Tag 23 – Guernsey: Peter Port, der letzte Tag und überhaupt
Der Tag beginnt kühl, es nieselt und am liebsten blieben wir einfach im Bett, doch müde schleppen wir uns trotzdem um halb neun in den Frühstücksraum. Da sitzen sie schon alle, das lesbische Pärchen aus der 24, das Rentnerquartett aus der 17, die beiden Schweizer, von denen ich lange bevor ich ihr schwitzerdütsch gehört hatte, wusste, dass sie aus der Schweiz kommen, wegen seines Zirbelbarts nämlich, mit dem er aussieht wie ein Zirkusdirektor. Und natürlich die Krauses aus Deutschland, er trägt diesmal irritierenderweise nicht grünblautürkisgelblängsgestreift oder gelborangegeblümt, sondern ein schlichtes graues Hemd und darin sieht er so unscheinbar aus, dass ich ihn fast nicht erkenne. Obwohl wir alle seit einer Woche Morgen für Morgen gemeinsam frühstücken, grüßt keiner der anderen, lieber gibt man sich distanziert und nickt sich höchstens nur ganz leicht zu, so leicht, dass es nie ganz klar ist, ob da nun genickt wurde oder nicht und immer ein kleiner Restzweifel bleibt.
Wie immer müssen wir eine Weile warten, bis wir unseren Kaffee und die Eier auf Toast ordern können. Zwar flitzen die Servicemädels zuhauf durch den Saal und tragen volle Teller hinein und leere wieder hinaus oder bieten mit missmutigen Gesichtern denen, die ihren Teller mit dampfenden Bohnen, Würstchen, Schinken, Black Pudding oder Tomaten vor sich stehen haben, brown sauce aus silbernen Saucieren an, doch Bestellungen nehmen nur die beiden männlichen Servicekräfte an und wenn, dann so, dass die Bestellung eines Tischs in einem ledergebundenen Notizbuch notiert und in die Küche getragen wird, bevor man an den nächsten Tisch geht, um dort die nächste Bestellung anzunehmen. Es wird also sehr viel gelaufen und daher dauert alles etwas länger und während wir da sitzen und auf unsere Eier auf Toast warten, fühlen wir uns fast wie bei der 100-Meter-Staffel im Stadion. Serviceroboter sind das, meint der Mann, und in der Tat, unterkühlt und unherzlich ist die Atmosphäre, man hat das Gefühl, allen irgendwie lästig zu sein. Das Paar, das neben uns sitzt, schweigt sich während des ganzen Frühstücks an und als sie stumm aufstehen und den Raum verlassen, atmen wir beinahe ein wenig auf.
Es ist unser letzter Urlaubstag und irgendwie haben wir beide so keine richtige Lust mehr auf Urlaub, nach dem Frühstück heute erst recht nicht. Bis mittags hängen wir im Bett herum und lesen, nachmittags haben wir in Peter Port eine Fahrt auf dem Bumblebee gebucht, ein Motorboot, mit dem man um die Insel geschippert wird. Mit dem Bus fahren wir mittags also in die town und als wir gerade am Hafen herumlaufen, um unser Boot zu suchen und uns über den enormen Tidenhub zu wundern, kommt der Anruf, die Fahrt müsse heute leider ausfallen. Motorschaden, da könne man nichts machen. Wir sind enttäuscht und ratlos, was fangen wir nun mit dem halben Tag an? Nochmal irgendwo anders hinfahren? Im Meer schwimmen? Radeln? Das Castle angucken? Oder doch etwa die Fresien…? Doch irgendwie ist es gut mit der Insel und diesem Urlaub, wir entscheiden uns für einen Lunch in einem der Bistros, laufen noch ein bisschen im Ort herum, trinken irgendwo einen Kaffee und fahren einfach zurück ins Hotel. Es reicht jetzt, wir wollen heim. Irgendwo noch toll essen gehen? Poah, sagt der Mann, wir haben dreieinhalb Wochen toll gegessen, eine Scheibe Vollkornbrot mit Leberwurst daheim auf dem Sofa, das wärs jetzt eigentlich, und er hat Recht. Beides ist hier nicht zu bekommen, also gehen wir doch ein letztes Mal in den netten Pub drei Straßen weiter, The Captains, und da sind sie alle, Urlauber wie wir, die noch etwas essen möchten, und noch mehr Insulaner, die vor der Theke herumstehen und alle trinken ihr Freitagabendbier und lachen und erzählen, dass es eine Freude ist. Drei Gänge essen wir dann doch noch und es schmeckt großartig und danach laufen wir Hand in Hand durch die stockdunklen Straßen, in denen man die Hand vor den Augen nicht sehen kann, zurück ins Hotel und die Sterne leuchten uns den Weg. Naja, und die Handies auch.
Ein großartiger Urlaub war dieser Honeymoon, selten habe ich so viele Dinge in so kurzer Zeit erlebt und gesehen und ich bin voller Eindrücke, Bilder und Gedanken, und schöner könnte ein Start in eine Ehe nicht sein. Und dass wir uns trotzdem nun so auf zuhause freuen, ist genau richtig. Wenn ich mir für unsere Ehe etwas wünsche, dann das: dass wir uns das beibehalten, dass wir jeden Tag ununterbrochen Dinge einander zu erzählen haben. Wie in diesem unterkühlten Frühstücksraum heute Morgen, wie in den ganzen drei Wochen unseres Urlaubs, in dem wir nie länger als eine halbe Stunde voneinander getrennt waren, und überhaupt, wie schon in den drei Jahren, in denen wir bisher zusammenleben, auch.













