Winterwonderland in Köln Sülz

Januar 22nd, 2013 § 3 comments § permalink

Und dann hat es geschneit, letzte Woche schon und nochmal am Wochenende und weil es kalt draußen ist, ist der Schnee nicht zu hässlichem Matsch geschmolzen, sondern liegen geblieben. Gut 20 Zentimeter Schnee sind es und wer nicht raus muss, lässt es lieber bleiben. Kaum alte Menschen sind auf den Straßen zu sehen, die bleiben lieber daheim, denn es ist glatt und einen Oberschenkelhalsbruch will niemand riskieren. Auf den Gehwegen vor den Wohnhäusern wird geschippt, gesalzen und gestreut, was nur geht, die öffentlichen Wege aber und die Straßen werden nicht geräumt, denn die Stadt muss sparen und Räumfahrzeuge und Streusalz kosten Geld. Wer doch raus muss, weil die Lebensmittel knapp werden oder weil er nicht wie ich zur Zeit daheim arbeiten kann, läuft hektisch an den Wohnhäusern vorbei, den Blick stets besorgt nach oben gerichtet, denn noch immer haben alle hier im Veedel die Frau in Erinnerung,die samt Baby im Kinderwagen von einer Dachlawine verschüttet worden war. Die Sache ging zum Glück gut aus, doch das hätte auch anders enden können, die Schwiegereltern, die ein paar Straßen weiter im Viertel wohnen, erzählen vom Auto eines Nachbarn, dessen Heckscheibe von einer Dachlawine komplett zerstört wurde. Da, wo ich herkomme, sind Lawinenschutzgitter auf den Dächern Pflicht, in Köln aber sieht man das wohl nicht so eng.

Am Sonntag gehen wir im Park spazieren und ich ziehe zum ersten Mal in diesem Winter die neuen gefütterten Stiefelschuhe mit der superdicken Sohle an, obwohl ich Stiefel schon immer noch mehr gehasst habe als Strumpfhosen und Erbseneintopf zusammen. Die Stiefel sind unwahrscheinlich schwer und es ist anstrengend, damit durch den Schnee zu stapfen, erst recht nach den faulen letzten drei Wochen auf dem Wohnzimmersofa. Weil es wieder schneit und ich auch Mützen hasse, habe ich die Kapuze weit über den Kopf gezogen und den Schal dreimal um den Hals gewickelt, wenn ich mehr als nur den halben Meter Boden vor meinen Füßen sehen oder hören möchte, was der Mann erzählt, muss ich den Kopf weit nach hinten reissen und der Mann lacht sich darüber kaputt. Wir laufen einen weiten Bogen durch Sülz und gehen in der Neuenhöfer Allee in den Park hinein. Überall Väter, die Schlitten mit schlafenden Kindern hinter sich aus dem Park ziehen, quiekende Kinder mit roten Gesichtern und bunten Pudelmützen, die hinter ihren Eltern in den Park hineinmarschieren, aber auch viele Paare wie wir, die einfach nur spazieren gehen, und alle haben sie dieses Leuchten in den Augen. Wir laufen weiter in den Park hinein, am Tennisplatz links vorbei und dann sehen wir es, das riesige bunte Gewusel vor uns. Rechts der flache Hügel, auf dem die kleineren Kinder rodeln, umsäumt von einer Horde Eltern, die den Kindern ihre Mützen gerade rücken, die Abfahrten gebührend bewundern, den Kleinen die Nasen putzen und die Schlitten dann wieder nach oben ziehen. Und links die große steile Rodelbahn am Pilzberg, eine der härtesten Abfahrten der Stadt, wie uns ein Neunjähriger erklärt, der einen knallrotem Plastikbob hinter sich herziehend, an uns vorbeistapft. Es müssen Hunderte von Menschen sein, die sich hier versammelt haben und es sind nicht nur die Kleinen, die sich todesmutig auf die Schlitten werfen, um mit einem Affenzahn den Hang hinunterzurasen. Hin und wieder stürzt einer, vor allem nach der fiesen Schanze, nach der man, wenn man sie richtig anfährt, einige Zehntelsekunden durch die Luft fliegen kann. Der Weg unter dem Berg ist verschwunden, denn der ist nun Teil der Rodelbahn und wer vorbeilaufen will, muss mitten über die Wiese laufen, auf der aber der Schnee von den vielen Menschen längst zu einer flachen Platte festgetreten wurde. Am Rand der Bahn eine Karawane von Eltern und Kindern, die die Schlitten wieder nach oben zerren, und weil es so viele sind, dass man nicht richtig vorankommt, gehen viele ein paar Meter nebenan quer durch den Wald nach oben. Man sieht nur wenige Kinder weinen, alle aber haben sie dieses Strahlen im Gesicht, auch die Erwachsenen, die wie wir einfach nur ein bisschen zugucken. So muss Winter sein, genau so und nicht anders, und genau so hat man ihn auch aus der eigenen Kindheit in Erinnerung und es ist großartig, dass es ihn jetzt, im Januar 2013, auch in der Großstadt noch gibt.

Das einzige, was zum ganz großen Glück fehlt: Ein Glühweinstand. Den Glühwein trinken wir dann aber daheim und daheim, das ist nur fünf Gehminuten vom Winterwonderland entfernt.

Kölner Winter

Februar 13th, 2012 § 2 comments § permalink

 

“Früher, ja früher, da hatten wir noch richtige Winter”, höre ich oft. Früher, das ist irgendwann damals, als es noch keine Klimaerwärmung gab, also ungefähr zu der Zeit, als der Einsatz von Sprühsahne, Sprühlack und Haarspray noch politisch korrekt war, Dinge, die heute kein Mensch mehr benutzen würde und die man daher auch schon lange nicht mehr in den Geschäften bekommen kann. So theoretisch jedenfalls. Seitdem ich in Köln lebe, höre ich außerdem oft: “Ach, Köln, das liegt doch mitten in der Kölner Bucht, das ist eine der wärmsten Klimaregionen Deutschlands. Winter? Gibt es da nicht, die Temperaturen sind dazu zu mild!” Und manchmal frage ich mich dann, ob ich nicht vielleicht in einer Parallelwelt lebe, denn meine ersten beiden Kölner Winter waren irgendwie so ganz anders.

Wochenlang hatte es letztes Jahr geschneit, immer wieder. Es war kalt, der Schnee war liegen geblieben und verließ ich das Haus, musste ich durch wadenhoch liegenden Schnee waten. Denn irgendwann hatte die Stadt es aufgegeben, die kleinen Straßen und Wege rund um unser Haus zu räumen. Sogar die Luxemburger und die Berrenrather Straße wurden nicht mehr geräumt, denn das Streugut war verbraucht. Hatte man ja auch nicht mit rechnen können, dass man im Winter Streugut benötigt. Regelmässig wurden in Sülz Autos von Dachlawinen begraben und verbeult. Und als irgendwann eine Frau mit Kinderwagen von einem Schneebrett verschüttet worden war, wurden vor vielen Häusern die Wege mit rotweißem Band abgesperrt. Auf unserem Balkon hatten wir einen 20cm dicken Eispanzer, der über Wochen nicht mehr verschwinden wollte. Dem Nachbarn, der uns später im Sommer mit der blauen Plane des Grauens malträdieren sollte, brach beim Schippen seines Parkplatzes die Schippe mittendurch. Was wir natürlich nur rein zufällig mitbekamen. Und den ganzen Sommer über sah man im Garten im Gras dunkelgrüne Spuren – das waren die Wege der Tunnel, die sich die Katzen nach und nach durch den hohen Schnee gelaufen hatten.

Und mein zweiter Kölner Winter? Nacht für Nacht friert die Katzenklappe zu. Seit gut zwei Wochen funktionert meine Fahrradgangschaltung nicht richtig, weil sie dauernd festfriert. Wenn ich Glück habe, im fünften Gang, wenn ich Pech habe, im siebten oder im ersten, denn das Auftauen dauert länger als ich für die Wegstrecke von daheim ins neue Büro brauche. Sogar die Pudelmütze, die mir die Mama vom Mann geschenkt hat, trage ich, und zwar freiwillig, obwohl ich seitdem ich 12 bin, nie wieder eine Mütze getragen habe, aus Prinzip und weil Mützen die Frisur kaputt machen.

Die Sülzer Weiher sind zugefroren. Der Decksteiner Weiher, der Weiher im Klettenbergpark und sogar der Aachener Weiher. Ein bisschen auf dem Eis rumlaufen und für den Hund ein paar Stöckchen rauswerfen, kann jeder – hier läuft man Schlittschuh. Daß mitten auf der Eisfläche rund um die noch angestellten Wasserfontainen große Wasserlöcher sind, ist egal. Die Kinder haben sich Felder für Eishockey mit Schneehaufen abgesteckt, Erwachsene haben Picknickkörbe mit Thermoskannen dabei, andere Decken für die kalten Steintreppen am Rand, wo man auch kaum einen freien Platz  mehr findet. Es wird grillt, auf der Wiese am Rand und sogar auf dem Eis. An Bäumen Zettel mit Telefonnummern von Leuten, die Schlittschuhe verkaufen möchten. Und im Biergarten gibt es Glühwein to go im Pappbecher mit Deckel drauf, weil es so kalt war in den letzten Tagen, sind die Wasserleitungen der Toiletten eingefroren sind und wer ganz dringend muss, darf mal schnell auf die Personaltoilette.

Was ich derzeit oft höre, wenn ich mich mit Leuten unterhalte? Meistens so etwas wie: “Früher, ja früher, da hatten wir solche Winter aber nicht.” Und ich? Manchmal sage ich dann etwas wie “Totaler Wahnsinn! Verrückt!” Oder aber ich bin einfach still und lenke das Thema ganz schnell auf ein vernünftiges Thema um. Wie Kochen zum Beispiel.

 

 

Winter in Köln

Dezember 21st, 2011 § 1 comment § permalink

Die Fotos habe ich im letzten Winter gemacht.