Geschichten über Köln, Konstanz und die Sache mit der Heimat

November 19th, 2012 § 4 comments § permalink

Nachdem in diesen Tagen das großartige Wiesbaden-Buch “63,75 – das Buch” erschienen ist, in dem auch ein Artikel von mir erschienen ist, haben viele andere Blogger das Thema “Heimat” ebenfalls für sich entdeckt. Herr Buddenbohm hat das zum Anlass genommen und in einer Blogparade dazu aufgerufen, Texte über Hamburg zu schreiben, die er in seinem Blog sammelt: Der Rest von Hamburg. Frau Bogdan sammelt parallel in ihrem Blog Artikel über den Rest der Welt und schreibt dabei insbesondere über Helgoland. Und Anne Schüssler sammelt Artikel über das Ruhrgebiet.

Ich selber schreibe hier ja seit über zwei Jahren über Köln und Konstanz, nachdem ich vor zwei Jahren der Liebe wegen vom Bodensee ins Rheinland umgezogen bin. Und gerne möchte ich diese Gelegenheit nutzen und auf meine eigenen Lieblingsartikel dazu nochmals hinweisen:

Und über Konstanz und den Bodensee habe ich natürlich auch eine ganze Menge geschrieben, zum Beispiel:

  • In der Eisenbahnstraße”erzählt von einer ganz besonderen Hausgemeinschaft in einer ganz besonderen Straße
  • “Der Katzen-Opa”erzählt nochmals von dieser besonderen Straße
  • “Konstanz halt” handelt davon, wie es ist, nach längerer Zeit mal wieder in die alte Heimat zurückzukommen.
  • “Heimat” erschien vor drei Jahren in einer früheren Ausgabe des Stijlroyal-Magazins und erzählt davon, was ich persönlich als Heimat empfinde

Viel Spaß beim Lesen! Und natürlich werde ich in diesem Blog auch weiterhin über die Sache mit der Heimat schreiben, denn da gibt es noch so einiges zu erzählen…

 

Konstanz halt

Dezember 16th, 2011 § 10 comments § permalink

 

Und dann ist es Freitag und ich fahre nach Konstanz, zum dritten Mal in diesem Jahr. Erstaunlicherweise geht bei der Bahnfahrt alles gut. Die Bahn fährt nach Fahrplan los, die Lok geht nicht kaputt, niemand hat Bomben neben die Bahngleise gelegt, keiner wirft sich vor den Zug, die Oberleitungen wurden nicht geklaut, Klimaanlagen und Heizungen halten und ich sitze fast durchgehend allein in einem Abteil in der ersten Klasse – ohne dauertelefonierende Mitfahrer, ohne schreiende Kinder mit hektischen Müttern, ohne alten Damen, die sich weigern, ihre Koffer in die Ablage zu legen, ohne Leberwurstbrotesser und ohne dürre Frauen, die mich vorwurfsvoll anschauen, weil ich statt stillem Mineralwasser ein Apfelschorle trinke. Eine ruhige, entspannte Fahrt also, wie sie auf dieser Strecke selten erlebt habe. Und ich bin sie oft genug gefahren.

Irgendwann habe ich den Schwarzwald hinter mir gelassen und bin im Hegau. Hohenhewen und Hohenstoffeln auf der einen Seite, auf der anderen der Mägdeberg, Hohenkrähen und der Hontes, schließlich Maggi in Singen, Bohlingen, Radolfzell -  und dann ist der da, der See und ich schaue nicht mal hin, so wie früher, als ich noch hier gelebt habe. Ich weiß ja, dass er da ist. Allensbach, Hegne, Reichenau, das Konstanzer Industriegebiet, die große Gaskugel von den Stadtwerken und dahinter mein altes Büro, Petershausen, die schönen Schrebergärten mit den alten Obstbäumen haben sie abgerissen, schließlich der Kiosk am Bahnübergang, wo man Bier und schlechte Döner bekommt. Daneben meine alte Wohnung, in die man vom Zug aus reingucken kann und in der die Wände wackeln werden, während wir an ihr vorbeirauschen. Ob sie den Riss im Flur mittlerweile verputzt haben? Links nun der See mit Alpenpanorama, rechts der Seerhein, die Spitalkellerei, das Theater, das Konzil und dann der Bahnhof. Als ich aussteige, duftet es intensiv nach Waffeln und ich denke an irgendwas mit Heimat, doch dann klingelt das Handy. Meine Freundin ist dran, sie komme später, um mich abzuholen, sie stehe Stau. Mit all den anderen Mitreisenden lasse ich mich durch ekelhafte Bahnunterführung treiben, die Fliesen sind dreckig, es riecht nach Pisse und natürlich geht, wie seit ungefähr zehn Jahren, das Gepäckband nicht. Keine Stadt Deutschlands hat einen gammeligeren Bahnhof als Konstanz, früher war es mir immer peinlich, Besuch vom Zug abzuholen. Meine Freundin ruft wieder an, sie wäre jetzt da, fände aber keinen Parkplatz. Ich bin nun endlich auf Gleis 1 angelangt und kann wieder atmen, muss mich aber noch am engen Bahnsteig durch die Menschenmengen zwängen, fast ein Ding der Unmöglichkeit, weil alle dicke Winterjacken tragen und somit noch mehr Platz verbrauchen. Dann geht es durch das Nadelöhr zwischen Touristinformation und Schließfächern, ich stolpere über Koffer und Fahrräder hindurch, irgendeiner tritt mir auf den Fuß und es riecht nach Kotze. Meine Freundin ruft wieder an, sie stehe jetzt auf der anderen Straßenseite bei Mc Donald´s. Wir müssen nochmal ins Industriegebiet, bevor wir zu ihr nach Hause fahren, für den Weg brauchen wir fast eineinhalb Stunden, weil am Lago und rund um den Zoll  Stau ist. Hallo Konstanz, da bin ich wieder, was für ein Empfang.

Abends sind wir auf einer Weihnachtsfeier. Ich unterhalte mich mit einem Bekannten über Social Media, er hat eine Agentur für Kommunikationsdesign. Facebook, Xing, Twitter und so, das fände er alles unnötig, das bringe doch nichts für den Beruf, erklärt er mir, daher sei er dort auch nicht aktiv. Aber der ganze Input, werfe ich ein, wo soll der in dieser selbstreferentiellen Stadt herkommen, man kriegt hier unten doch nichts mit von dem, was in der Welt da draußen laufe, hier sei man doch von allem abgeschnitten. Ach, sagt er, da gehe er einmal im Jahr auf die Typo nach Berlin, da bekomme er genug Input. Ah, sage ich, aber der regelmässige Austausch mit anderen, mit Gleichgesinnten und Leuten, die einen ähnlichen Job machen? Und überhaupt, Netzwerken! Ach, sagt er, das ist doch alles virtuell. Nein, sage ich, eigentlich nicht, die meisten habe ich irgendwann mal irgendwo getroffen, privat und beruflich, viele interessante Kontakte hätten sich daraus ergeben und auch Jobs. Ach, sagt er, wenn er netzwerken wolle, dann gehe er einfach in den hiesigen Ski-Club. Ach so, sage ich. Und dann: Du, ich gehe mir mal ein neues Bier holen, wir sehen uns später.

Nach der Feier fahren wir zu dritt noch in die Schwarze Katz. Es ist zwölf Uhr und in der Bar sitzen genau zwölf Leute, wir inklusive. Was ist denn hier los, frage ich die anderen. Nix, sagen sie, das ist normal. Heute ist Freitagabend, da ist hier nie was los. Ach so, sage ich.

Am Samstag schlafen wir lange, mittags gehe ich ein bisschen in die Stadt zum Bummeln, ewig bin ich nicht mehr hier gewesen und ich freue mich auf die kleinen Gässchen und die vielen schönen Ecken der Innenstadt. Ich laufe im Regen durch die Fußgängerzone und schließlich durch die Niederburg, doch dort hat um drei Uhr an diesem dritten Advent kein einziges Geschäft mehr offen. Meine Haare sind verklebt, meine Hose bis zur Wade durchweicht und es ist kalt. Ich gucke ins Münster, auch hier war ich schon ewig nicht mehr, eine Kerze zünde ich an und dann setze ich mich auf eine der Bänke. Zum ersten Mal seit ein paar Stunden habe ich endlich mal wieder Netz, also fummle ich heimlich, versteckt unter der Jacke, an meinem iPhone herum und mache ein schlechtes Foto von den brennenden Kerzen, schicke in Whatsapp ein paar Herzchen an den Mann und twittere ein bisschen herum. Was man halt so macht, wenn man in Kirchen rumsitzt und eigentlich lieber woanders wäre. Aber weil ich ja nun schon mal hier bin, kann ich ja noch den Weihnachtsmarkt angucken gehen. Und war die Innenstadt ansonsten wie ausgestorben, hier drängen sie sich alle wie die Verrückten um die Stände. Als ich noch in Konstanz wohnte, bin ich nie auf den Markt gegangen, weil es jedes Jahr genau die gleichen Dinge an den genau wie im Vorjahr gleichplatzierten Buden gab. Und so ist es auch diesmal wieder. Am Ende der Marktstätte zieht sich der Markt durch die Unterführung, ich lasse mich mittreiben, es ist eng, aber das ist auch gut so, denn so sieht man die vollgebruntzelten Betonwände nicht so sehr und schließlich bin ich da, worauf Konstanz so stolz ist: Am See. Doch von dem ist nicht viel zu sehen, denn es ist mittlerweile dunkel geworden. Brav laufe ich noch eine Runde durch den Stadtgarten an all den Ständen vorbei, doch eigentlich reicht es mir und ich nehme am Konzil die Abkürzung über den Fischmarkt, um nicht nochmal durch die Unterführung zu müssen.

Meine Freundin und ich haben uns im Klimperkasten verabredet, bis sie kommt, ruft sie drei Mal an, um mir zu sagen, dass sie später kommt, bzw. keinen Parkplatz findet, bzw. jetzt einen hat und dann gleich kommt. Ich habe kurz Netz und telefoniere mit dem Mann, dann trinke ich einen mit Pulver angerührten Chai Latte und wundere mich, dass nur zehn Leute in dem Café sitzen. Das ist normal, sagt meine Freundin später, es ist schließlich Samstagnachmittag. Ach so, sage ich.

Dann gehen wir nebenan im Il Boccone etwas essen, hier gibt es wieder viele Menschen, genauer: viel zu viele, und die meisten von ihnen stehen direkt vor unserem Tisch herum, weil sie auch gerne einen Tisch hätten, aber keiner von den geschätzten 200 auf den beiden Etagen mehr frei ist. Das ist normal, sagt meine Freundin, es ist schließlich Samstagabend. Achso, sage ich, und esse die überaus leckeren Gnocchi mit Pesto auf. Wenigstens können sie hier gut kochen. Wir überlegen, ob wir ins Kino gehen, doch ich habe wieder kein Netz und kann nicht nachschauen, was wo läuft. Macht nichts, sagt meine Freundin, wir gehen einfach hin und entscheiden uns dort. Sie gehe kaum noch aus, sagt meine Freundin dann. Hier sei nichts los, sie kenne zu wenig Leute, und überhaupt, man würde hier auch einfach keine neuen Leute kennenlernen.” – “Konstanz halt”, sage ich und: “Du musst hier dringend weg.”

“Zwei Mal Dunkle Begierde” sage ich später an der Kasse. “Läuft im anderen Kino”, sagt der Mann hinter dem Schalter. “Achso”, sage ich. “Dann zwei Mal Jane Eyre.” – “Läuft im anderen Kino”, sagt der Mann. “Achso”, sage ich. “Dann halt zwei Mal Gott des Gemetzels.” Der Mann an der Kasse fängt an, hysterisch zu lachen. Wir gehen ins andere Kino, gucken den (sehr großartigen) Film an und fahren nach Hause. “In der Schwarzen Katz ist am Samstagabends nix los”, sagt meine Freundin, “woanders kann man hier nicht hingehen.” Ach so, sage ich.

Am Sonntag schlafen wir lange aus, dann gibt es ein opulentes Frühstück, anschließend packe ich meine Sachen, denn um zwei Uhr fährt mein Zug. “Ich fahre dich schnell an den Bahnhof und hinterher gehe ich joggen”, sagt meine Freundin, zieht sich ein hübsches Kleidchen an und schminkt sich. “Für wen machst du das, du fährst mich doch nur zum Bahnhof, da sieht dich doch keiner?” frage ich. “Ach, nur so, falls ich doch jemanden treffe. Man weiß ja nie”, sagt meine Freundin. “Ach so”, sage ich und: “Du musst wirklich dringend hier weg.” Am Bahnhof lässt sie mich raus, wir verabschieden uns, schön war´s. Ich verspreche, bald wiederzukommen. “Vielleicht im Frühjahr oder so” , sage ich und denke: “Da kann ich sicher nicht.” Ich fahre los und als ich in Karlsruhe bin, schreibe ich >ins Internet: “Sich 14 Monate nach dem Umzug nicht mehr so fühlen, als ob man die Heimat zurück lässt, sondern als ob man nach Hause fährt.”

 

 

Auf der Insel Reichenau

August 19th, 2011 § 4 comments § permalink

Aber auch das ist Konstanz: Auf die Reichenau radeln, trotz unsäglicher Temperaturen, um neben der Burgruine Schopflen alle drei Kirchen zu besichtigen – die Georgskirche in Oberzell, das Münster St. Maria und Markus in Mittelzell und schließlich noch St. Peter und Paul in Niederzell. Was diese Kirchen so besonders macht, mag jeder selber im Internet lesen, die Insel selber ist auf der UNESCO-Liste des Welterbes verzeichnet und von St. Georg gibt es immerhin eine verkehrtherume Briefmarke. Und war ich in der St. Georg mit seinen beeindruckenden Wandmalereien (s.o.) einige Male während meines Geschichtsstudiums, ich könnte schwören, die beiden letzten habe ich zum letzten Mal vor ungefähr 28 Jahren gesehen. Wie auch weite Teile der Insel und die sind so viel schöner als ich sie eigentlich in Erinnerung habe. Wird mich wieder einmal jemand fragen, wo man denn am Bodensee am besten Ferien mache, hier bittesehr: Auf der Reichenau.

Auf dem Rückweg kehren wir im schönsten Biergarten am Bodensee ein, nämlich in der Bleiche im Stromeyersdorf, es gibt Brathähnchen, Wurstsalat und Ruppaner und weil der Tag so schrecklich heiss war, stört letzteres gar nicht weiter. Den Biergarten sollte man übrigens nicht mit dem Nachbarbiergarten vom Restaurant Stromeyer verwechseln, denn jedesmal, wenn ich dort war,  gab es schlechten Service zu überteuerten Preisen. Über das Stromeyersdorf habe ich übrigens mal einen längeren Artikel für eine Zeitung geschrieben und als ich dort heute spaßeshalber mal hineinschaue, sehe ich, dass die Zeitung den Artikel lustigerweise nun noch einmal neu veröffentlicht hat, allerdings dabei ganz zufällig vergessen hat, meinen Namen darunter zu setzen, weil ich ja nicht mehr in der Stadt wohne. Denn auch das ist Konstanz, nämlich klein im Geiste.

Das mit dem Ruppaner ist übrigens so, dass das Bier zwar in der Stadt gebraut, von vielen Konstanzern aber verpönt wird, weil man angeblich spätestens nach zwei Bier Kopfweh hat. Ich selber trinke es ab und an mal ganz gerne, auch wenn es kein Zäpfle ist, das liegt aber vor allem wohl auch daran, dass das Ruppaner so nach Jugend schmeckt, denn mit 2 Mark war man damals in der Casba mit dabei. Damals, das war, als ich 16 Jahre alt war. Die Casba war damals eine Szenekneip und ich trug rote Henna-Haare, schwarze Klamotten, den Wildledermantel meiner Oma und meterlange Schals, und ich schwöre, der Teppich (!), der schon damals in der Casba auslag und ziemlich wüst aussah, ist auch heute noch dort, auch wenn er als solcher nicht mehr erkennbar ist.

Die Casba sparen wir uns abends lieber, dafür sind wir in der Schwarzen Katz verabredet, dort kann man sehr schön draußen sitzen und überhaupt, wer in Konstanz ausgehen will, sollte hier unbedingt vorbeischauen, und weil das andere Konstanzer ähnlich sehen, trifft man sie hier auch alle früher oder später und darum gehen wir auch am Samstag wieder hin.

Ein heißer Tag war es, ein langer Tag auch, vor allem aber war es ein sehr schöner Tag.

Im provinziellen Schönheitsschlaf

August 19th, 2011 § 1 comment § permalink

Und dann ist da noch Jonas, der vor ungefähr 12 16 Jahren in die Konstanzer WG meines damaligen Freundes eingezogen war und als ich gestern bei Facebook etwas zu Konstanz schrieb, kommentierte er mit diesen Zeilen, die diese Stadt so genau beschreiben:

“Heute schläft eine kleine Stadt weiter ihren provinziellen Schönheitsschlaf, sie murmelt dabei irgendetwas Unverständliches, spielt ihre Lounge-Elektro-House-Platten, trinkt ihre Rothaus-Biere, gewandet sich im ebenso sorgsamen wie leicht das Ziel verfehlenden Hipster-Kleid, und wähnt sich bei einem undefinierten “vorn” dabei. All das ist eine Lüge, oder, weniger böse, einfach ein Traum. Ein Traum, der hier im Süden des großen Landes und am Nordrand der doch unendlich fernen Schweiz, sehr plausibel klingt, und doch unerreichbar ist. Deshalb sah die Welt immer so gut aus von hier, und klang so verheissungsvoll. Die Uneinnehmbare singt weiter in ihren vielen Variationen der Selbstzufriedenheit ihr Lied.” ( Wall of Time, Winterreise Part III)

 

Filterkaffee

August 18th, 2011 § 4 comments § permalink

Und dann gibt es Filterkaffee, geschmolzene Kägi Fretli, einen leichten Kater und den Konstanzer Anzeiger zum Frühstück.  In Konstanz, denn da sind wir für ein paar Tage hingefahren. Freunde treffen und ein wenig den See genießen. Und so wie es aussieht, scheinen wir mit dem Wetter Glück zu haben, auch heute hat es hier strahlend blauen Himmel. Wie es sich anfühlt? Vertraut wie ein paar ausgelatschte Schuhe, die man ein paar Monate nicht mehr an hatte. Wie Urlaub. Aber nicht mehr wie zu Hause und das ist gut. Und Filterkaffee mochte ich auch noch nie.