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Der Katzen-Opa

Das Haus, in dem sich die winzige Wohnung am Ende der Welt befand, stand in einer langen Reihe von acht exakt gleich gebauten Häusern. Während vor dem Haus die Straße, dann die schalen Schrebergärten und schließlich die Eisenbahnlinie verliefen, gab es nach hinten hinaus einen riesigen Innenhof. Ungefähr 300 Meter war er lang, dabei hatte er die Form eines spitzwinkligen Dreiecks, das auf der einen Seite von unserer Häuserreihe und auf der anderen Seite durch die Häuser, die an einer anderen Straße lagen, Moltkestraße wurde. Ich selber wohnte ganz hinten, in der Spitze. Die Wohnungen auf der anderen Seite gehörten der gleichen Mietgesellschaft, waren aber deutlich besser in Schuss. In meinem zweiten Sommer renovierte die Wohnbaugesellschaft beide Häuserzeilen, doch während die Häuser auf der andere Seite Balkone, einen modernen weißen Anstrich und ein neues Dach mit einer Solaranlage erhielten, wurde unsere Häuserreihe lediglich ein neuer Anstrich verpasst und die Handwerker hatten sich dabei noch nicht einmal die Mühe gegeben, die neue Farbe mit der der Vorderseite abzustimmen. Im Block nebenan begann man gerade mit dem Abriss der Mietshäuser, die zeitgleich mit unserer Reihe gebaut worden waren, vermutlich war das für die nächsten Jahre mit unseren Häusern auch geplant und das würde erklären, warum man auch innen in den Wohnungen nicht modernisieren wollte.

Die Handwerker waren sehr nett. Morgens winkten sie mir immer von ihrem Baugerüst, in das unser Haus für ein paar Wochen eingekleidet worden war, ins Bad und in die Küche, außerdem sangen sie viel. „Dragostea Din Tei“ war der Sommerhit dieses Jahres und als der Sommer herum war, konnte ich ihn auswendig, ohne ein einziges Mal selber ein Radio angeschaltet zu haben. Unter allen Küchenfenstern meiner Häuserzeile gab es links und rechts je eine 40cm lang Metallstange, damit die Mieter sich dort Wäscheleinen befestigen konnten. Die Handwerker sägten diese einfach ab, denn auch wenn unsere Reihe trotz der neuen Farbe schäbig blieb, auf Leinen hängende Wäsche sieht man in Süddeutschland nicht gerne und ich hatte sogar Bekannte in der Stadt, denen das Aufhängen von Wäsche auf dem Balkon verboten war.

Die Stange hatte ich bis dahin allerdings nicht für meine nasse Wäsche benutzt, sondern um die Katzenleiter für meine kleine Katze daran zu befestigen. Dass die Stangen abgesägt worden waren, störte in den ersten Wochen nicht weiter, Susi kletterte einfach über das Baugerüst in den Hof und wieder zurück in die Küche. Doch eines Tages war das Gerüst weg und ich hatte auch nicht mehr nur eine, sondern zwei Katzen. Tag für Tag war ein hässlicher, ausgemergelter und höchstens vier Monate alter Kater über die Bretter des Gerüsts an meiner Küche vorbeispaziert. Und guckte er die ersten Tage nur mit langem Hals neugierig in meine Küche, um dann, wenn man ihn anfassen wollte, ängstlich fortzulaufen, lief er bald, als wäre nichts, in der Küche herum. Schließlich stellte ich ihm ein erstes, ein paar Tage später ein zweites und schließlich jeden Tag zwei Schälchen Futter hin, die er innerhalb weniger Minuten leer fraß. Irgendwann legte er sich nach dem Fressen auf einen meiner Küchenstühle zum Schlafen, das wiederholte sich bald und schließlich blieb er auch über Nacht. Der Kater wurde nirgends vermisst, in der Nachbarschaft wusste keiner etwas, beim Tierarzt und im Tierheim auch nicht, also fütterte ich ihn weiter und gab ihm nach ein paar Wochen den Namen Theo, wegen des Films „Theo gegen den Rest der Welt“, denn öffnete ich ihm nicht sofort das Küchenfenster, wenn er wieder kam, fing er an, kläglich zu schreien. Aus dem kleinen, hässlichen Fellbündel entwickelte sich dann übrigens ein wunderbarer, liebevoller Prachtkater, der gerade im Zimmer nebenan zufrieden in meinem Bett schläft.

Zwei Katzen, die regelmäßig rein und raus wollten – ich brauchte dringend eine Lösung für die Leiter. Doch ich war nicht die einzige Katzenbesitzerin, die dieses Problem hatte. Im Innenhof lebte nämlich eine ganze Armee von Katzen und sie alle hatten wie meine beiden ein Erdgeschosszuhause. Da gab es Felix, den alten Zottel, der bei Andrea daheim lebte und den ich heimlich im Verdacht hatte, Theos Erzeuger zu sein, weil er die gleichen Musterungen im Fell hatte. Dann der hektische „Turbo“, Andreas zweite Katze und vermutlich auch ein Sohn von Felix, was aber nicht sein konnte, denn Andrea hatte mir versichert, dass er kastriert worden war. Der Ringelkater aus der Nummer 3. Die drei ängstlichen Katzen von dem jungen Mädchen, das gerade frisch eingezogen war. Und das ältere Paar gegenüber hatte auch noch zwei, einen alten, blinden Kater und einen weißen hübschen Kerl namens Purzel, der immer meine Susi zum Spazierengehen abholte. Dazu gab es noch eine Siam- und zwei Mohairkatzen. Ja, Katzen mochte man da unten am Ende der Welt.

Eines Abends stand der Mann des Paares von gegenüber vor meinem Küchenfenster und montierte an der Fensterbank herum. „Äh, was machen Sie denn da und…?“ – „Die habe  ich selber konstruiert, für die Katzenleitern“, sagte er und zeigte stolz auf eine Tüte voller Metalldingse, die unten auf der Wiese lag. Eines dieser Dinge befestigte er gerade an meiner Fensterbank. „Die Leiter kann man einfach da einklemmen und dann mit einem Draht festzurren. Das sollte halten. Diese Idioten, einfach, die Metallstangen abzumontieren, nix im Kopf haben die!““ schimpfte, nahm die Leiter und klemmte und zurrte sie an dem Metalldings fest. „Ach ja, und ich bin der Herr Q. und ich wohne genau gegenüber. Unsere Katzen gehen immer zusammen spazieren. Ich muss weiter, die anderen Klemmen montieren, ach und wie heißt Ihre Katze eigentlich, die mit dem weißen Fleck am Hals? So ein süßes Tierchen!“ –„Äh, Susi“, sagte ich und „Wow, danke, das ist ja echt…“ – „Tschüssi, bis bald!“ Herr Q. schnappte sich die Tüte und weg war er.

War mir Herr Q. bis dahin nie weiter aufgefallen, seit diesem Abend sah ich ihn auf einmal andauernd. Kam ich abends durch den Innenhof gefahren, um mein Rad neben den zwei alten Rädern von Herrn M. aus dem vierten Stock abzustellen, stand Herr Q. schon auf dem Balkon und winkte mir zu. Hatte ich gerade den Müll zu den Containern am anderen Ende des Hofes gebracht, stand Herr Q., der vorher, ich weiß es genau, dort definitiv nicht gestanden hatte, mit einem Gartenschlauch an den Büschen, die hinter der kleinen Mauer hinter dem zu meinem Haus gehörendem Fahrradständer wuchsen und erkundigte sich, wie es Susi so ginge. War ich im Supermarkt, in dem sich die Enddreissiger der Stadt abends trafen, wenn sie jemanden zum Reden suchten, ja dann stand Herr Q. eben am Katzenfutterregal, guckte kritisch in meinen Wagen und sagte „Was? Kitkat? Da ist nur Mist drin. Nehmen Sie lieber das hier!“, um mir das vier Mal so teure Luxusfutter in den Wagen zu werfen, das ich mir nicht leisten konnte und daher  gleich wieder zurück ins Regal legte. Und guckte ich am nächsten Morgen aus meinem Küchenfenster, dann hatte Herr Q. darauf eine Tüte mit fünf Dosen von eben diesem teuren Luxusfutter für mich abgestellt. Das war so in etwa der gleichen Zeit, als es anfing, mir lästig zu werden, im Erdgeschoss zu wohnen. Meine Susi sah ich auf einmal immer seltener. Kam sie früher wie ein geölter Blitz in die Wohnung geschossen, wenn ich abends nach Hause kam und das Küchenfenster öffnete, kam zwar der neue Kater, nicht aber die Katze nach Hause. Und war sie da, fraß sie kaum oder gar nichts, während der neue Kater es sich schmecken ließ. Ich begann mir Sorgen zu machen. „Die Katze frisst nicht, weil sie unglücklich über unsere neuen Mitbewohner ist“, so meine Vermutung, bis ich sie irgendwann einträchtig nebeneinander schlafend auf dem Sofa sah. „Dann sind es die Wurstbrote, die Frau M. immer aus dem vierten Stock wirft“, überlegte ich mir und setzte mich morgens an meinem Küchenfenster auf die Lauer, bis ich sah, wie die Katze die herunterprasselnden Wurststückchen und Brötchenteile ignorierte, um Richtung Herr Q.s Balkon zu marschieren. „Dann hat sie eben was mit dem Magen“, dachte ich, packte die Katze in den Transporter und machte mich zum Tierarzt auf. „Die Katze muss ein bisschen abnehmen, ansonsten ist alles super“, sagte der nach einer umfangreichen Untersuchung. „Achten Sie darauf, dass sie nur zwei Mal am Tag was bekommt, dann bekommen Sie das ganz schnell wieder in den Griff“. –„Zwei Mal am Tag? Die frisst noch nicht mal einmal am Tag was!“ sagte ich. „Ach was“, sagte der Arzt „Das Tier ist gut genährt und gesund, machen Sie sich keine Sorgen.“

„Ja wo kommst Du denn her, ja was ist denn mit Dir, ja was hast Du denn?“ rief Herr Q. vom Balkon, als ich mit dem Tier im Transporter durch den Hof zurück kam. „Beim Tierarzt. Sie frisst seit Tagen nicht mehr“, rief ich irritiert zurück. Seit wann duzten wir uns denn und… „Ach Du Arme, ja das ist aber nicht gut, oje, ja du armes Kleines, ja, oje oje!“ rief Herr Q. zurück. „Ja, ich bin auch schon ganz mit den Nerven runter und…“ –„Ach Du Süße, ach oje oje oje oje, ja was machen wir denn da?“ Hatte der mich eben “Süße” genannt? „Äh, ich gehe jetzt erstmal heim und dann gucken wir weiter“, sagte ich, noch mehr irritiert. Ich schloss die Tür auf, ließ die Katze aus dem Korb, ging in die Küche und ja, da stand auch bereits Herr Q. vor meinem Fenster. „Hier, ich hab Ihnen hier mal was mitgebracht, versuchen Sie das mal aus. Tschüssiiii!“ sagte Herr Q. und reichte mir ein braunes Fläschchen durchs Fenster. „Das sind Bachblüten. Für die Katze”, sagte er verschwörerisch und war auch schon wieder weg und mit ihm auch die Katze, die durchs offene Fenster die Katzenleiter heruntergaloppiert war, doch wohin die beiden verschwanden, konnte ich wegen der Büsche nicht so genau erkennen. Bachblüten, ganz genau, die waren für die Katz. Ich kippte die Flüssigkeit in den Abguss und warf die Flasche in den Altglaskorb. Das war im Sommer 2004.

Sechs weitere Jahre lebte ich in der winzigen Wohnung am Ende der Welt und ich gewöhnte mich daran, dass meine Katze im Sommer gar nichts, in den kalten Monaten aber unwahrscheinlich viel fraß. Erklären konnte ich mir das weiterhin nicht, aber die Katze war gesund und munter, also versuchte ich, mir darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen. Und ich gewöhnte mich nach und nach an die Omnipräsenz des unermüdlichen Herrn Q. Der pflanzte zum Beispiel Büsche in unserem Bereich des Hofes. Das sei für die Katzen, sagte er, die schlafen darunter doch so gerne. Herr Q. sammelte auch herumliegendes Glas ein. Für die Katzen, sagte er, damit die sich nicht daran schneiden. Herr Q. achtete darauf, dass die Kinder nur im vorderen Bereich des Innenhofs Fußball spielten, also etwa da, wo das Auto von den M.s aus dem vierten Stock stand, und nicht etwa bei uns hinten. Wegen der Katzen nämlich, die ja gerne unter den neu gepflanzten, schattenspendenden Büschen lagen und schliefen. Und als es mit dem Schlachter aus der Nummer 5 im Herbst 2006 Ärger gab, weil er behauptete, Susi habe ihm die Textilhaube seines Motorrads zerfetzt und wenn sie das nochmal mache, gäbe es mächtig Ärger und im Übrigen wisse er als Schlachter, wie man mit Tieren umgehe, da war es Herr Q., der sich diesen Widerling vornahm. Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht, der Schlachter zog jedenfalls ein paar Wochen später aus und trug einen Nasenverband. Auch die Flohplage, die wir im Sommer 2007 im Hof hatten, konnte Dank des unermüdlichen Einsatzes von Herrn Q. schnell eingedämmt werden: Monatelang verteilte Herr Q. bei allen Katzenhaltern Sticks mit Antiflohmittel, das wir den Katzen in den Nacken träufeln sollten. Die kommenden Sommer verliefen ruhig, nur dass ich einfach nicht verstehen konnte, warum meine Susi zwischen Mai und etwa Oktober daheim so gut wie nie etwas fraß, dafür aber in den Wintermonaten morgens um acht und abends um sieben mit lautem Miauen ihr Futter verlangte. Doch das Tier war putzmunter und weitere Tierarzt-Checks ergaben keinen Befund, also beließ ich es dabei.

Im Sommer 2009 hatte ich den Mann kennengelernt und war daher nun ab und an in Köln, bevor ich 2010 ganz dorthin zog. Andrea kümmerte sich um die Katzen, doch als Herr Q. davon Wind bekam, sprach er mich darauf an. Ihm war anzumerken, dass ihm das so gar nicht behagte. Andrea, die ihren Kater nicht hatte kastrieren lassen. Und dann die Flöhe dauernd! Und überhaupt die Hunde, mit denen sie in der Wohnung leben würde, das sei doch alles nichts. Ob er nicht auch ein Auge auf meine Katzen werfen solle und nein, ich brauche ihm dafür kein Futter vorbeibringen, das wäre okay so, ich solle einfach Bescheid geben, wenn ich mal wieder weg müsse, er würde sich um alles kümmern und ach, meine Susi sei ja so eine Süße. Also hatten meine Katzen ab sofort zwei Katzensitter, Andrea fütterte zwei Mal täglich, wusch die Näpfe aus, brachte den Müll mit den leeren Dosen raus und säuberte das Katzenklo und Herr Q. oder, wie der Mann ihn getauft hatte, “der Katzen-Opa”, trug die Verantwortung. Im Sommer 2010 waren der Mann und ich zehn Tage im Urlaub, um uns kurz vor dem sicher anstrengend werdenden Umzug noch ein bisschen zu erholen. Als ich zurückkam und Andrea fragte, wie es gelaufen sei, meinte sie: Sie könne sich das nicht erklären, Theo sei immer sofort da gewesen, wenn sie bei mir sei und habe auch immer gefressen, aber meine Susi sei nie gekommen und sie habe sie auch noch nie fressen gesehen. Aber sie sei schon da, jeden Tag habe sie Susi mit Purzel durch den Hof spazieren sehen, immer am frühen Abend etwa zur gleichen Zeit. Und überhaupt, Susi habe ganz schön zugelegt in den letzten zwei Wochen, in denen ich nicht da gewesen sei. Und in der Tat, meine Katze war gut gelaunt und stand recht ordentlich im Futter. Ich konnte mir das einfach nicht erklären. Was fraß das Tier in den Sommermonaten, wenn es draußen unterwegs war, um Himmels Willen?

Ein paar Tage vorm Umzug ging ich nochmal rüber zu den Q.s, um mich zu verabschieden. Ich klingelte, Frau Q. machte mir auf. Ihr Mann sei unten im Keller, ich solle doch mal unten nach ihm schauen, was er da tue, wisse sie aber auch nicht, sie ginge ja nie da runter. Und ach, die Susi würde ihr sicher fehlen, sie sei fast so etwas wie ein Familienmitglied geworden und es sei so süß, wie sie zwei Mal täglich über den offenen Balkon zu ihnen nach Hause käme. Ich fragte nicht näher nach, bevor wir uns voneinander verabschiedeten. Dann stieg ich in den Keller hinunter, um nach Herrn Q. zu sehen. Da unten war es dunkel, nur am Ende des Ganges schien ein bisschen Licht durch eine Türe und man hörte jemanden herumwerkeln. Das konnte nur Herr Q. sein, also ging ich weiter. Ich öffnete die angelehnte Holzlattentür am Ende des Ganges und da stand auch schon Herr Q. an einem Tisch, mit dem Rücken zu mir. Was er tat, konnte ich nicht erkennen, er hantierte an irgendetwas Rundem herum. “Hallo Herr Q.! Ihre Frau…” – doch weiter kam ich nicht. Herr Q. zuckte zusammen, drehte sich hektisch um, in der einen Hand einen Dosenöffner und in der anderen konnte ich gerade noch eine Dose von diesem stinkteuren Katzenfutter erkennen, das Herr Q. mir im Supermarkt immer in den Wagen steckte, doch da rutschte ihm diese auch schon aus der Hand und flog mit Karacho nach rechts und nun erst sah ich, was sich dort befand: Ein riesiger Quader aus fein säuberlich aufgeschichteten leeren Katzenfutterdosen. So viele Dosen, wie sie eben übrigbleiben, wenn man eine Katze zwei Mal täglich zwischen Mai und Oktober sechs Jahre lang fü…. SCHEPPERZAPETTERZOIIINGG DOINNG KADOINGSSSS SCHEPPERZEPPER DONGSDONGSDONGS ZABADAK KRAWÄNNGGSS!!!!!!

Herrn Q. habe ich seitdem nie wieder gesehen, aber jedes Jahr zu Weihnachten schicke ich ihm ein Foto von meiner Susi mit ein paar netten Grüßen.

 

Tag 46

Und gestern war Tag 46 und der war sehr wichtig, denn es war der Röntgen-Tag, auf den wir seit Wochen gewartet haben und somit der Tag, an dem wir endlich erfahren haben, ob mit der Operation damals alles gut gegangen ist. Der Kater hatte sich vor ein paar Wochen draußen einen Bänderriss zugezogen. Wie er das gemacht hat, wollte er uns bisher nicht verraten, jedenfalls war es nichts, was von alleine wieder gut wird und vor allem nichts, was man einem agilen, neunjährigen Kater, der es gewohnt ist, draußen durchs Gras zu flitzen und aus dem Stand auf zwei Meter hohe Mauern zu springen, auf Dauer zumuten kann. Denn wird so ein Komplettdurchriss nicht operiert, bleibt das Bein im Grunde unbenutzbar, was besonders für ein Sprungbein ziemlich blöd ist. Wir entschieden uns also für die OP mit allen ihren Konsequenzen und die haben es in sich: 8 bis 12 Wochen darf das Tier nicht raus und muss einen superdicken Fixierverband tragen.

Wer ein Haustier oder kleine Kinder hat, kann sich ungefähr vorstellen, was das bedeutet. Denn es ist ja nicht so, dass man dem Patienten sagen kann: halt durch und dann wird das alles bald wieder gut. Oder: “Hier, ich hab Dir eine DVD und eine Pizza mitgebracht.” Und trotzdem, Theo hat wohl irgendwann beschlossen, uns in dieser ätzenden Sache einfach mal zu vertrauen und so trägt er seit 47 Tagen tapfer seinen Monsterverband, der aussieht, als wäre er ein riesiger roter Nikolausstiefel, denn zum Schutz wickeln die Verbandsmädels bei jedem Verbandswechsel immer ein schickes rotes Tape um  alles drum herum. Überhaupt, die Verbandswechsel waren nicht immer lustig, was man hier nachlesen kann. Und seit 47 Tagen hockt Theo hier in der Bude herum, darf nicht rennen, flitzen, springen oder klettern und muss das Katzenklo benutzen, obwohl er das Bein nicht anwinkeln kann und normalerweise lieber in den Garten des Nachbarn (der mit der blauen Plane) kackt. Und das Schlimmste: Seit 47 Tagen darf er sich anschauen, wie die andere Katze das alles aber darf. Vor seiner Nase! Ziemlicher Affenscheiß also.

Und auch für uns sind das harte Zeiten, denn wir leiden natürlich mit. Alle erdenkliche Mühe geben wir uns, ihm diese Wochen irgendwie so angenehm wie nur möglich zu machen. Mit extra viel Liebe, einem ausgeklügelten Unterhaltungsprogramm und leckerem Essen zum Beispiel. Aber auch, indem wir mehrfach täglich das Katzenklo des Todes sauber machen, mein lieber Scholli, ich kann Ihnen sagen. Und indem wir den eigentlich geplanten Winterurlaub auf Amrum abgesagt haben (und das dafür bereits bezahlte Geld in den Wind geschossen haben), um ihn hier nicht der Langeweile zu überlassen. Und überhaupt, die Kosten! Da wären die OP, bei der zwei neue Bänder eingebaut wurden, drei Röntgen-Aufnahmen inklusive drei Narkosen, unzählige Verbandswechsel, Medikamente und viele, viele Taxifahrten – ich nenne lieber keine Zahlen, denn der Betrag ist irrwitzig. Unvergessen jedenfalls der Moment, als ich ganz am Anfang der Prozedur ohne Karte mit 140 Euro in der Tasche beim Tierarzt stand und lächelnd erklärte, das würde ich in bar zahlen, weil ich keine Karte dabei habe und dabei mit einem Betrag von 20 Euro rechnete, worauf die Arzthelferin ebenso lächelnd eine Summe von 180 Euro nannte, um mir anschließend, weniger lächelnd, ein “Schuldanerkenntnis” zur Unterschrift vorzulegen, in dem ich unterschreiben musste, dass ich dem Laden nun 40 Euro schulden würde. Seitdem waren wir ungefähr zehn Mal dort. Wenn Sie reich werden wollen, werden Sie also bitte nicht Texterin wie ich, sondern Tierarzt in Köln. Aber natürlich macht man das alles mit, denn wenn wir eines wollen, dann den Kater im Frühjahr durch den Garten flitzen sehen – und zwar auf vier vollfunktionstüchtigen Beinen. Wer wäre man überhaupt, würde man sagen: Nö, den Quatsch mache ich nicht mit, mit dem Geld lasse ich mir lieber die Zähne richten, anstatt sie in ein Katzenbein zu investieren. Denn das Katzenbein, ebenso wie der Rest der daran festgewachsenen Katze, ist seit fast zehn Jahren ein vollwertiges Familienmitglied. Und Familienmitglieder lässt man nicht hängen (meistens jedenfalls, aber das ist eine andere Geschichte).

Und wie es gestern lief? Soweit gut. Die Bänder sind gut angewachsen, die Operation ist somit gelungen. Und auch unser kleines Verbands-Malheur vor drei Wochen hat keinen Schaden angerichtet. Der neue Fixierverband muss zwei Wochen getragen werden, danach gibt es für ein, zwei Wochen einen flexiblen Stützverband und dann, irgendwann dann, ist die Sache überstanden und Theo darf wieder raus. Beim neuen Verband wurde die Pfote freigelassen, damit Theo wieder ein Gefühl für den Fuß bekommt, denn nach fast sieben Wochen im Verband ist alles ein wenig steif geworden. Und empfindlich. Anfassen durften wie die Pfote gestern jedenfalls nicht. Das neue Band ist außerdem ein wenig kürzer, als es sein sollte, was sich aber nach und nach geben wird – so dass der Kerl dann auch nicht mehr humpeln muss. Aufregend war dafür die Sache mit der Narkose, für ein paar Stunden war Theo, abends wieder daheim, ziemlich verwirrt wusste auch überhaupt nicht, wohin mit sich und seinen anderen Beinen. Ausgiebig hat er außerdem in mein Bett gekotzt. Aber was soll’s, das gehört eben dazu.

 

Tag Elf

Und dann Tag Elf. Verbandswechseltag. Zwei Assistentinnen halten den Kater mit fest, die dritte schneidet den Verband ab, zieht die Fäden von zwölf Stichen ab, säubert die Wunde und legt den neuen Streckverband an. Und er brüllt, der Kater, wie ich ihn noch nie habe brüllen hören. Als die Prozedur überstanden ist, verkriecht er sich zitternd in den Korb. Die Assistentin, die er letztes Mal beim Verbandswechsel gebissen hat, ist seit einer Woche krank geschrieben, erzählt mir nun die Ärztin. Da hat der Mann mehr Glück gehabt, auch er wurde beim letzten Verbandswechsel von ihm fest gebissen, aber die Wunde ist gut verheilt. Mit dem Taxi fahre ich wieder nach Hause, unterwegs erzählt mir die Fahrerin von ihrer Katze. Die hatte eine Verletzung am Kopf, musste Tropfen und Tabletten nehmen, aber 300 Euro für die CT waren ihr zu viel, irgendwo gäbe es da Grenzen mit den Ausgaben, das seien doch auch nur Tiere. Was wir denn für die Bänderriss-OP gezahlt hätten? 740 Euro, sage ich. Aber er sei ja noch jung, der Kater, und ein Freigänger dazu. Mir ist klar, um wieviel der Höchstsatz ALG2, wovon eine Person einen ganzen Monat lang leben soll, unter dieser Summe liegt. Dass wir noch über 400 Euro mehr für zwei Mal Röntgen, Schmerzmittel, Antibiotikum und ein anderes Medikament und bis dato drei Verbandswechsel gezahlt haben, sage ich lieber nicht und auch nicht, dass da sicher nochmal 300 Euro dazu kommen werden in den nächsten Wochen. Und dass wir das alles machen, weil das Tier halt ein Familienmitglied ist. Ich frage, wie es ihrer Katze mittlerweile denn so gehe. Ja, die habe sie einschläfern lassen. Ich bin froh, als ich aussteigen kann, solche Geschichten brauche ich jetzt nicht. Und dann geht der Horror erst richtig los. Theo kommt mit dem neuen Verband nicht klar, der sitzt nämlich anders und somit funktioniert seine bisherige Dreibeinhumpeltechnik nicht mehr. Und Schmerzen hat er. Mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, aus dem Zimmer raus und die Treppe hoch zu rasen. Er jault, knurrt, faucht, schmeisst sich auf dem Bett hin und her, versucht, den neuen Verband abzuschütteln, doch das tut nur noch mehr weh. Immer wieder will er aufspringen, doch er soll nicht laufen, vor allem heute nicht, also halte ich ihn irgendwie fest. Ruhig liegen bleiben soll er, die Angst ablegen, doch wie erkläre ich das einem Kater? Ich trage ihn also hoch und laufe mit ihm auf dem Arm durch die Wohnung, um ihn abzulenken. Zeige ihm, dass alles noch am gleichen Ort wie morgens ist, dass sich daheim nichts verändert hat, dass kein Grund zur Aufregung besteht. Er wird ruhiger, also versuche ich es mit Fressen. Er schlingt die Portion gierig im Liegen runter, doch dann geht das Drama wieder los – er will aufstehen und laufen, merkt, dass das so nicht funktioniert, geht rückwärts, dreht sich im Kreis, fängt wieder an zu jaulen und fällt schließlich hin, reißt mit dem Verband das Wasserschälchen um. Erschöpft bleibt er erstmal liegen und ich lege mich dazu, den Tränen nah. Es ist fast nicht zum Aushalten, das Tier so zu sehen. Also wieder runter, ins Schlafzimmer, irgendwo muss er jetzt erstmal hin, um runterzukommen und den Fluchtmodus abzuschalten. Auf dem Bett dann weiter Gejaule, Geknurre, Gefauche. Er ist genervt, verängstigt und er hat Schmerzen. Will wieder ständig aufspringen und wegrennen, kann sich aber kaum umdrehen mit dem Verband. Panisch rufe ich den Mann an, er soll bitte sofort heimkommen, weil ich nicht mehr weiß, was ich tun soll. An die Taxifahrerin muss ich denken und daran, wieviel man so einem kleinen Tier überhaupt zumuten darf, wo da die Grenzen sind. Und dass von den zwölf Wochen gerade erstmal elf Tage herum sind. Der Mann kommt, wir geben Theo Schmerzmittel und Leckerli, wieder schlingt er alles runter, um dann danach weiter zu klagen. Er springt wieder auf, diesmal lassen wir ihn, dann springt er vom Bett und mir bleibt schier das Herz stehen. Unters Bett kriecht er. Und still ist er auf einmal. Wir liegen oben und lauschen, was er macht, ein paar Mal dreht er sich um, um die richtige Liegeposition zu finden, aber das Klagen hat aufgehört. Ich fange an zu heulen, meine Nerven sind am Ende und es tut furchtbar weh, ihn so leiden zu sehen. Unten weiter Stille, nach zehn Minuten gehen wir aus dem Zimmer, um ihn erstmal in Ruhe zu lassen.

Und dann eben schaue ich nach ihm. Und er liegt im untersten Fach meines Kleiderschranks, wo er auch nach der OP tagelang drin lag, wie immer, wenn er sich krank fühlt. Er blinzelt mich an, streckt meiner Hand den Kopf entgegen und schnurrt entspannt, als ich ihn streichele. Die schlimmsten Momente von Tag Elf sind vorbei und schon wieder laufen mir die Tränen herunter.

Der nächste Verbandswechsel: Je nachdem, wie sich der neue Verband hält, in ein bis zwei Wochen. Die Tage dazwischen werden vermutich eher wieder ruhiger werden. In der sechsten Woche dann wird geröntgt, um zu schauen, wie das gerissene Band wieder zusammengewachsen ist. Ab der zwölften Woche dann darf er wieder raus. Und der Urlaub an Weihnachten? Mal sehen. Ist aber nicht wichtig.