Reisen, das bedeutet vor allem: Woanders essen. Und das tun wir dann auch am Dienstag. Zunächst Sushi in der Feinkostabteilung vom KaDeWe. Maki mit Lachs, Thunfisch und Avocado, ein paar Nigiri und eine kalifornische Rolle, dazu Gutmenschenbrause in Holunder aus dem Weissweinglas. Phantastisch. Und ich habe es aufgegeben, mich darüber zu wundern, dass ich Sushi problemlos jeden zweiten Tag essen könnte, weil ich es so toll finde. Staunend laufen wir anschließend durch das Stockwerk, sieben Wursttheken zählen wir, die für die Würstchen, Fleisch und das Geflügel jetzt mal nicht mitgezählt, mehr muss man glaube ich dazu nicht sagen.
Dann ins Oberholz, Latte trinken, dazu Karottenkuchen mit der sensationellen Frischkäsecreme. Noch immer schäme ich mich ein wenig dafür, dass ich letztes Jahr „Club Mate“ auf englisch ausgesprochen habe. Und auch diesmal fallen wir wieder unangenehm auf, wir sind die einzigen, die keine MacBooks dabei haben und die die Musik seltsam finden, irgendwas, was sich wie hethitische Fruchtbarkeitsgesänge anhört, gesungen von einem mongolesischen Frauenchor. Die anderen stört das nicht, aber sie tragen ja auch alle ihre bunten Kopfhörer. Ein paar Gesichter kommen mir bekannt vor, immerhin. Und dann kommt @xbg vorbei, um kurz Hallo zu sagen, er hatte bei Twitter gelesen, dass wir dort sind. Später stolpert ein Typ an unseren Tisch, Mitte 40, rätselhaft grinsend und ziemlich streng riechend. Ob er unseren übrig gebliebenen Kuchen haben könne. Wir sind einigermaßen verblüfft und überlassen ihm die Reste, er nimmt sich die beiden Teller mit und setzt sich hinten ins Eck und isst. Dass er dabei meine gebrauchte Gabel benutzt, scheint ihn nicht weiter zu stören. Auch das ist Berlin.
Abends essen wir ein paar Straßen weiter im Ars Vini, ein Restaurant, in dem es vor allem Fondue gibt. Verschiedene Käsefondues, Fondues mit Fisch und Gemüse, Fondues mit Öl oder Brühe oder Schokoladenfondues – wir nehmen die Variante mit gemischtem Fleisch, Scampi und Rapsöl, wenn schon, denn schon. Wir bekommen toll angerichtete Teller mit dreierlei Saucen, Folienkartoffel, Schweine-, Rind- und Putenfleisch sowie Riesengarnelen, dazu leckeres Brot und einen tollen Shiraz aus Australien. Und natürlich einen Fonduetopf mit heißen Öl, der vor uns den Abend über hinbrutzelt. Ein großartiges Essen, nicht umsonst ist das Ars Vini mehrfach empfohlen worden. Wer in Berlin gut essen gehen will, sollte dort mal vorbeischauen. Mit dem Taxi fahren wir wieder raus ins Hotel, wir riechen wie frisch frittiert, aber das ist egal. Noch einen Absacker in der Hotellounge und dann ins Bett.
Und am nächsten Morgen das Frühstück im Hotel. Ich gehe alleine, der Mann will lieber noch länger schlafen. Eine gute Auswahl gibt es an allem, was man morgens braucht, der Kaffee ist nicht so doll, dafür gibt es echte Brötchen von einem richtigen Bäcker und nicht diese aufbackbaren Minibrötchen, die nach Pappe schmecken. Die Milch für den Kaffee steht in kleinen Kännchen auf dem Tisch, nur auf meinem fehlt sie, also nochmal aufstehen und Milch holen. Kaum sitze ich wieder an meinem Platz, stürzt eine der Servicedamen auf mich zu und pampt mich an, ob ich denn alles habe, was ich brauche und welche Zimmernummer ich denn hätte. Die habe ich vergessen und überhaupt bin ich keine Hotelfrühstückserschleicherin, sondern Gast und das sage ich ihr auch. Sie erklärt mir, alle Gäste würden immer nach ihren Nummern gefragt werden, das wäre normal, schnippisch. Genauso schnippisch antworte ich, ja dann wäre das gestern wohl eine Ausnahme gewesen, da hätte niemand gefragt, aber sie könne ja unter meinem Namen nachsehen, ob ich Gast oder Verbrecher sei. Sie geht, kommt nach zwei Minuten wieder zurück und lässt sich meinen Namen nochmals buchstabieren, geht wieder. Nach weiteren drei Minuten kommt sie erneut, ich bin gespannt, ob ich jetzt abgeführt werde, aber sie schnarrt mich nur an, ob sie meinen halbleeren Käseteller jetzt mitnehmen könne, die Nummer, ob ich eine Hotelfrühstückserschleicherin bin, ist wohl durch. Am Nachbartisch sitzt eine Truppe Engländer, zu denen geht sie auch, aber nicht um Nummer und Namen zu überprüfen, sondern um zu fragen, ob sie noch Kaffee bringen solle. Mit freundlichstem Lächeln. Als sie mit dem Kaffee zurückkommt, stoppt sie kurz bei mir und schnappt sich kommentarlos meinen zweiten Teller, mein letztes Stück Brötchen halte ich zum Glück in der Hand, sonst wäre es auch weg. Ich ziehe es vor, keine zweite Tasse Kaffee zu holen, sondern den Rückzug anzutreten. Mittlerweile weiss ich meine Zimmernummer wieder, beim Gehen überlege ich, ob ich sie einfach durch den Saal brüllen soll, aber ich lasse es, immerhin bin ich ein friedlicher Mensch. Als ich an ihr vorbeilaufe, wedele ich dafür einmal kräftig mit meinem Schal, den ich am Abend vorher beim Fondue getragen hatte, das muss reichen, um Eindruck zu schinden.