Schnupfen

April 19th, 2011 § 5 comments § permalink

 

Matschkopf, Heiserkeit, schlimmer Schnupfen und ermattetes Rumliegen auf der Couch: eine böse Erkältung hat mich irgendwo in Berlin erwischt und fühlt sich bei mir anscheinend ziemlich wohl. Außerdem am Blog gebastelt und ein größeres RSS-Desaster verursacht, bitte um Verzeihung. Es kann sein, dass ein paar alte Artikel in den nächsten Tagen in die Feedreader nachrutschen, aber das Schlimmste sollte durch sein. Der Grund: Ich habe mich entschieden und beide Blogs zusammengelegt – so, wie das früher ja auch schon mal war. Es hat sich für mich zuletzt komisch angefühlt, zwei Blogs zu führen – hier eher das, mit dem ich mich im Beruf beschäftige, dort die Fotos und die kleinen Dinge des Alltags. Entsprechend wird es hier künftig wieder mehr Artikel geben. Ich hoffe, das geht für meine Leser soweit in Ordnung.


Berlin, Berlin: Sushi im KaDeWe, Latte im Oberholz und dann auch noch Fondue

April 6th, 2011 § 1 comment § permalink

Reisen, das bedeutet vor allem: Woanders essen.  Und das tun wir dann auch am Dienstag.  Zunächst Sushi in der Feinkostabteilung vom KaDeWe. Maki mit Lachs, Thunfisch und Avocado, ein paar Nigiri und eine kalifornische Rolle, dazu Gutmenschenbrause in Holunder aus dem Weissweinglas. Phantastisch. Und ich habe es aufgegeben, mich darüber zu wundern, dass ich Sushi problemlos jeden zweiten Tag essen könnte, weil ich es so toll finde. Staunend laufen wir anschließend durch das Stockwerk, sieben Wursttheken zählen wir, die für die Würstchen, Fleisch und das Geflügel jetzt mal nicht mitgezählt, mehr muss man glaube ich dazu nicht sagen.

Dann ins Oberholz, Latte trinken, dazu Karottenkuchen mit der sensationellen Frischkäsecreme. Noch immer schäme ich mich ein wenig dafür, dass ich letztes Jahr „Club Mate“ auf englisch ausgesprochen habe. Und auch diesmal fallen wir wieder unangenehm auf, wir sind die einzigen, die keine MacBooks dabei haben und die die Musik seltsam finden, irgendwas, was sich wie hethitische Fruchtbarkeitsgesänge anhört, gesungen von einem mongolesischen Frauenchor. Die anderen stört das nicht, aber sie tragen ja auch alle ihre bunten Kopfhörer. Ein paar Gesichter kommen mir bekannt vor, immerhin. Und dann kommt @xbg vorbei, um kurz Hallo zu sagen, er hatte bei Twitter gelesen, dass wir dort sind. Später stolpert ein Typ an unseren Tisch, Mitte 40, rätselhaft grinsend und ziemlich streng riechend. Ob er unseren übrig gebliebenen Kuchen haben könne. Wir sind einigermaßen verblüfft und überlassen ihm die Reste, er nimmt sich die beiden Teller mit und setzt sich hinten ins Eck und isst. Dass er dabei meine gebrauchte Gabel benutzt, scheint ihn nicht weiter zu stören. Auch das ist Berlin.

Abends essen wir ein paar Straßen weiter im Ars Vini, ein Restaurant, in dem es vor allem Fondue gibt. Verschiedene Käsefondues, Fondues mit Fisch und Gemüse, Fondues mit Öl oder Brühe oder Schokoladenfondues – wir nehmen die Variante mit gemischtem Fleisch, Scampi und Rapsöl, wenn schon, denn schon. Wir bekommen toll angerichtete Teller mit dreierlei Saucen, Folienkartoffel, Schweine-, Rind- und Putenfleisch sowie Riesengarnelen, dazu leckeres Brot und einen tollen Shiraz aus Australien. Und natürlich einen Fonduetopf mit heißen Öl, der vor uns den Abend über hinbrutzelt. Ein großartiges Essen, nicht umsonst ist das Ars Vini mehrfach empfohlen worden. Wer in Berlin gut essen gehen will, sollte dort mal vorbeischauen. Mit dem Taxi fahren wir wieder raus ins Hotel, wir riechen wie frisch frittiert, aber das ist egal. Noch einen Absacker in der Hotellounge und dann ins Bett.

Und am nächsten Morgen das Frühstück im Hotel. Ich gehe alleine, der Mann will lieber noch länger schlafen. Eine gute Auswahl gibt es an allem, was man morgens braucht, der Kaffee ist nicht so doll, dafür gibt es echte Brötchen von einem richtigen Bäcker und nicht diese aufbackbaren Minibrötchen, die nach Pappe schmecken. Die Milch für den Kaffee steht in kleinen Kännchen auf dem Tisch, nur auf meinem fehlt sie, also nochmal aufstehen und Milch holen. Kaum sitze ich wieder an meinem Platz, stürzt eine der Servicedamen auf mich zu und pampt mich an, ob ich denn alles habe, was ich brauche und welche Zimmernummer ich denn hätte. Die habe ich vergessen und überhaupt bin ich keine Hotelfrühstückserschleicherin, sondern Gast und das sage ich ihr auch. Sie erklärt mir, alle Gäste würden immer nach ihren Nummern gefragt werden, das wäre normal, schnippisch. Genauso schnippisch antworte ich, ja dann wäre das gestern wohl eine Ausnahme gewesen, da hätte niemand gefragt, aber sie könne ja unter meinem Namen nachsehen, ob ich Gast oder Verbrecher sei. Sie geht, kommt nach zwei Minuten wieder zurück und lässt sich meinen Namen nochmals buchstabieren, geht wieder. Nach weiteren drei Minuten kommt sie erneut, ich bin gespannt, ob ich jetzt abgeführt werde, aber sie schnarrt mich nur an, ob sie meinen halbleeren Käseteller jetzt mitnehmen könne, die Nummer, ob ich eine Hotelfrühstückserschleicherin bin, ist wohl durch. Am Nachbartisch sitzt eine Truppe Engländer, zu denen geht sie auch, aber nicht um Nummer und Namen zu überprüfen, sondern um zu fragen, ob sie noch Kaffee bringen solle. Mit freundlichstem Lächeln. Als sie mit dem Kaffee zurückkommt, stoppt sie kurz bei mir und schnappt sich kommentarlos meinen zweiten Teller, mein letztes Stück Brötchen halte ich zum Glück in der Hand, sonst wäre es auch weg. Ich ziehe es vor, keine zweite Tasse Kaffee zu holen, sondern den Rückzug anzutreten. Mittlerweile weiss ich meine Zimmernummer wieder, beim Gehen überlege ich, ob ich sie einfach durch den Saal brüllen soll, aber ich lasse es, immerhin bin ich ein friedlicher Mensch. Als ich an ihr vorbeilaufe, wedele ich dafür einmal kräftig mit meinem Schal, den ich am Abend vorher beim Fondue getragen hatte, das muss reichen, um Eindruck zu schinden.

Ach Berlin oder: Verflucht, ich bin alt

April 4th, 2011 § 1 comment § permalink

 

Und dann war da noch das Berlin der frühen 90er. Ein Freund studierte in der Stadt und so fuhren wir ab und an mit Johannes uraltem Mercedes, einem “Strich Acht”  vom Bodensee aus hoch. 12 Stunden Fahrt, nach der “Grenze”  hörten wir statt Deutschlandfunk Nina Hagen und Ideal und hielten irgendwo auf dem Land, um für fünf Mark in einem Gasthaus etwas Warmes zu essen. Fremd kamen wir uns vor, da im Osten, so kurz nach der Wende. Unser Gastgeber wohnte irgendwo im Westen der Stadt in der alten Wohnung seines Vaters, wir ernährten uns von Dönern, Bratkartoffeln mit Sojasauce und Karamelkäse. Ich fand es komisch, dass man “Schrippen” sagte und bei “Bolle” einkaufen ging und nachts stolperten wir durch das stockdunkle Ostberlin über holprige Kopfsteinpflasterwege durch obskure Seitenstraßen, weil wir in diese Kneipe wollten, in der das Bier so unsagbar billig war. Wäre mir mir Otto Ludwig Piffl über den Weg gelaufen,  ich hätte mich nicht weiter gewundert.  Hinterher fuhren wir raus in die Kommune 2, wo wir auf eine Party eingeladen waren. Mächtig verwegen kamen wir uns dabei vor, weil die Kommune 2 ja die Nachfolge der berühmten Kommune 1 war. Was den Gastgeber aber nicht groß interessierte, ist ja auch nicht so wichtig, zumindest nicht, wenn man eine Nacht lang hauptsächlich damit beschäftigt ist, auf die Hauswand zu kotzen. Am nächsten Tag in die Oranienburger Straße, vorm Tacheles standen Bierbänke mitten auf dem Gehweg und es gab Suppe für 1 Mark, hinterher zeigte uns jemand sein Atelier, in denen er, nur mit einer grünen Unterhose bekleidet, irgendwelche Metallrohre blau anmalte. Und dann war da noch der bodenlange Pelzmantel, den ich für  fünf Mark in diesem Second Hand Shop erstand, echt Nerz. Getragen habe ich das Ding aber nie, weil ich später vergas, es mit nach Hause zu nehmen. Beziehungsweise wegen der Flöhe halt.

Die Türklinke von der Damentoilette von der “Kommandatur” jedenfalls, falls sie je jemand vermisst haben sollte, habe ich noch. Und ich schwöre, es war ein Versehen, das Teil ist mir von ganz alleine in die Hände gefallen. Echt jetzt aber.