Tag : Winter

Kölner Winter

 

„Früher, ja früher, da hatten wir noch richtige Winter“, höre ich oft. Früher, das ist irgendwann damals, als es noch keine Klimaerwärmung gab, also ungefähr zu der Zeit, als der Einsatz von Sprühsahne, Sprühlack und Haarspray noch politisch korrekt war, Dinge, die heute kein Mensch mehr benutzen würde und die man daher auch schon lange nicht mehr in den Geschäften bekommen kann. So theoretisch jedenfalls. Seitdem ich in Köln lebe, höre ich außerdem oft: „Ach, Köln, das liegt doch mitten in der Kölner Bucht, das ist eine der wärmsten Klimaregionen Deutschlands. Winter? Gibt es da nicht, die Temperaturen sind dazu zu mild!“ Und manchmal frage ich mich dann, ob ich nicht vielleicht in einer Parallelwelt lebe, denn meine ersten beiden Kölner Winter waren irgendwie so ganz anders.

Wochenlang hatte es letztes Jahr geschneit, immer wieder. Es war kalt, der Schnee war liegen geblieben und verließ ich das Haus, musste ich durch wadenhoch liegenden Schnee waten. Denn irgendwann hatte die Stadt es aufgegeben, die kleinen Straßen und Wege rund um unser Haus zu räumen. Sogar die Luxemburger und die Berrenrather Straße wurden nicht mehr geräumt, denn das Streugut war verbraucht. Hatte man ja auch nicht mit rechnen können, dass man im Winter Streugut benötigt. Regelmässig wurden in Sülz Autos von Dachlawinen begraben und verbeult. Und als irgendwann eine Frau mit Kinderwagen von einem Schneebrett verschüttet worden war, wurden vor vielen Häusern die Wege mit rotweißem Band abgesperrt. Auf unserem Balkon hatten wir einen 20cm dicken Eispanzer, der über Wochen nicht mehr verschwinden wollte. Dem Nachbarn, der uns später im Sommer mit der blauen Plane des Grauens malträdieren sollte, brach beim Schippen seines Parkplatzes die Schippe mittendurch. Was wir natürlich nur rein zufällig mitbekamen. Und den ganzen Sommer über sah man im Garten im Gras dunkelgrüne Spuren – das waren die Wege der Tunnel, die sich die Katzen nach und nach durch den hohen Schnee gelaufen hatten.

Und mein zweiter Kölner Winter? Nacht für Nacht friert die Katzenklappe zu. Seit gut zwei Wochen funktionert meine Fahrradgangschaltung nicht richtig, weil sie dauernd festfriert. Wenn ich Glück habe, im fünften Gang, wenn ich Pech habe, im siebten oder im ersten, denn das Auftauen dauert länger als ich für die Wegstrecke von daheim ins neue Büro brauche. Sogar die Pudelmütze, die mir die Mama vom Mann geschenkt hat, trage ich, und zwar freiwillig, obwohl ich seitdem ich 12 bin, nie wieder eine Mütze getragen habe, aus Prinzip und weil Mützen die Frisur kaputt machen.

Die Sülzer Weiher sind zugefroren. Der Decksteiner Weiher, der Weiher im Klettenbergpark und sogar der Aachener Weiher. Ein bisschen auf dem Eis rumlaufen und für den Hund ein paar Stöckchen rauswerfen, kann jeder – hier läuft man Schlittschuh. Daß mitten auf der Eisfläche rund um die noch angestellten Wasserfontainen große Wasserlöcher sind, ist egal. Die Kinder haben sich Felder für Eishockey mit Schneehaufen abgesteckt, Erwachsene haben Picknickkörbe mit Thermoskannen dabei, andere Decken für die kalten Steintreppen am Rand, wo man auch kaum einen freien Platz  mehr findet. Es wird grillt, auf der Wiese am Rand und sogar auf dem Eis. An Bäumen Zettel mit Telefonnummern von Leuten, die Schlittschuhe verkaufen möchten. Und im Biergarten gibt es Glühwein to go im Pappbecher mit Deckel drauf, weil es so kalt war in den letzten Tagen, sind die Wasserleitungen der Toiletten eingefroren sind und wer ganz dringend muss, darf mal schnell auf die Personaltoilette.

Was ich derzeit oft höre, wenn ich mich mit Leuten unterhalte? Meistens so etwas wie: „Früher, ja früher, da hatten wir solche Winter aber nicht.“ Und ich? Manchmal sage ich dann etwas wie „Totaler Wahnsinn! Verrückt!“ Oder aber ich bin einfach still und lenke das Thema ganz schnell auf ein vernünftiges Thema um. Wie Kochen zum Beispiel.

 

 


Winter in Köln

 

 

 


Im Beethovenpark


Schneepark(platz)

schneeparkplatz