-intellektuell, sondern eher intellektuell. Reden Leute Kölsch, gucke ich nicht dumm, sondern antworte auf badisch. Und stehen in der Berrenrather Autos in zweiter Reihe auf der Straße, trete ich beim Vorbeiradeln auch nie auf die Tür, wenn mich wieder mal fast einer beim Öffnen der selbigen vom Rad nietet, nein, dann beschimpfe ich ihn einfach als Vollidioten und rufe gegenbenfalls, falls er mich doch erwischt haben sollte, die Polizei. Wenn ich dann noch leben sollte, weil ich in der Zwischenzeit nicht von einem anderem Auto auf der Straße liegend überfahren wurde.

Ob ich besser bin als alteingesessene Sülzer, weiß ich auch nicht. Zumindest kann ich mich verbal besser als einige von ihnen ausdrücken und weiß zum Beispiel auch, dass man “Imi” mit einem “m” und im Plural ohne Deppenapostroph schreibt. Und ich weiß auch, dass man man sich in Köln nur dann Kölner nennen darf, wenn man in der dritten Generation hier lebt. So wie die meisten der jungen Türken in Mülheim zum Beispiel.

Also die Türken übrigens, gegen die Gruppierungen wie die fürchterlichen Typen rund um “Pro Köln” so mobil machen und deren Äußerungen auf Facebook die Betreiberin der Sülz-Seite, die so gegen die “Immi’s” und die “Öko’s” hetzt, gerne mit einem “Like” versieht. Aber das ist eine andere andere, gruselige Geschichte. Ich muss jetzt auch los, durch die Straßen laufen und in einem Sülzer Supermarkt noch was einkaufen. Nicht, weil ich Sülz so phantastisch finde übrigens, sondern weil ich hier halt einfach zuhause bin. Meine Heimat aber ist woanders.

P.S. Die meisten Sülzer, die ich mittlerweile persönlich kennengelernt habe, sind übrigens sehr nette Menschen. Und die Kölner auch!

Fünf Briefumschläge aus dem nördlichsten Schwarzwald

Eben habe ich fünf Briefumschläge bei einem Online-Händler bestellt. “Fünf Briefumschläge? Wie bitte?” werden Sie sich vermutlich nun fragen und ich muss zugeben, dass das etwas seltsam ist. Doch dieses Schreiben, das ich gestern per E-Mail aus dem allernördlichsten Schwarzwald erhielt, hat mich einfach davon überzeugt:

 Guten Tag,

wer in ihrer Firma für mein Anliegen zuständig ist weiss ich leider nicht, daher schreibe ich Ihnen einfach mal an die info Mail-Adresse. Ich möchte mich kurz vorstellen … mein Name ist XY, ich bin 26 Jahre alt und lebe mit meiner Frau und meiner Tochter im nördlichsten Schwarzwald.

Seit einigen Monaten bin ich Inhaber eines Online-Shops, in dem man in erster Linie Briefumschläge bestellen kann. Je nach Jahreszeit gibt es auch Weihnachtskarten, Osterkarten und Hochzeitskarten. Sicherlich können sie sich vorstellen, dass es nicht gerade leicht ist einen Online-Shop “von Null auf Hundert” zu bringen. Daher hoffe ich sie verzeihen mir, dass ich sie einfach anschreibe, ohne dass sie sich explizit für einen Newsletter pder Ähnliches bei mir angemeldet haben. Auf jeden Fall bin ich auf der Suche nach Geschäftspartnern. Dabei geht es mir nicht einfach nur darum, dass jemand in meinem Online-Shop etwas bestellt, sondern ich möchte sie sozusagen dazu bewegen meine Produkte an Ihre Kunden weiterzuverkaufen.

Es mag ihnen jetzt vielleicht etwas lächerlich vorkommen, wenn ich ihnen dauerhaft 5% auf mein gesamtes Sortiment anbiete, aber schauen sie sich vorher bitte meine Preise an. Dabei gibt es die meisten meiner Stamm-Produkte (Briefumschläge) ab einer Mindestbestellmenge von 5 Stück. Jahreszeitabhängige Produkte sind meist bereits ab 25 Stück bestellbar. Bei vielen Mitbewerbern gibt es meist Pakete ab 250 Stück, vereinzelt auch 100 Stück, aber darunter gibt es eigentlich nichts. Zahlreiche Ihrer Kunden sind evtl. interessiert an meinen Produkten, kennen sie jedoch vielleicht nicht oder haben bisher noch nicht die Verwendung der Produkte erkannt. Ich würde mich freuen, wenn sie ihren Kunden meine Produkte anbieten würden. Gerne versende ich auf Wunsch auch in einem neutralen Paket mit Ihrem Absender direkt an ihre Kunden.

Nun habe ich glaube wohl erst einmal genug geschrieben und vor allem genug ihrer Zeit in Anspruch genommen. Wenn ich sie jetzt nich überzeugt habe, wird mir das vermutlich auch nicht nach weiteren zeilen gelingen. Ich freue mich über ihre Rückmeldung bzgl. meines Angebotes und über ihren besuch in meinem Online-Shop unter www.irgendeineseite.de. Vielen Dank!

Mit freundlichen Grüßen
XYZ (mit vollständiger Signatur)

Wenn auch Sie an diesem sagenhaften Angebot interessiert sind, gebe ich Ihnen gerne den Namen das Shops bekannt. Um das Ganze abzukürzen, können wir es aber auch so machen, dass ich mir einfach im Schreibwarenladen gegenüber eine 100er-Packung Briefumschläge besorge und Ihnen davon Ihre fünf Stück in einem neutralen Umschlag per Post zuschicke. Ich bin allerdings schon 40 Jahre alt und wohne im Südwesten Kölns, ich hoffe, das macht nichts.

Im Katchina Supper Club: Essen mit Wildfremden

Letzten Samstag bin ich zum Essen verabredet. Zum Essen mit zehn wildfremden Menschen in einer privaten Wohnung irgendwo hier in meinem Stadtteil, in der ich noch nie war bei Gastgebern, die ich noch nie gesehen habe. Vor Wochen hatte ich mich dafür im “Katchina Supper Club” angemeldet, den Miss Katchina und Herr Oger vor Kurzem gegründet hatten. Die beiden kannte ich bis dahin nur online über Twitter und Facebook. Irgendwann erzählte Miss Katchina mir von dem Club und fragte, ob ich nicht Lust hätte zu kommen und ich sagte einfach ja. Ein Abend hatte bereits stattgefunden, dieses hier würde der zweite werden.

Supper Clubs wie der Katchina Supper Club schießen derzeit in den großen Städten wie Pilze aus dem Boden – in anderen Ländern gibt es sie dagegen schon seit ein paar Jahren, vor allem in den USA und Australien. Der erste deutsche Supper Club wurde wohl 2008 von Shane McMahon, einem Profikoch, gegründet – ein Freund war in den USA gewesen und hatte ihm davon erzählt. McMahon fand die Idee toll: Kochen und Bewirten im privaten Rahmen von bis zu 20 Personen, wobei in der Regel nach einem bestimmten Motto gekocht wird. Bald wurden weitere Clubs gegründet und mittlerweile findet man sie überall in Deutschland und es ist eine rege Szene, die sich dort trifft. Die Clubs funktionieren in der Regel anonym – man erfährt also vorab weder etwas über die anderen Gäste, noch, wo das Essen stattfindet. Man meldet sich online an – über Facebook oder ein Blog – und bekommt mit etwas Glück einen der Plätze und wird dann kurz vor dem Essen darüber informiert, wo man sich trifft. Dass man die Adresse nicht öffentlich bekannt gibt, ist ein ungeschriebenes Gesetz. Irgendwo im Netz wurden Supper Clubs als “halblegale Underground-Restaurants” bezeichnet, in denen sich die “Kreativwirtschaft trifft”, das klingt subversiv und mächtig aufregend, aber der beschriebene Supper Club ist einer in Berlin und in Berlin muss alles immer irgendwie subversiv sein oder aber mit der Kreativwirtschaft zu tun haben. In Wirklichkeit ist es viel weniger aufregend. Zwar werden Supperclubs nicht offiziell als Restaurant oder Veranstaltung angemeldet, aber das ist auch gar nicht nötig, denn ein Essen im Supperclub ist im Grunde nicht viel mehr als ein privates Essen, nur dass eben die Gastgeber vorab nicht wissen, wer sich anmeldet und umgekehrt die Gäste nicht wissen, wer die anderen Gäste sind. Ein Supperclub verfolgt kein kommerzielles Interesse – man gründet ihn, weil man Spaß daran hat, andere zu bekochen und zu bewirten und man geht hin, weil man gerne gut isst, sich mit Gleichgesinnten übers Kochen austauschen möchte und weil man sich gerne auf etwas Neues einlässt. Natürlich wird aber erwartet, dass man sich an den Unkosten beteiligt – in Form einer Spende.

Ich bin sehr neugierig auf den Abend und habe keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Das Menü wurde vorab bekannt gegeben: Vier Gänge gibt es, das Menü nennt sich “Cajuns Delight” und dabei sollen Rezepte aus der Cajun-Küche auf den Tisch kommen – plus verschiedene dazu passende Weine. Das klingt furchtbar spannend. Ich habe bisher viele verschiedene nationale Küchen probiert, aber Cajun-Küche kenne ich so gar nicht, noch nicht einmal wie man das schreibt, weiß ich.

Ich habe Glück, bis zu meinem Supper Club habe ich es nicht so weit und das ist auch gut, denn es regnet in Strömen und ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Meine Jacke ist sofort durchnässt wie ein Schwamm, das Wasser läuft mir den Rücken hinunter, in meinen Schuhen schwappt es und ich wickle mir den Schal fast vollständig ums Gesicht, damit nicht auch noch mein Make-Up verläuft. Tropfnass klingle ich bei meinen Gastgebern, drei andere Gäste sind auch gerade gekommen und etwas verwirrt stehen wir im Flur, es ist komisch, mit Fremden bei (Fast-)Fremden im Flur zu stehen und ihnen den Boden klitschnass vollzutropfen. Doch unsere Gastgeber empfangen uns, als wären wir alte Freunde, meine nasse Jacke kommt im Schlafzimmer auf den Stuhl und dass ich sogar regennasse Unterwäsche habe, wird vermutlich auch keiner merken. Ein Blick in den Spiegel – Haare und Makeup haben nichts abbekommen und der Rest ist jetzt einfach egal. Ich überreiche Miss Katchina ein paar Blümchen und einen Wein aus meiner Heimat, da kommen auch schon die restlichen Gäste und dann stehen wir auch schon alle im großen Wohnzimmer mit einem herrlichen Aperitif in der Hand – ein rosefarbener Sekt nach Champagnermethode hergestellt, sehr lecker. Das Gespräch verläuft noch etwas holprig, wir stellen uns untereinander vor und niemand kann sich die Namen der anderen merken. Die Leute sehen nett aus, keiner fällt auf den ersten Blick unangenehm aus dem Rahmen. Einige sind älter, andere jünger, mit 40 bin ich anscheinend genau in der Mitte. Zehn Leute sind wir, darunter zwei Paare, eines hat noch eine Freundin mitgebracht, ein drittes Paar ist kein Paar, sondern nur miteinander befreundet, eine Frau, die wie ich alleine gekommen ist und unsere Gastgeber. Den Mann hätte ich zu gerne mitgebracht, aber er ist beruflich für ein paar Tage unterwegs, aber das finde ich gar nicht so schlimm, so muss ich mich mehr auf die anderen Gäste einlassen.

Wir werden zum Tisch geführt und ich überlege, wie ich es unauffällig anstellen kann, neben meiner Gastgeberin zu sitzen, damit wir uns endlich etwas näher kennenlernen können, aber da lotst sie mich auch schon auf den freien Stuhl neben ihr, vermutlich hatte sie das gleiche vorgehabt. Ich freue mich  – auf die Gesellschaft und auf das Essen. Meine Gastgeber sind ein bisschen nervös, aber doch sehr locker und gut gelaunt und vor allem sehr herzlich. Die anfängliche Befangenheit verfliegt schnell, den anderen geht es wohl wie mir – wir sitzen entspannt an einem schön gedeckten Tisch und sind furchtbar neugierig, was jetzt kommt.

Und dann geht es auch schon los: Das erste Gericht ist Filé Gumbo – ein würziger Eintopf mit Hühnchen und Räucherwurst. Miss Katchina und Herr Oger erklären uns, dass die Cajun-Küche ihren Ursprung bei den französischen Einwanderern hat, die nach Louisiana im  Süden der USA eingewandert waren – die Küche steht für einfache, rustikale Rezepte mit lokalen Zutaten, einige der Gerichte haben dabei einen leicht französischen Einschlag, daneben gibt es viele Parallelen zur creolischen Küche. Die Basis der Suppe ist eine Mehlschwitze, die eine halbe Stunde lang gerührt werden muss, bis sie richtig dunkel ist  – das gibt der Suppe die rauchige Würze. Ein bisschen erinnert der Geschmack an ein Gulasch. In der Überlieferung sagen viele, Gumbo sei eine adaptierte Form der französischen Bouillabaise, andere sagen, der Name käme vom angolanischen Namen “Kingumbo” – also Okra, was oft eine der Zutaten ist. Zur Suppe gibt es Brot mit zweierlei Majonaisen – sehr lecker.

Als zweiten Gang bekommen wir einen Salat mit Apfelscheiben und karamelisierten Pekanüssen, die in Louisiana traditionell angebaut werden. Dazu gibt es Blue-Cheese-Spuma und ich beschließe, dass ich unbedingt auch so einen Aufschäumer haben muss, denn dieser Blue-Cheese-Spuma ist ein Gedicht.

Als dritten Gang servieren unsere Gastgeber ein Seafood-Jambalaya. Jambalaya ist ein Pendant zur spanischen Paella, hat aber auch risottohafte Züge. Wie bereits bei der Suppe ist eine wichtige Zutat die für die Cajun-Küche so typische “Holy Trinity” aus Staudensellerie, Paprika und Zwiebeln. Wie das Gericht genau gekocht wurde, weiß ich nicht – Reis ist jedenfalls drin, Flußkrebse, Schinkenstücke und angebratene Riesengarnelen – und dazu wird noch mit einer rauchigschmeckenden scharfen Sauce nachgewürzt. Das alles schmeckt fremd – aber lecker!

Am Tisch wird viel geredet und gelacht, Miss Katchina und Herr Oger erzählen von ihren USA-Reisen, wir unterhalten uns tischübergreifend über das Urheberrecht, Steaks, das Rauchen und den Kölner Dom und weil es so viel zu reden gibt, fällt gar nicht auf, dass wir bisher gar keine Vorstellungsrunde gemacht haben und holen das erst jetzt, nach dem dritten Gang nach. Interessante Berufe sind dabei, der Mann neben mir war Immobilienmakler, bis er von dem Beruf die Nase voll hatte und beim Krankenhaus als Fahrer arbeitet, seine Frau leitet ein Labor, jemand anderes hat lange in der Musikindustrie gearbeitet, andere arbeiten bei der Stadt Köln, einer ist Architekt, und, und, und – Berufe, über die es so viel zu erzählen gibt, dass niemand Sorge hat, dass der Gesprächsstoff ausgehen konnte. Angenehm, dass die Vorstellungsrunde allgemein bleibt – niemand will sein Geschäft anpreisen oder schlimmer: networken. Die Stimmung ist sehr angenehm. Das hätte auch ganz anders laufen können: Beim letzten Supper waren Leute gekommen, die schon während des Aperitifs wieder gingen. Mit der Begründung, sie hätten sich das alles ja ganz anders vorgestellt.

Dann wird der Nachtisch serviert und der ist mein Lieblingsgang: Ein phantastischer Louisiana Bread Pudding mit Bourbon-Sauce und hausgemachtem Vanilleeis. Ich bin hin und weg und beschließe, mir nicht nur den Aufschäumer, sondern auch eine Eismaschine zu kaufen. Anschließend gibt es noch Espresso oder einen Absacker nach Wahl – ich entscheide mich für einen Whisky und das war vielleicht keine so gute Idee, denn ich habe bereits Sekt, Weiß- und Rotwein getrunken und nachdem ich im Sommer einige Zeitlang gar keinen Alkohol getrunken hatte, vertrage ich, wenn ich nun trinke, nicht mehr so viel – und werde supermüde. Aber es ist auch schon spät – halb eins nämlich und der Abend ist zu Ende. Wir verabschieden uns sehr herzlich voneinander. Visitenkarten und Adressen werden keine getauscht, aber das ist okay. Ich finde es angenehm, das mit dem Wiedertreffen unverbindlich offen zu lassen und bin mir aber sehr sicher, dass ich den ein oder anderen bei irgendeinem anderen Supperclub wiedertreffen werde. Denn so etwas mache ich gerne wieder mit. Nur mit Miss Katchina und Herr Oger habe ich mit schon verabredet – zum Grillen bei uns daheim.

Den Katchina-Supperclub findet man bei Facebook – die Essen finden etwa alle vier Wochen statt. Die Plätze sind allerdings auf zehn Leute limitiert, während es beide Male deutliche mehr Anmeldungen gab. Im Netz finden sich aber viele weitere Supperclubs. Und natürlich kann man jederzeit auch einen eigenen eröffnen…